Am vergangenen Donnerstag hat Bundestrainer Julian Nagelsmann das Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft für die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko bekanntgegeben. Endlich, muss man sagen, nach einer Verschiebung, diversen wahren und falschen Leaks und einer wirklich entwürdigenden Vorpräsentation einiger Akteure am Donnerstagmorgen lief das Ganze Gefahr, eine noch größere Farce zu werden als ohnehin schon. Die Vorabpräsentation lief über Videos von Nagelsmann ab, in denen der Coach die jeweiligen Spieler direkt anspricht. Die Szenen muten stromberghaft an, wer ein Problem mit unangenehmen Situationen hat, sollte lieber wegschauen. Mit Sicherheit reihen sich die Videos in der DFB-Hall-of-Fame direkt neben den Graugänsen ein, aber ein Museum will ja auch befüllt sein.
Daneben, und vielleicht ist das auch der insgeheim beabsichtigte Effekt, ging die Kaderzusammenstellung bis auf wenige Personalien fast etwas unter. Weshalb wir uns das Ganze hier genauer anschauen wollen, sicherlich auch mit einer Portion Sarkasmus, an der einen oder anderen Stelle aber auch mit nie für möglich gehaltener Ernsthaftigkeit. Am Ende soll dadurch ein alternativer Kader für das Turnier stehen, der zumindest in den Augen des Autors nicht schlechter anmutet als der, der sich vorbehaltlich der Visa-Erteilung und Social-Media-Kontrolle, am Ende tatsächlich in Übersee aufhält.
Tor:
Die Nummer 1 ist natürlich Oliver Baumann. Der Hoffenheimer ist seit gefühlt ewig einer der besten Bundesligakeeper und hat zuletzt auch in der Nationalmannschaft das Tor regelmäßig gehütet. Warum sollte man den Stammkeeper, der nicht nur sportlich, sondern auch charakterlich in Ordnung scheint, nicht zum Stammkeeper machen? Dahinter sind es natürlich die anderen guten deutschen Torhüter, die sich einen Platz erspielt haben. Das sind Alexander Nübel und Noah Atubolu. Der Stuttgarter spielt seinerseits schon länger auf einem hohen Niveau, die Freiburger werden nicht eine der, wenn nicht die, beste Saison der Vereinsgeschichte gespielt haben, weil der Keeper blind ist. Zudem steht der erst … Jahre alte Atubolu auch schon für die Zukunft, Erfahrungen sammeln im Kreis der Großen kann nicht schaden. Im Sommer steht wohl auch der Wechsel auf die nächste Ebene des Vereinsfußballs an. Manuel Neuer genießt seinen Urlaub.
Verteidigung:
Wir wollen mit den offensichtlichen Nominierungen beginnen. Klar sind Kimmich, Tah, Schlotterbeck und Raum dabei, man könnte mit diesen vier eine tolle Kette bilden, der Spielaufbau wird sehr progressiv. Zudem dürfte es auch gegen tiefstehende Gegner mit den Flanken des Leipzigers, den Seitenwechseln des Dortmunders sowie den Chipbällen des Aushilfsrechtsverteidigers nicht an spielerischen Mitteln mangeln. Auch Thiaw übersteht den Cut vom „echten“ in den „unechten“ Kader, trotz seiner erst 24 Jahre hat er schon Erfahrung bei Milan und Newcastle, bei beiden Teams war er Stammspieler. Zur gleichen Riege gehört dann auch Bisseck, ein Jahr älter, aber nicht weniger Stammspieler bei Scudetto-Gewinner Inter Mailand. Es fällt seit längerer Zeit auf, dass Spieler aus der Serie A in Deutschland im Gegensatz zu früher kaum noch wahrgenommen werden. Das liegt natürlich daran, dass die Liga nicht mehr so hochklassig ist wie früher. Allerdings darf man die Mannschaften in der Spitze auch nicht unterschätzen, hier herrscht gerade kaderintern ein hoher Konkurrenzkampf. Da könnte man einen Spieler des Meisters schon mal berufen. Genauso ist die Lage bei Ginter. Der arme Mann spielt mit Freiburg die schon erwähnte überragende Saison, ist ohnehin seit Jahren Stammspieler, mit reichlich Erfahrung ausgestattet und zudem noch mit einem Kopf gesegnet, der auch in der Lage ist, nachzudenken. Vielleicht ist dieser aber auch schlichtweg nicht nötig. Das sieht nun zunächst nach vielen Innenverteidigern aus, allerdings sprechen mehrere Faktoren dafür. Da ist die Möglichkeit, mit einer Dreierkette zu spielen. Darüber hinaus hat 2014 gezeigt, dass man auch mal jemanden von innen rausziehen kann, wenn derjenige auch ein bisschen mitdenkt. Und zuletzt handelt es sich durchaus um eine Position, bei der eine Sperre im Verlauf des Turniers vorkommen kann. Ein weiteres Argument sind im Verlauf die noch zu nominierenden Spieler, von denen der eine oder andere durchaus die Außenbahn auch defensiver angehen kann. Als letzten Akteur der Riege „Verteidigung“ wird zudem noch Treu nominiert, sozusagen als Überraschungsgast. Auch er bei Freiburg Stammspieler, zudem auf beiden Außenverteidigerpositionen einsetzbar, bringt also die turnierwichtige Eigenschaft „Vielseitigkeit“ mit. Aus Freiburg heraus scheint es jedoch leider keine Fernsehübertragungen in das Wohnzimmer von Julian Nagelsmann gegeben zu haben in dieser Spielzeit, wenn dann das Stadion auch noch immer ausverkauft ist, was soll der Bundestrainer dann machen?
