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  • Wetten dass, das nicht gut ausgeht?

    Mai 31, 2026
    benediktkastner

    Dieser Text soll sich mit Sportwetten befassen. Allgegenwärtig sind sie als Werbung aus keinem Highlight-Video, keiner Vorberichtserstattung und keiner Halbzeitpause wegzudenken. Beginnen möchte ich allerdings gerade nicht bei dem Allgegenwärtigen, dem Offensichtlichen und Bekannten, sondern im Iran. Zum einen, zum anderen aber verbunden mit der Weite des Internets, dem großen Tummelplatz vereinzelt guter Ideen, vielen Blödsinns und des weit offen klaffenden Abgrunds der Menschheit. Ende Februar 2026 startete die Trump Administration, zusammen mit Israel, einen militärischen Angriff auf den Iran, zuvorderst seine militärische Infrastruktur, aufgrund massiv schlechter Vorbereitung und Planlosigkeit schlugen bald im ganzen Land Bomben dieser Koalition ein, unter anderem in einer Grundschule. Einen Tag vorher wurden etliche Wetten auf ebenjenen Angriff auf der Plattform Polymarket platziert.

    Polymarket, one of the world’s largest prediction markets, allows its users to wager anonymously on just about any future event, including elections and sports. It has also allowed betting on war, and since the end of last year more than $529 million has been traded on predictions of when the United States would attack Iran next, after it struck Iranian nuclear facilities last June.

    A New York Times analysis of Polymarket data over that period found that it was relatively uncommon for someone to bet a significant sum of money that a U.S. strike would happen by the next day.

    But over the course of Friday, more than 150 accounts placed hundreds of bets of at least $1,000, correctly predicting an American strike on Iran by Saturday.

    https://www.nytimes.com/2026/03/03/upshot/prediction-markets-iran-strikes.html

    Einige der Accounts, die an dieser Wettwelle teilnahmen verdienten ordentlich Geld mit dieser richtigen Vorhersage, vermutlich mit Insider-Wissen. Dieses Event erscheint ungewöhnlich, ist es aber nicht. Gerade Plattformen wie Polymarket kommerzialisieren die weite Welt und sezieren aus ihr unübersichtlich viele Online-Wett-Märkte. Während des Iran-Kriegs flossen Hunderte Millionen Dollar in ebenjene Märkte. Beobachter warnen dabei vor ethischen Problemen, weil reale militärische Eskalationen (und das Leben von Menschen!) plötzlich als Anlageklasse erscheinen. Diese Entwicklung zeigt besonders deutlich das Problem, was Wetten und gerade diese, die Online getätigt werden für uns als Gesellschaft in der Zeitdiagnose bedeuten. Alles wird zur Quote! Alles kann jeden Moment zur Quote werden! Die konstante Verfügbarkeit zu Wettportalen macht es möglich und birgt große gesellschaftliche Risiken, zeigt sie sich doch als Phänomen von individuellem und kollektivem Verlust.

    Individuell zeigt sich der Verlust dort, wo Menschen verloren gehen. Wo wir sie an eine Sucht und Abhängigkeit verlieren und dabei zusehen können, wie sich die Menschen psychisch, aber auch materiell (vor allem finanziell) zugrunde richten. In der April Ausgabe des The Atlantic mit dem Titel „SUCKER – My year as a degenerate gambler“ schildert der Journalist McKay Coppins einen Selbstversuch, bei dem er eine NFL-Saison lang mit einem von seiner Redaktion bereitgestellten Budget auf Sportereignisse wettet. Er möchte dabei etwas über den Boom der Sportwetten in den USA herausfinden, welcher sich abzeichnet nach der Legalisierung von Sportwetten im Jahr 2018. Seine persönlichen Erfahrung mit den Mechanismen dieser Branche sind sehr eindrücklich, auch weil sie einen Sog beschreiben, welcher sich für ihn (Familienvater, vier Kinder, politischer Journalist, praktizierender Mormon, vorher kaum Berührung mit Glücksspiel) so nicht zeigen sollte. Im Verlauf seines Experiments stellt Coppins fest, wie sich sein eigenes Verhalten verändert. Er verbringt immer mehr Zeit mit Quoten und Statistiken, sowie sämtlichen Möglichkeiten zu wetten, während seine Familie bemerkt, dass er gedanklich zunehmend von genau diesen eingenommen wird und sich von anderen Menschen entfernt. In seinem Artikel argumentiert er deshalb, dass die Sportwettenindustrie nicht in erster Linie Gewinne verkauft, sondern Aufmerksamkeit. Die Apps funktionieren nach ähnlichen Prinzipien wie soziale Netzwerke: Sie sollen Nutzer möglichst lange beschäftigen und immer wieder zu neuen Entscheidungen verleiten. Sport wird dadurch weniger als gemeinsames Erlebnis wahrgenommen, sondern zunehmend als Rohstoff für permanente Spekulation. Ein Rohstoff, der nicht sich, sondern das Leben der Konsumierenden verbraucht.

    Interessant für uns und diesen Artikel ist somit auch wie Coppins beschreibt, wie bereits kleine Einsätze dazu führen, dass er Spiele plötzlich mit deutlich größerer Aufmerksamkeit verfolgt. Wir lernen durch ihn, dass moderne Sportwetten nicht mehr viel mit dem klassischen Wettschein zu früheren Zeiten zu tun haben. Über Apps stehen Wettmöglichkeiten rund um die Uhr zur Verfügung, ergänzt durch Live-Wetten und zusätzlichen Gimmicks, sowie natürlich jederzeit Push-Benachrichtigungen. Das Spiel selbst wird dabei in nahezu unzählige Einzelereignisse zerlegt, auf die jederzeit gesetzt werden kann. Es sind daher nicht nur die individuellen Folgen, die für bspw. Coppins (bzw. seine Familie) einen Gefahr auf Verlust darstellen können. Durch die Art und Weise wie die Sportwettenlogik das Spiel seziert um gezielt und vor allem jederzeit (!) Wettangebote machen zu können, ergibt sich ein kollektiver Verlust, da wir insgesamt den Sport aus den falschen Gründen verfolgen.

    Um auf das Eingangsbeispiel, den Angriff auf den Iran und konsequentiellen Kriegsbeginn, zurückzukommen, sehen wir, dass das Wetten selbst zum Sport und Ereignis wird. Es wird demnach egal, worauf und wozu da eigentlich gewettet wird. Ethisches, Kulturelles und damit auch Menschliches spielen gar keine Rolle mehr. Ein kollektiver Verlust, der uns die Fans und das Spiel raubt. Es bedarf mehr „schalt ein“ und „geh da hin“ und nie wieder dieses unsägliche „Wett ihn rein“!

  • Der alternative WM-Kader oder „Kann man auch anders entscheiden“

    Mai 27, 2026
    linusspringer

    Am vergangenen Donnerstag hat Bundestrainer Julian Nagelsmann das Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft für die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko bekanntgegeben. Endlich, muss man sagen, nach einer Verschiebung, diversen wahren und falschen Leaks und einer wirklich entwürdigenden Vorpräsentation einiger Akteure am Donnerstagmorgen lief das Ganze Gefahr, eine noch größere Farce zu werden als ohnehin schon. Die Vorabpräsentation lief über Videos von Nagelsmann ab, in denen der Coach die jeweiligen Spieler direkt anspricht. Die Szenen muten stromberghaft an, wer ein Problem mit unangenehmen Situationen hat, sollte lieber wegschauen. Mit Sicherheit reihen sich die Videos in der DFB-Hall-of-Fame direkt neben den Graugänsen ein, aber ein Museum will ja auch befüllt sein.

    Daneben, und vielleicht ist das auch der insgeheim beabsichtigte Effekt, ging die Kaderzusammenstellung bis auf wenige Personalien fast etwas unter. Weshalb wir uns das Ganze hier genauer anschauen wollen, sicherlich auch mit einer Portion Sarkasmus, an der einen oder anderen Stelle aber auch mit nie für möglich gehaltener Ernsthaftigkeit. Am Ende soll dadurch ein alternativer Kader für das Turnier stehen, der zumindest in den Augen des Autors nicht schlechter anmutet als der, der sich vorbehaltlich der Visa-Erteilung und Social-Media-Kontrolle, am Ende tatsächlich in Übersee aufhält.

    Tor:

    Die Nummer 1 ist natürlich Oliver Baumann. Der Hoffenheimer ist seit gefühlt ewig einer der besten Bundesligakeeper und hat zuletzt auch in der Nationalmannschaft das Tor regelmäßig gehütet. Warum sollte man den Stammkeeper, der nicht nur sportlich, sondern auch charakterlich in Ordnung scheint, nicht zum Stammkeeper machen? Dahinter sind es natürlich die anderen guten deutschen Torhüter, die sich einen Platz erspielt haben. Das sind Alexander Nübel und Noah Atubolu. Der Stuttgarter spielt seinerseits schon länger auf einem hohen Niveau, die Freiburger werden nicht eine der, wenn nicht die, beste Saison der Vereinsgeschichte gespielt haben, weil der Keeper blind ist. Zudem steht der erst … Jahre alte Atubolu auch schon für die Zukunft, Erfahrungen sammeln im Kreis der Großen kann nicht schaden. Im Sommer steht wohl auch der Wechsel auf die nächste Ebene des Vereinsfußballs an. Manuel Neuer genießt seinen Urlaub.

