Dass Deutschland seit quasi schon immer ganz knapp vor dem absoluten Stillstand steht – trotz seines Ranges als drittgrößte Volkswirtschaft mit eklatant viel Platz für übermäßig zur Schau gestellten Wohlstand und der einhergehenden Verwahrlosung – konnten die Bundesbürger in den heiß-brennenden und dann doch kalt-regnerischen Sommerwochen dieses Jahres wieder in aller Ruhe in den allen deutschen Medien verfolgen. Die Bundesregierung, eine mittlerweile sehr fragile Koalition bis losem Zusammenschlusses zunehmend kleiner werdenden Parteien findet stets aufs Neue einen Grund sich zu reiben und Uneinigkeit zu demonstrieren. Eine Haushaltskrise, wie sie jede gute Familie kennt, ist der Dauerbrenner und würde die Nation in Atem halten, wäre es denn für jemanden ausreichend interessant. Doch die Nation befindet sich im rasenden Stillstand (Hartmut Rosa). Nichts geht mehr, bis auf den dritten Urlaub diesen Jahres, das schöne Essen gehen mehrmals die Woche und vielleicht doch noch spontan ein Adele Konzert. Wir drehen uns im Kreis und die Ampel blinkt wie nach selbstverursachtem Kurzschluss. Ähnlich relevant, ähnlich wiederkehrend, ähnlich symptomatisch für Wohlstandsverwahrlosung der Spätmoderne, der Beginn der neuen Saison Deutschlands höchstklassigstem Fußballs. Endlich wieder Bundesliga!!
Und das bedeutet, neben der Vorfreude auf hochklassige Pre- und Post-Match Interviews, teureren Tickets („Die Inflation!!“ „Die Grünen!!“) und einer weiteren Saison Thomas Müller auch die Frage, wie man sich das Ganze denn eigentlich am Bequemsten zu Gemüte führen könnte. Denn auch wenn früher alles besser war, haben wir doch mittlerweile die geilsten technischen Vorraussetzungen aller Zeiten, auf so vielen Streaming Plattformen wie möglich, jeglichen geilen Fußball zu schauen, ganz gleich wo und wann wir wollen, oder? … leider gar nicht, tut uns Leid. Denn auch hier drohen Haushaltstreitigkeiten aus vielerlei Gründen. Wenn man sich beispielsweise nicht einigen kann, wie man sein dann doch endliches Monatsbudget für welche Abonnements ausgibt.
Es gestaltet sich zunehmend Endverbraucherunfreundlicher und auch schlichtweg zu kompliziert, sich entspannt Fußball auf den eigenen Bildschirm zu holen. Und wir bleiben heute ganz bewusst nur beim Fußbal, das ist als Denkgymnastik vollends ausreichend. Allein der deutsche Fußball ist aufgeteilt auf mehrere Streaming-Dienste, dazu ein wenig Öffentlich-Rechtliches und sogar RTL (oder war es Sat1? Es war doch mal Sat1?! Und Eurosport?!?! Komm, egal). Die Streaming Dienste sind dann noch ein Mal unterteilt in WOW (von Sky und unter uns: Gar nicht mal so wow…) und DAZN (auch nicht besonders wow), das gilt aber dann nur für die ersten zwei Bundesligen und die Champions-League. Die dritte Bundesliga wird dann nämlich über Magenta Sport übertragen. Und der UEFA-Pokal, der hier weiterhin so heißt, wird in einem der Privatsender gezeigt (siehe die Verwirrung oben). Und die DFB-Pokal Spiele kommen auf ARD & ZDF, aber irgendwie doch auch auf WOW, und eins bestimmt auch auf Kabel 1, das ist nur noch keinem aufgefallen. Wenn dann die Wiederholungen immer um 3 Uhr in der früh auf 3Sat kommen, wäre man dann sogar geneigt der Schließung des Senders zuzustimmen. Achja, und Länderspiele gibt es ja auch noch gelegentlich, da bietet sich zum Glück auch noch ein Teilmarkt an zur Erschließung.
