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  • Die Soziologie des Fußballs

    Februar 28, 2026
    benediktkastner

    Oft und ausreichend genug haben wir gehört, dass der Fußball nicht politisch sei. Oft und ausreichend genug haben wir überzeugend dargelegt, warum er es doch ist. Es braucht eigentlich keinen weiteren Artikel dazu. Aber als Sozialwissenschaftler reizt es doch zu sehr, eine Perspektive dieser Art einzunehmen. Dass Fußball mehr als nur ein Spiel ist, können wir aber auch aus der sozialwissenschaftlichen Perspektive der Soziologie wahrnehmen und wird zum Glück auch auf gewinnbringende Art gemacht. Auf Soziopolis, einem sozialwissenschaftlichen Nachrichtenportal und Projekt, angesiedelt am Hamburger Institut für Sozialforschung in Kooperation mit H-Soz-Kult, sind in den vergangenen Monaten und Jahren drei Essays veröffentlicht worden, die sich auf ihre jeweils unterschiedliche Art der Finanzialisierung des Fußballs, dem Fußballstadion als sozialem Raum und der Tradition im Fußball als sozialer Erzählung widmen. Passend zu diesem letzten Februarwochenende mit fußball-sommer-märchenhaft-anmutendem Wetter sollen hier in Kürze die Kernelemente der drei Essays vorgestellt werden, ein soziologisches Schmankerl für Fußballfans.

    In seinem Essay „Spiel und Kapital: Versuch über die Finanzialisierung des Fußballs“ zeigt Florian Schmidt die Verknüpfung von Geld und sportlichen Erfolgen, mit der Frage, wie es dazu kam und wie sich diese Entwicklung beschreiben und begreifen lässt. Einleitend ist seine Beobachtung, dass „der Sieg im höchsten europäischen Wettbewerb ausnahmslos den zehn einkommensstärksten Vereinen zuteilwurde“, keine Überraschung für einigermaßen informierte Fußballfans, wird jedoch interessant, sobald Schmidt den Hinweis auf die Eigentumsstruktur ebendieser Vereine gibt. Denn gehören diese Vereine Mehrheitseignern. Einen Wandel dieser Eigentumsstruktur beschreibt er anhand der beiden Spitzenclubs aus Manchester, United und seinem in jüngerer Vergangenheit deutlich übertreffenden Stadtrivalen City. Er zeigt, wie der moderne Fußball Zeiten abgelöst hat, in denen „großzügige Mäzene die Fußballvereine ihres Herzens finanzierten“, und wie bspw. Abramowitsch bei Chelsea aus vielerlei Gründen mit Verlust aus dem Geschäft ging. Der Fußball ist ein ökonomisches System geworden, in dem Kapitalströme, Investoren und Profitorientierung sportliche Performance, aber vor allem die Vereinspolitik prägen. Die Vereine sind heute Kapitalgesellschaften, deren wirtschaftliche „Spielzüge“ den Erfolg auf dem Rasen oft mitbestimmen. Gleichzeitig werden Vereine und schlussendlich der Sport selbst nicht mehr nur anhand der inhärenten Eigenlogik als Gewinn bewertet, bspw. durch einen guten Tabellenplatz, Siege oder Pokalgewinne. Sie sind Teil einer vom Finanzmarkt durchdrungenen Logik, die den Fußball auch über eine Risiko- und Verlustbilanzierung begreift. Aus Fan-Sicht lässt diese Entwicklung auch die zunehmende Entfremdung zwischen Fans, Spielern und Vereinen klar werden und so vielleicht auch einen soziologisch fundierten Ansatzpunkt für systemische Kritik zu.

    Und dennoch lässt uns dieser Sport nicht los, und es gibt wenig Schöneres, als durch die Ticketkontrolle zu gehen und (vor allem zum ersten Mal) ins Stadioninnere zu kommen und die ganze Atmosphäre einzusaugen. Max Weigelin nimmt uns da mit zum „Raunen, Singen, Jubeln: Sinnessoziologische Sondierungen im Fußballstadion“. Er gibt uns einen Anhaltspunkt, warum trotz der oben angesprochenen Entfremdung durch die systemische Veränderung des Sports das Stadion und die Fankurve für die Individuen (also Fans) weiterhin erfüllend sein können. So ein Fußballspiel in einem modernen Stadion ist kein rein rationales Ereignis (das ist uns allen bewusst), sondern vor allem ein körperlich-sozialer Raum, den Fans selbst schaffen. Durch das titelgebende kollektive Raunen, Singen und Jubeln sind die Menschen nicht einfach nur Zuschauende, sondern formieren sich als eine Gemeinschaft. In der Konsumforschung wird schon länger darauf hingewiesen, wie sich die Rolle der Zuschauenden in der Spätmoderne gewandelt hat, vom passiven Konsumenten hin zum aktiven Produzenten (Produzent und Konsument zugleich), der durch aktives Mitmachen das eigene Erleben erst erschafft. Im Fußballstadion hat die akustische Atmosphäre — mehr als das, was auf dem Rasen eigentlich passiert — die Funktion einer situativen Vergemeinschaftung: Die Fan-Chöre und Reaktionen auf das Spielgeschehen als „ekstatische Kommunikation“ vergemeinschaften sinnesoziologisch sogar über etwaige Antagonismen hinweg.

    Der Trend der soziologischen Analyse über das Spielgeschehen hinaus ist einerseits der Disziplin an sich geschuldet, hat aber bei allen hier vorgestellten Beiträgen auch klar seine Berechtigung durch die Entwicklungen im Kontext der Spätmoderne. Die Analyse der Eigentümerstrukturen sowie die sinnessoziologischen Überlegungen zu Vergemeinschaftsfunktionen in modernen Fußballstadien wären so bis vor ein paar Jahrzehnten nicht möglich oder nicht so fruchtbar gewesen. Sie zeigen auch ein funktionell ausdifferenziertes „System Fußball“, welches sich nur durch das Zusammenwirken vieler einzelner Komponenten erhält, die drastisch über das „bloße Spiel“ hinausgehen. Ansgar Mohnskern richtet unser Augenmerk auf einen weiteren dieser Punkte, der sich auf eine gewisse Art mit beiden vorherigen Punkten (Kommerzialisierung, Prosumismus der Stadionkultur) verbinden lässt. In „Der Kult der Tradition: Fußball und die Geschichte der Gegenwart“ wird eine zurecht bemerkte neuartige Fankultur aus der Perspektive historischer Identität(en) untersucht. Mohnskern zeigt, Fußballfans artikulieren nicht einfach Nostalgie, sondern schaffen durch Choreografien und selbstbeschriebenen Erinnerungskulturen eine “mythische Vergangenheit”, die ihnen hilft, die Unsicherheiten und Ungleichheiten der Gegenwart zu bewältigen. Am Beispiel des “Traditionsvereins” 1. FC Kaiserslautern zeigt er, dass gerade da, wo ein Verein sportlich schwächer dasteht, die Geschichte wichtiger wird als die sportliche Realität.

    Der Fußball ist mehr als seine Einzelteile, und um das “System Fußball” in seiner Gänze verstehen zu wollen, bedarf es einer Erweiterung des perspektivischen Horizonts. Die hier vorgestellten soziologischen Essays schaffen es mit ihren jeweiligen eigenen Ansätzen, etwas (Neues) über den Fußball zu erzählen und den Fußballfans etwas an die Hand zu geben, um den geliebten Sport und sich selbst besser zu verstehen.

  • (Rassis)muss das sein?

    Februar 27, 2026
    linusspringer

    Zunächst einmal: Sport ist nicht politisch. Jetzt, wo diese Grundfrage endlich ein für alle Mal geklärt werden konnte, dürfen wir unseren, eigentlich immer geliebten, Gianni auch wieder öffentlich und lautstark liebhaben. Ohne diese erste Feststellung wäre das nicht möglich. Auch neben der infamen Zuneigung zu Infantino wäre der Fußball so viel einfacher, wenn die Aussage wahr wäre. Wobei wir das spezifizieren müssen, denn einfacher wäre er natürlich nicht, danke Kölner Keller.

