Der Weltmeisterschaft 2022 in Katar wohnt so viel Schlechtes inne, man weiß gar nicht, wo man bei einer Aufzählung anfangen soll. Ein Versuch startet bei der korrupten Vergabe durch die FIFA sowie die darin eigentlich schon eingeplante Verlegung in den Winter, macht weiter bei den unzähligen Toten Gastarbeitern aufgrund skandalöser Arbeitsbedingungen, der untragbaren Menschrechtslage im Emirat und endet dann, unvollständigerweise, beim Verbot der One-Love-Kapitänsbinde durch den Fußballweltverband. Neben den eigentlichen Leidtragenden, nämlich den Toten und Unterdrückten, gibt es darüber hinaus noch etwas, dem die FIFA mit der Entscheidung für Katar zeigt, was sie von ihm hält: dem Fußball. Denn die Organisation hat die Sportart und vor allem seine Fans im Schwitzkasten, nicht mit der Absicht, sie wieder freizulassen.
Für viele Fans ist, nicht erst mit der Weltmeisterschaft in Katar, aber mit dieser als letztem Augenöffner, der Fußball zum Inbegriff der Korruption und der unkontrollierbaren Gier Weniger geworden, ja zum Sinnbild für das Schlechte, für alles „was schiefläuft“. Das Problem: Das ist der Fußball eigentlich nicht. Der Fußball ist, erwiesenermaßen, ein Spiel, das zusammenbringt, verbindet, Freude stiftet. Der Fußball, also das runde Leder, ist unpolitisch. Doch die Akteure um ihn herum, angefangen bei den Spielern und Verantwortlichen, bis zu den Akteuren bei den Verbänden, sind es nicht. Sie sind es, die dem Ball die Verantwortung auferlegen, die im zugeschrieben wird. Sie sind es, die den Fußball in Geiselhaft nehmen und ihn mit Bedeutungen beladen, die ihm nicht zueigen sein sollten. Und so sind sie es, die für die Entfremdung des Sports von seinen Fans verantwortlich sind. Für seine unangenehme Politisierung.
Der Fußball ist also politisch, er kann sich nicht dagegen wehren und muss deshalb damit umgehen. Dann stellt sich die Frage: Warum ist er darin so mies? Warum schaffen es Verbände, Vereine und letztlich auch die Spieler selbst nicht, oder zumindest so selten, eine valide Haltung zu zeigen und damit die Politik, die dem Fußball innewohnt, für sich einzunehmen? Um zurück zur WM zu kommen: Warum schafft es kein einziger Nationalverband, die Weltmeisterschaft zu boykottieren, trotz sportlicher Qualifikation? Warum schafft es keine Mannschaft, ein sichtbares Zeichen gegen die WM zu setzen, sowohl im Vorfeld als auch währenddessen, auch unter Androhung von Konsequenzen? Und warum findet man dafür auch immer wieder Begründungen, die man selbst offenbar für logisch und klar hält, obwohl diese die Grenze des Tolerierbaren nur weiter ins Untolerierbare verschieben?
Von der FIFA selbst ist da noch keine Rede. An diese richtet man schon gar keine Erwartungen, zumindest keine positiven. Man hat Angst vor dem Weltverband, vor irrationalen Entscheidungen, vor beeinflussten Entscheidungen, vor Willkür. Das sind Eigenschaften, die man sich erstmal erarbeiten muss, das gelingt nicht vielen. Und dennoch: Die Gleichgültigkeit, mit der die FIFA gewähren darf, ist erschreckend. Und leider ist sie beispielhaft. Das Verhalten der größten aller Fußballorganisation tröpfelt die Verbandsleiter immer weiter nach unten, es infiziert Spieler und Verantwortliche und wird dadurch noch salonfähiger, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Ein jeder kann Infantino sein.
Umso herausstechender sind aufgrund dieser Durchdrungenheit dann Gegenbeispiele, rar sind sie gesät. Die iranische Nationalmannschaft hat gezeigt, was Courage ist, wie man für seine Werte einsteht, gerade im Bewusstsein der Konsequenzen. ZDF-Moderator Jochen Breyer fasste das treffend zusammen: „Ein Zeichen, das man nur dann setzt, wenn man dadurch keinerlei Konsequenzen zu befürchten hat, ist kein Zeichen“. Und so wird es viel zu oft dabei belassen, dann eben kein Zeichen zu setzen, sich auf seine gemütliche Position zurückzuziehen und zuzuschauen, wie die FIFA den Fußball weiter negativ politisiert, benutzt und missbraucht.
Letztlich ist es dann wieder an den Fans, die boykottieren, die Meinung äußern, die Haltung zeigen sollen. Sie werden dann liebend gerne in die Pflicht genommen, als letzte moralische Instanz eines Sports, der so viel mehr kann, wenn er denn nur dürfte. Doch auch diese Bastion bröckelt, auch in ihre Mauern sind die Abwasser der FIFA eingesickert.
Und so hat die FIFA die Fans, zusammen mit dem Fußball, dem Leder, dem wunderbaren, sinnstiftenden Spiel, in Geiselhaft, im eisernen Griff. Soll das so sein?
