Die Vorfreude ist die letzte Freude – oder: Die Hoffnung stirbt zuerst

Der Sommer ohne Fußball, jedenfalls ohne Vereinsfußball, ist dennoch ein Sommer voller Fußball. Denn der Transfermarkt, die Gerüchte und Planungen des eigenen Vereins, treiben einen um, fast mehr, als während der Saison. Unabhängig von der jeweiligen Beurteilung (von „alles Idioten“ bis zu „beste Mannschaft die wir je hatten“) ist dabei die Vorfreude auf die neue Saison, auf den ersten Spieltag, riesig, je näher er kommt, desto weniger ist es auszuhalten. Man versucht sich an diversen Managerspielen und kann doch nur auf den einen Tag, den ersten Tag, der Erlösung schielen. Die Vorfreude, die angeblich die schönste ist, kennt dabei keine Grenzen, wächst ins Unermessliche, wie sich das für eine Erlösung gehört. Sie ist dabei verbunden mit der inhärenten Hoffnung, dass dieses Jahr alles besser wird, alles gut wird, alles endlich so wird, wie es sein soll. Vorfreude und Hoffnung, ein so schönes Duo.

Jedoch stellt sich schnell heraus, dass die Vorfreude eigentlich ganz hässlich ist. Und die Hoffnung, die stirbt sowieso zuerst, da kann der Volksmund sagen, was er will. Da ist der erste Spieltag, oder meinetwegen die ersten Spieltage, unerbittlich, eine erwartbare Zäsur für Vorfreude und Hoffnung. Man sieht ihn kommen mit all seinen Versprechungen und Verheißungen, nur um innerhalb von Minuten an ihm Vorfreude und Hoffnung zerschellen zu lassen. Die Vorfreude im Nu weggeputzt, die Hoffnung abgegrätscht. So geht das übrigens Jahr für Jahr, was ist nochmal die Definition von Wahnsinn? Aber zurück zur Vorfreude, zur Hoffnung, die einem beide so viel geben, so viel mehr geben. Denn was der Sommer auch mit sich bringt, ist das Vergessen („Wir sind abgestiegen? Dann werden wir jetzt eben Meister“ oder „Internationales Geschäft verpasst? Können wir uns jetzt auf die Liga konzentrieren“), das auch benötigt wird für die immer wiederkehrende Vorfreude. Man stelle sich mal vor, nach einer Saison hätte der Fan mit seinem Klub, mit seinem Fußball abgeschlossen. Was wäre das traurig. Der Sommer erfüllt deshalb auch die wichtige Funktion einer rituellen Reinigung, egal wie böse man am Ende der vergangenen Saison war, nach ein paar Wochen ist das vergangen und die Hoffnung wieder da. In der Tat wohnt dieser Reinigung auch ein ökonomischer Faktor inne, denn der Fußball könnte nicht reihenweise Millionäre hervorbringen, wenn nach jeder Saison die enttäuschten Fans dem Sport den Rücken zukehren würden und nach dem Sommer nicht wiederkämen. So eine Fußballpopulation, oder die Gesamtheit der Konsumenten, ist auch irgendwo endlich. Glaube ich zumindest.

Das Risiko der Übersättigung besteht demnach zwar durchaus, der immer ausgedehntere Kalender mit Spielen in diversesten Wettbewerben bringt Müdigkeit mit sich, auch was den Konsumenten betrifft. Solange es jedoch eine, wie auch immer geartete, Sommerpause gibt, wird sich das nicht in signifikanten Zahlen niederschlagen. Die vielzähligen Streamingdienste müssen sich nicht um ihre Kunden sorgen, denn die Reinigung des Sommers bringt die Vorfreude und die Hoffnung mit sich, welche die Fans vor die Bildschirme treiben. Zumindest am Saisonstart. Und dann ist das Abo auch bereits abgeschlossen, da kann es den Sendern auch egal sein, wie es mit dem Herzensklub weitergeht. Dies gepaart mit der Leidenslust des gemeinen Fußballfans macht eine volkswirtschaftliche Dynamik aus, die man nicht unterschätzen sollte. Vorfreude und Hoffnung, du infernalisches Duo.

Ach, was ist das schön, dass du wieder da bist, neue Saison, du wirst so viel besser als die alte, du wirst der Kulminationspunkt meiner Mannschaft. Wer mich fragt, wie mein Team gestartet ist, braucht keine freundliche Antwort zu erwarten. Vielleicht ja nächstes Jahr, nach dem nächsten Sommer wieder.


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