    Aber er wäre als schönste Nebensache der Welt genießbarer, weil ohne Gewissensbisse. Ist er aber nicht, weil das Eingangsstatement natürlich Schwachsinn ist. Im Gegenteil, er ist hochpolitisiert, wobei dies nicht von außen oktroyiert wird, sondern inzwischen schon als intrinsische Funktion begriffen werden kann. Die Politik kommt nicht von woanders auf den Fußball, die handelnden Personen betreiben aus ihm heraus Politik. Ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste, Argument dabei ist die Aufmerksamkeit, die dem Sport zuteilwird. Fußballern (in dem Fall gilt das tatsächlich für die maskuline Form) und Funktionären (in dem Fall auch) wird eine Öffentlichkeit entgegengebracht, mit der diese offenbar in großer Vielfalt nicht umgehen können oder wollen. Oder es können, aber eben nicht so, wie der Autor sich das vorstellt. Dementsprechend wird die Diskursmacht, die man erhält, weil man gut gegen einen Ball treten oder gut andere Menschen ausbeuten kann, missbraucht.

    Bei letztgenannter Kategorie landen wir natürlich bei den angesprochenen Funktionären, für die man sich in regelmäßigen Abständen schämen muss, mal öfter, mal weniger oft, je nachdem, welchem Klub man seine Seele anvertraut hat. Und in wirklich erstaunlicher Regelmäßigkeit sind hier die Anhänger von Manchester United gepeinigt, obwohl man meinen sollte, dass die Elf auf dem Rasen das schon alleine hinbekommt. Mitbesitzer ist Jim Ratcliffe, 73 Jahre alt, hauptberuflich Milliardär. Was er genau gesagt hat, soll hier aufgrund der Wortwahl nicht wiedergegeben werden, seine Aussagen bezogen sich zusammengefasst darauf, dass Großbritannien zu viele Menschen aufnehmen und diesen die Gesundheitsversorgung bezahle. Dabei brachte er nicht nur Zahlen durcheinander oder, was wahrscheinlicher ist, erfand einfach welche, sondern verwechselte auch noch Menschlichkeit mit Rassismus. Passiert jedem Mal. Eine witzige, wenn auch bittere, Note bekommt das Ganze, wenn man in Betracht zieht, dass Eingewanderte laut Ratcliffe dem Staat auf der Tasche liegen, er sein Geld privat jedoch lieber in Monaco für sich arbeiten lässt und mit seinen diversen Unternehmen fast eine Milliarde Euro an Fördergeldern aus der EU und UK eingesammelt hat. Wer hat, dem wird gegeben.

    Das Absurdeste an der Geschichte, und danach versuchen wir den schwierigen Bogen zurück zum Fußball zu bekommen, ist jedoch seine folgende Entschuldigung, die er natürlich aus ethischen Motiven abgegeben hat, nicht, weil ihm seine Marketingexperten dazu geraten haben. Es tue ihm leid, dass seine Wortwahl einige Menschen im Vereinigten Königreich und in Europa vor den Kopf gestoßen und Besorgnis ausgelöst hätten. Das Thema der „gut gesteuerten Einwanderung“ sei ihm dennoch wichtig. Aha. Das Statement lässt sich natürlich mannigfaltig interpretieren. Seine Wortwahl war nicht falsch, die doofen Anderen hätten es nur nicht verstanden. Dadurch sei Besorgnis ausgelöst worden. Besorgnis um was? Um die Menschenrechte? Da ist Besorgnis natürlich fehl am Platz. Was soll Besorgnis in diesem Zusammenhang eigentlich sein? Besorgt bin ich, wenn bei Borussia Dortmund jemand auf die Idee kommt, Emre Can als Sechser aufzustellen. Das ist Besorgnis. Wenn man Millionen Menschen beleidigt, dann hat die angeekelte Reaktion darauf nichts mit Besorgnis zu tun. Sondern sie ist normal. Leider gibt es aber natürlich keine Konsequenzen für Ratcliffe, mit der Entschuldigung ist alles Menschenmögliche getan worden, nun kann er weiter seine Wege gehen bis zur nächsten Entgleisung. Bei Manchester United stehen übrigens diverse Spieler mit Migrationshintergrund im Kader. Wollen wir mal hoffen, dass sie nach der Entschuldigung ihres Chefs nun nicht mehr besorgt sind.

    Und so bleibt es eine schöne Regelmäßigkeit, dass Personen, die, gelinde gesagt, ohne den Fußball wirklich kein Normalbürger kennen würde, politische Äußerungen fragwürdiger Natur tätigen und es danach einfach weitergeht. Weder Klub noch Fans können etwas gegen ihren Gutsherren unternehmen, das wissen gerade die leidgeprüften Anhänger in England nur zu gut. Wieder ein neuer Fleck auf der weißen Weste des schönsten Sports, wobei die Weste wohl inzwischen eher als fleckig denn als weiß bezeichnet werden kann. Wir dürfen gespannt sein, aus welcher Ecke als nächstes Besorgnis erregt wird.

  • Zu Gast bei Falschen Freunden

    Januar 30, 2026
    benediktkastner

    Für den Samstag, 24. Januar, waren einige Spiele in der amerikanischen Basketball-Profiliga NBA angesetzt. Darunter sollten die Golden State Warriors mit Superstar und mehrfachem Champion Stephen Curry zu Gast bei den Minnesota Timberwolves sein, die zum jetzigen Zeitpunkt beide eine recht gelungene Saison spielen. Das Spiel wurde jedoch mit sehr kurzer und vager Kommentierung um einen Tag nach hinten verschoben. „Es wurde beschlossen, der Sicherheit der Gemeinde Minneapolis Vorrang einzuräumen“ (eigene Übersetzung). Das ist in der NBA zwar selten, aber nicht zwingend ungewöhnlich; gerade die Besucher aus Kalifornien kennen den Umstand der kurzfristigen Spielverschiebungen aus Sicherheitsgründen, da auch kalifornische „Wildfeuer“ immer mal wieder zu genau diesen führen können. Nur ist das Team aus Auckland zu Gast im Januar in einem der zu dieser Jahreszeit kältesten Bundesstaaten des Landes. Auch generell sind es keine klimatischen oder wetterbedingten Umstände, die zu diesem Entschluss führten, wobei das in gewisser metaphorischer Hinsicht schon so gedeutet werden kann. Die Stadt Minneapolis ist gerade Schauplatz eines sich entzündenden Kampfes in einer politklimatisch maximal aufgeladenen Lage. Was ist passiert?

    Die US-Behörde „United States Immigration and Customs Enforcement“ (Einwanderungs- und Zollbehörde), kurz ICE, ist seit einigen Wochen in der Stadt, von US-Präsident Donald Trump geschickt, um angeblich nach sich illegal aufhaltenden Migranten zu suchen und diese zu deportieren. Dieses Narrativ wirkt aus der Ferne betrachtet wie ein fadenscheiniger Vorwand, da in der von Demokraten geführten Stadt und dem von Demokraten geführten Bundesstaat verhältnismäßig wenige Migranten leben. Im Unterschied zu Bundesstaaten wie Texas oder Florida, beides von Republikanern geführte Staaten und „fiercely loyal“ (unerschütterlich loyal) zu Donald Trump haltend. Es scheint naheliegender, dass Trump sich die Stadt ausgesucht hat, in der Gouverneur von Minnesota Tim Walz ist, der bei der Präsidentschaftswahl 2024 für das Amt des Vizepräsidenten auf der demokratischen Seite angetreten war und die Hauptstadt Minneapolis als „Sanctuary City“ gilt, also eine Stadt, die sich gegen die rigorose und zum Großteil menschenfeindliche Abschiebe-Politik des Präsidenten zu wehren versucht.

    Als menschenfeindlich kann auch das Vorgehen von ICE selbst klassifiziert werden, spätestens seit als an ebenjenem Samstag ein Amerikanischer Staatsbürger von mehreren Männern der Behörde auf offener Straße erschossen wurde, was in der Ausführung einer spontanen Exekution glich. Das Opfer Alex Jeffrey Pretti ist damit nach der Anfang Januar, unter anderen Umständen, ebenfalls von ICE erschossenen Renee Good, das zweite Opfer im Januar, in Minneapolis, von und durch ICE. „Welcome to the American Winter“ betitelt die Zeitschrift The Atlantic eine Bestandsaufnahme, vor allem der sich regenden Widerstände der Bürger der Stadt gegen diese über sie hereinbrechende maßlose Ungerechtigkeit, oder vielmehr Tyrannei, um in einer für Amerikanisten vertrauten Sprache zu bleiben. Wenn so der Amerikanische Winter aussieht, stellt sich die Frage, ob es danach einen Amerikanischen Frühling geben kann und wie der Amerikanische Sommer aussehen soll. Es darf daran erinnert werden, dass dieses Jahr 2026 die Fußballweltmeisterschaft unter anderem in genau diesem Land stattfinden soll, dessen Bürger:innen sich gerade in Straßenschlachten gegenüber stehen und bei teuflischer Zuspitzung auf offener Straße ermorden.