    Verteidigung:

    Wir wollen mit den offensichtlichen Nominierungen beginnen. Klar sind Kimmich, Tah, Schlotterbeck und Raum dabei, man könnte mit diesen vier eine tolle Kette bilden, der Spielaufbau wird sehr progressiv. Zudem dürfte es auch gegen tiefstehende Gegner mit den Flanken des Leipzigers, den Seitenwechseln des Dortmunders sowie den Chipbällen des Aushilfsrechtsverteidigers nicht an spielerischen Mitteln mangeln. Auch Thiaw übersteht den Cut vom „echten“ in den „unechten“ Kader, trotz seiner erst 24 Jahre hat er schon Erfahrung bei Milan und Newcastle, bei beiden Teams war er Stammspieler. Zur gleichen Riege gehört dann auch Bisseck, ein Jahr älter, aber nicht weniger Stammspieler bei Scudetto-Gewinner Inter Mailand. Es fällt seit längerer Zeit auf, dass Spieler aus der Serie A in Deutschland im Gegensatz zu früher kaum noch wahrgenommen werden. Das liegt natürlich daran, dass die Liga nicht mehr so hochklassig ist wie früher. Allerdings darf man die Mannschaften in der Spitze auch nicht unterschätzen, hier herrscht gerade kaderintern ein hoher Konkurrenzkampf. Da könnte man einen Spieler des Meisters schon mal berufen. Genauso ist die Lage bei Ginter. Der arme Mann spielt mit Freiburg die schon erwähnte überragende Saison, ist ohnehin seit Jahren Stammspieler, mit reichlich Erfahrung ausgestattet und zudem noch mit einem Kopf gesegnet, der auch in der Lage ist, nachzudenken. Vielleicht ist dieser aber auch schlichtweg nicht nötig. Das sieht nun zunächst nach vielen Innenverteidigern aus, allerdings sprechen mehrere Faktoren dafür. Da ist die Möglichkeit, mit einer Dreierkette zu spielen. Darüber hinaus hat 2014 gezeigt, dass man auch mal jemanden von innen rausziehen kann, wenn derjenige auch ein bisschen mitdenkt. Und zuletzt handelt es sich durchaus um eine Position, bei der eine Sperre im Verlauf des Turniers vorkommen kann. Ein weiteres Argument sind im Verlauf die noch zu nominierenden Spieler, von denen der eine oder andere durchaus die Außenbahn auch defensiver angehen kann. Als letzten Akteur der Riege „Verteidigung“ wird zudem noch Treu nominiert, sozusagen als Überraschungsgast. Auch er bei Freiburg Stammspieler, zudem auf beiden Außenverteidigerpositionen einsetzbar, bringt also die turnierwichtige Eigenschaft „Vielseitigkeit“ mit. Aus Freiburg heraus scheint es jedoch leider keine Fernsehübertragungen in das Wohnzimmer von Julian Nagelsmann gegeben zu haben in dieser Spielzeit, wenn dann das Stadion auch noch immer ausverkauft ist, was soll der Bundestrainer dann machen?

    Mittelfeld:

    Im Gegensatz zur aktuellen Didaktik, in der nur noch von zwei Kategorien, nämlich Verteidigung und Mittelfeld/Angriff die Rede ist, bleiben wir beim ursprünglichen dreigeteilten Schema der Feldspieler und reißen die Letztgenannte auf. Dementsprechend sind wir nun im Mittelfeld angelangt. Auch hier bleiben wir teilweise beim bewährten Personal, das sind namentlich Wirtz, Goretzka, Stiller und Nmecha. Die vier sind alle im Zentrum des Spiels beheimatet, haben jedoch alle unterschiedliche Profile und Stärken und sollten sich somit gut ergänzen bzw. in unterschiedlichen Spielsituationen zu gebrauchen sein. Danach greifen wir dann auf zwei Premier-League-Akteure zu. Der erste ist Stach. Der hat mit Leeds United unter Daniel Farke nicht nur eine bemerkenswert ruhige Saison für einen Aufsteiger gespielt. Darüber hinaus war er auch der zentrale Spieler und hat, sozusagen als Zusatzqualifikation neben der Schule, für sagenhafte Freistoßtore gesorgt. Diese Qualität sollte bei einem Turnier, bei dem gute Standards entscheidend sein können, wenn man jeder Vorberichterstattung und jedem Interview dazu glauben kann, von Nutzen sein. Mit Janelt ist der zweite England-Legionär der Überraschungen im Mittelfeld zwar nicht ganz so spektakulär, dafür aber vor allem eines: grundsolide. Und genau das braucht man im Mittelfeld für so ein Turnier auch mal, einen grundsoliden Teamplayer, der auch auf andere Position ausweicht. Kramer war 2014 sicherlich nicht wegen seiner Genialität dabei.

    Angriff:

    Damit sind wir dann auch schon vorne angelangt, wobei „vorne“ den Angriff meint und die Außenbahnen mit einschließt. Ganz so leicht zu trennen ist das Ganze dann doch nicht. Wieder soll es mit den auch von Nagelsmann berufenen Spielern losgehen, denn wenn sich zwei Fachmänner wie er und der Autor schon einig sind, dann scheint eine Nominierung wirklich verdient zu sein. Das sind Undav, Leweling, Beier und Havertz. Die Nominierung des Stuttgarter Stürmers darf bei der Torquote und bei dem Charakter außer Frage stehen, der Arsenal-Akteur hat seine Qualitäten ebenfalls hinreichend bewiesen und ist wieder fit. Bei den zwei verbleibenden Spielern aus Dortmund und Stuttgart greift, was bei der Verteidigung bereits gesagt wurde: Wenn es bei den Außenverteidigern eng werden sollte, können beide diese Position in einer Dreier- bzw. Fünferkette übernehmen, haben es auf Vereinsebene schon gespielt. Vielseitigkeit ist bei einem Turnier Trumpf. Ebenfalls für die Außenbahn und als erster „Neuer“ ist dann El Mala zu nennen. Als sogenannter Unterschiedsspieler in engen Situationen kann er von der Bank entscheidend sein. Wenn man in seiner ersten Bundesligasaison und dann auch noch in Köln so aufzaubert, dann muss das auch für den einen Kaderplatz beim DFB reichen. Ob wir den mal nicht vermissen, wenn es gegen Curacao in der 85. Minute 2:2 steht. In eine ähnliche Kategorie fällt Schade von Brentford. Dort ist der ehemalige Freiburger (vielleicht liegt die Nichtnominierung auch daran) absoluter Stammspieler, acht Tore und vier Vorlagen muss man in der teuersten Liga der Welt erstmal auf den Rasen bringen. Als Alternative zu Undav und Havertz ganz vorne drin kommt Burkardt mit. Der war zwar länger verletzt, ist aber im Saisonendspurt wieder fit geworden. Den Angreifer bringt vor allem sein Einsatzwille in den Kader, den man dem ein oder anderen zwar nicht absprechen, aber doch deutlicher ansehen möchte. Dazu noch diese Art, sich in jeden Zweikampf reinzuwerfen, was sicherlich mal nicht schaden kann. Beschließen soll unsere Nominierung einer, der Amerika kennt. Wer jetzt zuckt, nein, Thomas Müller lassen wir ebenfalls im Urlaub. Es ist Hanny Mukthar. Inzwischen 31 Jahre alt spielt er seit 2020 in Nashville, war im Laufe der Jahre einmal MVP und einmal Torschützenkönig der MLS. Der ehemalige Berliner ist früher ein klassischer Zehner gewesen, wurde in den USA aber eins nach vorne geschoben, was ihm enorm zu liegen scheint. Nach 14 Partien steht er auch jetzt wieder bei sechs Toren und vier Vorlagen. Das sollte, neben den Ortskenntnissen, für einen Kaderplatz als Überraschung reichen. Und Messi scheint die MLS schließlich auch zu reichen.

  • Das wird ein Großer! (feat Lorenzo Insigne)

    April 6, 2026
    linusspringer

    Es gibt Spieler, die machen bereits in jungen Jahren einen guten Eindruck, sogenannte Talente, auf die man früh große Stücke hält und eine tolle Zukunft voraussagt. Wie so oft im Leben ist diese Voraussage so viel Wert wie eine Pfandflasche in Italien, denn wirklich etwas darauf geben kann man nicht. Dementsprechend lässt sich auch nur retrospektiv betrachten, ob aus der Weissagung etwas geworden, die Sterne richtig gedeutet wurden. Diese Einordnung wiederum funktioniert eigentlich nur kategorisch, denn entweder das Talent hat alles herausgeholt (meint Geld und Titel) und ist sowas wie ein Weltstar oder der Ikarusgleiche kickt kaum besser als man selbst in der Kreisliga, was dann als „Verschwendung“ ebenjener Gottesgabe gewertet wird. Nur wenige Akteure schaffen es, sich in einem Zwischenraum zu behaupten, als guter Fußballer in Erinnerung zu bleiben, der man ohne Zweifel natürlich dennoch ist, und trotzdem nicht den Makel des Unvollendeten an sich kleben zu haben wie die SPD schlechte Wahlergebnisse. Genau diese seltene Spezies soll in dieser Reihe genauer beleuchtet, denn Ihnen gebührt mehr Ruhm, als sie öffentlich erhalten. Dem Druck des Talentseins standzuhalten wird zum einen nicht stark genug gewürdigt, zum anderen wird es gemeinhin unterschätzt, wie hart es ist, sich auch als Profi bei einem Mittelklasseklub zu behaupten. Oder sogar mehr. Dementsprechend soll diese Verbeugung in diesem bescheidenen Format erfolgen, immer die Tatsache im Hinterkopf behaltend, dass das vermutlich nicht dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit für diese Spieler zu erhöhen, aber eine schöne Geschichte ist eben eine schöne Geschichte und will erzählt werden.

