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  • Ein Jahr endet – ein Jahr muss beginnen

    Dezember 31, 2025
    benediktkastner

    Wir befinden uns zwischen den Jahren, vor dem Fenster liegt zuverlässig einige Tage nach Weihnachten ein wenig Schnee und es wird – ebenfalls zuverlässig – viel zu verfrüht und von Minderjährigen munter geböllert. Da der Dezember grundsätzlich der stressigste und unangenehmste Monat des Jahres ist, zumindest in unserem Kulturkreis, setzt eine halbwegs adäquate Form der Besinnung bei mir erst einige Tage nach Christi Geburt ein (auch anstrengend, dieses eintagsfliegenartige Neugeborenwerden, nur um in vier Monaten wieder an einem Freitag an das…). Die verschiedenen Bratenformen sind halbwegs verdaut und man ist fast wieder munter, bis einem an Silvester ein Raclette den Rest geben wird. Wenige Sätze noch zu Weihnachten, mehr möchte ich von diesem Jahr nicht Revue passieren lassen: Ich wünsche mir nichts. Materiell habe ich alles und auch zu viel. Was ich nicht habe, brauche ich nicht. Immaterielles? Hier dann bitte die Kalendersprüche, und mir kommt doch noch ein Stück Tierfett von den Feiertagen hoch. Das Jahr hinterlässt einen demoralisiert und desillusioniert, sowohl die Politik als auch den Fußball betreffend. Keine Hoffnung und 60 steigt wieder nicht auf.

    Ich besinne mich also lieber wieder einmal auf meinen Zynismus und blicke in Kürze auf das kommende Jahr, mit vorauseilender Empörung. Denn das nächste Jahr vereint zwei sehr große Feierlichkeiten, die, wie es der spottende Schöpfer so will, unangenehm zusammenfallen: Die Fußballweltmeisterschaft findet 2026 statt, und zwar rund um den Golf von Mexiko in den „Vereinigten“ Staaten von Amerika. Die Nation feiert zudem am 4. Juli das Vierteljahrtausend (The United States Semiquincentennial, wahlweise auch the Bisesquicentennial oder the Sestercentennial). Zumindest in der Ankündigung wird es sicher die größte Feier aller Zeiten werden, wobei man das dieses Mal durchaus glauben darf (Man arbeitet seit 2016 an der Feier mit eigens abgestellter Kommission). Man könnte/sollte/möchte dieses Zusammenfallen von großen Feiern eigentlich begrüßen und nach 20 Jahren ein erneutes „Zu Gast bei Freunden“ ausrufen, nur scheint das in letzter Zeit vor allem aus der nicht sportlichen Betrachtung schwierig geworden, in einer Welt voller „Unterwerfungspazifisten und Traumtänzern“.

    Dabei hätte das wirklich der Anlass sein können für die großartigsten Ausflugspläne (liebevoll Aufwärtsfahrten genannt). Eine WM mit wieder einmal neuer Regelung, daher die Teilnahme von diesmal wirklich fast allen Nationen, was zu rund zigtausend Vorrundenspielen führt. Ein Traum! In einem Land, welches vor 250 Jahren mit der berühmt gewordenen Declaration of Independence ein ideengeschichtliches Vorbild für die liberal-demokratische Welt wurde. Eine Nation, die sich in ihrem Geburtsmoment auf einem Ideal stützt, welches buchstäblich revolutionär war und an welches die Dokumentarregisseur Ken Burns versucht auf monumentale Art zu erinnern. Was für eine fantastische und vielversprechende Kombination an Feiermaterial, wo ist mein Bourbon?!

    Nur leider wird diese Stimmung getrübt von zwei Männern, die uns das Leben und die Feierei leidig machen. Der eine ist Opportunist Gianni Infantino, der andere Egozentriker Donald Trump; für beide bräuchte es stärkere Wörter, weil sie beide die ihnen angelastete Eigenheit ins Extrem gesteigert und in das Autokratische überführt haben. Die Kombination dieser beiden geschmacklosen Männer führt dazu, dass kommendes Jahr ein großes goldenes Kalb in den USA aufgestellt und eine Götzenanbetung betrieben wird, welche für niemanden eine Heilserfahrung bedeuten kann. Die ersten Anzeichen waren bei der Überreichung des neu eingeführten FIFA-Friedenspreises bereits zu sehen. Eine Selbstinszenierung und Selbstbereicherung (und äußerst fragwürdig für eine Organisation in solch unpolitischem Umfeld). Gerade Trump und seine Familie treiben das in den USA gerade auf die Spitze, da sie äußerst exklusive Klientelpolitik betreiben, vor allem für sich selbst. Wir alle müssen uns kommendes Jahr die Frage stellen: Wenn ein Opportunist wie Infantino einen Egozentriker wie Trump so großartig findet und wir immer noch mit der FIFA feiern wollen, was sagt das dann über uns aus?

    Diese Frage möchte ich hier unbeantwortet stehen lassen, da ich davon ausgehe, dass wir sie in den kommenden Monaten zur Genüge diskutiert sehen werden. Vielleicht kommen wir ja dieses Jahr kollektiv zu einer Antwort, die mich dann wiederum in 12 Monaten einen optimistischeren Beitrag von der Seitenlinie schreiben lässt. Das war jetzt hier eine eher unbesinnliche Besinnung zwischen den Jahren, mit einem gewohnt pessimistischen Sinn auf das kommende Jahr und die bevorstehenden Feierlichkeiten. Um ausnahmsweise mal einen Bro-Podcaster zu zitieren – und versprochen, danach nie wieder – „the Declaration of Independence was a love letter to the future“ und sollte vielleicht gerade deshalb wieder gelesen werden; deren Inhalt auch als Antidot zu dem Zynismus in diesem Text hier.

  • Wenn Freunde eine Reise tun

    Dezember 2, 2025
    linusspringer

    Von meinen Freunden sind nicht alle Fußballfans, die meisten sind es sogar nicht. Am Fußball Interessierte gibt es mehr, auch wenn das viel bedeuten kann. Reisen unternimmt man dennoch zusammen. Der Fan, der Interessierte und der Desinteressierte zusammen. Wie kommt das? Und noch wichtiger: Was passiert da (zur Hölle)?

    Wenn jemand einen Vorschlag macht, gibt es, ganz allgemein gesprochen, immer mehrere Varianten der Reaktion. Die klassischen Möglichkeiten bewegen sich zwischen Zustimmung und Ablehnung, zwischen Annahme und Verweigerung, zwischen Teilnahme und Absage. So ist es auch, wenn jemand einen ambitionierten wie möglicherweise waghalsigen Fußball-Wochenend-Plan einbringt, der natürlich eigentlich nur wunderschön ist. Man stellt den Vorschlag vor, wartet die Reaktionen ab, passt an, bespricht Details. Oder stellt ihn vor und sagt: „Das is‘ er, ja oder nein?“ Und so stehen am Ende dann eben Leute, die bereit sind, die Tortur mitzumachen. Man hätte, wie kurz erläutert, auch ablehnen, verweigern, absagen können.

    Stadio Alberto Picco, Spezia vs. Bari
    Stadio Alberto Picco, Spezia vs. Bari

    So kommt man also zu einer Planung, die hier in Anlehnung an die Realität auch kurz dargelegt werden möchte. Donnerstagabend mit dem Nachtzug los, morgens in Parma aus dem Zug hetzen (warum auch immer, man war dank Verspätung schon länger wach), dann weiter nach La Spezia. Dort am Abend die Partie gegen Bari, kein fußballerischer Leckerbissen, immerhin ist die Schlange am Bierstand aber überschaubar. Am Samstag in aller Frühe wieder los zum Bahnhof, in Reggio Emilia aussteigen und den Spaziergang zum Stadion antreten. Die anschließende Frechheit, die man, um im Jargon zu bleiben, wohl als Partie für Taktikliebhaber bezeichnen kann, über sich ergehen lassen. Wenigstens macht der Smalltalk auf der Tribüne Spaß, man hat Zeit, endlich diese unliebsamen Mails abzuarbeiten, die sich noch aufgestaut haben. Und schlussendlich am Sonntag noch das Topspiel Bologna gegen Neapel, das zwar einiges an Stars verspricht, es jedoch, natürlich, auch schafft sich bezüglich Spannung einzureihen in das bisher Gesehene. Und dann wieder mit dem Nachtzug in die Heimat.

