Zu Gast bei Falschen Freunden

Für den Samstag, 24. Januar, waren einige Spiele in der amerikanischen Basketball-Profiliga NBA angesetzt. Darunter sollten die Golden State Warriors mit Superstar und mehrfachem Champion Stephen Curry zu Gast bei den Minnesota Timberwolves sein, die zum jetzigen Zeitpunkt beide eine recht gelungene Saison spielen. Das Spiel wurde jedoch mit sehr kurzer und vager Kommentierung um einen Tag nach hinten verschoben. „Es wurde beschlossen, der Sicherheit der Gemeinde Minneapolis Vorrang einzuräumen“ (eigene Übersetzung). Das ist in der NBA zwar selten, aber nicht zwingend ungewöhnlich; gerade die Besucher aus Kalifornien kennen den Umstand der kurzfristigen Spielverschiebungen aus Sicherheitsgründen, da auch kalifornische „Wildfeuer“ immer mal wieder zu genau diesen führen können. Nur ist das Team aus Auckland zu Gast im Januar in einem der zu dieser Jahreszeit kältesten Bundesstaaten des Landes. Auch generell sind es keine klimatischen oder wetterbedingten Umstände, die zu diesem Entschluss führten, wobei das in gewisser metaphorischer Hinsicht schon so gedeutet werden kann. Die Stadt Minneapolis ist gerade Schauplatz eines sich entzündenden Kampfes in einer politklimatisch maximal aufgeladenen Lage. Was ist passiert?

Die US-Behörde „United States Immigration and Customs Enforcement“ (Einwanderungs- und Zollbehörde), kurz ICE, ist seit einigen Wochen in der Stadt, von US-Präsident Donald Trump geschickt, um angeblich nach sich illegal aufhaltenden Migranten zu suchen und diese zu deportieren. Dieses Narrativ wirkt aus der Ferne betrachtet wie ein fadenscheiniger Vorwand, da in der von Demokraten geführten Stadt und dem von Demokraten geführten Bundesstaat verhältnismäßig wenige Migranten leben. Im Unterschied zu Bundesstaaten wie Texas oder Florida, beides von Republikanern geführte Staaten und „fiercely loyal“ (unerschütterlich loyal) zu Donald Trump haltend. Es scheint naheliegender, dass Trump sich die Stadt ausgesucht hat, in der Gouverneur von Minnesota Tim Walz ist, der bei der Präsidentschaftswahl 2024 für das Amt des Vizepräsidenten auf der demokratischen Seite angetreten war und die Hauptstadt Minneapolis als „Sanctuary City“ gilt, also eine Stadt, die sich gegen die rigorose und zum Großteil menschenfeindliche Abschiebe-Politik des Präsidenten zu wehren versucht.

Als menschenfeindlich kann auch das Vorgehen von ICE selbst klassifiziert werden, spätestens seit als an ebenjenem Samstag ein Amerikanischer Staatsbürger von mehreren Männern der Behörde auf offener Straße erschossen wurde, was in der Ausführung einer spontanen Exekution glich. Das Opfer Alex Jeffrey Pretti ist damit nach der Anfang Januar, unter anderen Umständen, ebenfalls von ICE erschossenen Renee Good, das zweite Opfer im Januar, in Minneapolis, von und durch ICE. „Welcome to the American Winter“ betitelt die Zeitschrift The Atlantic eine Bestandsaufnahme, vor allem der sich regenden Widerstände der Bürger der Stadt gegen diese über sie hereinbrechende maßlose Ungerechtigkeit, oder vielmehr Tyrannei, um in einer für Amerikanisten vertrauten Sprache zu bleiben. Wenn so der Amerikanische Winter aussieht, stellt sich die Frage, ob es danach einen Amerikanischen Frühling geben kann und wie der Amerikanische Sommer aussehen soll. Es darf daran erinnert werden, dass dieses Jahr 2026 die Fußballweltmeisterschaft unter anderem in genau diesem Land stattfinden soll, dessen Bürger:innen sich gerade in Straßenschlachten gegenüber stehen und bei teuflischer Zuspitzung auf offener Straße ermorden.