    Es gibt auf deutscher Seite erste Stimmen, oder zumindest eine erste offizielle Stimme, die schlussfolgert, man müsse einen Boykott dieser Weltmeisterschaft in Betracht ziehen. Der Vorschlag kam vom DFB-Vizepräsidenten und gleichzeitigem Vereinspräsidenten des Erstligisten St. Pauli, Oke Göttlich. Er sprach mit der Sportschau in Reaktion auch auf die Zustände in den USA und die hier auf der Seitenlinie schon angesprochenen Verbindungen des US-Präsidenten mit FIFA-Präsident Gianni Infantino.

    „Und es ist auch nicht der FC St. Pauli und Oke Göttlich, der hier Politik betreiben. Die Politik wird betrieben durch Gianni Infantino und Donald Trump, die eine Propagandashow mit dem Friedenspreis schon abgezogen haben“
    , sagte Göttlich. Die WM 2018 in Russland, die nicht boykottiert wurde, habe gezeigt, „wohin es führt, wenn man zu viel große Bühne bei großen Sportveranstaltungen gibt“, sagte Göttlich.

    Sein Vorschlag wurde wie erwartet höchst kritisch aufgenommen und bspw. von DFB-Präsident Bernd Neuendorf, der gleichzeitig auch Vorstand im FIFA-Rat ist, zurückgewiesen. Für diesen Freitag, den 30. Januar, ist eine Präsidiumssitzung des DFB geplant, und wir dürfen gespannt sein, inwiefern dieses Thema aufgegriffen wird. Klar ist, dass es bei diesem riesengroßen Event der Weltmeisterschaft um sehr viel Geld für alle Beteiligten geht; ein Boykott mit daraus eventuell resultierender Strafe, bspw. einem Teilnahmeverbot für zukünftige Turniere, stellt dementsprechend eine sicher einzukalkulierende Verlustrechnung dar. Nun noch in einem Nebensatz zu Luhmann (der die Ignoranz des Autors offenlegt): Funktional differenzierte Teilsysteme funktionieren nicht, wenn in allen davon fließend monétaire gesprochen wird. Die DFL meldet eine Rekordsaison, und da Fußball nur ein Spiel ist, bedarf es keiner kontextualisierenden Kommentare dazu:

    „In herausfordernden Zeiten setzt der deutsche Profifußball starke Signale“, teilt dazu Ligapräsident Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund mit. Die guten Zahlen seien Ausdruck „einer großen gesellschaftlichen Popularität des Fußballs“, meint DFL-Geschäftsführer Steffen Merkel.

    Die zu erwartenden Kommentare mit gewohnt zweifelhaftem intellektuellem Tiefgang offenbaren ein Problem, aber auch gleichzeitig eine oft schon erwähnte und diskutierte Chance. Das Problem ist offensichtlich, liegt auf der Hand und wurde auch hier auf der Seitenlinie bereits hinlänglich diskutiert: Geld. Die Fußballweltmeisterschaft ist eine unglaublich lukrative Angelegenheit, weshalb es vielen Organisationen schwerfallen wird, sich unter globalem Gruppenzwang aus der Sache herauszunehmen. Gerade auf Verbandsebene stellen diese Turniere aber immer wieder die Chance dar, ein Zeichen zu setzen, wie in der Diskussion um die WM in Katar kurz angedeutet hat. Schlussendlich hatte es auch dort keine wirklichen Konsequenzen, weil man nicht konsequent genug in der Sache war. Aber die Diskussion im Land und in der Welt hat gezeigt, welche Mobilisierungsmöglichkeit gerade diesem großen Event als Potenzial innewohnt. Die WM 2026 wird in vielen „Blue Cities“ und „Blue States“ stattfinden, also Städten und Bundesstaaten unter demokratischem Einfluss, was vorausahnen lässt, dass bis zum Beginn in knapp einem halben Jahr noch einiges an Unruhen auf uns zukommen wird. Selbst wenn diese bis dahin ausbleiben sollten, ist die jetzige Administration zu unberechenbar, als dass sich die europäischen Fußball-Verbände auf leichtfertigste Art zu einer Bewerbung dieser WM in diesem Land hinreißen lassen dürften (Mal ganz abgesehen davon, dass Nachrichten aus dem dritten Gastgeberland Mexiko nahezu untergehen). Auf diese USA ist zurzeit in keiner Form Verlass. Bei solch falschen Freunden sollte man gar nicht erst zu Gast sein wollen.

  • Von schwierigen Regelauslegungen

    Januar 23, 2026
    linusspringer

    Regeln, was sind schon Regeln? Und für wen gelten diese überhaupt? In der Welt des Fußballs kursieren diese Fragen mindestens so lange wie das Bayern-Dusel alt ist. Früher konnte man das Ganze auf einer eher sportlichen Ebene betrachten, etwa ob Schiedsrichter aus Angst vor der geballten Macht der Schickeria die Regeln bei dem Monster aus dem Süden der Republik etwas anders auslegen (Stichpunkt Elfmeterpfiff). Diese Diskussionen waren, trotz europäischer Wettbewerbe, immer eher lokaler Natur und sind auch in anderen Ligen mehr als präsent (man frage mal die Italiener oder Argentinier). Daraus entwickelte sich ein eher monetär angehauchter Diskurs über Regeln, der sich dann schon eine Ebene höher, auf UEFA-Ebene, manifestierte. Neben der Gerechtigkeit der Regeln für das Verteilen von Geldern auf nationalem Level kommt es zu Diskussionen, wie der internationale (und damit natürlich der europäische) Wettbewerb fair bleiben kann. Wie die Anwendung des daraus entstehenden Financial-Fair-Play gezeigt hat, gelten hier auch die Regeln mal mehr, mal weniger, in guter alter Phrasenschweinzeit würde man sagen: Auslegungssache.

    Diese beiden Regel-Diskurse schwelen natürlich weiter, eine Lösung wird das Ganze vermutlich nicht finden. Dazu gesellt sich inzwischen, und das auch noch in einem unpolitischen Sport, das Weltgeschehen. Wobei, inzwischen ist da vermutlich nicht das richtige Wort, denn schon immer hat die politische Ebene im Fußball, im Sport, eine Rolle gespielt. Zumindest aber dem Autor, der inzwischen dem Kindesalter entwachsen ist, kommt es so vor, als potenziere sich das Ganze in Angesicht einer Weltbühne, die sich kollektiv an tragigkomischer  Science-Fiction-Literatur versucht. Dementsprechend kommt dann auch das Gefühl zustande, die Politisierung des Fußballs sei erst kürzlich passiert, wie das mit der Verklärung der Vergangenheit eben so ist.

    Aber zurück zum eigentlichen Thema, den Regeln und deren Auslegung. Der Sport hat sich da nämlich selbst eine Grube gegraben, aus der er kaum noch rauskommt, nämlich eine subjektive Bewertungsgrube. Vorgeschickt sei noch, dass wir uns hier in ein schwieriges Feld bewegen, die nachfolgenden Aussagen sind deshalb nicht als Meinung zu werten, sondern als nüchtern Betrachtung des Zustandes. Die Nationalmannschaft Russlands sowie deren Vereinsmannschaften sind von der UEFA sowie der FIFA nach dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine aus sämtlichen Wettbewerben ausgeschlossen worden. Die Nationalmannschaft sowie die Vereinsmannschaften Israels dürfen angesichts des Palästina-Konflikts weiter mitmachen. Die Nationalmannschaft sowie die Vereinsmannschaften der Vereinigten Staaten von Amerika dürfen angesichts der Entwendung des venezolanischen Staatsoberhauptes weiter mitmachen. Die Nationalmannschaft sowie die Vereinsmannschaften der demokratischen Republik Kongo dürfen angesichts des Ruanda-Konflikts weiter mitmachen.