    Und damit sind wir wieder beim eigentlichen Zweck des Ganzen, denn Fußball, das ist nur die schönste Nebensache der Welt (welcher Idiot behauptet denn sowas?), also nicht der Hauptgrund für einen derartigen Ausflug. Es geht darum, gemeinsam Zeit zu verbringen. Das klingt banal, war es auch in einer Zeit, als man sich selbst noch als jung bezeichnen konnte. Doch wenn einen die zunehmenden Verpflichtungen des Erwachsenwerdens, welches es im Übrigen, das nur als Einwurf, möglichst lange aufzuhalten gilt, einholen, wird Zeit eben das vielzitierte hohe Gut, auf das es zu achten gilt. Langsam gesellt sich dazu noch die Gesundheit, doch bei dem zugegebenermaßen leicht ausufernden Alkoholkonsum gerade dieser Reisetage kann niemand ernsthaft beteuern, dass nicht die Zeit aktuell an erster Stelle steht.

    MAPEI Stadium, Reggiana vs. Virtus Entella
    MAPEI Stadium, Reggiana vs. Virtus Entella

    Der Fußball dient dabei vielleicht allen, vielleicht nur einigen als Deckmantel für die gemeinsame Unternehmung, die gemeinsame Zeit. Was allerdings nicht abwertend für den Sport ist, sondern das Gegenteil, es ist eine weitere Facette dieses wunderbaren runden Dings. Denn das verbindende Element, dass der Fußball zweifelsohne innehat, sei es innerhalb einer Mannschaft, zwischen Fans, zwischen Freunden, zwischen Familienmitgliedern, das lässt sich auch erweitern auf Personen, die dem klassischen „schauen“, sei es auf dem Bildschirm oder im Stadion, rein privat oder alleine gar nicht zugeneigt wären. Denn es entwickelt sich aus dem Fußball heraus ein Zauber, der gemeinsame Zeit stiftet, die man ansonsten vielleicht nicht hätte. Das mag diverse Gründe haben, manche plausibler als andere, doch darum geht es hier nicht. Es geht alleine um die Wirkung, und die ist unbestreitbar eine vereinigende, eine sinnstiftende, eine verbindende. Dementsprechend braucht es, das könnte man auch gesamtgesellschaftlich und nicht biographisch verstehen, Momente des gemeinsamen Glücks mit dem Ball, weitere, mehr, viele davon.

    Stadio Renato dall'Ara, Bologna vs. Neapel
    Stadio Renato dall’Ara, Bologna vs. Neapel

    Am Ende steigt man nämlich aus dem Zug, der als Transportmittel übrigens eine wichtige, eigene Rolle spielt in dieser Geschichte. Die Art des Reisens wird nämlich auf den Schienen vollendet, klar, es muss auch funktionieren, aber das ist nun wirklich ein anderes Thema. Die Dynamik, die sich in einem Zug entwickelt, ist eine eigene, er ermöglicht gemütliche Runden, Bewegung, Ruhe, Getränke- und Essensaufnahme, rundum alles, was es bei einem Zusammensein braucht. Andere Verkehrsmittel sind da deutlich exkludierender und damit beschränkter, ungeachtet der jeweils eigenen Vorteil, die es möglicherweise gibt. Der Zug ist der Nils Petersen unter den Einwechselspielern, gerade im Hinblick auf den beschriebenen Zweck der Reise. Eine Liebeserklärung an den Fußball, an die gemeinsame Zeit ist damit auch immer, sagen wir zumindest meistens, mit dem Schienenverkehr verknüpft. Ganz nach dem Sprichwort ist der Weg das Ziel, der Weg zum nächsten Stadion, zum nächsten Spiel, zum nächsten Bier. Gemeinsame Zeit eben.

    Wenn man den Zug dann am Ende des Abenteuers verlässt, abgekämpft, glücklich, traurig, froh, dann weiß man, dass die gemeinsame Zeit eine gute war. Missetat begangen.

  • Von Haushaltstreitigkeiten

    November 6, 2024
    benediktkastner

    Dass Deutschland seit quasi schon immer ganz knapp vor dem absoluten Stillstand steht – trotz seines Ranges als drittgrößte Volkswirtschaft mit eklatant viel Platz für übermäßig zur Schau gestellten Wohlstand und der einhergehenden Verwahrlosung – konnten die Bundesbürger in den heiß-brennenden und dann doch kalt-regnerischen Sommerwochen dieses Jahres wieder in aller Ruhe in den allen deutschen Medien verfolgen. Die Bundesregierung, eine mittlerweile sehr fragile Koalition bis losem Zusammenschlusses zunehmend kleiner werdenden Parteien findet stets aufs Neue einen Grund sich zu reiben und Uneinigkeit zu demonstrieren. Eine Haushaltskrise, wie sie jede gute Familie kennt, ist der Dauerbrenner und würde die Nation in Atem halten, wäre es denn für jemanden ausreichend interessant. Doch die Nation befindet sich im rasenden Stillstand (Hartmut Rosa). Nichts geht mehr, bis auf den dritten Urlaub diesen Jahres, das schöne Essen gehen mehrmals die Woche und vielleicht doch noch spontan ein Adele Konzert. Wir drehen uns im Kreis und die Ampel blinkt wie nach selbstverursachtem Kurzschluss. Ähnlich relevant, ähnlich wiederkehrend, ähnlich symptomatisch für Wohlstandsverwahrlosung der Spätmoderne, der Beginn der neuen Saison Deutschlands höchstklassigstem Fußballs. Endlich wieder Bundesliga!!

    Und das bedeutet, neben der Vorfreude auf hochklassige Pre- und Post-Match Interviews, teureren Tickets („Die Inflation!!“ „Die Grünen!!“) und einer weiteren Saison Thomas Müller auch die Frage, wie man sich das Ganze denn eigentlich am Bequemsten zu Gemüte führen könnte. Denn auch wenn früher alles besser war, haben wir doch mittlerweile die geilsten technischen Vorraussetzungen aller Zeiten, auf so vielen Streaming Plattformen wie möglich, jeglichen geilen Fußball zu schauen, ganz gleich wo und wann wir wollen, oder? … leider gar nicht, tut uns Leid. Denn auch hier drohen Haushaltstreitigkeiten aus vielerlei Gründen. Wenn man sich beispielsweise nicht einigen kann, wie man sein dann doch endliches Monatsbudget für welche Abonnements ausgibt.

    Es gestaltet sich zunehmend Endverbraucherunfreundlicher und auch schlichtweg zu kompliziert, sich entspannt Fußball auf den eigenen Bildschirm zu holen. Und wir bleiben heute ganz bewusst nur beim Fußbal, das ist als Denkgymnastik vollends ausreichend. Allein der deutsche Fußball ist aufgeteilt auf mehrere Streaming-Dienste, dazu ein wenig Öffentlich-Rechtliches und sogar RTL (oder war es Sat1? Es war doch mal Sat1?! Und Eurosport?!?! Komm, egal). Die Streaming Dienste sind dann noch ein Mal unterteilt in WOW (von Sky und unter uns: Gar nicht mal so wow…) und DAZN (auch nicht besonders wow), das gilt aber dann nur für die ersten zwei Bundesligen und die Champions-League. Die dritte Bundesliga wird dann nämlich über Magenta Sport übertragen. Und der UEFA-Pokal, der hier weiterhin so heißt, wird in einem der Privatsender gezeigt (siehe die Verwirrung oben). Und die DFB-Pokal Spiele kommen auf ARD & ZDF, aber irgendwie doch auch auf WOW, und eins bestimmt auch auf Kabel 1, das ist nur noch keinem aufgefallen. Wenn dann die Wiederholungen immer um 3 Uhr in der früh auf 3Sat kommen, wäre man dann sogar geneigt der Schließung des Senders zuzustimmen. Achja, und Länderspiele gibt es ja auch noch gelegentlich, da bietet sich zum Glück auch noch ein Teilmarkt an zur Erschließung.