    Der erste in dieser Reihe ist Lorenzo Insigne, wenngleich man nicht unbedingt sagen kann, dass er ein Unbekannter auf internationaler Bühne ist. Aber eben auch nicht der Star, der er hätte sein können. Somit also genau in die Kategorie passt, die hier beschrieben werden soll. Was hat der nur 1,63m große Italiener vorzuweisen? Er war lange Jahre eines der Gesichter der SSC Neapel, bildete ein kongeniales Trio mit Dries Mertens und Marek Hamsik (alternativ waren da auch noch Edinson Cavani oder Gonzalo Higuain zeitweise in der Mannschaft).  Er kam aus der Jugend der Partenopei, ein waschechtes Eigengewächs, und prägte nach mehreren Leihen ab 2011 das Team Napolis für etwas mehr als zehn Jahre. Dementsprechend beliebt war der Flügelspieler bei den Süditalienern, in diese Zeit vielen zwei Pokalsiege in Italien sowie diverse Champions-League-Teilnahmen, allerdings auch diverse unglücklich verpasste Titel, wie das in Neapel eben so ist. Der ganz große Hit für Insigne kam dann jedoch 2021, als er mit Italien in England Europameister wurde. Stammspieler, zwei Tore, eins davon im Viertelfinale beim 2:1 gegen Belgien. Der ganz große Triumph für die Squadra Azzurra im von Weltmeisterschaftsenttäuschungen geprägten Jahrzehnt. Und eben auch für den Dribbler, den man aus dieser Elf zu diesem Zeitpunkt nicht wegdenken kann. Auch ein reiner Blick auf die Statistiken zeigt Wunderdinge auf: 54 Länderspiele, 10 Tore; 337 Serie-A-Spiele, 96 Tore, 74 Vorlagen; 23 Coppa-Italia-Spiele, 8 Tore, 7 Vorlagen.

    Wieso also hört man vom heute erst 34-Jährigen aktuell kaum etwas, wäre er doch noch in einem guten Alter für den Fußball? Weil er 2022, gerade 31 Jahre alt geworden, ablösefrei nach Toronto, Kanada, geht. Obwohl sein Marktwert zu diesem Zeitpunkt noch auf 25 Millionen Euro taxiert wird und er 2017 bei der Vertragsverlängerung in Neapel sagte: „Ich hoffe, dass ich dieses Trikot nie wieder wechseln muss.“ Laut eigener Aussage brauchte er zum damaligen Zeitpunkt eine neue Herausforderung. Il Magnifico verlässt also seine Heimat, seinen Traum, seinen Herzensverein, bei dem er inzwischen mehr Tore geschossen hat als Idol Diego Maradona. Ob es andere Gründe gab, muss Spekulation bleiben, was allerdings gesichert ist: In der MLS fasst er in drei Saisons nicht richtig Fuß, kann nicht an seine alten Zahlen anknüpfen, Neapel dagegen holt zweimal den Scudetto, die Erben Maradonas sind andere. Man könnte dies als typisch neapolitanischen Zufall bezeichnen, wo oft Pech auf Pech trifft. Gefallen hat es Insigne sicherlich trotzdem, denn offenbar mag er diese herzergreifenden, vor Pathos tropfenden Geschichten, die einem Fan des alten Schlags die Tropfen in den Augenwinkel treiben, voller Irrungen und Wendungen. Nur so lässt sich jedenfalls die wohl letzte Drehung seiner Karriere erklären: Nach einem halben Jahr Vereinslosigkeit bezieht er zum Ende des Wintertransferfenster 2026 in Pescara nochmal eine neue, alte Kabine. Dort also, wo ihm bei seiner Leihe 2011/2012 der Durchbruch gelang, wo diese Karriere ihren Anfang nahm.

    Als der Flügelflitzer also bei den Delfinen ankommt, sind diese gerade Letzter der Serie B, nur 14 Punkte bedeuten sechs Rückstand auf den ersten Nichtabstiegsplatz, der Mannschaft wird nicht mehr viel zugetraut. Doch der Zauberer hat seine Magie nicht verloren. Zunächst hat er noch leichte Rückstände, kann bei seinen Kurzauftritten nicht wirklich etwas verändern. Doch dann kommt der erste Startelfeinsatz, gleich als Kapitän, gleich mit einem Tor, gleich mit einem 2:1-Sieg gegen Palermo, immerhin Aufstiegsaspirant. Dem Erfolgserlebnis folgen ein 4:0 gegen Bari, ein 0:0 gegen Südtirol sowie ein 3:0 gegen Virtus Entella, Insigne steuert zwei Tore und zwei Vorlagen bei. Auch wenn es gegen Empoli zuletzt mit 2:4 die erste Niederlage mit dem Dribbler in der Startelf setzt, hat sich Pescara wieder rangeschoben, zwar bedeuten 29 Punkte immer noch die rote Laterne, aber nur zwei Zähler fehlen auf das rettende Ufer. Am heutigen Ostermontag muss Pescara zu einem Schlüsselspiel bei Reggiana ran, danach lässt sich mit größerer Verlässlichkeit sagen, ob der Klassenerhalt klappen könnte.

    Der Nichtabstieg wäre dann auch die Art Märchen, die sich ein Fußballromantiker ausmalt. Und das sind wir hier ja schließlich auch ein Bisschen, ein kleines Bisschen. Zudem wäre es dann auch ein tolles Ende für die Karriere von Insigne, sollte er sie denn beenden wollen, das weiß man ja nie so ganz. Erreicht hat er jedenfalls genug, um einen ordentlichen Strich ziehen zu können, eine schöne Geschichte ist bei rausgekommen.

  • Man(n) mag sich (nicht so sehr gut leiden)

    März 31, 2026
    benediktkastner

    Robin Gosens ist Linksverteidiger, recht erfolgreich. Die meiste Zeit seiner Profikarriere verbrachte er in Italien, stand kürzlich allerdings für einige Zeit bei Union Berlin unter Vertrag. Das brachte ihm nicht nur Sympathiepunkte bei vielen deutschen Fans, sondern auch eine Aufmerksamkeit, die ihm eine Nominierung für die Nationalmannschaft bescherte. Dort war er nicht ganz so erfolgreich, wie es viele erhofften, was aber auch mit der Position an sich zusammenhängen kann; niemand will und kann Linksverteidiger im DFB-Dress, zumindest nicht so, wie es andere von einem wollen. Eine grundsätzlich interessante Geschichte im Profi-Fußball – und natürlich nicht nur da, dort aber vielleicht exemplarisch – die Sache mit der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Gosens scheint da hinsichtlich ein klasse Typ zu sein; schafft er es nämlich, unterschiedliche Perspektivierungen mitzudenken als Profi-Fußballer (!), das war bis vor kurzem noch schwer vorstellbar. Er ist einer, der sich empathisch für mehr Empathie ausspricht und das auf mehreren Ebenen. Er möchte auf das Verbindende, das Menschliche hinweisen, das bei Fußballern in dieser Klasse oftmals vergessen wird. Er versucht, „ein offenes Ohr zu bieten“ für seine Mitspieler und deren Probleme abseits des Platzes. Klasse Typ eben.