    Es ist völlig unmöglich die hier genannten Fälle miteinander zu vergleichen, und, wie schon erwähnt, es sei nochmal darauf hingewiesen, dass hier auch keine Wertung stattfindet. Eben diese Tatsachen im Hinterkopf behaltend stellt sich jedoch die Frage, wie die UEFA und die FIFA, oder auch andere Kontinentalverbände, diese Bewertungen vornehmen? Denn sie müssen das, irgendjemand muss entscheiden, wer an einem Wettbewerb teilnehmen darf und wer nicht. Die zu diskutierenden Fälle ließen sich fortführen, allerdings führt das zu nichts. Dementsprechend hat der Komplex, für wenn wann welche Regeln gelten, im Fußball eine globale Ebene erreicht, die kein Ende mehr findet. Denn in der aktuell fiktionalen Realität, die uns derzeit lieb hat, sieht es nicht danach aus, als würden die Konflikte dieser Art abnehmen. Wie viele Nationen dürften bei strenger Auslegung der politischen Teilnahmeregeln überhaupt noch an einem Turnier teilnehmen?

    Die Regel-Frage hat sich also schon längst vom Spiel mit dem Ball entfernt, welch ein Wunder. Doch die Anwendung wird auch wegen des Männchens im Weißen Haus schwieriger, konnte bisher doch eine Pro-westliche Auslegung herangezogen werden, wenn es eng wird. Beschwert sich schon keiner der wirtschaftlich relevanten Akteure. Doch dieses Auslegungsmuster wird auf eine harte Probe gestellt. Wenn die USA neben Venezuela auch noch Grönland retten will, ist das Turnier im Sommer 2026 dann noch so durchführbar? Das Pendant im Kreml hatte höflicherweise mit der großen Rettungsaktion bis nach der Weltmeisterschaft gewartet, vielleicht wiederholt sich das ja. Als NATO hätte ich erst ab September 2026 so richtig Angst. Wobei der Junge mit dem Schalter so ungeduldig und disziplinlos ist, dass wahrscheinlich die Minute des Abpfiffs des WM-Finals schon Grund zur Sorge bietet.

    Dazu kommt dann noch die Dimension der Fans, die muss UEFA und FIFA naturgemäß aber nicht interessieren. Was ist eigentlich, wenn im Sommer das halbe Teilnehmerfeld keine Zuschauerinnen schicken darf, weil sie nicht einreisen dürfen? Noch so eine Regelfrage: Welche Regel ist stärker, die der FIFA, das alle dürfen, oder die der USA, dass sie an der Grenze einkassiert werden? Aber wir sind wieder etwas abgeschweift. Deshalb zurück zur Ausgangsfrage: Regeln, was sind schon Regeln? Diese kann mit dem beschriebenen subjektiven Auslegungsloch wie folgt beantwortet werden: Regeln, was sind schon Regeln! Denn wie schon Frau Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf wusste, kann man sich die Welt machen, wie sie einem gefällt. Und das ist schließlich das Motto dieses fußball(politischen) Jahres 2026.

  • Ein Jahr endet – ein Jahr muss beginnen

    Dezember 31, 2025
    benediktkastner

    Wir befinden uns zwischen den Jahren, vor dem Fenster liegt zuverlässig einige Tage nach Weihnachten ein wenig Schnee und es wird – ebenfalls zuverlässig – viel zu verfrüht und von Minderjährigen munter geböllert. Da der Dezember grundsätzlich der stressigste und unangenehmste Monat des Jahres ist, zumindest in unserem Kulturkreis, setzt eine halbwegs adäquate Form der Besinnung bei mir erst einige Tage nach Christi Geburt ein (auch anstrengend, dieses eintagsfliegenartige Neugeborenwerden, nur um in vier Monaten wieder an einem Freitag an das…). Die verschiedenen Bratenformen sind halbwegs verdaut und man ist fast wieder munter, bis einem an Silvester ein Raclette den Rest geben wird. Wenige Sätze noch zu Weihnachten, mehr möchte ich von diesem Jahr nicht Revue passieren lassen: Ich wünsche mir nichts. Materiell habe ich alles und auch zu viel. Was ich nicht habe, brauche ich nicht. Immaterielles? Hier dann bitte die Kalendersprüche, und mir kommt doch noch ein Stück Tierfett von den Feiertagen hoch. Das Jahr hinterlässt einen demoralisiert und desillusioniert, sowohl die Politik als auch den Fußball betreffend. Keine Hoffnung und 60 steigt wieder nicht auf.

    Ich besinne mich also lieber wieder einmal auf meinen Zynismus und blicke in Kürze auf das kommende Jahr, mit vorauseilender Empörung. Denn das nächste Jahr vereint zwei sehr große Feierlichkeiten, die, wie es der spottende Schöpfer so will, unangenehm zusammenfallen: Die Fußballweltmeisterschaft findet 2026 statt, und zwar rund um den Golf von Mexiko in den „Vereinigten“ Staaten von Amerika. Die Nation feiert zudem am 4. Juli das Vierteljahrtausend (The United States Semiquincentennial, wahlweise auch the Bisesquicentennial oder the Sestercentennial). Zumindest in der Ankündigung wird es sicher die größte Feier aller Zeiten werden, wobei man das dieses Mal durchaus glauben darf (Man arbeitet seit 2016 an der Feier mit eigens abgestellter Kommission). Man könnte/sollte/möchte dieses Zusammenfallen von großen Feiern eigentlich begrüßen und nach 20 Jahren ein erneutes „Zu Gast bei Freunden“ ausrufen, nur scheint das in letzter Zeit vor allem aus der nicht sportlichen Betrachtung schwierig geworden, in einer Welt voller „Unterwerfungspazifisten und Traumtänzern“.

    Dabei hätte das wirklich der Anlass sein können für die großartigsten Ausflugspläne (liebevoll Aufwärtsfahrten genannt). Eine WM mit wieder einmal neuer Regelung, daher die Teilnahme von diesmal wirklich fast allen Nationen, was zu rund zigtausend Vorrundenspielen führt. Ein Traum! In einem Land, welches vor 250 Jahren mit der berühmt gewordenen Declaration of Independence ein ideengeschichtliches Vorbild für die liberal-demokratische Welt wurde. Eine Nation, die sich in ihrem Geburtsmoment auf einem Ideal stützt, welches buchstäblich revolutionär war und an welches die Dokumentarregisseur Ken Burns versucht auf monumentale Art zu erinnern. Was für eine fantastische und vielversprechende Kombination an Feiermaterial, wo ist mein Bourbon?!

    Nur leider wird diese Stimmung getrübt von zwei Männern, die uns das Leben und die Feierei leidig machen. Der eine ist Opportunist Gianni Infantino, der andere Egozentriker Donald Trump; für beide bräuchte es stärkere Wörter, weil sie beide die ihnen angelastete Eigenheit ins Extrem gesteigert und in das Autokratische überführt haben. Die Kombination dieser beiden geschmacklosen Männer führt dazu, dass kommendes Jahr ein großes goldenes Kalb in den USA aufgestellt und eine Götzenanbetung betrieben wird, welche für niemanden eine Heilserfahrung bedeuten kann. Die ersten Anzeichen waren bei der Überreichung des neu eingeführten FIFA-Friedenspreises bereits zu sehen. Eine Selbstinszenierung und Selbstbereicherung (und äußerst fragwürdig für eine Organisation in solch unpolitischem Umfeld). Gerade Trump und seine Familie treiben das in den USA gerade auf die Spitze, da sie äußerst exklusive Klientelpolitik betreiben, vor allem für sich selbst. Wir alle müssen uns kommendes Jahr die Frage stellen: Wenn ein Opportunist wie Infantino einen Egozentriker wie Trump so großartig findet und wir immer noch mit der FIFA feiern wollen, was sagt das dann über uns aus?

    Diese Frage möchte ich hier unbeantwortet stehen lassen, da ich davon ausgehe, dass wir sie in den kommenden Monaten zur Genüge diskutiert sehen werden. Vielleicht kommen wir ja dieses Jahr kollektiv zu einer Antwort, die mich dann wiederum in 12 Monaten einen optimistischeren Beitrag von der Seitenlinie schreiben lässt. Das war jetzt hier eine eher unbesinnliche Besinnung zwischen den Jahren, mit einem gewohnt pessimistischen Sinn auf das kommende Jahr und die bevorstehenden Feierlichkeiten. Um ausnahmsweise mal einen Bro-Podcaster zu zitieren – und versprochen, danach nie wieder – „the Declaration of Independence was a love letter to the future“ und sollte vielleicht gerade deshalb wieder gelesen werden; deren Inhalt auch als Antidot zu dem Zynismus in diesem Text hier.