    Soziolog*innen sprechen gerne von ’nicht-intendierten Handlungsfolgen‘, wenn Sie von etwaigen sozio-kulturellen Problemen sprechen, die aus kulturhistorischen Veränderungen erwuchsen und sich in dem Ausmaße unvorhergesehen, Jahre später niederschlagen. Davon darf hier aber keine Rede sein. Denn auch, und vor allem im europäischen Fußball kann man exemplarisch durchdeklinieren, wie diese Welt funktioniert. Viele zahlen, wenige bekommen. Die Frage stellt sich auf wen man denn jetzt mit dem Finger zeigen muss, wer also die Schuld trägt für diese Situation (weil es ja eben intendiert, also mit Absicht sich so gestaltet), und wie man dann etwas ändern kann. Weil natürlich ist die Wut erst einmal groß über die zwei größten Streaming-Dienste DAZN und WOW, weil sie den zweiten gleichzeitigen Stream noch einmal verteuert dazu buchen lassen. Nur sind diese halt auch in dieser Teuer-und-Wucher-Spirale gefangen und sind ja auch darauf angewiesen, dauerhafte Einnahmequellen zu generieren. Und das Problem der gleichzeitigen Nutzung von Streamingdiensten ist ja jetzt nicht nur Profifußballexklusiv.

    Aber sie stehen exemplarisch und zeigen eben recht eindrucksvoll ein Phänomen, welches sich gesamtgesellschaftlich niederschlägt. Einige wenige haben immer mehr, und geben immer größere Unsummen aus. Während die Meisten daraus nicht zwingend profitieren. Denn während von bestimmten größenwahnsinnige Teams immer gigantischere Fußballtempel gebaut werden (siehe Man City, siehe FC Barcelona und, natürlich, Real Madrid), findet durch die vorrausgesetzte Kostendeckung und die daraus resultierende Ticketpreiserhöhungen eine stetig verdichtende Selektierung der Glaubensgemeinschaft statt. Ganz unchristlich benötigt es eine ordentliche Menge Geld, um sich die Teams der höchsten Ligen im Stadion ansehen zu können. Natürlich reden wir da noch nicht von einem Familienausflug und wir diskutieren auch nicht die ohnehin besetzten Tickets durch unzählige Firmenkontingente. Und so gleicht das Spektaktel in der Gesellschaft der Singularitäten auch zunehmend einer Götzenverehrung im Scheinwerferlicht auf grasnarbenem Parkett. Ein Ensemble von Selbstdarstellungskünstlern „verdient“ immer höhere Gehälter, und trägt mit dieser Raupe-Nimmersatt-Einstellung natürlich auch mit bei zu der Preisspirale, die uns zu unserem Problem der verteuerten Möglichkeit des Zuschauens nötigt. Wie ehrenlos manche der Fußballprofis sich dabei verhalten, hat der Boom rund um die Liga in Saudi-Arabien gezeigt, bei der sich zahlose bei erster Gelegenheit aufmerksamkeitsökonomisch prostituierten. Geld als einziger Anreiz, denn attraktiver Fußball konnte es nicht sein.

    Zwei Lösungsvorschläge gäbes jetzt hierfür anzubieten. Die erste sähe eine harte Begrenzung der Transfersummen und Gehälter pro Team vor. Nach bestimmten Regelsätzung durchreglementiert, auch bspw. nach Alter der Spieler, bzw. nach der Zeit, wie lange diese Spieler schon in dem jeweiligen Team/der jeweiligen Liga spielen. Diese kommunistisch anmutende Idee kommt demnach auch aus dem naheliegenden Land, der Vereinigten Staaten von Amerika. Dort sind sogenannte „Salary Caps“ gang und gebe, und lassen immer noch Spielraum für astronomische Beträge, die den zum Teil sehr jungen Männern nach den durchtrainierten Körper geworfen werden. Und auch wenn diese „Salary Caps“ eigentlich dazu gedacht sind, eine gewisse Ausgewogenheit zwischen den Teams herzustellen, stellen sie ja dennoch einen guten Ansatz dar, um keine Ausreißer wild nach vorne preschen zu lassen. Ein kleines Stück weiter gedacht wäre es vielleicht ein Mittel, um insgesamt Gehälter und Geldsummen an ein bestimmtes Maß zu binden.

    Eine zweite Möglichkeit betrifft uns alle als Endverbraucher. Diejenigen, die sich in den Haushaltstreitigkeiten rund um die passenden Streamingdienste, Ticketkäufe und Zeitabsprachen verzanken. Wir haben es letztlich in der Hand und es ist so einfach. Konsumaktivismus, und zwar genau einmal umgedreht. Boycott, Verzicht, weder hingehen, noch einschalten. Kein Geld geben für diejenigen, die schon genug genommen haben. Spielverderber sein, in einem System welches zunehmend die Lust am schönsten Spiel der Welt nimmt. Nebenbei läuft gerade Champions League, es spielt Liverpool. Das ganze wird auf Amazon Prime übertragen…

  • Die Vorfreude ist die letzte Freude – oder: Die Hoffnung stirbt zuerst

    August 29, 2024
    linusspringer

    Der Sommer ohne Fußball, jedenfalls ohne Vereinsfußball, ist dennoch ein Sommer voller Fußball. Denn der Transfermarkt, die Gerüchte und Planungen des eigenen Vereins, treiben einen um, fast mehr, als während der Saison. Unabhängig von der jeweiligen Beurteilung (von „alles Idioten“ bis zu „beste Mannschaft die wir je hatten“) ist dabei die Vorfreude auf die neue Saison, auf den ersten Spieltag, riesig, je näher er kommt, desto weniger ist es auszuhalten. Man versucht sich an diversen Managerspielen und kann doch nur auf den einen Tag, den ersten Tag, der Erlösung schielen. Die Vorfreude, die angeblich die schönste ist, kennt dabei keine Grenzen, wächst ins Unermessliche, wie sich das für eine Erlösung gehört. Sie ist dabei verbunden mit der inhärenten Hoffnung, dass dieses Jahr alles besser wird, alles gut wird, alles endlich so wird, wie es sein soll. Vorfreude und Hoffnung, ein so schönes Duo.

    Jedoch stellt sich schnell heraus, dass die Vorfreude eigentlich ganz hässlich ist. Und die Hoffnung, die stirbt sowieso zuerst, da kann der Volksmund sagen, was er will. Da ist der erste Spieltag, oder meinetwegen die ersten Spieltage, unerbittlich, eine erwartbare Zäsur für Vorfreude und Hoffnung. Man sieht ihn kommen mit all seinen Versprechungen und Verheißungen, nur um innerhalb von Minuten an ihm Vorfreude und Hoffnung zerschellen zu lassen. Die Vorfreude im Nu weggeputzt, die Hoffnung abgegrätscht. So geht das übrigens Jahr für Jahr, was ist nochmal die Definition von Wahnsinn? Aber zurück zur Vorfreude, zur Hoffnung, die einem beide so viel geben, so viel mehr geben. Denn was der Sommer auch mit sich bringt, ist das Vergessen („Wir sind abgestiegen? Dann werden wir jetzt eben Meister“ oder „Internationales Geschäft verpasst? Können wir uns jetzt auf die Liga konzentrieren“), das auch benötigt wird für die immer wiederkehrende Vorfreude. Man stelle sich mal vor, nach einer Saison hätte der Fan mit seinem Klub, mit seinem Fußball abgeschlossen. Was wäre das traurig. Der Sommer erfüllt deshalb auch die wichtige Funktion einer rituellen Reinigung, egal wie böse man am Ende der vergangenen Saison war, nach ein paar Wochen ist das vergangen und die Hoffnung wieder da. In der Tat wohnt dieser Reinigung auch ein ökonomischer Faktor inne, denn der Fußball könnte nicht reihenweise Millionäre hervorbringen, wenn nach jeder Saison die enttäuschten Fans dem Sport den Rücken zukehren würden und nach dem Sommer nicht wiederkämen. So eine Fußballpopulation, oder die Gesamtheit der Konsumenten, ist auch irgendwo endlich. Glaube ich zumindest.

