Die Verselbstständigung des Kalenders

Ich bin mir nicht sicher, was davon zu halten ist, dass der Kalender sich verselbstständigt hat. Auf der einen Seite ist es schön, dass für einen geplant wird, man braucht sich keine Gedanken zu machen, was man an diesem oder jenen Tag machen könnte oder gar machen sollte, denn jemand hat schon an einen gedacht und einen oder mehrere nette Termine reingelegt. Auf der anderen Seite ist es lästig, nicht selbst auch mal etwas bestimmen zu dürfen, sich vielleicht auch einfach mal einen Tag gar nichts vorzunehmen oder etwas anderes zu unternehmen, als geplant wurde. Die zweite Option besteht jedoch immer seltener, denn der Kalender hat sich ja schon verselbstständigt.

Es stellt sich demnach nur noch die Frage, wie mit dieser Verselbstständigung umzugehen ist. Nehme ich sie an, füge mich, lebe nach Plan des Kalenders? Oder kämpfe ich dagegen an, verpasse vielleicht auch mal ganz absichtlich einen Termin des Kalenders, lege mir selbstständig andere Verabredungen drüber? Das lässt sich leider nicht einfach beantworten und ist mit Sicherheit auch eine Frage des Charakters. Weshalb die Annäherung an die Lösung, die hier vorgenommen wird, wohl auch nur subjektiver Natur sein kann und damit auch nur von geringem Wert für das Publikum. Ob so ein Text dann auch sinnvoll ist, dieser Frage soll sich an anderer Stelle gewidmet werden. Deshalb lieber zurück zur Verselbstständigung des Kalenders, bevor gleich der nächste Termin ansteht, unweigerlich, unbarmherzig, erlösend.

Denn gerade für mich haben die Termine des Kalenders eine gewisse Bedeutung, ich habe Achtung davor, kann sie definitiv nie ganz ignorieren, sie sind immer da, im Hinterkopf. Und mit ihnen verbinde ich natürlich auch Freude, Trauer, Glück und Schmerz, alles was die Gefühlspalette wortgewandterer Menschen so hergibt. Das Verpassen eines Termins fällt so natürlich nicht leicht. Aber dennoch, manchmal muss es sein. Kommt man nach der Arbeit nach Hause und freut sich eigentlich sehr auf seinen Termin, aber der Körper streikt, will diesen nicht wahrnehmen, oder die Partnerin bzw. der Partner hat etwas anderes mit einem vor, etwas, das wichtiger ist oder zumindest sein sollte? Oder steht am Wochenende eine wichtige Veranstaltung bevor, die jedoch so gar nicht zum eigenen Terminkalender passen will? Da müssen Prioritäten gesetzt werden, was natürlich ebenfalls nicht leichtfällt. Klar, wenn man nur auf sich selbst Rücksicht nehmen müsste, fiele die Entscheidung einfach: Der Kalender hat sich ja nicht umsonst einen Termin ausgedacht, der wird also wahrgenommen. Aber, zum Glück vielleicht, sind da ja noch andere Menschen, andere Bedürfnisse, die einen fordern und ebenfalls beachtet, befriedigt werden wollen. Demnach heißt es also manchmal: Kalender, danke für den Termin, aber ich kann nicht. Entschuldige bitte, beim nächsten Mal werde ich deine sorgfältige Planung nicht ignorieren, bitte verzeih mir. Das schlechte Gewissen bleibt natürlich, so oder so.

Aber letztlich muss man sagen, nachdem mir selbst klar geworden ist, dass ich die eingangs des Textes aufgeworfenen Fragen nicht beantworten kann: Schön, dass es immerhin die Qual der Wahl gibt. Keine Wahl zu haben, wäre definitiv schlechter. Und so schaue ich am Anfang der Woche wieder in den Kalender, was er denn dieses Mal für mich bereithält: Montag, Fußball schauen, Dienstag, Fußball schauen, genauso wie am Mittwoch, Donnerstag dann auch Fußball schauen. Am Wochenende letztlich unzählbare Termine, extra für mich, sorgfältig sortiert, damit den ganzen Tag Fußball geschaut werden kann. Wie es wohl ist, wenn man nicht verrückt nach einem Spiel ist, dessen Sinn man selbst noch nicht erfasst hat?

ls


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