Um den Palio, und damit die Stadt Siena, zu verstehen, gibt es lediglich zwei Möglichkeiten. Die eine ist den meisten Menschen nicht vergönnt, nämlich in der Stadt geboren und aufgewachsen zu sein. Die andere besteht darin, sich dem Palio und den Sieneserinnen und Sienesern in vollkommener Offenheit, Unvoreingenommenheit und vor allem auch im Bewusstsein der Unvollständigkeit langsam zu nähern, als wolle man ein scheues Eichhörnchen füttern. Denn immer, wenn man denkt, jetzt alles verstanden zu haben, alles gesehen zu haben und damit praktisch Teil der Stadt zu sein, verstellt man sich den Blick für die kleinen und großen Entdeckungen rund um den Palio, die in den verwinkelten Gassen der Stadt warten.
Dadurch ist auch eine Absage an Forderungen nach einer kurzen oder schnellen Erklärung des Phänomens erteilt. Selbstverständlich, die formalen und auch informellen Regeln des Rennens lassen sich zusammenfassen und durchaus auch schnell verstehen. Der Palio an sich ist jedoch nicht nur ein (enorm kurzes) Pferderennen. Im Palio kulminieren die Hoffnungen und Sehnsüchte, die Ängste und Sorgen der Sieneserinnen und Sieneser. Er ist damit weit über das reine Rennen hinaus Spiegel der Gesellschaft Sienas, wenn nicht sogar die Gesellschaft selbst, so definierenden Charakter besitzt er. Um diesen Charakter fassen zu können muss man sich einlassen auf das, was auf einen zukommt. Man muss Widersprüche akzeptieren, Unwissenheit dulden und das Unlogische für logisch, zumindest aber möglich, erachten können. Dann kann es gelingen, wirklich in die tiefreligiöse Stadt Siena einzutauchen und sie kennenzulernen, wie sie ist: unlogisch schön.

Zu Beginn, bevor man versuchen kann, in die Stadt einzutauchen, ist es sicherlich sinnvoll, den Palio einmal nüchtern zu betrachten, da dies, sobald man die Schwelle zur Gefühlswelt Sienas überschritten hat, schwerlich möglich ist. Als Palio wird ein zwei Mal im Jahr stattfindendes Pferderennen (zu besonderen Anlässen gibt es außerplanmäßige zusätzliche Rennen) auf dem zentralen Platz der Stadt, der Piazza del Campo, sowie der dazugehörige Preis für den Sieger bezeichnet, es handelt sich bei dem Wort „Palio“ demnach um eine Äquivokation, ein Wort mit unterschiedlichen Bedeutungen. Bei diesem Rennen treten die einzelnen Stadtteile, Contraden, gegeneinander an. Gewinner ist diejenige Contrade, deren Pferd als erstes die Piazza del Campo dreimal umrundet hat, was ungefähr 90 Sekunden in Anspruch nimmt. Jedes Rennpferd, barbero, wird von einem Jockey, fantino, geritten, allerdings ohne Sattel. Eine Besonderheit des Palio ist es, dass Pferde auch ohne fantino gewinnen können, sollten sie diesen unterwegs verloren haben.
An diese kurze Einleitung lassen sich nun viele kleine Teilstücke anfügen, um das Gesamtkunstwerk des Palios am Ende in seinem ganzen Glanz erstrahlen lassen zu können. So werden nun in unterschiedlichen Kapiteln kleinere und größere Erklärungen, Erläuterungen und Schilderungen eingefügt und eingeordnet, in der Hoffnung, dass am Ende ein Einblick entsteht, was der Palio ist.