    Das Risiko der Übersättigung besteht demnach zwar durchaus, der immer ausgedehntere Kalender mit Spielen in diversesten Wettbewerben bringt Müdigkeit mit sich, auch was den Konsumenten betrifft. Solange es jedoch eine, wie auch immer geartete, Sommerpause gibt, wird sich das nicht in signifikanten Zahlen niederschlagen. Die vielzähligen Streamingdienste müssen sich nicht um ihre Kunden sorgen, denn die Reinigung des Sommers bringt die Vorfreude und die Hoffnung mit sich, welche die Fans vor die Bildschirme treiben. Zumindest am Saisonstart. Und dann ist das Abo auch bereits abgeschlossen, da kann es den Sendern auch egal sein, wie es mit dem Herzensklub weitergeht. Dies gepaart mit der Leidenslust des gemeinen Fußballfans macht eine volkswirtschaftliche Dynamik aus, die man nicht unterschätzen sollte. Vorfreude und Hoffnung, du infernalisches Duo.

    Ach, was ist das schön, dass du wieder da bist, neue Saison, du wirst so viel besser als die alte, du wirst der Kulminationspunkt meiner Mannschaft. Wer mich fragt, wie mein Team gestartet ist, braucht keine freundliche Antwort zu erwarten. Vielleicht ja nächstes Jahr, nach dem nächsten Sommer wieder.

    • Wrexham AFC – Gibt es gute und schlechte Investoren?

      November 29, 2023
      linusspringer

      Wenn eine Mannschaft nach 15 Jahren den sogenannten Non-League-Football verlässt und zurückkehrt in den Kreis der Football League, dann ist zunächst einmal natürlich eines zu sagen: Herzlichen Glückwunsch! Genau dies ist einen Spieltag vor Ende der Saison dem AFC Wrexham gelungen. Nach 45 Spieltagen steht man mit 110 Punkten uneinholbar an der Tabellenspitze, die letzte Partie kann also zur großen Partie, der Aufstieg in die viertklassige League Two gefeiert werden. Zur National League, der fünftklassigen Spielklasse, der Wrexham nun den Rücken kehrt, gibt es diverse Geschichten. Brutal harte 46 Spiele sind zu absolvieren, nur der Erste steigt auf, die anderen müssen in die Playoffs. Auch der AFC hat seinen Teil beigetragen, scheiterte letzte Saison noch in ebenjenen Ausscheidungsspielen. Und in dieser Saison kam es am 43. Spieltag zum ultimativen Aufeinandertreffen mit Notts County, der zweitplatzierten Mannschaft. Wir machen es kurz: Die Waliser gewannen ein unfassbares Spiel mit 3:2, weil Torwart Ben Foster, aus der Premier League bekannt, in der siebten Minute der Nachspielzeit einen Elfmeter hielt. Ekstase pur.

      Im Nachgang wurden viele Texte zu den roten Drachen geschrieben, denn der Verein ist inzwischen international bekannt als der FC Hollywood. Warum das? Er wurde 2020 für 2,8 Millionen Euro von den Schauspielern Ryan Reynolds und Rob McElhenney gekauft, die inzwischen auch ein eigenes Lied von den Fans bekommen haben. Seit dem Einstieg der beiden Amerikaner ist viel passiert in Wrexham, das Stadion wird ausgebaut, es gibt eine Dokumentation über die erste Spielzeit, die Social-Media-Kanäle, besonders TikTok, boomen, das Sponsoring wurde massiv hochgefahren und der Kader wurde mit für die Liga unglaublichen Investitionen zum Aufstieg gedrückt. Dass sich die Fans darüber freuen, scheint zunächst einmal sehr nachvollziehbar. Und doch überrascht die Euphoriewelle, die den neuen Eignern entgegenschlägt, etwas. Bei der Übernahme mussten die beiden Investoren ein Fangremium überzeugen, das die Geschicke des Vereins lenkte, nachdem dieser in grauer Vorzeit bereits einmal vor die Wand gefahren wurde. Offenbar scheint diese historische Begebenheit aber keine Rolle mehr zu spielen.

      Und so fragt man sich: Gibt es gute Investoren und schlechte Investoren? Oder gibt es einfach Investoren? Nicht missverstehen: Natürlich gibt es Menschen mit unterschiedlichen Motiven und auch Arbeitsweisen, auch bei Investoren ist das so. Dennoch muss einmal die Frage aufgeworfen werden, wie der Fußball denn nun damit umgehen will? In England sind die meisten Vereine inzwischen investorengeführt, mal besser, mal schlechter. Die Fans von Manchester United hoffen seit Jahren, dass die Glazer-Familie den Klub abgibt. Vielen anderen geht es auch so, wenn sie nicht schon lange in den Niederrungen des Amateurfußballs versunken sind. Das ist keine englische Eigenheit, in allen anderen Fußballländern kann man ähnliche Beispiele finden, man muss nur zum Beispiel mal bei Malaga oder Valencia nachfragen. Oder in Bordeaux. Oder in Uerdingen oder bei 1860 in München. Und dann gibt es die vermeintlich positive Kehrseite, die aktuell in Wrexham zu bestaunen ist. Oder in Newcastle, wo der Staat Saudi-Arabien, von zweifelhaftem Ruf, Schalten und Walten darf, solange es gut läuft, stehen die Fans voll dahinter. Dabei haben gerade die Anhänger der Magpies zuvor erlebt, was es heißen kann, wenn ein Investor keine Lust mehr hat. Aber wer will nicht Paris Saint-Germain sein?

      Und so sind wir vom beschaulichen Wales in die große Fußballwelt und damit auch nach Deutschland geraten. Denn auch die Bundesliga respektive die DFL haben eine Diskussion angestoßen, ob Investoreneinstiege nicht notwendig sind. Die Fans haben sich dazu klar positioniert: Nein, es ist nicht notwendig. Naja, aber was deren Meinung zählt, sollte Land auf, Land ab bekannt sein. In Deutschland gibt es bereits Konstrukte, die von Fanmitbestimmung abgekoppelt sind, wie Leipzig, oder von Konzernen gelenkt werden wie die „Werksclubs“ Leverkusen und Wolfsburg. Denn Investoren wollen natürlich mitbestimmen, was mit ihrem Geld passiert, da kann man noch so laut 50+1 rufen. Sie wollen nicht einfach Kapital in einen Klub pumpen und dann dabei zusehen, wie es verbrennt. Doch gerade die Fanbestimmung, die einen funktionierenden Verein ausmacht, gerät dadurch in Gefahr. Das Problem der Investoren im Kapitalismus ist: Sie müssen Gewinn erzielen, sonst hat sich das Investment nicht gelohnt. Auch sogenannte „langfristige Partnerschaften“ sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Profit das Ziel ist, bei aller Romantik, die vielleicht manchmal mitschwingt. Und auf dem Weg dahin müssen natürlich auch entsprechende Entscheidungen getroffen werden. Das betrifft zum einen das Sportliche, aber eben auch das Drumherum, das dem Fan so wichtig ist, wichtig zu sein hat. Höhere Ticketpreise bringen mehr Profit, ebenso mehr VIP-Loungen. Sponsorenverträge mit, vielleicht fraglichen, Partnern und Big Playern bringen mehr Profit. Diversifizierte Anstoßzeiten bringen mehr Profit. Eine höhere Anzahl an Spielen bringt mehr Profit. Die Liste lässt sich fortführen, darauf sind eigentlich nur Punkte zu finden, die dem gemeinen Fan zuwider sind. Außer der sportliche Erfolg eben, der gehört auch dazu. Und der überlagert meist das ganze andere unwichtige Zeug. Womit letztlich auch die Euphorie zu erklären ist, die am Anfang eines Engagements meist steht, die aber schnell in Frust und Verzweiflung umschwingen kann.

