Zunächst einmal: Sport ist nicht politisch. Jetzt, wo diese Grundfrage endlich ein für alle Mal geklärt werden konnte, dürfen wir unseren, eigentlich immer geliebten, Gianni auch wieder öffentlich und lautstark liebhaben. Ohne diese erste Feststellung wäre das nicht möglich. Auch neben der infamen Zuneigung zu Infantino wäre der Fußball so viel einfacher, wenn die Aussage wahr wäre. Wobei wir das spezifizieren müssen, denn einfacher wäre er natürlich nicht, danke Kölner Keller.
Aber er wäre als schönste Nebensache der Welt genießbarer, weil ohne Gewissensbisse. Ist er aber nicht, weil das Eingangsstatement natürlich Schwachsinn ist. Im Gegenteil, er ist hochpolitisiert, wobei dies nicht von außen oktroyiert wird, sondern inzwischen schon als intrinsische Funktion begriffen werden kann. Die Politik kommt nicht von woanders auf den Fußball, die handelnden Personen betreiben aus ihm heraus Politik. Ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste, Argument dabei ist die Aufmerksamkeit, die dem Sport zuteilwird. Fußballern (in dem Fall gilt das tatsächlich für die maskuline Form) und Funktionären (in dem Fall auch) wird eine Öffentlichkeit entgegengebracht, mit der diese offenbar in großer Vielfalt nicht umgehen können oder wollen. Oder es können, aber eben nicht so, wie der Autor sich das vorstellt. Dementsprechend wird die Diskursmacht, die man erhält, weil man gut gegen einen Ball treten oder gut andere Menschen ausbeuten kann, missbraucht.
Bei letztgenannter Kategorie landen wir natürlich bei den angesprochenen Funktionären, für die man sich in regelmäßigen Abständen schämen muss, mal öfter, mal weniger oft, je nachdem, welchem Klub man seine Seele anvertraut hat. Und in wirklich erstaunlicher Regelmäßigkeit sind hier die Anhänger von Manchester United gepeinigt, obwohl man meinen sollte, dass die Elf auf dem Rasen das schon alleine hinbekommt. Mitbesitzer ist Jim Ratcliffe, 73 Jahre alt, hauptberuflich Milliardär. Was er genau gesagt hat, soll hier aufgrund der Wortwahl nicht wiedergegeben werden, seine Aussagen bezogen sich zusammengefasst darauf, dass Großbritannien zu viele Menschen aufnehmen und diesen die Gesundheitsversorgung bezahle. Dabei brachte er nicht nur Zahlen durcheinander oder, was wahrscheinlicher ist, erfand einfach welche, sondern verwechselte auch noch Menschlichkeit mit Rassismus. Passiert jedem Mal. Eine witzige, wenn auch bittere, Note bekommt das Ganze, wenn man in Betracht zieht, dass Eingewanderte laut Ratcliffe dem Staat auf der Tasche liegen, er sein Geld privat jedoch lieber in Monaco für sich arbeiten lässt und mit seinen diversen Unternehmen fast eine Milliarde Euro an Fördergeldern aus der EU und UK eingesammelt hat. Wer hat, dem wird gegeben.
Das Absurdeste an der Geschichte, und danach versuchen wir den schwierigen Bogen zurück zum Fußball zu bekommen, ist jedoch seine folgende Entschuldigung, die er natürlich aus ethischen Motiven abgegeben hat, nicht, weil ihm seine Marketingexperten dazu geraten haben. Es tue ihm leid, dass seine Wortwahl einige Menschen im Vereinigten Königreich und in Europa vor den Kopf gestoßen und Besorgnis ausgelöst hätten. Das Thema der „gut gesteuerten Einwanderung“ sei ihm dennoch wichtig. Aha. Das Statement lässt sich natürlich mannigfaltig interpretieren. Seine Wortwahl war nicht falsch, die doofen Anderen hätten es nur nicht verstanden. Dadurch sei Besorgnis ausgelöst worden. Besorgnis um was? Um die Menschenrechte? Da ist Besorgnis natürlich fehl am Platz. Was soll Besorgnis in diesem Zusammenhang eigentlich sein? Besorgt bin ich, wenn bei Borussia Dortmund jemand auf die Idee kommt, Emre Can als Sechser aufzustellen. Das ist Besorgnis. Wenn man Millionen Menschen beleidigt, dann hat die angeekelte Reaktion darauf nichts mit Besorgnis zu tun. Sondern sie ist normal. Leider gibt es aber natürlich keine Konsequenzen für Ratcliffe, mit der Entschuldigung ist alles Menschenmögliche getan worden, nun kann er weiter seine Wege gehen bis zur nächsten Entgleisung. Bei Manchester United stehen übrigens diverse Spieler mit Migrationshintergrund im Kader. Wollen wir mal hoffen, dass sie nach der Entschuldigung ihres Chefs nun nicht mehr besorgt sind.