Es gibt auf deutscher Seite erste Stimmen, oder zumindest eine erste offizielle Stimme, die schlussfolgert, man müsse einen Boykott dieser Weltmeisterschaft in Betracht ziehen. Der Vorschlag kam vom DFB-Vizepräsidenten und gleichzeitigem Vereinspräsidenten des Erstligisten St. Pauli, Oke Göttlich. Er sprach mit der Sportschau in Reaktion auch auf die Zustände in den USA und die hier auf der Seitenlinie schon angesprochenen Verbindungen des US-Präsidenten mit FIFA-Präsident Gianni Infantino.

„Und es ist auch nicht der FC St. Pauli und Oke Göttlich, der hier Politik betreiben. Die Politik wird betrieben durch Gianni Infantino und Donald Trump, die eine Propagandashow mit dem Friedenspreis schon abgezogen haben“
, sagte Göttlich. Die WM 2018 in Russland, die nicht boykottiert wurde, habe gezeigt, „wohin es führt, wenn man zu viel große Bühne bei großen Sportveranstaltungen gibt“, sagte Göttlich.

Sein Vorschlag wurde wie erwartet höchst kritisch aufgenommen und bspw. von DFB-Präsident Bernd Neuendorf, der gleichzeitig auch Vorstand im FIFA-Rat ist, zurückgewiesen. Für diesen Freitag, den 30. Januar, ist eine Präsidiumssitzung des DFB geplant, und wir dürfen gespannt sein, inwiefern dieses Thema aufgegriffen wird. Klar ist, dass es bei diesem riesengroßen Event der Weltmeisterschaft um sehr viel Geld für alle Beteiligten geht; ein Boykott mit daraus eventuell resultierender Strafe, bspw. einem Teilnahmeverbot für zukünftige Turniere, stellt dementsprechend eine sicher einzukalkulierende Verlustrechnung dar. Nun noch in einem Nebensatz zu Luhmann (der die Ignoranz des Autors offenlegt): Funktional differenzierte Teilsysteme funktionieren nicht, wenn in allen davon fließend monétaire gesprochen wird. Die DFL meldet eine Rekordsaison, und da Fußball nur ein Spiel ist, bedarf es keiner kontextualisierenden Kommentare dazu:

„In herausfordernden Zeiten setzt der deutsche Profifußball starke Signale“, teilt dazu Ligapräsident Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund mit. Die guten Zahlen seien Ausdruck „einer großen gesellschaftlichen Popularität des Fußballs“, meint DFL-Geschäftsführer Steffen Merkel.

Die zu erwartenden Kommentare mit gewohnt zweifelhaftem intellektuellem Tiefgang offenbaren ein Problem, aber auch gleichzeitig eine oft schon erwähnte und diskutierte Chance. Das Problem ist offensichtlich, liegt auf der Hand und wurde auch hier auf der Seitenlinie bereits hinlänglich diskutiert: Geld. Die Fußballweltmeisterschaft ist eine unglaublich lukrative Angelegenheit, weshalb es vielen Organisationen schwerfallen wird, sich unter globalem Gruppenzwang aus der Sache herauszunehmen. Gerade auf Verbandsebene stellen diese Turniere aber immer wieder die Chance dar, ein Zeichen zu setzen, wie in der Diskussion um die WM in Katar kurz angedeutet hat. Schlussendlich hatte es auch dort keine wirklichen Konsequenzen, weil man nicht konsequent genug in der Sache war. Aber die Diskussion im Land und in der Welt hat gezeigt, welche Mobilisierungsmöglichkeit gerade diesem großen Event als Potenzial innewohnt. Die WM 2026 wird in vielen „Blue Cities“ und „Blue States“ stattfinden, also Städten und Bundesstaaten unter demokratischem Einfluss, was vorausahnen lässt, dass bis zum Beginn in knapp einem halben Jahr noch einiges an Unruhen auf uns zukommen wird. Selbst wenn diese bis dahin ausbleiben sollten, ist die jetzige Administration zu unberechenbar, als dass sich die europäischen Fußball-Verbände auf leichtfertigste Art zu einer Bewerbung dieser WM in diesem Land hinreißen lassen dürften (Mal ganz abgesehen davon, dass Nachrichten aus dem dritten Gastgeberland Mexiko nahezu untergehen). Auf diese USA ist zurzeit in keiner Form Verlass. Bei solch falschen Freunden sollte man gar nicht erst zu Gast sein wollen.


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