    Interessant ist dabei auch, dass Gosens etwas anspricht, was offensichtlich ist, aber eben leicht vergessen wird. Bei all der Routine, dem Geld, dem Ruhm sind Profi-Fußballer eben keine Roboter! Und werden oft dazu in unglaublich jungem Alter in eine Welt hineingeworfen, die ihnen wahnsinnig viel auflastet. Man denke nur an den teuersten Einkauf der Premier League, Florian Wirtz, der mit zarten 22 Jahren nach Liverpool wechselt und dort den ihm aufgebürdeten Erwartungen erst einmal zusehends nicht gerecht wurde. Er bekommt viel Schmerzensgeld dafür, keine Frage, sehr viel sogar. Und dennoch ist er ein Mensch (wobei wir das noch einmal nach dem TikTok überprüfen sollten, wo er gekochte Kartoffeln als „leckerste“ Zubereitung in einer Liste auf Platz 1 gesetzt hatte…). Und wir tun Menschen Böses an, wenn wir sie nicht als solche wahrnehmen und auch deren Verletzlichkeit und deren Würde in unser Denken und unsere Kritik miteinbeziehen. Ein Beispiel jüngerer Vergangenheit ist hier Antonín Kinský, ein junger Tscheche, der bei einem Champions-League-Spiel für Tottenham Hotspur sein Debüt feierte und mehr als unfeierlich nach 16 Minuten ausgewechselt wurde. Ihm sind in der ersten Viertelstunde seines Debüts einige unglaubliche Fehler unterlaufen, die so eine Auswechselung – auch im Hinblick der nachgeschobenen Erklärung des Trainers, den Torwart habe schützen zu wollen – auf diesem Niveau mehr als rechtfertigen. Was folgte, war: Häme. Der Beweis, dass die Aufklärung nie stets abgeschlossen, sondern kontinuierlich selbstreflektiert-zirkulär erfolgen muss (Schnädelbach), wenn sich junge Männer – es sind immer (junge) Männer – zumeist ohne Klarnamen am Leid anderer ergötzen zur eigenen infantilen Selbsterhöhung. Es gibt einen schönen Video-Beitrag eines YouTubers, der sich die Mühe macht, die Situation(en) zu analysieren und fair einzuordnen (und dabei leider von Trading 121 gesponsert wird, aber das ist eine ganz andere Baustelle). Damit ist er leider in der Minderheit.

    Wir leben in einer Welt, in der es zunehmend als Zeichen von Schwäche interpretiert wird, wenn man (offen) Empathie und Mitgefühl zeigt. In der das reichste und mächtigste Verteidigungsministerium in ein Kriegsministerium umbenannt wird, um Stärke und Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Eine Dokumentation auf Netflix von Louis Theroux zur Manosphere, also einer losen, aber in der Denkweise verbundenen Gemeinschaft von Männern, die ein frauenfeindliches, Stärke vorgaukelndes Bild von Männlichkeit verkaufen möchte, zeigt recht eindrücklich den tristen Zeitgeist, mit dem wir es zu tun haben. Dieser steht zweifelsfrei in Verbindung mit der Häme, die online über bestimmte Menschen geschüttet wird, in jeder neuen Woche über einen neuen Menschen. Kollektive Erniedrigung Einzelner ist durchaus potent für diejenigen, die das Mobbing begehen und sich stärken an dem Schmerz derer, die das Mobbing erfahren.

    Und das bringt mich zu einem letzten Punkt, einem umstrittenen Spieler und einem immer mehr bewunderten Ex-Spieler-jetzt-Trainer. Und zwar Vinicius Jr., Vincent Kompany und den einfach nicht vergehen wollenden Rassismus. Das ist nun wirklich kein Einzelmerkmal des Fußballs und es gibt davon ganz andere Ausprägungen, mit ganz anderen, sehr realen und sehr schmerzvollen Auswirkungen. Die Causa „Vini Jr.“ und vor allem ein brisanter Vorfall vor Kurzem (interessanterweise am gleichen Spieltag, an dem sich auch die Kinský-Geschichte abspielte), zu der dann der Trainer des FC Bayern prominent Stellung bezog, zeigen die Verirrungen kollektiven Fehlverhaltens recht eindrücklich. Ein kurzer, persönlicher Einschub vorweg: Vinicius Jr. ist ein grund-unsympathischer Mensch, der in jedem einzelnen öffentlichen Moment das in Relation schlechtestmögliche Bild gibt, das man von einem Profifußballer erhalten mag. Er reiht sich damit konsequent ein in eine lange Reihe von Angestellten der arroganten „Königlichen“, von Real Madrid. Gleichzeitig ist er einer der begnadetsten Menschen, die jemals gegen so ein rundes Leder getreten haben, und zurecht möchte man anfügen, dass der Brasilianer „Vini“ vermutlich noch nie getreten hat, dafür ist er viel zu filigran in seiner Technik. Man dürfte und müsste die Ambiguitätstoleranz besitzen, um die Gleichzeitigkeit der Unsympathie und des Talents einfach auszuhalten. Das ist aber anscheinend zu viel verlangt. Nicht nur wird Vinicius Jr. öfters kollektiv in Stadien von gegnerischen Anhängern rassistisch beleidigt (Imitation von Affengeräuschen), es hat im Februar auch einen Vorfall gegeben, bei dem ein Spieler des Gegners Benfica Lissabon, Gianluca Prestianni, ihn mit dem Wort „Affe“ beschimpft haben soll, nachdem Vinicius Jr. seinen Treffer recht provokant bejubelte. Ein Jubel, dessen Ausgestaltung niemals irgendeine Form von Rassismus rechtfertigen kann! Vor allem die Reaktion zweier Trainer stand anschließend im Mittelpunkt, an unterschiedlichen Enden der Sympathie-Skala. Während der Benfica-Trainer, José Mourinho, eben genau diese Art des Jubels mit in die Bewertung einbezog und damit Vinicius Jr. für den an ihm ausgelassenen Rassismus mit verantwortlich machte, hielt Vincent Kompany, Trainer einer unbeteiligten Mannschaft, eine der gehaltvollsten, reflektiertesten und umsichtigsten Reden, die in diesem Bereich zu diesem Thema gehalten wurden.

    Dieser Rede soll im Sinne eines (umgedrehten) Ausspruchs von Voltaire angefügt werden: Rassisten verdienen kein Recht, frei einen Unsympathen wie Vinicius Jr. als solchen zu bezeichnen. Rassisten sind es, die konsequent aus den Stadien, der Öffentlichkeit und der Gesellschaft ausgegrenzt gehören. Und es braucht mehr Menschen wie Robin Gosens, auch an der Seitenlinie, die mitdenken, sich einfühlen und Empathie zeigen. Grätschen ja, aber um den Ball zu gewinnen, nicht um den Gegner zu verletzen.

  • Endlich unter Spannung

    März 20, 2026
    linusspringer

    Die europäischen Ligen steuern langsam, aber sicher, auf ihren Höhepunkt, die Titel- oder Abstiegsentscheidungen, zu, bevor es dann im Sommer zum sportlichen Wettkampf USA gegen Iran kommt. Die Fußballwelt sollte die politischen Konflikte der Welt immer stellvertretend auch ausfechten, als Modell für die Zukunft im Sinne der Tribute von Panem sollte man das im Hinterkopf behalten. Damit sich die 1,3 Millionen Euro, die man in Streamingdienste investieren muss, um seine Mannschaft in allen Wettbewerben verfolgen zu können, auch lohnen, wollen wir einen kurzen Rundumblick wagen, welche Spiele im Saisonendspurt aufgrund ihrer Brisanz (wir tätigen keine Prognosen hinsichtlich spielerischer Klasse) sehenswert sind.

    Am 14.05. steigt das Pokalfinale in Dänemark, der FC Kopenhagen trifft auf den FC Midtjylland. So weit, so unwichtig. Allerdings hat der große FC Kopenhagen vollkommen überraschend zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Meisterrunde der Liga verpasst und wird damit nicht mal annähernd in die Nähe der Meisterschaft kommen. Im Gegenteil, man muss in der Abstiegsrunde sogar den (allerdings nur theoretischen) Gang in Liga zwei fürchten. Das ist in ungefähr so, als würde der FC Bayern die Conference League verpassen. Mit dem Pokalsieg und der damit verbundenen Qualifikation für das internationale Geschäft könnte man zumindest etwas Licht in die Saison bringen, Bankdrücker Youssoufa Moukoko wäre es zu gönnen.

    Auch in der Premier League erwartet uns noch ein spannendes Finish, das liegt jedoch am Abstiegskampf, der zum ersten Mal seit Jahren nicht schon am 9. Spieltag entschieden ist (sorry, Wolverhampton). Dabei könnte es durchaus einen großen Tanker erwischen, denn mit West Ham United, Nottingham Forest und auch den Tottenham Hotspur sind vor allem drei Teams bedrohlich weit unten, die das so nicht erwartet hatten. Jetzt am Sonntag, den 22.03. müssen die Spurs gegen die Tricky Trees ran, da wird es schon heiß her gehen. Leeds, ein weiterer Kandidat im engen Rennen, trifft an den letzten drei Spieltagen noch auf Tottenham und die Hammers, das verspricht Spannung.

    Bleiben wir in England, eine klasse tiefer in der Championship steht Leicester City, der Überraschungsmeister aller Überraschungsmeister (gefühlt von vor zwei Jahren, allerdings war es 2016) vor dem Gang in die Drittklassigkeit. Zwei Punkte trennen die Foxes vom rettenden Ufer, an den letzten sechs Spieltagen trifft man noch auf drei direkte Konkurrenten. Empfehlenswert ist dabei sicherlich die letzte Runde am 02.05., wenn es gegen Blackburn, aktuell 19., geht.

    Schauen wir nach Griechenland, wo man noch weiß, wie sich Meisterschaftskampf bis zum Schluss anfühlt. Vor dem letzten Spieltag am Sonntag, 22.03., liegt PAOK nur wegen des Torverhältnisses vor Olympiakos und AEK, alle haben 57 Punkte. Allerdings müssten die letztgenannten Athener schon sieben Tore aufholen, da hätte man sich mehr Mühe geben können. Der finale Tag bietet kein direktes Duell, dafür aber eine sicherlich spannungswürdige Konferenz.