Und so bleibt es eine schöne Regelmäßigkeit, dass Personen, die, gelinde gesagt, ohne den Fußball wirklich kein Normalbürger kennen würde, politische Äußerungen fragwürdiger Natur tätigen und es danach einfach weitergeht. Weder Klub noch Fans können etwas gegen ihren Gutsherren unternehmen, das wissen gerade die leidgeprüften Anhänger in England nur zu gut. Wieder ein neuer Fleck auf der weißen Weste des schönsten Sports, wobei die Weste wohl inzwischen eher als fleckig denn als weiß bezeichnet werden kann. Wir dürfen gespannt sein, aus welcher Ecke als nächstes Besorgnis erregt wird.
Wrexham AFC – Gibt es gute und schlechte Investoren?
Wenn eine Mannschaft nach 15 Jahren den sogenannten Non-League-Football verlässt und zurückkehrt in den Kreis der Football League, dann ist zunächst einmal natürlich eines zu sagen: Herzlichen Glückwunsch! Genau dies ist einen Spieltag vor Ende der Saison dem AFC Wrexham gelungen. Nach 45 Spieltagen steht man mit 110 Punkten uneinholbar an der Tabellenspitze, die letzte Partie kann also zur großen Partie, der Aufstieg in die viertklassige League Two gefeiert werden. Zur National League, der fünftklassigen Spielklasse, der Wrexham nun den Rücken kehrt, gibt es diverse Geschichten. Brutal harte 46 Spiele sind zu absolvieren, nur der Erste steigt auf, die anderen müssen in die Playoffs. Auch der AFC hat seinen Teil beigetragen, scheiterte letzte Saison noch in ebenjenen Ausscheidungsspielen. Und in dieser Saison kam es am 43. Spieltag zum ultimativen Aufeinandertreffen mit Notts County, der zweitplatzierten Mannschaft. Wir machen es kurz: Die Waliser gewannen ein unfassbares Spiel mit 3:2, weil Torwart Ben Foster, aus der Premier League bekannt, in der siebten Minute der Nachspielzeit einen Elfmeter hielt. Ekstase pur.
Im Nachgang wurden viele Texte zu den roten Drachen geschrieben, denn der Verein ist inzwischen international bekannt als der FC Hollywood. Warum das? Er wurde 2020 für 2,8 Millionen Euro von den Schauspielern Ryan Reynolds und Rob McElhenney gekauft, die inzwischen auch ein eigenes Lied von den Fans bekommen haben. Seit dem Einstieg der beiden Amerikaner ist viel passiert in Wrexham, das Stadion wird ausgebaut, es gibt eine Dokumentation über die erste Spielzeit, die Social-Media-Kanäle, besonders TikTok, boomen, das Sponsoring wurde massiv hochgefahren und der Kader wurde mit für die Liga unglaublichen Investitionen zum Aufstieg gedrückt. Dass sich die Fans darüber freuen, scheint zunächst einmal sehr nachvollziehbar. Und doch überrascht die Euphoriewelle, die den neuen Eignern entgegenschlägt, etwas. Bei der Übernahme mussten die beiden Investoren ein Fangremium überzeugen, das die Geschicke des Vereins lenkte, nachdem dieser in grauer Vorzeit bereits einmal vor die Wand gefahren wurde. Offenbar scheint diese historische Begebenheit aber keine Rolle mehr zu spielen.