      Denn gerade mit der sportlichen Wettbewerbsfähigkeit wird im Kontext von Investoreneinstiegen meist argumentiert. Unterschlagen wird dabei aber ein zentraler Punkt: Wichtig ist diese vor allem den Entscheidern oben im Machtgefüge, man will europäisch spielen und dabei auch noch gut. Natürlich, der Fan will auch, dass seine Mannschaft maximal erfolgreich ist, das steht außer Frage. Aber das ist nicht das höchste Gut in einem gemeinnützigen Sportverein, dieser steht für Werte, die mehr bedeuten als Profit. Man drückt seinem Verein auch in unteren Ligen noch die Daumen und auch wenn er nicht die riesigen Weltstars in seinen Reihen hat. Das Licht ganz oben mag besonders hell und damit verlockend sein, aber zu einem gesunden Sport trägt es nicht bei, schon gar nicht zu einem Sport, in dem den Fans ihr Verein gehört und sie über sein Schicksal mitentscheiden können. Und so ist es aus der Ferne auch weiterhin verwunderlich, was im beschaulichen Wrexham geschieht: Die Fans bejubeln ihre eigene Entmündigung zugunsten einer vermeintlich besseren sportlichen Perspektive. Ob das der richtige Weg ist?

    • Infantinos Wieder(lich)wahl: Weiter mit Applaus

      Oktober 29, 2023
      linusspringer

      Er ist es und er bleibt es. Kontinuität gilt gemeinhin als etwas Positives, aber der Begriff lässt sich leider auch auf negative Phänomene anwenden. Ein solches ist die FIFA, ist vor allem ihr Oberhaupt, Anführer, Chef, Präsident, Stammesführer, Herrscher, Diktator, wie man ihn auch nennen will, Gianni Infantino. Ein kontinuierliches Ärgernis. In Kigali, Ruanda, wurde der Schweizer am 16. März für eine weitere Amtszeit bestätigt, diese geht vier Jahre. Nachdem die erste Amtszeit von 2016 bis 2019, als er von Sepp Blatter, der über die Justiz gestolpert war, übernahm, handstreichartig als „keine echte Amtszeit“ eingestuft wurde, darf Infantino uns im Optimalfall noch bis 2031 behelligen, so wollen es die Statuten des Weltverbandes. Man ist geneigt, ihm eine ähnliche Stolperfalle wie seinem Vorgänger zu wünschen, allerdings scheint der Präsident den Mantel von Ignotus Peverell zu haben, so sehr perlt jeglicher Justiz-Ärger (noch) an ihm ab. Aber zurück zur Wahl.

      Vor lauter Rührung über die überraschende Bestätigung seiner nächsten Amtszeit schaffte es Infantino nicht aus dem Stuhl, da er laut eigener Aussage sonst umfallen könnte. Letztlich brachte er es zum Glück für alle Beteiligten aber auch ohne Umfallen fertig und sprach vom Berg der Seligpreisungen herunter: „Alle, die mich lieben, ich weiß, das sind viele, und alle die mich hassen, ich weiß, es gibt da ein paar – ich liebe euch alle.“ Was für starke Worte. Ich fühle mich jetzt auf jeden Fall geliebt, welcher Part der Aussage dabei zutreffend ist, wird vorsichtshalber mal offen gelassen, nur so viel: Ich schäme mich nicht, in der Unterzahl zu sein. FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura gab zurück: „Wir lieben Sie, Mr. President.“ Eine solche Veranstaltung bekommt man sonst nur am Broadway zu sehen, für die diesjährigen Oscars kommt sie knapp zu spät. Wenn man sich dann die Tränen aus den Augen gewischt hat, kann man nochmal einen Blick auf die Wahl werfen. Da es keinen Gegenkandidierenden gab, durfte per Akklamation abgestimmt werden. Lautes Klatschen hieß demnach, man wolle Infantino weiter an der Spitze des Weltverbandes sehen. Was dann auch die meisten Vertreter der über 200 Nationalverbände taten. So schnell geht das, Xi.

      Bei diesem ganzen Prozedere spielt aber auch der DFB, so viel deutsche Brille darf sein, eine Rolle. Der hatte nämlich ritterartig angekündigt, nicht für den Schweizer stimmen bzw. klatschen zu wollen. Da dies nur eine handvoll andere Verbände ebenfalls taten, muss sich das im Saal angefühlt haben wie kurz nach der Landung eines Flugzeugs, wenn alle dem Piloten gratulieren und man selbst sich denkt: Das ist doch sein Job, oder? Aber zurück zur FIFA-Wahl: Was hätte der Deutsche Fußball Bund besser bzw. anders machen können, um dem Klatschdesaster zu entgehen? Zum einen hätte er, durchaus öffentlichkeitswirksam, einfach einen eigenen Kandidierenden präsentieren können. Es bedarf da keiner Hürden oder Ähnlichem, der DFB hätte einfach sagen können, dass er Piotr Trochowski eben für die richtige Wahl hält. Natürlich wäre der der ehemalige Wunderschütze nicht zum Präsidenten gewählt worden, aber diese Benennung hätte etwas erreicht, was ohne Gegenkandidierendem nicht möglich ist. Er hätte dafür gesorgt, dass die Abstimmung geheim stattfinden muss. Und, viel wichtiger, hätte er weithin gezeigt, dass es eine Opposition zu Infantino gibt, dass sein Gebaren nicht einfach hingenommen wird. Chance eins verschenkt. Zum anderen hätte der DFB beim Kongress in Kigali durch seinen Vertreter sehr simpel die Hand heben können, um eine geheime Abstimmung zu beantragen. Auch hier gibt es kein weitverzweigtes Prozedere, sobald ein Verband geheime Abstimmung beantragt, ist es so. Durch die Anonymität geschützt hätten womöglich wesentlich mehr Verbände ihr Unverständnis für Infantino ausgedrückt. Chance zwei verschenkt. Diese zwei verschenkten Chancen zeigen aber vor allem eins, und dies hat wenig mit dem FIFA-Präsidenten zu tun: Der DFB, aber auch die Gesamtheit der europäischen Verbände, haben wesentlich an Einfluss verloren. Sie haben als wenige unter mehr als 200 Nationalverbänden nichts mehr zu sagen. Das kann natürlich, vor allem historisch gesehen, etwas Positives sein. Wenn am Ende dadurch aber ein FIFA-Präsident Infantino herauskommt, muss es etwas Schlechtes bedeuten. Der Fisch stinkt eben vom Kopf. Zu lange haben die vermeintlich Einflussreichen alle verprellt, bis ein infantiler FIFA-Imperator erkannt hat, dass er auf ihre Stimme nicht mehr angewiesen ist. So verbleibt der Fußball als Spielball der Weltpolitik, ohne seiner sinnstiftenden Wirkung nachgehen zu können. Auch weil sich ein DFB nicht aus der Ecke traut. Kontinuierlicher Mist, eben, was an der Spitze des Weltfußballs passiert. Raus mit Applaus.