    Wenn wir schon mal bei schönem Wetter sind: Hallo Italien, hallo Serie B. Das komplizierte Ligensystem sorgt dafür, dass es beinahe für jede Mannschaft bis zum Schluss um Alles geht, besonders brisant scheint aber das Finish am 08.05. zu werden. Nach aktuellem Stand würden mit Pescara gegen Spezia und Reggiana gegen Sampdoria die vier letzten Teams, die zwei Punkte trennen, aufeinandertreffen. Da auch zwei weitere Mannschaften (Virtus Entella und Bari) in diesem Bereich liegen, kommen noch viele Konstellationen für die drei Abstiegs- sowie zwei Relegationsplätzen in Frage.

    Jede Menge Spannung könnte in der zweiten Liga in Österreich auf uns zukommen. Nur der Meister steigt auf, aktuell belegt der FC Admira Wacker diesen Platz, punktgleich mit dem Floridsdorfer AC. Einen Zähler dahinter, aber auch mit einem Spiel weniger, also potenziell in besserer Position, rangiert Austria Lustenau, wiederum zwei Umdrehungen dahinter folgt SKU Amstetten. Und wer spielt jetzt am letzten Spieltag am 14.05. gegeneinander? Genau, Admira gegen Floridsdorf, Lustenau gegen Amstetten. Müssen wir nur hoffen, dass die Teams sich diese Spannung bewahren und sich nicht vorher schon das Bayern-Syndrom einfangen.

    Wer hätte gedacht, dass man bei einem Artikel über Spannung am Saisonende mal über Schottland sprechen würde? Doch, es ist so, mit Heart of Midlothian liegt sogar ein Überraschungsteam auf Kurs Meisterschaft. Allerdings ist der Vorsprung mit zwei Zählern vor Celtic und drei vor den Rangers denkbar knapp. Zudem folgt nun noch die Meisterrunde, die uns in mehreren direkten Duellen einiges abverlangen wird.

    Ebenfalls Beachtung verdient der FC Bromley in der englischen League Two, also der vierten Liga. Der Verein hat als Erfolge bisher irgendwelche Pokaltriumphe auf Stadtviertel-Level vorzuweisen, steuert aber zielsicher dem Aufstieg entgegen. Da freuen sich die knapp 5.200 ZuschauerInnen, denn mehr passen nicht rein. Nächste Saison dann gegen Leicester, Luton, Wigan und Co.

    Wir haben also noch ein gutes Programm vor uns, der internationale Spitzenfußball will nebenbei ja auch noch beachtet werden, sonst bekommt man Ärger von Infantino. Als weiteres, noch nicht terminiertes Highlight kann man sich die Wiederholung des Finals des Afrika-Cups eintragen. Mit großer Sicherheit wird nach juristischer Aufarbeitung sowie Klagen und Gegenklagen entschieden, den Titelkampf zwischen Marokko und Senegal ohne ZuschauerInnen an einem lauen Mittwochabend in Sinsheim erneut auszutragen. Dieses Mal aber mit Handtüchern für alle.

  • Die Soziologie des Fußballs

    Februar 28, 2026
    benediktkastner

    Oft und ausreichend genug haben wir gehört, dass der Fußball nicht politisch sei. Oft und ausreichend genug haben wir überzeugend dargelegt, warum er es doch ist. Es braucht eigentlich keinen weiteren Artikel dazu. Aber als Sozialwissenschaftler reizt es doch zu sehr, eine Perspektive dieser Art einzunehmen. Dass Fußball mehr als nur ein Spiel ist, können wir aber auch aus der sozialwissenschaftlichen Perspektive der Soziologie wahrnehmen und wird zum Glück auch auf gewinnbringende Art gemacht. Auf Soziopolis, einem sozialwissenschaftlichen Nachrichtenportal und Projekt, angesiedelt am Hamburger Institut für Sozialforschung in Kooperation mit H-Soz-Kult, sind in den vergangenen Monaten und Jahren drei Essays veröffentlicht worden, die sich auf ihre jeweils unterschiedliche Art der Finanzialisierung des Fußballs, dem Fußballstadion als sozialem Raum und der Tradition im Fußball als sozialer Erzählung widmen. Passend zu diesem letzten Februarwochenende mit fußball-sommer-märchenhaft-anmutendem Wetter sollen hier in Kürze die Kernelemente der drei Essays vorgestellt werden, ein soziologisches Schmankerl für Fußballfans.

    In seinem Essay „Spiel und Kapital: Versuch über die Finanzialisierung des Fußballs“ zeigt Florian Schmidt die Verknüpfung von Geld und sportlichen Erfolgen, mit der Frage, wie es dazu kam und wie sich diese Entwicklung beschreiben und begreifen lässt. Einleitend ist seine Beobachtung, dass „der Sieg im höchsten europäischen Wettbewerb ausnahmslos den zehn einkommensstärksten Vereinen zuteilwurde“, keine Überraschung für einigermaßen informierte Fußballfans, wird jedoch interessant, sobald Schmidt den Hinweis auf die Eigentumsstruktur ebendieser Vereine gibt. Denn gehören diese Vereine Mehrheitseignern. Einen Wandel dieser Eigentumsstruktur beschreibt er anhand der beiden Spitzenclubs aus Manchester, United und seinem in jüngerer Vergangenheit deutlich übertreffenden Stadtrivalen City. Er zeigt, wie der moderne Fußball Zeiten abgelöst hat, in denen „großzügige Mäzene die Fußballvereine ihres Herzens finanzierten“, und wie bspw. Abramowitsch bei Chelsea aus vielerlei Gründen mit Verlust aus dem Geschäft ging. Der Fußball ist ein ökonomisches System geworden, in dem Kapitalströme, Investoren und Profitorientierung sportliche Performance, aber vor allem die Vereinspolitik prägen. Die Vereine sind heute Kapitalgesellschaften, deren wirtschaftliche „Spielzüge“ den Erfolg auf dem Rasen oft mitbestimmen. Gleichzeitig werden Vereine und schlussendlich der Sport selbst nicht mehr nur anhand der inhärenten Eigenlogik als Gewinn bewertet, bspw. durch einen guten Tabellenplatz, Siege oder Pokalgewinne. Sie sind Teil einer vom Finanzmarkt durchdrungenen Logik, die den Fußball auch über eine Risiko- und Verlustbilanzierung begreift. Aus Fan-Sicht lässt diese Entwicklung auch die zunehmende Entfremdung zwischen Fans, Spielern und Vereinen klar werden und so vielleicht auch einen soziologisch fundierten Ansatzpunkt für systemische Kritik zu.

    Und dennoch lässt uns dieser Sport nicht los, und es gibt wenig Schöneres, als durch die Ticketkontrolle zu gehen und (vor allem zum ersten Mal) ins Stadioninnere zu kommen und die ganze Atmosphäre einzusaugen. Max Weigelin nimmt uns da mit zum „Raunen, Singen, Jubeln: Sinnessoziologische Sondierungen im Fußballstadion“. Er gibt uns einen Anhaltspunkt, warum trotz der oben angesprochenen Entfremdung durch die systemische Veränderung des Sports das Stadion und die Fankurve für die Individuen (also Fans) weiterhin erfüllend sein können. So ein Fußballspiel in einem modernen Stadion ist kein rein rationales Ereignis (das ist uns allen bewusst), sondern vor allem ein körperlich-sozialer Raum, den Fans selbst schaffen. Durch das titelgebende kollektive Raunen, Singen und Jubeln sind die Menschen nicht einfach nur Zuschauende, sondern formieren sich als eine Gemeinschaft. In der Konsumforschung wird schon länger darauf hingewiesen, wie sich die Rolle der Zuschauenden in der Spätmoderne gewandelt hat, vom passiven Konsumenten hin zum aktiven Produzenten (Produzent und Konsument zugleich), der durch aktives Mitmachen das eigene Erleben erst erschafft. Im Fußballstadion hat die akustische Atmosphäre — mehr als das, was auf dem Rasen eigentlich passiert — die Funktion einer situativen Vergemeinschaftung: Die Fan-Chöre und Reaktionen auf das Spielgeschehen als „ekstatische Kommunikation“ vergemeinschaften sinnesoziologisch sogar über etwaige Antagonismen hinweg.

    Der Trend der soziologischen Analyse über das Spielgeschehen hinaus ist einerseits der Disziplin an sich geschuldet, hat aber bei allen hier vorgestellten Beiträgen auch klar seine Berechtigung durch die Entwicklungen im Kontext der Spätmoderne. Die Analyse der Eigentümerstrukturen sowie die sinnessoziologischen Überlegungen zu Vergemeinschaftsfunktionen in modernen Fußballstadien wären so bis vor ein paar Jahrzehnten nicht möglich oder nicht so fruchtbar gewesen. Sie zeigen auch ein funktionell ausdifferenziertes „System Fußball“, welches sich nur durch das Zusammenwirken vieler einzelner Komponenten erhält, die drastisch über das „bloße Spiel“ hinausgehen. Ansgar Mohnskern richtet unser Augenmerk auf einen weiteren dieser Punkte, der sich auf eine gewisse Art mit beiden vorherigen Punkten (Kommerzialisierung, Prosumismus der Stadionkultur) verbinden lässt. In „Der Kult der Tradition: Fußball und die Geschichte der Gegenwart“ wird eine zurecht bemerkte neuartige Fankultur aus der Perspektive historischer Identität(en) untersucht. Mohnskern zeigt, Fußballfans artikulieren nicht einfach Nostalgie, sondern schaffen durch Choreografien und selbstbeschriebenen Erinnerungskulturen eine “mythische Vergangenheit”, die ihnen hilft, die Unsicherheiten und Ungleichheiten der Gegenwart zu bewältigen. Am Beispiel des “Traditionsvereins” 1. FC Kaiserslautern zeigt er, dass gerade da, wo ein Verein sportlich schwächer dasteht, die Geschichte wichtiger wird als die sportliche Realität.

