Wenn eine Mannschaft nach 15 Jahren den sogenannten Non-League-Football verlässt und zurückkehrt in den Kreis der Football League, dann ist zunächst einmal natürlich eines zu sagen: Herzlichen Glückwunsch! Genau dies ist einen Spieltag vor Ende der Saison dem AFC Wrexham gelungen. Nach 45 Spieltagen steht man mit 110 Punkten uneinholbar an der Tabellenspitze, die letzte Partie kann also zur großen Partie, der Aufstieg in die viertklassige League Two gefeiert werden. Zur National League, der fünftklassigen Spielklasse, der Wrexham nun den Rücken kehrt, gibt es diverse Geschichten. Brutal harte 46 Spiele sind zu absolvieren, nur der Erste steigt auf, die anderen müssen in die Playoffs. Auch der AFC hat seinen Teil beigetragen, scheiterte letzte Saison noch in ebenjenen Ausscheidungsspielen. Und in dieser Saison kam es am 43. Spieltag zum ultimativen Aufeinandertreffen mit Notts County, der zweitplatzierten Mannschaft. Wir machen es kurz: Die Waliser gewannen ein unfassbares Spiel mit 3:2, weil Torwart Ben Foster, aus der Premier League bekannt, in der siebten Minute der Nachspielzeit einen Elfmeter hielt. Ekstase pur.
Im Nachgang wurden viele Texte zu den roten Drachen geschrieben, denn der Verein ist inzwischen international bekannt als der FC Hollywood. Warum das? Er wurde 2020 für 2,8 Millionen Euro von den Schauspielern Ryan Reynolds und Rob McElhenney gekauft, die inzwischen auch ein eigenes Lied von den Fans bekommen haben. Seit dem Einstieg der beiden Amerikaner ist viel passiert in Wrexham, das Stadion wird ausgebaut, es gibt eine Dokumentation über die erste Spielzeit, die Social-Media-Kanäle, besonders TikTok, boomen, das Sponsoring wurde massiv hochgefahren und der Kader wurde mit für die Liga unglaublichen Investitionen zum Aufstieg gedrückt. Dass sich die Fans darüber freuen, scheint zunächst einmal sehr nachvollziehbar. Und doch überrascht die Euphoriewelle, die den neuen Eignern entgegenschlägt, etwas. Bei der Übernahme mussten die beiden Investoren ein Fangremium überzeugen, das die Geschicke des Vereins lenkte, nachdem dieser in grauer Vorzeit bereits einmal vor die Wand gefahren wurde. Offenbar scheint diese historische Begebenheit aber keine Rolle mehr zu spielen.

Und so fragt man sich: Gibt es gute Investoren und schlechte Investoren? Oder gibt es einfach Investoren? Nicht missverstehen: Natürlich gibt es Menschen mit unterschiedlichen Motiven und auch Arbeitsweisen, auch bei Investoren ist das so. Dennoch muss einmal die Frage aufgeworfen werden, wie der Fußball denn nun damit umgehen will? In England sind die meisten Vereine inzwischen investorengeführt, mal besser, mal schlechter. Die Fans von Manchester United hoffen seit Jahren, dass die Glazer-Familie den Klub abgibt. Vielen anderen geht es auch so, wenn sie nicht schon lange in den Niederrungen des Amateurfußballs versunken sind. Das ist keine englische Eigenheit, in allen anderen Fußballländern kann man ähnliche Beispiele finden, man muss nur zum Beispiel mal bei Malaga oder Valencia nachfragen. Oder in Bordeaux. Oder in Uerdingen oder bei 1860 in München. Und dann gibt es die vermeintlich positive Kehrseite, die aktuell in Wrexham zu bestaunen ist. Oder in Newcastle, wo der Staat Saudi-Arabien, von zweifelhaftem Ruf, Schalten und Walten darf, solange es gut läuft, stehen die Fans voll dahinter. Dabei haben gerade die Anhänger der Magpies zuvor erlebt, was es heißen kann, wenn ein Investor keine Lust mehr hat. Aber wer will nicht Paris Saint-Germain sein?
Und so sind wir vom beschaulichen Wales in die große Fußballwelt und damit auch nach Deutschland geraten. Denn auch die Bundesliga respektive die DFL haben eine Diskussion angestoßen, ob Investoreneinstiege nicht notwendig sind. Die Fans haben sich dazu klar positioniert: Nein, es ist nicht notwendig. Naja, aber was deren Meinung zählt, sollte Land auf, Land ab bekannt sein. In Deutschland gibt es bereits Konstrukte, die von Fanmitbestimmung abgekoppelt sind, wie Leipzig, oder von Konzernen gelenkt werden wie die „Werksclubs“ Leverkusen und Wolfsburg. Denn Investoren wollen natürlich mitbestimmen, was mit ihrem Geld passiert, da kann man noch so laut 50+1 rufen. Sie wollen nicht einfach Kapital in einen Klub pumpen und dann dabei zusehen, wie es verbrennt. Doch gerade die Fanbestimmung, die einen funktionierenden Verein ausmacht, gerät dadurch in Gefahr. Das Problem der Investoren im Kapitalismus ist: Sie müssen Gewinn erzielen, sonst hat sich das Investment nicht gelohnt. Auch sogenannte „langfristige Partnerschaften“ sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Profit das Ziel ist, bei aller Romantik, die vielleicht manchmal mitschwingt. Und auf dem Weg dahin müssen natürlich auch entsprechende Entscheidungen getroffen werden. Das betrifft zum einen das Sportliche, aber eben auch das Drumherum, das dem Fan so wichtig ist, wichtig zu sein hat. Höhere Ticketpreise bringen mehr Profit, ebenso mehr VIP-Loungen. Sponsorenverträge mit, vielleicht fraglichen, Partnern und Big Playern bringen mehr Profit. Diversifizierte Anstoßzeiten bringen mehr Profit. Eine höhere Anzahl an Spielen bringt mehr Profit. Die Liste lässt sich fortführen, darauf sind eigentlich nur Punkte zu finden, die dem gemeinen Fan zuwider sind. Außer der sportliche Erfolg eben, der gehört auch dazu. Und der überlagert meist das ganze andere unwichtige Zeug. Womit letztlich auch die Euphorie zu erklären ist, die am Anfang eines Engagements meist steht, die aber schnell in Frust und Verzweiflung umschwingen kann.

Denn gerade mit der sportlichen Wettbewerbsfähigkeit wird im Kontext von Investoreneinstiegen meist argumentiert. Unterschlagen wird dabei aber ein zentraler Punkt: Wichtig ist diese vor allem den Entscheidern oben im Machtgefüge, man will europäisch spielen und dabei auch noch gut. Natürlich, der Fan will auch, dass seine Mannschaft maximal erfolgreich ist, das steht außer Frage. Aber das ist nicht das höchste Gut in einem gemeinnützigen Sportverein, dieser steht für Werte, die mehr bedeuten als Profit. Man drückt seinem Verein auch in unteren Ligen noch die Daumen und auch wenn er nicht die riesigen Weltstars in seinen Reihen hat. Das Licht ganz oben mag besonders hell und damit verlockend sein, aber zu einem gesunden Sport trägt es nicht bei, schon gar nicht zu einem Sport, in dem den Fans ihr Verein gehört und sie über sein Schicksal mitentscheiden können. Und so ist es aus der Ferne auch weiterhin verwunderlich, was im beschaulichen Wrexham geschieht: Die Fans bejubeln ihre eigene Entmündigung zugunsten einer vermeintlich besseren sportlichen Perspektive. Ob das der richtige Weg ist?