    • Scouting im Mai

      Juni 8, 2023
      benediktkastner

      Liebe Freunde des gepflegten Rasensports, wir versorgen euch nach einem Monat Abstinenz wieder mit was Kleinem zum Lesen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten zu erklären, warum ein ganzer Monat ausgelassen wurde, gerade im Frühjahr, wo es doch traditionell heißt, man würde aus dem langen Winterschlaf erwachen, mit Elan und der Sonne im Nacken. Von der Seitenlinie aus ist uns aber natürlich allen klar, dass der Frühjahr die Monate der Entscheidungen sind. Entscheidungen in nationalen Pokalen (möchten an dieser Stelle explizit dem Rasenballsport zu gar nichts gratulieren), internationalen Pokalen (am Samstagabend wird Pep es endlich wieder nach langer Zeit geschafft haben) und natürlich in den nationalen Ligenwettbewerben. Da die Editoren der Seitenlinie in den Farben rot/weiß und gelb/schwarz denken und fühlen, wollen wir uns vor allem auf das Verbindende hellblau konzentrieren, das die Herzen der Fußballfans höher schlagen ließ in den vergangenen Wochen und Monaten: Der SSC aus Napoli ist endlich wieder Meister der Serie A! Und das ist Grund zur Freude. Schon im Vorfeld wurde viel über die Relevanz der Erfolge des Clubs aus dem Süden Italiens geschrieben. Und wir können uns nur der Analyse anschließen, dass es nicht nur ein nostalgischer Triumph ist für Fußballfans im Generellen, sondern eben auch ein Sieg für den gesamtem italienischen Süden.

      Mit Blick auf die Sommerpause blicken wir auch schon (weit) voraus, nämlich auf die Sommerpause 2026, da wird die nächste Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und natürlich der USA stattfinden. Und vorausgesetzt die Vereinigten Staaten tragen bis dahin noch diesen Titel könnte es gut möglich sein, dass es dann einen Reisebericht der Seitenlinie vor Ort geben wird. Es ist zu hoffen, dass der um sich greifenden Wettsucht bis dahin Einhalt geboten werden konnte. In manchen Staaten (bspw. Virginia) hat sich die verwette Geldmenge zwischen 2021 und 2022 um 50% erhöht. Mit dem kommodifizierten Sport lässt sich auf viele Arten Geld machen, hoffentlich leidet die Sportwelt und schlussendlich die Fans nicht darunter. Diese haben schon zur Genüge schwer zu schaffen bei den verschiedenen organisatorischen Auflagen der Verbände, wie nachfolgendes Beispiel illustriert.

      Als einziges deutsches Team hat sich Bayer Leverkusen im internationalen Wettbewerb ins Halbfinale gespielt und trifft dort auf die AS Rom. Ausgetragen wird dieses Halbfinale am 11. und 18. Mai, das Finale in Budapest ist dann am 31. Mai. Wer als Anhänger der Werkself auf das Endspiel hofft und sich nach einem eventuell gewonnenen Halbfinale um Tickets bemühen möchte, schaut jedoch in die Röhre. Diese wurden nämlich bereits vergeben. In einer Ticketlotterie haben sich alle interessierten Fans, die Finalkarten haben möchten, bis 28. April eintragen müssen, immerhin eine Woche dauerte die Verkaufsphase. Großzügigerweise hat die UEFA den Fans dabei die Option eingeräumt, die Tickets nur abnehmen zu müssen, wenn das eigene Team auch wirklich in Budapest antreten darf. Wunderbar. Wobei man als Leverkusener vielleicht sagen müsste: So ein internationales Finales lasse ich mir auch ohne eigene Beteiligung nicht entgehen. So ist zum Beispiel auch folgende Konstellation möglich: Im Finale trifft Sevilla auf die Roma, und man selbst sitzt mit seinem Bayer-Schal aber neben einem Juventus-Anhänger. Die UEFA lebt Völkerverständigung.
      Aus diesem Grund ist es ihr auch wichtig, von 63.000 Karten in Budapest 16.200 selbst zu vergeben, während die Vereine jeweils 15.000 Tickets erhalten. In der Champions League, bei der das ganze Verfahren übrigens gleich abläuft, sind es sogar 24.800 Tickets von 72.000 Plätzen, immerhin werden die Vereine hier noch mit 20.000 Karten bedacht. Dennoch weiß man schon jetzt: Im Finale der Königsklasse in Istanbul wird ein Drittel der Zuschauer aus Sponsoren bestehen, die Tickets von ebenjener UEFA erhalten haben, als freundschaftliche Zuwendung und Dank für das tolle Engagement. Ob das wirklich gerecht ist?

      Fragen wie diese werden nicht nur am Wochenende zwischen Bundesliga und Kreisklasse, in den Stadien und an Bolzplätzen diskutiert, sondern sind auch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Mit dem Titel Sports and Politics. Commodification, Capitalist Exploitation, and Political Agency hat der Professor für Golbal History an der Norwegischen Universität Nord, Frank Jacob, einen Sammelband herausgegeben, der sich aus unterschiedlichen Perspektiven den im Titel aufgeworfenen Zusammenhängen und Spannungsverhältnissen widmet. In drei übergeordneten Kapitellen werden kritisch die Einflüsse von Korruption, Rassismus, sexuellem Missbrauch und Homophobia untersucht und die einzelnen Autor:innen kommen zu dem Ergebnis, welches uns allen gewahr ist: Der Sport ist und war niemals unpolitisch, sondern vielmehr eingebettet in eine komplexe politisierte Welt. Ist diese schlecht, macht sie auch den Sport kaputt.

    • Fußballer als Straftäter – Dürfen die Alles?

      Juni 7, 2023
      linusspringer

      Die Boulevardblätter freuen sich, jubilieren gar, jedes Mal, wenn sich der Fußball nicht mit sich selbst, sondern mit seinen Auswüchsen beschäftigen muss. Die heutigen Profis sind Stars, manchmal doch eher lokaler, oft aber nationaler oder internationaler Tragweite. Damit sind sie natürlich auch für genannte Medien von großem Interesse, insbesondere dann, wenn sie sich Verfehlungen neben dem Platz leisten. Man sollte meinen, dass sich diese in Grenzen halten, sich wenn, dann auf Partys oder andere Exzesse beschränken. Tatsächlich aber sind auffällig viele Profis auch schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Beispiele gefällig? Marco Reus wurde 2014 beim Fahren ohne Führerschein erwischt, er hatte nur einen gefälschten aus den Niederlanden. Dabei war der BVB-Kapitän wohl jahrelange ohne Lappen unterwegs, am Ende muss er deshalb 540.000 Euro zahlen. Inzwischen hat er die Prüfung offiziell bestanden. Ähnlich erging es übrigens Michael Cuisance. Dabei handelt es sich dabei noch um ein relativ harmloses Verbrechen möchte man sagen. Schlimmer wird es dann aber schon bei den großen der Branchen, namentlich Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. Der Portugiese soll 14,7 Millionen Euro, der Argentinier immerhin nur 4,1 Millionen Euro dem Fiskus vorenthalten haben. Bei Angel di Maria waren es 1,3 Millionen, bei Modric dann nur noch 870.000. Dazu kommen dann auch noch Neymar, James Rodriguez, Alexis Sanchez, Xabi Alonso und viele mehr. Allesamt mussten sie nicht hinter Gitter, sie durften die Steuer großzügigerweise Nachzahlen und sind durch eine Strafzahlung, die sich aufgrund ihrer horrenden Gehälter allesamt leisten konnten, der dazugehörenden Bewährungs- oder Gefängnisstrafe entgangen. Eine Zwei-Klassen-Justiz? Natürlich nicht erkennbar.

      Wagt man sich tiefer in den Sumpf, trifft man auf dann weitaus folgenreichere Verbrechen. Mason Greenwood wurde der versuchten Vergewaltigung und Körperverletzung angeklagt, inzwischen wird er aber nicht mehr strafrechtlich verfolgt, immerhin. Benjamin Mendy sah sich mit acht Anklagen konfrontiert, sechs davon wurden fallengelassen, ein Vorwurf der Vergewaltigung und eine Anklage wegen versuchter Vergewaltigung bestehen aber noch. In erster Instanz verurteilt wurde Jerome Boateng, das Gericht sah den Vorwurf der Körperverletzung seiner Freundin als erwiesen an. Er hat Berufung eingelegt. Gegen Atakan Karazor vom VfB Stuttgart läuft seit 2022 auf Ibiza ein Strafverfahren wegen sexueller Nötigung, er saß dort sechs Wochen in Untersuchungshaft. Dass noch nicht Anklage erhoben wurde, hat einen einfachen Grund: Die spanische Justiz ist überlastet. Neuester Profi in dieser unrühmlichen Reihe ist Anthony von Manchester United, seine Freundin hat Anzeige gegen ihn erstattet und wirft ihm häusliche Gewalt, Körperverletzung und Bedrohung vor.