Soziolog*innen sprechen gerne von ’nicht-intendierten Handlungsfolgen‘, wenn Sie von etwaigen sozio-kulturellen Problemen sprechen, die aus kulturhistorischen Veränderungen erwuchsen und sich in dem Ausmaße unvorhergesehen, Jahre später niederschlagen. Davon darf hier aber keine Rede sein. Denn auch, und vor allem im europäischen Fußball kann man exemplarisch durchdeklinieren, wie diese Welt funktioniert. Viele zahlen, wenige bekommen. Die Frage stellt sich auf wen man denn jetzt mit dem Finger zeigen muss, wer also die Schuld trägt für diese Situation (weil es ja eben intendiert, also mit Absicht sich so gestaltet), und wie man dann etwas ändern kann. Weil natürlich ist die Wut erst einmal groß über die zwei größten Streaming-Dienste DAZN und WOW, weil sie den zweiten gleichzeitigen Stream noch einmal verteuert dazu buchen lassen. Nur sind diese halt auch in dieser Teuer-und-Wucher-Spirale gefangen und sind ja auch darauf angewiesen, dauerhafte Einnahmequellen zu generieren. Und das Problem der gleichzeitigen Nutzung von Streamingdiensten ist ja jetzt nicht nur Profifußballexklusiv.
Aber sie stehen exemplarisch und zeigen eben recht eindrucksvoll ein Phänomen, welches sich gesamtgesellschaftlich niederschlägt. Einige wenige haben immer mehr, und geben immer größere Unsummen aus. Während die Meisten daraus nicht zwingend profitieren. Denn während von bestimmten größenwahnsinnige Teams immer gigantischere Fußballtempel gebaut werden (siehe Man City, siehe FC Barcelona und, natürlich, Real Madrid), findet durch die vorrausgesetzte Kostendeckung und die daraus resultierende Ticketpreiserhöhungen eine stetig verdichtende Selektierung der Glaubensgemeinschaft statt. Ganz unchristlich benötigt es eine ordentliche Menge Geld, um sich die Teams der höchsten Ligen im Stadion ansehen zu können. Natürlich reden wir da noch nicht von einem Familienausflug und wir diskutieren auch nicht die ohnehin besetzten Tickets durch unzählige Firmenkontingente. Und so gleicht das Spektaktel in der Gesellschaft der Singularitäten auch zunehmend einer Götzenverehrung im Scheinwerferlicht auf grasnarbenem Parkett. Ein Ensemble von Selbstdarstellungskünstlern „verdient“ immer höhere Gehälter, und trägt mit dieser Raupe-Nimmersatt-Einstellung natürlich auch mit bei zu der Preisspirale, die uns zu unserem Problem der verteuerten Möglichkeit des Zuschauens nötigt. Wie ehrenlos manche der Fußballprofis sich dabei verhalten, hat der Boom rund um die Liga in Saudi-Arabien gezeigt, bei der sich zahlose bei erster Gelegenheit aufmerksamkeitsökonomisch prostituierten. Geld als einziger Anreiz, denn attraktiver Fußball konnte es nicht sein.
Zwei Lösungsvorschläge gäbes jetzt hierfür anzubieten. Die erste sähe eine harte Begrenzung der Transfersummen und Gehälter pro Team vor. Nach bestimmten Regelsätzung durchreglementiert, auch bspw. nach Alter der Spieler, bzw. nach der Zeit, wie lange diese Spieler schon in dem jeweiligen Team/der jeweiligen Liga spielen. Diese kommunistisch anmutende Idee kommt demnach auch aus dem naheliegenden Land, der Vereinigten Staaten von Amerika. Dort sind sogenannte „Salary Caps“ gang und gebe, und lassen immer noch Spielraum für astronomische Beträge, die den zum Teil sehr jungen Männern nach den durchtrainierten Körper geworfen werden. Und auch wenn diese „Salary Caps“ eigentlich dazu gedacht sind, eine gewisse Ausgewogenheit zwischen den Teams herzustellen, stellen sie ja dennoch einen guten Ansatz dar, um keine Ausreißer wild nach vorne preschen zu lassen. Ein kleines Stück weiter gedacht wäre es vielleicht ein Mittel, um insgesamt Gehälter und Geldsummen an ein bestimmtes Maß zu binden.
Eine zweite Möglichkeit betrifft uns alle als Endverbraucher. Diejenigen, die sich in den Haushaltstreitigkeiten rund um die passenden Streamingdienste, Ticketkäufe und Zeitabsprachen verzanken. Wir haben es letztlich in der Hand und es ist so einfach. Konsumaktivismus, und zwar genau einmal umgedreht. Boycott, Verzicht, weder hingehen, noch einschalten. Kein Geld geben für diejenigen, die schon genug genommen haben. Spielverderber sein, in einem System welches zunehmend die Lust am schönsten Spiel der Welt nimmt. Nebenbei läuft gerade Champions League, es spielt Liverpool. Das ganze wird auf Amazon Prime übertragen…