Mittelfeld:
Im Gegensatz zur aktuellen Didaktik, in der nur noch von zwei Kategorien, nämlich Verteidigung und Mittelfeld/Angriff die Rede ist, bleiben wir beim ursprünglichen dreigeteilten Schema der Feldspieler und reißen die Letztgenannte auf. Dementsprechend sind wir nun im Mittelfeld angelangt. Auch hier bleiben wir teilweise beim bewährten Personal, das sind namentlich Wirtz, Goretzka, Stiller und Nmecha. Die vier sind alle im Zentrum des Spiels beheimatet, haben jedoch alle unterschiedliche Profile und Stärken und sollten sich somit gut ergänzen bzw. in unterschiedlichen Spielsituationen zu gebrauchen sein. Danach greifen wir dann auf zwei Premier-League-Akteure zu. Der erste ist Stach. Der hat mit Leeds United unter Daniel Farke nicht nur eine bemerkenswert ruhige Saison für einen Aufsteiger gespielt. Darüber hinaus war er auch der zentrale Spieler und hat, sozusagen als Zusatzqualifikation neben der Schule, für sagenhafte Freistoßtore gesorgt. Diese Qualität sollte bei einem Turnier, bei dem gute Standards entscheidend sein können, wenn man jeder Vorberichterstattung und jedem Interview dazu glauben kann, von Nutzen sein. Mit Janelt ist der zweite England-Legionär der Überraschungen im Mittelfeld zwar nicht ganz so spektakulär, dafür aber vor allem eines: grundsolide. Und genau das braucht man im Mittelfeld für so ein Turnier auch mal, einen grundsoliden Teamplayer, der auch auf andere Position ausweicht. Kramer war 2014 sicherlich nicht wegen seiner Genialität dabei.
Angriff:
Damit sind wir dann auch schon vorne angelangt, wobei „vorne“ den Angriff meint und die Außenbahnen mit einschließt. Ganz so leicht zu trennen ist das Ganze dann doch nicht. Wieder soll es mit den auch von Nagelsmann berufenen Spielern losgehen, denn wenn sich zwei Fachmänner wie er und der Autor schon einig sind, dann scheint eine Nominierung wirklich verdient zu sein. Das sind Undav, Leweling, Beier und Havertz. Die Nominierung des Stuttgarter Stürmers darf bei der Torquote und bei dem Charakter außer Frage stehen, der Arsenal-Akteur hat seine Qualitäten ebenfalls hinreichend bewiesen und ist wieder fit. Bei den zwei verbleibenden Spielern aus Dortmund und Stuttgart greift, was bei der Verteidigung bereits gesagt wurde: Wenn es bei den Außenverteidigern eng werden sollte, können beide diese Position in einer Dreier- bzw. Fünferkette übernehmen, haben es auf Vereinsebene schon gespielt. Vielseitigkeit ist bei einem Turnier Trumpf. Ebenfalls für die Außenbahn und als erster „Neuer“ ist dann El Mala zu nennen. Als sogenannter Unterschiedsspieler in engen Situationen kann er von der Bank entscheidend sein. Wenn man in seiner ersten Bundesligasaison und dann auch noch in Köln so aufzaubert, dann muss das auch für den einen Kaderplatz beim DFB reichen. Ob wir den mal nicht vermissen, wenn es gegen Curacao in der 85. Minute 2:2 steht. In eine ähnliche Kategorie fällt Schade von Brentford. Dort ist der ehemalige Freiburger (vielleicht liegt die Nichtnominierung auch daran) absoluter Stammspieler, acht Tore und vier Vorlagen muss man in der teuersten Liga der Welt erstmal auf den Rasen bringen. Als Alternative zu Undav und Havertz ganz vorne drin kommt Burkardt mit. Der war zwar länger verletzt, ist aber im Saisonendspurt wieder fit geworden. Den Angreifer bringt vor allem sein Einsatzwille in den Kader, den man dem ein oder anderen zwar nicht absprechen, aber doch deutlicher ansehen möchte. Dazu noch diese Art, sich in jeden Zweikampf reinzuwerfen, was sicherlich mal nicht schaden kann. Beschließen soll unsere Nominierung einer, der Amerika kennt. Wer jetzt zuckt, nein, Thomas Müller lassen wir ebenfalls im Urlaub. Es ist Hanny Mukthar. Inzwischen 31 Jahre alt spielt er seit 2020 in Nashville, war im Laufe der Jahre einmal MVP und einmal Torschützenkönig der MLS. Der ehemalige Berliner ist früher ein klassischer Zehner gewesen, wurde in den USA aber eins nach vorne geschoben, was ihm enorm zu liegen scheint. Nach 14 Partien steht er auch jetzt wieder bei sechs Toren und vier Vorlagen. Das sollte, neben den Ortskenntnissen, für einen Kaderplatz als Überraschung reichen. Und Messi scheint die MLS schließlich auch zu reichen.