    Der Fußball ist mehr als seine Einzelteile, und um das “System Fußball” in seiner Gänze verstehen zu wollen, bedarf es einer Erweiterung des perspektivischen Horizonts. Die hier vorgestellten soziologischen Essays schaffen es mit ihren jeweiligen eigenen Ansätzen, etwas (Neues) über den Fußball zu erzählen und den Fußballfans etwas an die Hand zu geben, um den geliebten Sport und sich selbst besser zu verstehen.

  • (Rassis)muss das sein?

    Februar 27, 2026
    linusspringer

    Zunächst einmal: Sport ist nicht politisch. Jetzt, wo diese Grundfrage endlich ein für alle Mal geklärt werden konnte, dürfen wir unseren, eigentlich immer geliebten, Gianni auch wieder öffentlich und lautstark liebhaben. Ohne diese erste Feststellung wäre das nicht möglich. Auch neben der infamen Zuneigung zu Infantino wäre der Fußball so viel einfacher, wenn die Aussage wahr wäre. Wobei wir das spezifizieren müssen, denn einfacher wäre er natürlich nicht, danke Kölner Keller.

    Aber er wäre als schönste Nebensache der Welt genießbarer, weil ohne Gewissensbisse. Ist er aber nicht, weil das Eingangsstatement natürlich Schwachsinn ist. Im Gegenteil, er ist hochpolitisiert, wobei dies nicht von außen oktroyiert wird, sondern inzwischen schon als intrinsische Funktion begriffen werden kann. Die Politik kommt nicht von woanders auf den Fußball, die handelnden Personen betreiben aus ihm heraus Politik. Ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste, Argument dabei ist die Aufmerksamkeit, die dem Sport zuteilwird. Fußballern (in dem Fall gilt das tatsächlich für die maskuline Form) und Funktionären (in dem Fall auch) wird eine Öffentlichkeit entgegengebracht, mit der diese offenbar in großer Vielfalt nicht umgehen können oder wollen. Oder es können, aber eben nicht so, wie der Autor sich das vorstellt. Dementsprechend wird die Diskursmacht, die man erhält, weil man gut gegen einen Ball treten oder gut andere Menschen ausbeuten kann, missbraucht.

    Bei letztgenannter Kategorie landen wir natürlich bei den angesprochenen Funktionären, für die man sich in regelmäßigen Abständen schämen muss, mal öfter, mal weniger oft, je nachdem, welchem Klub man seine Seele anvertraut hat. Und in wirklich erstaunlicher Regelmäßigkeit sind hier die Anhänger von Manchester United gepeinigt, obwohl man meinen sollte, dass die Elf auf dem Rasen das schon alleine hinbekommt. Mitbesitzer ist Jim Ratcliffe, 73 Jahre alt, hauptberuflich Milliardär. Was er genau gesagt hat, soll hier aufgrund der Wortwahl nicht wiedergegeben werden, seine Aussagen bezogen sich zusammengefasst darauf, dass Großbritannien zu viele Menschen aufnehmen und diesen die Gesundheitsversorgung bezahle. Dabei brachte er nicht nur Zahlen durcheinander oder, was wahrscheinlicher ist, erfand einfach welche, sondern verwechselte auch noch Menschlichkeit mit Rassismus. Passiert jedem Mal. Eine witzige, wenn auch bittere, Note bekommt das Ganze, wenn man in Betracht zieht, dass Eingewanderte laut Ratcliffe dem Staat auf der Tasche liegen, er sein Geld privat jedoch lieber in Monaco für sich arbeiten lässt und mit seinen diversen Unternehmen fast eine Milliarde Euro an Fördergeldern aus der EU und UK eingesammelt hat. Wer hat, dem wird gegeben.

    Das Absurdeste an der Geschichte, und danach versuchen wir den schwierigen Bogen zurück zum Fußball zu bekommen, ist jedoch seine folgende Entschuldigung, die er natürlich aus ethischen Motiven abgegeben hat, nicht, weil ihm seine Marketingexperten dazu geraten haben. Es tue ihm leid, dass seine Wortwahl einige Menschen im Vereinigten Königreich und in Europa vor den Kopf gestoßen und Besorgnis ausgelöst hätten. Das Thema der „gut gesteuerten Einwanderung“ sei ihm dennoch wichtig. Aha. Das Statement lässt sich natürlich mannigfaltig interpretieren. Seine Wortwahl war nicht falsch, die doofen Anderen hätten es nur nicht verstanden. Dadurch sei Besorgnis ausgelöst worden. Besorgnis um was? Um die Menschenrechte? Da ist Besorgnis natürlich fehl am Platz. Was soll Besorgnis in diesem Zusammenhang eigentlich sein? Besorgt bin ich, wenn bei Borussia Dortmund jemand auf die Idee kommt, Emre Can als Sechser aufzustellen. Das ist Besorgnis. Wenn man Millionen Menschen beleidigt, dann hat die angeekelte Reaktion darauf nichts mit Besorgnis zu tun. Sondern sie ist normal. Leider gibt es aber natürlich keine Konsequenzen für Ratcliffe, mit der Entschuldigung ist alles Menschenmögliche getan worden, nun kann er weiter seine Wege gehen bis zur nächsten Entgleisung. Bei Manchester United stehen übrigens diverse Spieler mit Migrationshintergrund im Kader. Wollen wir mal hoffen, dass sie nach der Entschuldigung ihres Chefs nun nicht mehr besorgt sind.

    Und so bleibt es eine schöne Regelmäßigkeit, dass Personen, die, gelinde gesagt, ohne den Fußball wirklich kein Normalbürger kennen würde, politische Äußerungen fragwürdiger Natur tätigen und es danach einfach weitergeht. Weder Klub noch Fans können etwas gegen ihren Gutsherren unternehmen, das wissen gerade die leidgeprüften Anhänger in England nur zu gut. Wieder ein neuer Fleck auf der weißen Weste des schönsten Sports, wobei die Weste wohl inzwischen eher als fleckig denn als weiß bezeichnet werden kann. Wir dürfen gespannt sein, aus welcher Ecke als nächstes Besorgnis erregt wird.

  • Zu Gast bei Falschen Freunden

    Januar 30, 2026
    benediktkastner

    Für den Samstag, 24. Januar, waren einige Spiele in der amerikanischen Basketball-Profiliga NBA angesetzt. Darunter sollten die Golden State Warriors mit Superstar und mehrfachem Champion Stephen Curry zu Gast bei den Minnesota Timberwolves sein, die zum jetzigen Zeitpunkt beide eine recht gelungene Saison spielen. Das Spiel wurde jedoch mit sehr kurzer und vager Kommentierung um einen Tag nach hinten verschoben. „Es wurde beschlossen, der Sicherheit der Gemeinde Minneapolis Vorrang einzuräumen“ (eigene Übersetzung). Das ist in der NBA zwar selten, aber nicht zwingend ungewöhnlich; gerade die Besucher aus Kalifornien kennen den Umstand der kurzfristigen Spielverschiebungen aus Sicherheitsgründen, da auch kalifornische „Wildfeuer“ immer mal wieder zu genau diesen führen können. Nur ist das Team aus Auckland zu Gast im Januar in einem der zu dieser Jahreszeit kältesten Bundesstaaten des Landes. Auch generell sind es keine klimatischen oder wetterbedingten Umstände, die zu diesem Entschluss führten, wobei das in gewisser metaphorischer Hinsicht schon so gedeutet werden kann. Die Stadt Minneapolis ist gerade Schauplatz eines sich entzündenden Kampfes in einer politklimatisch maximal aufgeladenen Lage. Was ist passiert?

    Die US-Behörde „United States Immigration and Customs Enforcement“ (Einwanderungs- und Zollbehörde), kurz ICE, ist seit einigen Wochen in der Stadt, von US-Präsident Donald Trump geschickt, um angeblich nach sich illegal aufhaltenden Migranten zu suchen und diese zu deportieren. Dieses Narrativ wirkt aus der Ferne betrachtet wie ein fadenscheiniger Vorwand, da in der von Demokraten geführten Stadt und dem von Demokraten geführten Bundesstaat verhältnismäßig wenige Migranten leben. Im Unterschied zu Bundesstaaten wie Texas oder Florida, beides von Republikanern geführte Staaten und „fiercely loyal“ (unerschütterlich loyal) zu Donald Trump haltend. Es scheint naheliegender, dass Trump sich die Stadt ausgesucht hat, in der Gouverneur von Minnesota Tim Walz ist, der bei der Präsidentschaftswahl 2024 für das Amt des Vizepräsidenten auf der demokratischen Seite angetreten war und die Hauptstadt Minneapolis als „Sanctuary City“ gilt, also eine Stadt, die sich gegen die rigorose und zum Großteil menschenfeindliche Abschiebe-Politik des Präsidenten zu wehren versucht.