  • Wenn Freunde eine Reise tun

    Dezember 2, 2025
    linusspringer

    Von meinen Freunden sind nicht alle Fußballfans, die meisten sind es sogar nicht. Am Fußball Interessierte gibt es mehr, auch wenn das viel bedeuten kann. Reisen unternimmt man dennoch zusammen. Der Fan, der Interessierte und der Desinteressierte zusammen. Wie kommt das? Und noch wichtiger: Was passiert da (zur Hölle)?

    Wenn jemand einen Vorschlag macht, gibt es, ganz allgemein gesprochen, immer mehrere Varianten der Reaktion. Die klassischen Möglichkeiten bewegen sich zwischen Zustimmung und Ablehnung, zwischen Annahme und Verweigerung, zwischen Teilnahme und Absage. So ist es auch, wenn jemand einen ambitionierten wie möglicherweise waghalsigen Fußball-Wochenend-Plan einbringt, der natürlich eigentlich nur wunderschön ist. Man stellt den Vorschlag vor, wartet die Reaktionen ab, passt an, bespricht Details. Oder stellt ihn vor und sagt: „Das is‘ er, ja oder nein?“ Und so stehen am Ende dann eben Leute, die bereit sind, die Tortur mitzumachen. Man hätte, wie kurz erläutert, auch ablehnen, verweigern, absagen können.

    Stadio Alberto Picco, Spezia vs. Bari
    Stadio Alberto Picco, Spezia vs. Bari

    So kommt man also zu einer Planung, die hier in Anlehnung an die Realität auch kurz dargelegt werden möchte. Donnerstagabend mit dem Nachtzug los, morgens in Parma aus dem Zug hetzen (warum auch immer, man war dank Verspätung schon länger wach), dann weiter nach La Spezia. Dort am Abend die Partie gegen Bari, kein fußballerischer Leckerbissen, immerhin ist die Schlange am Bierstand aber überschaubar. Am Samstag in aller Frühe wieder los zum Bahnhof, in Reggio Emilia aussteigen und den Spaziergang zum Stadion antreten. Die anschließende Frechheit, die man, um im Jargon zu bleiben, wohl als Partie für Taktikliebhaber bezeichnen kann, über sich ergehen lassen. Wenigstens macht der Smalltalk auf der Tribüne Spaß, man hat Zeit, endlich diese unliebsamen Mails abzuarbeiten, die sich noch aufgestaut haben. Und schlussendlich am Sonntag noch das Topspiel Bologna gegen Neapel, das zwar einiges an Stars verspricht, es jedoch, natürlich, auch schafft sich bezüglich Spannung einzureihen in das bisher Gesehene. Und dann wieder mit dem Nachtzug in die Heimat.

    Und damit sind wir wieder beim eigentlichen Zweck des Ganzen, denn Fußball, das ist nur die schönste Nebensache der Welt (welcher Idiot behauptet denn sowas?), also nicht der Hauptgrund für einen derartigen Ausflug. Es geht darum, gemeinsam Zeit zu verbringen. Das klingt banal, war es auch in einer Zeit, als man sich selbst noch als jung bezeichnen konnte. Doch wenn einen die zunehmenden Verpflichtungen des Erwachsenwerdens, welches es im Übrigen, das nur als Einwurf, möglichst lange aufzuhalten gilt, einholen, wird Zeit eben das vielzitierte hohe Gut, auf das es zu achten gilt. Langsam gesellt sich dazu noch die Gesundheit, doch bei dem zugegebenermaßen leicht ausufernden Alkoholkonsum gerade dieser Reisetage kann niemand ernsthaft beteuern, dass nicht die Zeit aktuell an erster Stelle steht.

    MAPEI Stadium, Reggiana vs. Virtus Entella
    MAPEI Stadium, Reggiana vs. Virtus Entella

    Der Fußball dient dabei vielleicht allen, vielleicht nur einigen als Deckmantel für die gemeinsame Unternehmung, die gemeinsame Zeit. Was allerdings nicht abwertend für den Sport ist, sondern das Gegenteil, es ist eine weitere Facette dieses wunderbaren runden Dings. Denn das verbindende Element, dass der Fußball zweifelsohne innehat, sei es innerhalb einer Mannschaft, zwischen Fans, zwischen Freunden, zwischen Familienmitgliedern, das lässt sich auch erweitern auf Personen, die dem klassischen „schauen“, sei es auf dem Bildschirm oder im Stadion, rein privat oder alleine gar nicht zugeneigt wären. Denn es entwickelt sich aus dem Fußball heraus ein Zauber, der gemeinsame Zeit stiftet, die man ansonsten vielleicht nicht hätte. Das mag diverse Gründe haben, manche plausibler als andere, doch darum geht es hier nicht. Es geht alleine um die Wirkung, und die ist unbestreitbar eine vereinigende, eine sinnstiftende, eine verbindende. Dementsprechend braucht es, das könnte man auch gesamtgesellschaftlich und nicht biographisch verstehen, Momente des gemeinsamen Glücks mit dem Ball, weitere, mehr, viele davon.

    Stadio Renato dall'Ara, Bologna vs. Neapel
    Stadio Renato dall’Ara, Bologna vs. Neapel

    Am Ende steigt man nämlich aus dem Zug, der als Transportmittel übrigens eine wichtige, eigene Rolle spielt in dieser Geschichte. Die Art des Reisens wird nämlich auf den Schienen vollendet, klar, es muss auch funktionieren, aber das ist nun wirklich ein anderes Thema. Die Dynamik, die sich in einem Zug entwickelt, ist eine eigene, er ermöglicht gemütliche Runden, Bewegung, Ruhe, Getränke- und Essensaufnahme, rundum alles, was es bei einem Zusammensein braucht. Andere Verkehrsmittel sind da deutlich exkludierender und damit beschränkter, ungeachtet der jeweils eigenen Vorteil, die es möglicherweise gibt. Der Zug ist der Nils Petersen unter den Einwechselspielern, gerade im Hinblick auf den beschriebenen Zweck der Reise. Eine Liebeserklärung an den Fußball, an die gemeinsame Zeit ist damit auch immer, sagen wir zumindest meistens, mit dem Schienenverkehr verknüpft. Ganz nach dem Sprichwort ist der Weg das Ziel, der Weg zum nächsten Stadion, zum nächsten Spiel, zum nächsten Bier. Gemeinsame Zeit eben.

    Wenn man den Zug dann am Ende des Abenteuers verlässt, abgekämpft, glücklich, traurig, froh, dann weiß man, dass die gemeinsame Zeit eine gute war. Missetat begangen.

  • Von Haushaltstreitigkeiten

    November 6, 2024
    benediktkastner

    Dass Deutschland seit quasi schon immer ganz knapp vor dem absoluten Stillstand steht – trotz seines Ranges als drittgrößte Volkswirtschaft mit eklatant viel Platz für übermäßig zur Schau gestellten Wohlstand und der einhergehenden Verwahrlosung – konnten die Bundesbürger in den heiß-brennenden und dann doch kalt-regnerischen Sommerwochen dieses Jahres wieder in aller Ruhe in den allen deutschen Medien verfolgen. Die Bundesregierung, eine mittlerweile sehr fragile Koalition bis losem Zusammenschlusses zunehmend kleiner werdenden Parteien findet stets aufs Neue einen Grund sich zu reiben und Uneinigkeit zu demonstrieren. Eine Haushaltskrise, wie sie jede gute Familie kennt, ist der Dauerbrenner und würde die Nation in Atem halten, wäre es denn für jemanden ausreichend interessant. Doch die Nation befindet sich im rasenden Stillstand (Hartmut Rosa). Nichts geht mehr, bis auf den dritten Urlaub diesen Jahres, das schöne Essen gehen mehrmals die Woche und vielleicht doch noch spontan ein Adele Konzert. Wir drehen uns im Kreis und die Ampel blinkt wie nach selbstverursachtem Kurzschluss. Ähnlich relevant, ähnlich wiederkehrend, ähnlich symptomatisch für Wohlstandsverwahrlosung der Spätmoderne, der Beginn der neuen Saison Deutschlands höchstklassigstem Fußballs. Endlich wieder Bundesliga!!