Und so fragt man sich: Gibt es gute Investoren und schlechte Investoren? Oder gibt es einfach Investoren? Nicht missverstehen: Natürlich gibt es Menschen mit unterschiedlichen Motiven und auch Arbeitsweisen, auch bei Investoren ist das so. Dennoch muss einmal die Frage aufgeworfen werden, wie der Fußball denn nun damit umgehen will? In England sind die meisten Vereine inzwischen investorengeführt, mal besser, mal schlechter. Die Fans von Manchester United hoffen seit Jahren, dass die Glazer-Familie den Klub abgibt. Vielen anderen geht es auch so, wenn sie nicht schon lange in den Niederrungen des Amateurfußballs versunken sind. Das ist keine englische Eigenheit, in allen anderen Fußballländern kann man ähnliche Beispiele finden, man muss nur zum Beispiel mal bei Malaga oder Valencia nachfragen. Oder in Bordeaux. Oder in Uerdingen oder bei 1860 in München. Und dann gibt es die vermeintlich positive Kehrseite, die aktuell in Wrexham zu bestaunen ist. Oder in Newcastle, wo der Staat Saudi-Arabien, von zweifelhaftem Ruf, Schalten und Walten darf, solange es gut läuft, stehen die Fans voll dahinter. Dabei haben gerade die Anhänger der Magpies zuvor erlebt, was es heißen kann, wenn ein Investor keine Lust mehr hat. Aber wer will nicht Paris Saint-Germain sein?
Und so sind wir vom beschaulichen Wales in die große Fußballwelt und damit auch nach Deutschland geraten. Denn auch die Bundesliga respektive die DFL haben eine Diskussion angestoßen, ob Investoreneinstiege nicht notwendig sind. Die Fans haben sich dazu klar positioniert: Nein, es ist nicht notwendig. Naja, aber was deren Meinung zählt, sollte Land auf, Land ab bekannt sein. In Deutschland gibt es bereits Konstrukte, die von Fanmitbestimmung abgekoppelt sind, wie Leipzig, oder von Konzernen gelenkt werden wie die „Werksclubs“ Leverkusen und Wolfsburg. Denn Investoren wollen natürlich mitbestimmen, was mit ihrem Geld passiert, da kann man noch so laut 50+1 rufen. Sie wollen nicht einfach Kapital in einen Klub pumpen und dann dabei zusehen, wie es verbrennt. Doch gerade die Fanbestimmung, die einen funktionierenden Verein ausmacht, gerät dadurch in Gefahr. Das Problem der Investoren im Kapitalismus ist: Sie müssen Gewinn erzielen, sonst hat sich das Investment nicht gelohnt. Auch sogenannte „langfristige Partnerschaften“ sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Profit das Ziel ist, bei aller Romantik, die vielleicht manchmal mitschwingt. Und auf dem Weg dahin müssen natürlich auch entsprechende Entscheidungen getroffen werden. Das betrifft zum einen das Sportliche, aber eben auch das Drumherum, das dem Fan so wichtig ist, wichtig zu sein hat. Höhere Ticketpreise bringen mehr Profit, ebenso mehr VIP-Loungen. Sponsorenverträge mit, vielleicht fraglichen, Partnern und Big Playern bringen mehr Profit. Diversifizierte Anstoßzeiten bringen mehr Profit. Eine höhere Anzahl an Spielen bringt mehr Profit. Die Liste lässt sich fortführen, darauf sind eigentlich nur Punkte zu finden, die dem gemeinen Fan zuwider sind. Außer der sportliche Erfolg eben, der gehört auch dazu. Und der überlagert meist das ganze andere unwichtige Zeug. Womit letztlich auch die Euphorie zu erklären ist, die am Anfang eines Engagements meist steht, die aber schnell in Frust und Verzweiflung umschwingen kann.