    Als menschenfeindlich kann auch das Vorgehen von ICE selbst klassifiziert werden, spätestens seit als an ebenjenem Samstag ein Amerikanischer Staatsbürger von mehreren Männern der Behörde auf offener Straße erschossen wurde, was in der Ausführung einer spontanen Exekution glich. Das Opfer Alex Jeffrey Pretti ist damit nach der Anfang Januar, unter anderen Umständen, ebenfalls von ICE erschossenen Renee Good, das zweite Opfer im Januar, in Minneapolis, von und durch ICE. „Welcome to the American Winter“ betitelt die Zeitschrift The Atlantic eine Bestandsaufnahme, vor allem der sich regenden Widerstände der Bürger der Stadt gegen diese über sie hereinbrechende maßlose Ungerechtigkeit, oder vielmehr Tyrannei, um in einer für Amerikanisten vertrauten Sprache zu bleiben. Wenn so der Amerikanische Winter aussieht, stellt sich die Frage, ob es danach einen Amerikanischen Frühling geben kann und wie der Amerikanische Sommer aussehen soll. Es darf daran erinnert werden, dass dieses Jahr 2026 die Fußballweltmeisterschaft unter anderem in genau diesem Land stattfinden soll, dessen Bürger:innen sich gerade in Straßenschlachten gegenüber stehen und bei teuflischer Zuspitzung auf offener Straße ermorden.

    Es gibt auf deutscher Seite erste Stimmen, oder zumindest eine erste offizielle Stimme, die schlussfolgert, man müsse einen Boykott dieser Weltmeisterschaft in Betracht ziehen. Der Vorschlag kam vom DFB-Vizepräsidenten und gleichzeitigem Vereinspräsidenten des Erstligisten St. Pauli, Oke Göttlich. Er sprach mit der Sportschau in Reaktion auch auf die Zustände in den USA und die hier auf der Seitenlinie schon angesprochenen Verbindungen des US-Präsidenten mit FIFA-Präsident Gianni Infantino.

    „Und es ist auch nicht der FC St. Pauli und Oke Göttlich, der hier Politik betreiben. Die Politik wird betrieben durch Gianni Infantino und Donald Trump, die eine Propagandashow mit dem Friedenspreis schon abgezogen haben“
    , sagte Göttlich. Die WM 2018 in Russland, die nicht boykottiert wurde, habe gezeigt, „wohin es führt, wenn man zu viel große Bühne bei großen Sportveranstaltungen gibt“, sagte Göttlich.

    Sein Vorschlag wurde wie erwartet höchst kritisch aufgenommen und bspw. von DFB-Präsident Bernd Neuendorf, der gleichzeitig auch Vorstand im FIFA-Rat ist, zurückgewiesen. Für diesen Freitag, den 30. Januar, ist eine Präsidiumssitzung des DFB geplant, und wir dürfen gespannt sein, inwiefern dieses Thema aufgegriffen wird. Klar ist, dass es bei diesem riesengroßen Event der Weltmeisterschaft um sehr viel Geld für alle Beteiligten geht; ein Boykott mit daraus eventuell resultierender Strafe, bspw. einem Teilnahmeverbot für zukünftige Turniere, stellt dementsprechend eine sicher einzukalkulierende Verlustrechnung dar. Nun noch in einem Nebensatz zu Luhmann (der die Ignoranz des Autors offenlegt): Funktional differenzierte Teilsysteme funktionieren nicht, wenn in allen davon fließend monétaire gesprochen wird. Die DFL meldet eine Rekordsaison, und da Fußball nur ein Spiel ist, bedarf es keiner kontextualisierenden Kommentare dazu:

    „In herausfordernden Zeiten setzt der deutsche Profifußball starke Signale“, teilt dazu Ligapräsident Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund mit. Die guten Zahlen seien Ausdruck „einer großen gesellschaftlichen Popularität des Fußballs“, meint DFL-Geschäftsführer Steffen Merkel.

    Die zu erwartenden Kommentare mit gewohnt zweifelhaftem intellektuellem Tiefgang offenbaren ein Problem, aber auch gleichzeitig eine oft schon erwähnte und diskutierte Chance. Das Problem ist offensichtlich, liegt auf der Hand und wurde auch hier auf der Seitenlinie bereits hinlänglich diskutiert: Geld. Die Fußballweltmeisterschaft ist eine unglaublich lukrative Angelegenheit, weshalb es vielen Organisationen schwerfallen wird, sich unter globalem Gruppenzwang aus der Sache herauszunehmen. Gerade auf Verbandsebene stellen diese Turniere aber immer wieder die Chance dar, ein Zeichen zu setzen, wie in der Diskussion um die WM in Katar kurz angedeutet hat. Schlussendlich hatte es auch dort keine wirklichen Konsequenzen, weil man nicht konsequent genug in der Sache war. Aber die Diskussion im Land und in der Welt hat gezeigt, welche Mobilisierungsmöglichkeit gerade diesem großen Event als Potenzial innewohnt. Die WM 2026 wird in vielen „Blue Cities“ und „Blue States“ stattfinden, also Städten und Bundesstaaten unter demokratischem Einfluss, was vorausahnen lässt, dass bis zum Beginn in knapp einem halben Jahr noch einiges an Unruhen auf uns zukommen wird. Selbst wenn diese bis dahin ausbleiben sollten, ist die jetzige Administration zu unberechenbar, als dass sich die europäischen Fußball-Verbände auf leichtfertigste Art zu einer Bewerbung dieser WM in diesem Land hinreißen lassen dürften (Mal ganz abgesehen davon, dass Nachrichten aus dem dritten Gastgeberland Mexiko nahezu untergehen). Auf diese USA ist zurzeit in keiner Form Verlass. Bei solch falschen Freunden sollte man gar nicht erst zu Gast sein wollen.

  • Von schwierigen Regelauslegungen

    Januar 23, 2026
    linusspringer

    Regeln, was sind schon Regeln? Und für wen gelten diese überhaupt? In der Welt des Fußballs kursieren diese Fragen mindestens so lange wie das Bayern-Dusel alt ist. Früher konnte man das Ganze auf einer eher sportlichen Ebene betrachten, etwa ob Schiedsrichter aus Angst vor der geballten Macht der Schickeria die Regeln bei dem Monster aus dem Süden der Republik etwas anders auslegen (Stichpunkt Elfmeterpfiff). Diese Diskussionen waren, trotz europäischer Wettbewerbe, immer eher lokaler Natur und sind auch in anderen Ligen mehr als präsent (man frage mal die Italiener oder Argentinier). Daraus entwickelte sich ein eher monetär angehauchter Diskurs über Regeln, der sich dann schon eine Ebene höher, auf UEFA-Ebene, manifestierte. Neben der Gerechtigkeit der Regeln für das Verteilen von Geldern auf nationalem Level kommt es zu Diskussionen, wie der internationale (und damit natürlich der europäische) Wettbewerb fair bleiben kann. Wie die Anwendung des daraus entstehenden Financial-Fair-Play gezeigt hat, gelten hier auch die Regeln mal mehr, mal weniger, in guter alter Phrasenschweinzeit würde man sagen: Auslegungssache.

    Diese beiden Regel-Diskurse schwelen natürlich weiter, eine Lösung wird das Ganze vermutlich nicht finden. Dazu gesellt sich inzwischen, und das auch noch in einem unpolitischen Sport, das Weltgeschehen. Wobei, inzwischen ist da vermutlich nicht das richtige Wort, denn schon immer hat die politische Ebene im Fußball, im Sport, eine Rolle gespielt. Zumindest aber dem Autor, der inzwischen dem Kindesalter entwachsen ist, kommt es so vor, als potenziere sich das Ganze in Angesicht einer Weltbühne, die sich kollektiv an tragigkomischer  Science-Fiction-Literatur versucht. Dementsprechend kommt dann auch das Gefühl zustande, die Politisierung des Fußballs sei erst kürzlich passiert, wie das mit der Verklärung der Vergangenheit eben so ist.

    Aber zurück zum eigentlichen Thema, den Regeln und deren Auslegung. Der Sport hat sich da nämlich selbst eine Grube gegraben, aus der er kaum noch rauskommt, nämlich eine subjektive Bewertungsgrube. Vorgeschickt sei noch, dass wir uns hier in ein schwieriges Feld bewegen, die nachfolgenden Aussagen sind deshalb nicht als Meinung zu werten, sondern als nüchtern Betrachtung des Zustandes. Die Nationalmannschaft Russlands sowie deren Vereinsmannschaften sind von der UEFA sowie der FIFA nach dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine aus sämtlichen Wettbewerben ausgeschlossen worden. Die Nationalmannschaft sowie die Vereinsmannschaften Israels dürfen angesichts des Palästina-Konflikts weiter mitmachen. Die Nationalmannschaft sowie die Vereinsmannschaften der Vereinigten Staaten von Amerika dürfen angesichts der Entwendung des venezolanischen Staatsoberhauptes weiter mitmachen. Die Nationalmannschaft sowie die Vereinsmannschaften der demokratischen Republik Kongo dürfen angesichts des Ruanda-Konflikts weiter mitmachen.