    Und das bedeutet, neben der Vorfreude auf hochklassige Pre- und Post-Match Interviews, teureren Tickets („Die Inflation!!“ „Die Grünen!!“) und einer weiteren Saison Thomas Müller auch die Frage, wie man sich das Ganze denn eigentlich am Bequemsten zu Gemüte führen könnte. Denn auch wenn früher alles besser war, haben wir doch mittlerweile die geilsten technischen Vorraussetzungen aller Zeiten, auf so vielen Streaming Plattformen wie möglich, jeglichen geilen Fußball zu schauen, ganz gleich wo und wann wir wollen, oder? … leider gar nicht, tut uns Leid. Denn auch hier drohen Haushaltstreitigkeiten aus vielerlei Gründen. Wenn man sich beispielsweise nicht einigen kann, wie man sein dann doch endliches Monatsbudget für welche Abonnements ausgibt.

    Es gestaltet sich zunehmend Endverbraucherunfreundlicher und auch schlichtweg zu kompliziert, sich entspannt Fußball auf den eigenen Bildschirm zu holen. Und wir bleiben heute ganz bewusst nur beim Fußbal, das ist als Denkgymnastik vollends ausreichend. Allein der deutsche Fußball ist aufgeteilt auf mehrere Streaming-Dienste, dazu ein wenig Öffentlich-Rechtliches und sogar RTL (oder war es Sat1? Es war doch mal Sat1?! Und Eurosport?!?! Komm, egal). Die Streaming Dienste sind dann noch ein Mal unterteilt in WOW (von Sky und unter uns: Gar nicht mal so wow…) und DAZN (auch nicht besonders wow), das gilt aber dann nur für die ersten zwei Bundesligen und die Champions-League. Die dritte Bundesliga wird dann nämlich über Magenta Sport übertragen. Und der UEFA-Pokal, der hier weiterhin so heißt, wird in einem der Privatsender gezeigt (siehe die Verwirrung oben). Und die DFB-Pokal Spiele kommen auf ARD & ZDF, aber irgendwie doch auch auf WOW, und eins bestimmt auch auf Kabel 1, das ist nur noch keinem aufgefallen. Wenn dann die Wiederholungen immer um 3 Uhr in der früh auf 3Sat kommen, wäre man dann sogar geneigt der Schließung des Senders zuzustimmen. Achja, und Länderspiele gibt es ja auch noch gelegentlich, da bietet sich zum Glück auch noch ein Teilmarkt an zur Erschließung.

    Soziolog*innen sprechen gerne von ’nicht-intendierten Handlungsfolgen‘, wenn Sie von etwaigen sozio-kulturellen Problemen sprechen, die aus kulturhistorischen Veränderungen erwuchsen und sich in dem Ausmaße unvorhergesehen, Jahre später niederschlagen. Davon darf hier aber keine Rede sein. Denn auch, und vor allem im europäischen Fußball kann man exemplarisch durchdeklinieren, wie diese Welt funktioniert. Viele zahlen, wenige bekommen. Die Frage stellt sich auf wen man denn jetzt mit dem Finger zeigen muss, wer also die Schuld trägt für diese Situation (weil es ja eben intendiert, also mit Absicht sich so gestaltet), und wie man dann etwas ändern kann. Weil natürlich ist die Wut erst einmal groß über die zwei größten Streaming-Dienste DAZN und WOW, weil sie den zweiten gleichzeitigen Stream noch einmal verteuert dazu buchen lassen. Nur sind diese halt auch in dieser Teuer-und-Wucher-Spirale gefangen und sind ja auch darauf angewiesen, dauerhafte Einnahmequellen zu generieren. Und das Problem der gleichzeitigen Nutzung von Streamingdiensten ist ja jetzt nicht nur Profifußballexklusiv.

    Aber sie stehen exemplarisch und zeigen eben recht eindrucksvoll ein Phänomen, welches sich gesamtgesellschaftlich niederschlägt. Einige wenige haben immer mehr, und geben immer größere Unsummen aus. Während die Meisten daraus nicht zwingend profitieren. Denn während von bestimmten größenwahnsinnige Teams immer gigantischere Fußballtempel gebaut werden (siehe Man City, siehe FC Barcelona und, natürlich, Real Madrid), findet durch die vorrausgesetzte Kostendeckung und die daraus resultierende Ticketpreiserhöhungen eine stetig verdichtende Selektierung der Glaubensgemeinschaft statt. Ganz unchristlich benötigt es eine ordentliche Menge Geld, um sich die Teams der höchsten Ligen im Stadion ansehen zu können. Natürlich reden wir da noch nicht von einem Familienausflug und wir diskutieren auch nicht die ohnehin besetzten Tickets durch unzählige Firmenkontingente. Und so gleicht das Spektaktel in der Gesellschaft der Singularitäten auch zunehmend einer Götzenverehrung im Scheinwerferlicht auf grasnarbenem Parkett. Ein Ensemble von Selbstdarstellungskünstlern „verdient“ immer höhere Gehälter, und trägt mit dieser Raupe-Nimmersatt-Einstellung natürlich auch mit bei zu der Preisspirale, die uns zu unserem Problem der verteuerten Möglichkeit des Zuschauens nötigt. Wie ehrenlos manche der Fußballprofis sich dabei verhalten, hat der Boom rund um die Liga in Saudi-Arabien gezeigt, bei der sich zahlose bei erster Gelegenheit aufmerksamkeitsökonomisch prostituierten. Geld als einziger Anreiz, denn attraktiver Fußball konnte es nicht sein.

    Zwei Lösungsvorschläge gäbes jetzt hierfür anzubieten. Die erste sähe eine harte Begrenzung der Transfersummen und Gehälter pro Team vor. Nach bestimmten Regelsätzung durchreglementiert, auch bspw. nach Alter der Spieler, bzw. nach der Zeit, wie lange diese Spieler schon in dem jeweiligen Team/der jeweiligen Liga spielen. Diese kommunistisch anmutende Idee kommt demnach auch aus dem naheliegenden Land, der Vereinigten Staaten von Amerika. Dort sind sogenannte „Salary Caps“ gang und gebe, und lassen immer noch Spielraum für astronomische Beträge, die den zum Teil sehr jungen Männern nach den durchtrainierten Körper geworfen werden. Und auch wenn diese „Salary Caps“ eigentlich dazu gedacht sind, eine gewisse Ausgewogenheit zwischen den Teams herzustellen, stellen sie ja dennoch einen guten Ansatz dar, um keine Ausreißer wild nach vorne preschen zu lassen. Ein kleines Stück weiter gedacht wäre es vielleicht ein Mittel, um insgesamt Gehälter und Geldsummen an ein bestimmtes Maß zu binden.

    Eine zweite Möglichkeit betrifft uns alle als Endverbraucher. Diejenigen, die sich in den Haushaltstreitigkeiten rund um die passenden Streamingdienste, Ticketkäufe und Zeitabsprachen verzanken. Wir haben es letztlich in der Hand und es ist so einfach. Konsumaktivismus, und zwar genau einmal umgedreht. Boycott, Verzicht, weder hingehen, noch einschalten. Kein Geld geben für diejenigen, die schon genug genommen haben. Spielverderber sein, in einem System welches zunehmend die Lust am schönsten Spiel der Welt nimmt. Nebenbei läuft gerade Champions League, es spielt Liverpool. Das ganze wird auf Amazon Prime übertragen…

  • Die Vorfreude ist die letzte Freude – oder: Die Hoffnung stirbt zuerst

    August 29, 2024
    linusspringer

    Der Sommer ohne Fußball, jedenfalls ohne Vereinsfußball, ist dennoch ein Sommer voller Fußball. Denn der Transfermarkt, die Gerüchte und Planungen des eigenen Vereins, treiben einen um, fast mehr, als während der Saison. Unabhängig von der jeweiligen Beurteilung (von „alles Idioten“ bis zu „beste Mannschaft die wir je hatten“) ist dabei die Vorfreude auf die neue Saison, auf den ersten Spieltag, riesig, je näher er kommt, desto weniger ist es auszuhalten. Man versucht sich an diversen Managerspielen und kann doch nur auf den einen Tag, den ersten Tag, der Erlösung schielen. Die Vorfreude, die angeblich die schönste ist, kennt dabei keine Grenzen, wächst ins Unermessliche, wie sich das für eine Erlösung gehört. Sie ist dabei verbunden mit der inhärenten Hoffnung, dass dieses Jahr alles besser wird, alles gut wird, alles endlich so wird, wie es sein soll. Vorfreude und Hoffnung, ein so schönes Duo.