      Aus einer anderen Verbrechensrichtung kommen Jean-Luc Dompe und William Mikelbrencis vom Hamburger SV, sie wurden von ihrem Klub zu Geldstrafen verurteilt, weil sie an einem illegalen Autorennen teilgenommen und nach einem Unfall mit einer Bushaltestelle Fahrerflucht begangen haben sollen. Arturo Vidal wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, weil in einem Münchner Klub jemanden verprügelt hat. Dem traut man das Ganze wenigstens zu. Yannick Carrasco durfte wegen des Vorwurfs der Körperverletzung China sogar kurze Zeit mal nicht verlassen. Diese Liste lässt sich, leider, ziemlich beliebig fortführen. Was natürlich nicht bedeuten soll, dass Fußballer unter Generalverdacht gestellt werden sollen. Es ist einfach nur auffallend, wie viele von ihnen mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

      Da kommt unweigerlich die Frage auf, ob da ein Berufsstand den sogenannten Kontakt zur Basis verloren hat. Heutzutage bewegen sich Profis in Blasen, sie können nicht unerkannt auf die Straße gehen, ein normales Leben sieht anders aus, trotz oder wegen des ganzen Geldes. Zudem werden sie meist schon enorm früh für den Beruf rekrutiert, Teile der Kindheit und vor allem des jungen Erwachsenenlebens bleiben da auf der Strecke. Diese Kombination zusammen mit unermesslichem Reichtum und womöglich auch noch Langeweile führt offenbar zu einem toxischen Cocktail, der zu Straftaten verführt. Und offenbar herrscht unter den Profis auch die Einstellung vor, dass man dafür ohnehin nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Allerhöchstens muss man etwas von seinem Festgeldkonto abdrücken, das ohnehin gaunerhaft gefüllt ist. So weit, so schlimm.

      Auf der anderen Seite stehen aber auch Vereine und Fans, denen das Ganze ebenfalls relativ egal zu sein scheint. Innerhalb kürzester Zeit stehen die Profis wieder auf dem Rasen, sie sind wichtige Bestandteile der Mannschaft. Und die Anhänger jubeln ihnen dann auch wieder zu, denn sie schießen Tore, bringen den Klub nach oben. Alles vergeben und vergessen, was es auch gewesen sein mag. In besonders schlimmen Fällen greifen Klubs zumindest manchmal zu einer Suspendierung, die allerdings im Bedarfsfall schnell wieder rückgängig gemacht werden kann. Und so bleibt am Ende das Gefühl stehen, dass sich Profifußballer mehr rausnehmen dürfen, als erlaubt sein sollte, und dies auch machen. Da das System bisher super funktioniert, sieht es aktuell auch nicht danach aus, als würde sich kurzfristig daran etwas ändern.

      Vielleicht wären die Gerichte, die die entsprechenden Fälle behandeln, gut beraten, statt einer verpuffenden Geldstrafe mal ein Sportverbot auszusprechen. Das würde die Profis sicher schlimmer treffen und vielleicht auch mal dazu führen, dass ein gesetzeswidriges Verhalten reflektiert wird. Und es würde sicher dazu führen, dass die Klubs ihre Angestellten stringenter darauf hinweisen, dass man sich an geltendes Recht zu halten hat. Vielleicht muss auch die Politik die Möglichkeiten für einen solchen Eingriff schaffen. Vielleicht ist das aber auch eine dumme Idee.

    • Scouting im März

      April 5, 2023
      benediktkastner

      Das neueste Scouting kommt wie alle Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung, leicht verspätet. Im Unterschied zu den Genannten allerdings vollgepackt mit allem, was das Leben glücklicher macht. Es wird sich um viel Einzigartiges drehen in diesem Monat, tolle Bahnfahrten nach Italien, wilde Werbedeals, einen begnadeten Mittelfeldspieler und die Erkenntnis, dass es zum Glück wirklich nur einen Rudi Völler gibt.

      Beginnen wollen wir mit unserem Quasi-Nachbarland und froher Kunde. Die Reisenden, insbesondere die Zugreisenden, unter uns wird es freuen: Trenitalia und die Deutsche Bahn haben neue Verbindungen zwischen Berlin und Rom angekündigt, insbesondere auch in der Nacht. Es gilt zwar noch einige Hürden in der EU-Gesetzgebung zu beseitigen, dann kann das Ganze aber Wirklichkeit werden. Abends in den Zug steigen, mittags mit einem Bier wieder rausfallen und dann genügsam nach einem muntermachenden Caffe ins abgeratzte Olimpico gehen. Wen das nicht vom Bahnfahren überzeugt, der ist verloren, wie Kevin in der nachfolgenden Geschichte.

      Wenn man so durch seine Nachrichten-Timeline slidet wie Sol Campbell zu seinen besten Zeiten durch Verteidiger-Beine wird einem natürlich auch jede Menge Werbung angezeigt, klar. Darunter ist auch die eine oder andere Fast-Food-Kette, weshalb diese Meldung fast durchgerutscht wäre: Kevin De Bruyne und McDonalds schließen Werbevertrag ab. Bitte? Dazu sagt der Mittelfeldspieler: „Es ist erfüllend, meine Plattform für etwas Gutes nutzen.“ Wie bitte? „Das macht es mir einfacher, mit ihnen zusammenzuarbeiten, da wir ein gemeinsames Ziel haben.“ Ähm, was? Der Belgier, der als Fußballer definitiv zu den Besten der Welt gehört, muss da was verwechselt haben. Aus seinen Einlassungen ergeben sich nämlich diverse Fragen, die noch zu klären wären. Eine könnte zum Beispiel lauten: „Was, zur Hölle, tut McDonalds denn Gutes?“ Oder auch: „Was bitte ist denn da das gemeinsame Ziel?“ Auf die erste Frage könnte man noch halbernst antworten, dass De Bruyne und seine Familie regelmäßig selbst Fast-Food-Ketten aufsuchen (was sie selbstverständlich machen dürfen, da will man nicht reinreden) und von daher McD durchaus als sinnvolle Nahrungsmittelbeschaffungsmaschinerie (ach Deutsch, du schöne Sprache) bezeichnen könnten. Aber spätestens bei der zweiten Frage ergeben sich bei der Beantwortung Probleme. Ist das Ziel die Verfettung der (belgischen) Bevölkerung? Und falls ja, was hat denn der Akteur von Manchester City davon? Selbstverständlich werden wir darauf keine Antworten erhalten, dennoch wirft es mal wieder ein Schlaglicht auf das fehlende soziale Bewusstsein eines Sports und seiner Sportler, die sich mehr um ihren (prall gefüllten) Geldbeutel sorgen als um gesellschaftliche Veränderungen. Wenn man fies wäre (hier bekommt jeder sein Fett weg) könnte man noch nachschieben, dass De Bruyne zumindest etwas aussieht wie Ronald McDonald, aus dieser Perspektive macht die Partnerschaft also durchaus Sinn. Sind wir aber nicht. Aus Protest gibt es jetzt erstmal einen Big Mac, das hat De Bruyne davon.

      Ähnliche Position spielend und ähnlich positiv auffallend auf dem Platz allerdings auch wirklich aufgrund seiner fußballerischen Fägihkeiten Mittelpunkt unseres Scoutings ist Martin Ødegaard. Der 24 jährige offensichtlich Magiebegabte der „Gunners“ übernimmt eine zentrale Rolle in der Erfolgsgeschichte des FC Arsenal in dieser Saison, und wir wissen warum. Er ist Weltklasse und ein Außnahmespieler. Was ihn unter Anderem so besonders macht? Seine Fähigkeit zu Field Scans während des Spiels. Noch nie gehört? YouTube hat seine Sonnenseiten und in einem Beitrag vom Kanal „BeYourBestPro“ wird Ødegaards Fähigkeit, vor, während und nach der Ballanahme das Spielfeld zu scannen, analysiert. Es ist eine sehr beeindruckende Darbietung und noch ein Grund mehr Spiele des kommenden Premier League Meisters anzuschauen.