    Es ist völlig unmöglich die hier genannten Fälle miteinander zu vergleichen, und, wie schon erwähnt, es sei nochmal darauf hingewiesen, dass hier auch keine Wertung stattfindet. Eben diese Tatsachen im Hinterkopf behaltend stellt sich jedoch die Frage, wie die UEFA und die FIFA, oder auch andere Kontinentalverbände, diese Bewertungen vornehmen? Denn sie müssen das, irgendjemand muss entscheiden, wer an einem Wettbewerb teilnehmen darf und wer nicht. Die zu diskutierenden Fälle ließen sich fortführen, allerdings führt das zu nichts. Dementsprechend hat der Komplex, für wenn wann welche Regeln gelten, im Fußball eine globale Ebene erreicht, die kein Ende mehr findet. Denn in der aktuell fiktionalen Realität, die uns derzeit lieb hat, sieht es nicht danach aus, als würden die Konflikte dieser Art abnehmen. Wie viele Nationen dürften bei strenger Auslegung der politischen Teilnahmeregeln überhaupt noch an einem Turnier teilnehmen?

    Die Regel-Frage hat sich also schon längst vom Spiel mit dem Ball entfernt, welch ein Wunder. Doch die Anwendung wird auch wegen des Männchens im Weißen Haus schwieriger, konnte bisher doch eine Pro-westliche Auslegung herangezogen werden, wenn es eng wird. Beschwert sich schon keiner der wirtschaftlich relevanten Akteure. Doch dieses Auslegungsmuster wird auf eine harte Probe gestellt. Wenn die USA neben Venezuela auch noch Grönland retten will, ist das Turnier im Sommer 2026 dann noch so durchführbar? Das Pendant im Kreml hatte höflicherweise mit der großen Rettungsaktion bis nach der Weltmeisterschaft gewartet, vielleicht wiederholt sich das ja. Als NATO hätte ich erst ab September 2026 so richtig Angst. Wobei der Junge mit dem Schalter so ungeduldig und disziplinlos ist, dass wahrscheinlich die Minute des Abpfiffs des WM-Finals schon Grund zur Sorge bietet.

    Dazu kommt dann noch die Dimension der Fans, die muss UEFA und FIFA naturgemäß aber nicht interessieren. Was ist eigentlich, wenn im Sommer das halbe Teilnehmerfeld keine Zuschauerinnen schicken darf, weil sie nicht einreisen dürfen? Noch so eine Regelfrage: Welche Regel ist stärker, die der FIFA, das alle dürfen, oder die der USA, dass sie an der Grenze einkassiert werden? Aber wir sind wieder etwas abgeschweift. Deshalb zurück zur Ausgangsfrage: Regeln, was sind schon Regeln? Diese kann mit dem beschriebenen subjektiven Auslegungsloch wie folgt beantwortet werden: Regeln, was sind schon Regeln! Denn wie schon Frau Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf wusste, kann man sich die Welt machen, wie sie einem gefällt. Und das ist schließlich das Motto dieses fußball(politischen) Jahres 2026.

  • Ein Jahr endet – ein Jahr muss beginnen

    Dezember 31, 2025
    benediktkastner

    Wir befinden uns zwischen den Jahren, vor dem Fenster liegt zuverlässig einige Tage nach Weihnachten ein wenig Schnee und es wird – ebenfalls zuverlässig – viel zu verfrüht und von Minderjährigen munter geböllert. Da der Dezember grundsätzlich der stressigste und unangenehmste Monat des Jahres ist, zumindest in unserem Kulturkreis, setzt eine halbwegs adäquate Form der Besinnung bei mir erst einige Tage nach Christi Geburt ein (auch anstrengend, dieses eintagsfliegenartige Neugeborenwerden, nur um in vier Monaten wieder an einem Freitag an das…). Die verschiedenen Bratenformen sind halbwegs verdaut und man ist fast wieder munter, bis einem an Silvester ein Raclette den Rest geben wird. Wenige Sätze noch zu Weihnachten, mehr möchte ich von diesem Jahr nicht Revue passieren lassen: Ich wünsche mir nichts. Materiell habe ich alles und auch zu viel. Was ich nicht habe, brauche ich nicht. Immaterielles? Hier dann bitte die Kalendersprüche, und mir kommt doch noch ein Stück Tierfett von den Feiertagen hoch. Das Jahr hinterlässt einen demoralisiert und desillusioniert, sowohl die Politik als auch den Fußball betreffend. Keine Hoffnung und 60 steigt wieder nicht auf.

    Ich besinne mich also lieber wieder einmal auf meinen Zynismus und blicke in Kürze auf das kommende Jahr, mit vorauseilender Empörung. Denn das nächste Jahr vereint zwei sehr große Feierlichkeiten, die, wie es der spottende Schöpfer so will, unangenehm zusammenfallen: Die Fußballweltmeisterschaft findet 2026 statt, und zwar rund um den Golf von Mexiko in den „Vereinigten“ Staaten von Amerika. Die Nation feiert zudem am 4. Juli das Vierteljahrtausend (The United States Semiquincentennial, wahlweise auch the Bisesquicentennial oder the Sestercentennial). Zumindest in der Ankündigung wird es sicher die größte Feier aller Zeiten werden, wobei man das dieses Mal durchaus glauben darf (Man arbeitet seit 2016 an der Feier mit eigens abgestellter Kommission). Man könnte/sollte/möchte dieses Zusammenfallen von großen Feiern eigentlich begrüßen und nach 20 Jahren ein erneutes „Zu Gast bei Freunden“ ausrufen, nur scheint das in letzter Zeit vor allem aus der nicht sportlichen Betrachtung schwierig geworden, in einer Welt voller „Unterwerfungspazifisten und Traumtänzern“.

    Dabei hätte das wirklich der Anlass sein können für die großartigsten Ausflugspläne (liebevoll Aufwärtsfahrten genannt). Eine WM mit wieder einmal neuer Regelung, daher die Teilnahme von diesmal wirklich fast allen Nationen, was zu rund zigtausend Vorrundenspielen führt. Ein Traum! In einem Land, welches vor 250 Jahren mit der berühmt gewordenen Declaration of Independence ein ideengeschichtliches Vorbild für die liberal-demokratische Welt wurde. Eine Nation, die sich in ihrem Geburtsmoment auf einem Ideal stützt, welches buchstäblich revolutionär war und an welches die Dokumentarregisseur Ken Burns versucht auf monumentale Art zu erinnern. Was für eine fantastische und vielversprechende Kombination an Feiermaterial, wo ist mein Bourbon?!

    Nur leider wird diese Stimmung getrübt von zwei Männern, die uns das Leben und die Feierei leidig machen. Der eine ist Opportunist Gianni Infantino, der andere Egozentriker Donald Trump; für beide bräuchte es stärkere Wörter, weil sie beide die ihnen angelastete Eigenheit ins Extrem gesteigert und in das Autokratische überführt haben. Die Kombination dieser beiden geschmacklosen Männer führt dazu, dass kommendes Jahr ein großes goldenes Kalb in den USA aufgestellt und eine Götzenanbetung betrieben wird, welche für niemanden eine Heilserfahrung bedeuten kann. Die ersten Anzeichen waren bei der Überreichung des neu eingeführten FIFA-Friedenspreises bereits zu sehen. Eine Selbstinszenierung und Selbstbereicherung (und äußerst fragwürdig für eine Organisation in solch unpolitischem Umfeld). Gerade Trump und seine Familie treiben das in den USA gerade auf die Spitze, da sie äußerst exklusive Klientelpolitik betreiben, vor allem für sich selbst. Wir alle müssen uns kommendes Jahr die Frage stellen: Wenn ein Opportunist wie Infantino einen Egozentriker wie Trump so großartig findet und wir immer noch mit der FIFA feiern wollen, was sagt das dann über uns aus?

    Diese Frage möchte ich hier unbeantwortet stehen lassen, da ich davon ausgehe, dass wir sie in den kommenden Monaten zur Genüge diskutiert sehen werden. Vielleicht kommen wir ja dieses Jahr kollektiv zu einer Antwort, die mich dann wiederum in 12 Monaten einen optimistischeren Beitrag von der Seitenlinie schreiben lässt. Das war jetzt hier eine eher unbesinnliche Besinnung zwischen den Jahren, mit einem gewohnt pessimistischen Sinn auf das kommende Jahr und die bevorstehenden Feierlichkeiten. Um ausnahmsweise mal einen Bro-Podcaster zu zitieren – und versprochen, danach nie wieder – „the Declaration of Independence was a love letter to the future“ und sollte vielleicht gerade deshalb wieder gelesen werden; deren Inhalt auch als Antidot zu dem Zynismus in diesem Text hier.

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