    Jedoch stellt sich schnell heraus, dass die Vorfreude eigentlich ganz hässlich ist. Und die Hoffnung, die stirbt sowieso zuerst, da kann der Volksmund sagen, was er will. Da ist der erste Spieltag, oder meinetwegen die ersten Spieltage, unerbittlich, eine erwartbare Zäsur für Vorfreude und Hoffnung. Man sieht ihn kommen mit all seinen Versprechungen und Verheißungen, nur um innerhalb von Minuten an ihm Vorfreude und Hoffnung zerschellen zu lassen. Die Vorfreude im Nu weggeputzt, die Hoffnung abgegrätscht. So geht das übrigens Jahr für Jahr, was ist nochmal die Definition von Wahnsinn? Aber zurück zur Vorfreude, zur Hoffnung, die einem beide so viel geben, so viel mehr geben. Denn was der Sommer auch mit sich bringt, ist das Vergessen („Wir sind abgestiegen? Dann werden wir jetzt eben Meister“ oder „Internationales Geschäft verpasst? Können wir uns jetzt auf die Liga konzentrieren“), das auch benötigt wird für die immer wiederkehrende Vorfreude. Man stelle sich mal vor, nach einer Saison hätte der Fan mit seinem Klub, mit seinem Fußball abgeschlossen. Was wäre das traurig. Der Sommer erfüllt deshalb auch die wichtige Funktion einer rituellen Reinigung, egal wie böse man am Ende der vergangenen Saison war, nach ein paar Wochen ist das vergangen und die Hoffnung wieder da. In der Tat wohnt dieser Reinigung auch ein ökonomischer Faktor inne, denn der Fußball könnte nicht reihenweise Millionäre hervorbringen, wenn nach jeder Saison die enttäuschten Fans dem Sport den Rücken zukehren würden und nach dem Sommer nicht wiederkämen. So eine Fußballpopulation, oder die Gesamtheit der Konsumenten, ist auch irgendwo endlich. Glaube ich zumindest.

    Das Risiko der Übersättigung besteht demnach zwar durchaus, der immer ausgedehntere Kalender mit Spielen in diversesten Wettbewerben bringt Müdigkeit mit sich, auch was den Konsumenten betrifft. Solange es jedoch eine, wie auch immer geartete, Sommerpause gibt, wird sich das nicht in signifikanten Zahlen niederschlagen. Die vielzähligen Streamingdienste müssen sich nicht um ihre Kunden sorgen, denn die Reinigung des Sommers bringt die Vorfreude und die Hoffnung mit sich, welche die Fans vor die Bildschirme treiben. Zumindest am Saisonstart. Und dann ist das Abo auch bereits abgeschlossen, da kann es den Sendern auch egal sein, wie es mit dem Herzensklub weitergeht. Dies gepaart mit der Leidenslust des gemeinen Fußballfans macht eine volkswirtschaftliche Dynamik aus, die man nicht unterschätzen sollte. Vorfreude und Hoffnung, du infernalisches Duo.

    Ach, was ist das schön, dass du wieder da bist, neue Saison, du wirst so viel besser als die alte, du wirst der Kulminationspunkt meiner Mannschaft. Wer mich fragt, wie mein Team gestartet ist, braucht keine freundliche Antwort zu erwarten. Vielleicht ja nächstes Jahr, nach dem nächsten Sommer wieder.

    • Wrexham AFC – Gibt es gute und schlechte Investoren?

      November 29, 2023
      linusspringer

      Wenn eine Mannschaft nach 15 Jahren den sogenannten Non-League-Football verlässt und zurückkehrt in den Kreis der Football League, dann ist zunächst einmal natürlich eines zu sagen: Herzlichen Glückwunsch! Genau dies ist einen Spieltag vor Ende der Saison dem AFC Wrexham gelungen. Nach 45 Spieltagen steht man mit 110 Punkten uneinholbar an der Tabellenspitze, die letzte Partie kann also zur großen Partie, der Aufstieg in die viertklassige League Two gefeiert werden. Zur National League, der fünftklassigen Spielklasse, der Wrexham nun den Rücken kehrt, gibt es diverse Geschichten. Brutal harte 46 Spiele sind zu absolvieren, nur der Erste steigt auf, die anderen müssen in die Playoffs. Auch der AFC hat seinen Teil beigetragen, scheiterte letzte Saison noch in ebenjenen Ausscheidungsspielen. Und in dieser Saison kam es am 43. Spieltag zum ultimativen Aufeinandertreffen mit Notts County, der zweitplatzierten Mannschaft. Wir machen es kurz: Die Waliser gewannen ein unfassbares Spiel mit 3:2, weil Torwart Ben Foster, aus der Premier League bekannt, in der siebten Minute der Nachspielzeit einen Elfmeter hielt. Ekstase pur.

      Im Nachgang wurden viele Texte zu den roten Drachen geschrieben, denn der Verein ist inzwischen international bekannt als der FC Hollywood. Warum das? Er wurde 2020 für 2,8 Millionen Euro von den Schauspielern Ryan Reynolds und Rob McElhenney gekauft, die inzwischen auch ein eigenes Lied von den Fans bekommen haben. Seit dem Einstieg der beiden Amerikaner ist viel passiert in Wrexham, das Stadion wird ausgebaut, es gibt eine Dokumentation über die erste Spielzeit, die Social-Media-Kanäle, besonders TikTok, boomen, das Sponsoring wurde massiv hochgefahren und der Kader wurde mit für die Liga unglaublichen Investitionen zum Aufstieg gedrückt. Dass sich die Fans darüber freuen, scheint zunächst einmal sehr nachvollziehbar. Und doch überrascht die Euphoriewelle, die den neuen Eignern entgegenschlägt, etwas. Bei der Übernahme mussten die beiden Investoren ein Fangremium überzeugen, das die Geschicke des Vereins lenkte, nachdem dieser in grauer Vorzeit bereits einmal vor die Wand gefahren wurde. Offenbar scheint diese historische Begebenheit aber keine Rolle mehr zu spielen.

      Und so fragt man sich: Gibt es gute Investoren und schlechte Investoren? Oder gibt es einfach Investoren? Nicht missverstehen: Natürlich gibt es Menschen mit unterschiedlichen Motiven und auch Arbeitsweisen, auch bei Investoren ist das so. Dennoch muss einmal die Frage aufgeworfen werden, wie der Fußball denn nun damit umgehen will? In England sind die meisten Vereine inzwischen investorengeführt, mal besser, mal schlechter. Die Fans von Manchester United hoffen seit Jahren, dass die Glazer-Familie den Klub abgibt. Vielen anderen geht es auch so, wenn sie nicht schon lange in den Niederrungen des Amateurfußballs versunken sind. Das ist keine englische Eigenheit, in allen anderen Fußballländern kann man ähnliche Beispiele finden, man muss nur zum Beispiel mal bei Malaga oder Valencia nachfragen. Oder in Bordeaux. Oder in Uerdingen oder bei 1860 in München. Und dann gibt es die vermeintlich positive Kehrseite, die aktuell in Wrexham zu bestaunen ist. Oder in Newcastle, wo der Staat Saudi-Arabien, von zweifelhaftem Ruf, Schalten und Walten darf, solange es gut läuft, stehen die Fans voll dahinter. Dabei haben gerade die Anhänger der Magpies zuvor erlebt, was es heißen kann, wenn ein Investor keine Lust mehr hat. Aber wer will nicht Paris Saint-Germain sein?