      „Es gibt nur einen Rudi Völler“, und das ist vermutlich auch nichts wirklich Schlechtes, da der ehemals Bespuckte auch weiterhin Interviews gibt. Diese waren noch nie Völlers Lieblingsbeschäftigung, vor allem nicht vor der Kamera, meist schlecht gelaunt zeichnete er sich nicht als besonders umgänglich aus Fragen von Sportjournalisten zu beantworten. In anderen Worten: So gut bezahlt die Posten als Manager, Sportdirektor, usw. auch sind, so gleichzeitig ungern scheinen die Menschen, die diese Posten besetzen, gewillt ihren Job, ohne dabei die Arbeit der Mitmenschen schwerstmöglich, zu machen. Der Satz gerade eben war möglichst kompliziert formuliert, damit ihn unser ehemals Nationalstürmer mit Temperament nicht in den falschen Hals bekommt, der Hanauer aus Leidenschaft projiziert sich in einem absurden Interview auf die Gebrüder Grimm, die für ihn eine Rechtfertigung darstellen, nicht gendern zu müssen. Was ja erstmal exakt so interessant und weltbewegend ist, wie es von Sportfunktionär wie Rudi Völler zu erwarten ist. Ihn „gibt es nur zu hundert Prozent“. Reicht völlig.

      Und wenn wir schon bei Sympathieträgern für die nationale Einheit sind, sollten wir unbedingt noch einen Blick nach Berlin werfen. Ja, da spielen die “Eisernen“, Union Berlin, ein Arbeiterverein, der abermals eine grandiose Saison hinlegt und den Glaube an erfolgreichen deutschen Hauptstadtfußball am Leben hält. Gemeint ist aber die andere Top-Mannschaft, die etwas weiter im Stadtinneren die Bälle lang schlagen und zu oft im Abseits stehen. Laut einem Beitrag der SZ gibt es nichts Einenderes für die Herren und Damen im Bundestag als das rollende Leder, bzw. sogar das deutsche „Classico“, das Spiel zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund. In der Politikwissenschaft wird oft von Repräsentationslücken geschrieben, bspw. sind bestimmte Schichten und Milieus, Menschen mit Migrationshintergrund, oder auch niedrigere Bildungsabschlüsse proportional unterrepräsentiert. Der Volkssport Fußball und die Vereinen der Bundesligen scheinen aber ausreichend bis überrepräsentiert. „Fußball sei immer ein schneller Einstieg für politische Gespräche, sagt (Lars) Klingbeil (SPD).“ Das mussten viele Fußballfans schon leidig selbst erleben. Schön zu sehen, dass der Fußball anscheinend sogar Bundestagsabgeordnete dazu bringt sich über Politik zu unterhalten.

    • Die kommodifizierte Welt des US Basketballs

      März 26, 2023
      benediktkastner

      Richard Guilanotti und Dino Numerato haben in einer Sonderausgabe des Journal of Consumer Culture die Beziehung zwischen globalem Sport und consumer culture herausgearbeitet (Guilanotti und Numerato 2018: 230ff.). Sie stellen fest, dass sich diese Verbindung, historisch betrachtet, in drei Phasen aufteilen lässt und sich durch zunehmende Intensivierung auszeichnet. In einer ersten Phase dieser Entwicklung (Spätes Neunzehntes Jahrhundert bis Mitte der Neunzehnvierziger), die sie als take-off Phase bezeichnen, ist eine Professionalisierung der Athleten zu beobachten, möglich gemacht durch eine Standardisierung und zunehmender Popularität in der Bevölkerung mit daraus resultierenden zunehmenden Zuschauerzahlen. Während in dieser ersten Phase noch teils eine Limitierung auf elitäre Kreise auszumachen ist, wird diese in der zweiten Phase, der integrativen und expansionistischen Phase, zunehmend aufgebrochen, der Sport schafft es, Anschluss an kommerzialisierte Jugend- und Populär-Kultur zu finden. Die Berichterstattung im Fernsehen und den restlichen Massenmedien, bspw. dem Radio, ist professionalisiert, Sport Kleidung ist kommerzialisiert und es entsteht ein Sport-Lifestyle, der sich in der Entstehung einer Fitness-Industrie und der flächendeckenden Bewerbung von verschiedenen Sportarten zeigt. Seit den Neunzehnneunzigern befinden wir uns nun in der dritten Phase, einer der transnationalen Hyper-Kommodifizierung, gekennzeichnet von sowohl globaler Produktion als auch globalem Konsum, von Verbindungen zwischen sogenannten (global) brands, das können sowohl Spieler als auch Vereine sein, und transnationalen Unternehmen.

      Von Guilanotti und Numerato als large-scale processes beschrieben, sind fünf große, transnationale Entwicklungen zu bemerken, Globalization, Commodification, Securitization, Mediatization und Postmodernization. Mit Ausnahme der Securitization werden diese Prozesse auch im kommenden Teil eine Rolle spielen, wenngleich hier von einer Spätmoderne anstelle der Postmoderne gesprochen und deswegen der Fokus auf andere sozio-kulturelle Prozesse gelegt wurde und besprochen werden wird.

      Diese Prozesse beschreiben zunehmende transnationale Verbindungen  (Globalization), eine Kommodifizierung von sämtlichen Bereichen der Lebenswelt (Commodification), eine Zunahme des Einflusses, den soziale, aber auch Massenmedien, der zu verzeichnen ist (Mediatization), in einer Spätmoderne, die von einer Kulturalisierung des Sozialen geprägt ist und einer Logik der Singularisierung folgt. Und obwohl Giulianotti beispielsweise eigentlich Experte für die Welt des britischen Fußballs ist (Guilianotti 2002), lassen sich die oben genannten Beobachtungen sehr gut auf die NBA und den Nordamerikanischen Sport übertragen:

      „In the global sport and consumer culture context, one powerful illustration of these processes is provided by world-leading sport leagues, which are played in heavily securitized stadiums, screened globally on pay-TV networks and marketed towards new middle-class consumerist lifestyles.“

      In den nachfolgend zwei verlinkten Unterkapiteln werden anhand jeweils unterschiedlicher theoretischer Merkmale, Vorkommnisse der Kommodifizierung der NBA vorgestellt:

      Ort und Raum (place and space)
      Eine kurze Skizze der Kommerzialisierung und Kommodifizierung von Sportstätten (sport venues) im Kontext der sich global ausbreitenden consumer culture.

      Lokal und Global (local and global)
      Die NBA als Beispiel einer globalen Marke (global brand) und der zunehmenden Globalisierungseffekte, die auch auf ganze Sportarten und -ligen wirken.

      Vorliegend ist ein Auszug aus der Bachelorarbeit des Autors mit dem vollen Titel „The Culture-Ideology of Consumerism: der US-amerikanische Basketball in der Spätmoderne„, verfasst im Februar 2021. Darin wird ursprünglich die Durchdringung einer Ideologie von spätmoderner Konsum-Kultur stärker herausgearbeitet, um darrauffolgend die Verflochtenheit von Kapitalismus, Konsumismus und einer kommodifizierten Welt des (US-) Sports zu kontextualisieren.

      Referenzen:

      – Giulianotti, Richard und Numerato, Dino (2018): Global Sport and Consumer Culture: An Introduction, in: Journal of Consumer Culture 18 (2)

      – Giulianotti, Richard, (2002): Supporters, Followers, Fans, and Flaneurs: A Taxonomy of Spectator Identities in Football, in: Journal of Sport and Social Issues, 26 (1)

     

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