      Und so sind wir vom beschaulichen Wales in die große Fußballwelt und damit auch nach Deutschland geraten. Denn auch die Bundesliga respektive die DFL haben eine Diskussion angestoßen, ob Investoreneinstiege nicht notwendig sind. Die Fans haben sich dazu klar positioniert: Nein, es ist nicht notwendig. Naja, aber was deren Meinung zählt, sollte Land auf, Land ab bekannt sein. In Deutschland gibt es bereits Konstrukte, die von Fanmitbestimmung abgekoppelt sind, wie Leipzig, oder von Konzernen gelenkt werden wie die „Werksclubs“ Leverkusen und Wolfsburg. Denn Investoren wollen natürlich mitbestimmen, was mit ihrem Geld passiert, da kann man noch so laut 50+1 rufen. Sie wollen nicht einfach Kapital in einen Klub pumpen und dann dabei zusehen, wie es verbrennt. Doch gerade die Fanbestimmung, die einen funktionierenden Verein ausmacht, gerät dadurch in Gefahr. Das Problem der Investoren im Kapitalismus ist: Sie müssen Gewinn erzielen, sonst hat sich das Investment nicht gelohnt. Auch sogenannte „langfristige Partnerschaften“ sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Profit das Ziel ist, bei aller Romantik, die vielleicht manchmal mitschwingt. Und auf dem Weg dahin müssen natürlich auch entsprechende Entscheidungen getroffen werden. Das betrifft zum einen das Sportliche, aber eben auch das Drumherum, das dem Fan so wichtig ist, wichtig zu sein hat. Höhere Ticketpreise bringen mehr Profit, ebenso mehr VIP-Loungen. Sponsorenverträge mit, vielleicht fraglichen, Partnern und Big Playern bringen mehr Profit. Diversifizierte Anstoßzeiten bringen mehr Profit. Eine höhere Anzahl an Spielen bringt mehr Profit. Die Liste lässt sich fortführen, darauf sind eigentlich nur Punkte zu finden, die dem gemeinen Fan zuwider sind. Außer der sportliche Erfolg eben, der gehört auch dazu. Und der überlagert meist das ganze andere unwichtige Zeug. Womit letztlich auch die Euphorie zu erklären ist, die am Anfang eines Engagements meist steht, die aber schnell in Frust und Verzweiflung umschwingen kann.

      Denn gerade mit der sportlichen Wettbewerbsfähigkeit wird im Kontext von Investoreneinstiegen meist argumentiert. Unterschlagen wird dabei aber ein zentraler Punkt: Wichtig ist diese vor allem den Entscheidern oben im Machtgefüge, man will europäisch spielen und dabei auch noch gut. Natürlich, der Fan will auch, dass seine Mannschaft maximal erfolgreich ist, das steht außer Frage. Aber das ist nicht das höchste Gut in einem gemeinnützigen Sportverein, dieser steht für Werte, die mehr bedeuten als Profit. Man drückt seinem Verein auch in unteren Ligen noch die Daumen und auch wenn er nicht die riesigen Weltstars in seinen Reihen hat. Das Licht ganz oben mag besonders hell und damit verlockend sein, aber zu einem gesunden Sport trägt es nicht bei, schon gar nicht zu einem Sport, in dem den Fans ihr Verein gehört und sie über sein Schicksal mitentscheiden können. Und so ist es aus der Ferne auch weiterhin verwunderlich, was im beschaulichen Wrexham geschieht: Die Fans bejubeln ihre eigene Entmündigung zugunsten einer vermeintlich besseren sportlichen Perspektive. Ob das der richtige Weg ist?

    • Infantinos Wieder(lich)wahl: Weiter mit Applaus

      Oktober 29, 2023
      linusspringer

      Er ist es und er bleibt es. Kontinuität gilt gemeinhin als etwas Positives, aber der Begriff lässt sich leider auch auf negative Phänomene anwenden. Ein solches ist die FIFA, ist vor allem ihr Oberhaupt, Anführer, Chef, Präsident, Stammesführer, Herrscher, Diktator, wie man ihn auch nennen will, Gianni Infantino. Ein kontinuierliches Ärgernis. In Kigali, Ruanda, wurde der Schweizer am 16. März für eine weitere Amtszeit bestätigt, diese geht vier Jahre. Nachdem die erste Amtszeit von 2016 bis 2019, als er von Sepp Blatter, der über die Justiz gestolpert war, übernahm, handstreichartig als „keine echte Amtszeit“ eingestuft wurde, darf Infantino uns im Optimalfall noch bis 2031 behelligen, so wollen es die Statuten des Weltverbandes. Man ist geneigt, ihm eine ähnliche Stolperfalle wie seinem Vorgänger zu wünschen, allerdings scheint der Präsident den Mantel von Ignotus Peverell zu haben, so sehr perlt jeglicher Justiz-Ärger (noch) an ihm ab. Aber zurück zur Wahl.

      Vor lauter Rührung über die überraschende Bestätigung seiner nächsten Amtszeit schaffte es Infantino nicht aus dem Stuhl, da er laut eigener Aussage sonst umfallen könnte. Letztlich brachte er es zum Glück für alle Beteiligten aber auch ohne Umfallen fertig und sprach vom Berg der Seligpreisungen herunter: „Alle, die mich lieben, ich weiß, das sind viele, und alle die mich hassen, ich weiß, es gibt da ein paar – ich liebe euch alle.“ Was für starke Worte. Ich fühle mich jetzt auf jeden Fall geliebt, welcher Part der Aussage dabei zutreffend ist, wird vorsichtshalber mal offen gelassen, nur so viel: Ich schäme mich nicht, in der Unterzahl zu sein. FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura gab zurück: „Wir lieben Sie, Mr. President.“ Eine solche Veranstaltung bekommt man sonst nur am Broadway zu sehen, für die diesjährigen Oscars kommt sie knapp zu spät. Wenn man sich dann die Tränen aus den Augen gewischt hat, kann man nochmal einen Blick auf die Wahl werfen. Da es keinen Gegenkandidierenden gab, durfte per Akklamation abgestimmt werden. Lautes Klatschen hieß demnach, man wolle Infantino weiter an der Spitze des Weltverbandes sehen. Was dann auch die meisten Vertreter der über 200 Nationalverbände taten. So schnell geht das, Xi.

      Bei diesem ganzen Prozedere spielt aber auch der DFB, so viel deutsche Brille darf sein, eine Rolle. Der hatte nämlich ritterartig angekündigt, nicht für den Schweizer stimmen bzw. klatschen zu wollen. Da dies nur eine handvoll andere Verbände ebenfalls taten, muss sich das im Saal angefühlt haben wie kurz nach der Landung eines Flugzeugs, wenn alle dem Piloten gratulieren und man selbst sich denkt: Das ist doch sein Job, oder? Aber zurück zur FIFA-Wahl: Was hätte der Deutsche Fußball Bund besser bzw. anders machen können, um dem Klatschdesaster zu entgehen? Zum einen hätte er, durchaus öffentlichkeitswirksam, einfach einen eigenen Kandidierenden präsentieren können. Es bedarf da keiner Hürden oder Ähnlichem, der DFB hätte einfach sagen können, dass er Piotr Trochowski eben für die richtige Wahl hält. Natürlich wäre der der ehemalige Wunderschütze nicht zum Präsidenten gewählt worden, aber diese Benennung hätte etwas erreicht, was ohne Gegenkandidierendem nicht möglich ist. Er hätte dafür gesorgt, dass die Abstimmung geheim stattfinden muss. Und, viel wichtiger, hätte er weithin gezeigt, dass es eine Opposition zu Infantino gibt, dass sein Gebaren nicht einfach hingenommen wird. Chance eins verschenkt. Zum anderen hätte der DFB beim Kongress in Kigali durch seinen Vertreter sehr simpel die Hand heben können, um eine geheime Abstimmung zu beantragen. Auch hier gibt es kein weitverzweigtes Prozedere, sobald ein Verband geheime Abstimmung beantragt, ist es so. Durch die Anonymität geschützt hätten womöglich wesentlich mehr Verbände ihr Unverständnis für Infantino ausgedrückt. Chance zwei verschenkt. Diese zwei verschenkten Chancen zeigen aber vor allem eins, und dies hat wenig mit dem FIFA-Präsidenten zu tun: Der DFB, aber auch die Gesamtheit der europäischen Verbände, haben wesentlich an Einfluss verloren. Sie haben als wenige unter mehr als 200 Nationalverbänden nichts mehr zu sagen. Das kann natürlich, vor allem historisch gesehen, etwas Positives sein. Wenn am Ende dadurch aber ein FIFA-Präsident Infantino herauskommt, muss es etwas Schlechtes bedeuten. Der Fisch stinkt eben vom Kopf. Zu lange haben die vermeintlich Einflussreichen alle verprellt, bis ein infantiler FIFA-Imperator erkannt hat, dass er auf ihre Stimme nicht mehr angewiesen ist. So verbleibt der Fußball als Spielball der Weltpolitik, ohne seiner sinnstiftenden Wirkung nachgehen zu können. Auch weil sich ein DFB nicht aus der Ecke traut. Kontinuierlicher Mist, eben, was an der Spitze des Weltfußballs passiert. Raus mit Applaus.

     

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