Denn gerade mit der sportlichen Wettbewerbsfähigkeit wird im Kontext von Investoreneinstiegen meist argumentiert. Unterschlagen wird dabei aber ein zentraler Punkt: Wichtig ist diese vor allem den Entscheidern oben im Machtgefüge, man will europäisch spielen und dabei auch noch gut. Natürlich, der Fan will auch, dass seine Mannschaft maximal erfolgreich ist, das steht außer Frage. Aber das ist nicht das höchste Gut in einem gemeinnützigen Sportverein, dieser steht für Werte, die mehr bedeuten als Profit. Man drückt seinem Verein auch in unteren Ligen noch die Daumen und auch wenn er nicht die riesigen Weltstars in seinen Reihen hat. Das Licht ganz oben mag besonders hell und damit verlockend sein, aber zu einem gesunden Sport trägt es nicht bei, schon gar nicht zu einem Sport, in dem den Fans ihr Verein gehört und sie über sein Schicksal mitentscheiden können. Und so ist es aus der Ferne auch weiterhin verwunderlich, was im beschaulichen Wrexham geschieht: Die Fans bejubeln ihre eigene Entmündigung zugunsten einer vermeintlich besseren sportlichen Perspektive. Ob das der richtige Weg ist?
Der Jahreswechsel stellt immer auch die Möglichkeit dar, zurückzublicken, was man so erlebt, was man so getrieben, was man so verbockt hat, Nostalgie eben. Und so will ich auch hier einen Blick zurückwerfen, nicht auf das Fußballjahr im Ganzen, das ist unmöglich, sondern auf die Spiele, die man selbst besucht hat (denn das sind ja eigentlich auch die, die zählen). Dabei sticht im Jahr 2022 natürlich vor allem ein waghalsiger Aufenthalt in London heraus. Aus diesem Grund will ich, während im Hintergrund „Dinner for One“ läuft, klar, diese Reise mit seinen Erlebnissen nochmal passieren lassen. Auf dass nächstes Jahr wieder etwas Derartiges passiere.
Für mich beginnt die Reise bereits Wochen vor der Abreise. Ich bin ein Planer, zumindest was den Fußball, oder eigentlich eher den Sport, angeht. Stadionbesuche wollen sorgfältig zusammengestellt, Vorverkaufstermine gecheckt, Sitzplätze ausgesucht werden. So entsteht, unter gütlicher Mithilfe der Terminierungen der englischen Fußballligen, so viel Platz muss sein, ein Plan, den ich gelungen finde. Kurz die Schilderung der Fakten: Wir reisen Freitag, leider mit dem Flugzeug, an, Samstag dann Luton Town gegen Blackpool, Sonntag Brighton & Hove Albion gegen Southampton. Montag folgt Crystal Palace gegen Leeds, Dienstag Fulham gegen Nottingham, Enfield Town gegen Hornchurch findet am Mittwoch statt. Den Abschluss am Freitag und Samstag machen die Queens Park Rangers gegen Sheffield United und schließlich Watford gegen Burnley. Wer sich übermäßig viel gepflegten Fußball vorgestellt hat, muss schon beim Programm skeptisch werden. Aber genau so soll es sein, wie man so schön sagt, Englisch eben. Wir fahren ja nicht umsonst ins selbsternannte Mutterland des Fußballs.
Dann beginnt es also. Mit den einzelnen Spielverläufen und Ergebnissen werde ich mich nicht lange aufhalten, diese waren mal mehr, mal weniger spannend, nur so viel sei bemerkt: Einen Heimsieg haben wir nicht erlebt, typisch Glücksbringer. Was uns (oder sollte ich mich sagen?) viel mehr interessiert, ist ohnehin das Drumherum, das Gefühl auf dem Weg zum Stadion, die Stimmung, die Menschen, die strukturellen Bedingungen, kurz: die Soziologie des Spiels um das Spiel.
Diese Analyse muss deshalb natürlich vorne und bei dem Weg zum Stadion anfangen. Wir als Immobilienhaie wissen, auch hier zählt: Lage, Lage, Lage. Und gelegen sind viele Stadien mitten in Wohnvierteln und -blocks. Das macht zum einen den Fußweg von der nächstgelegenen Station sehr angenehm, weil man durch klassische (neu-)englische Architektur oder Parks schlendert, und zum anderen bekommt man dadurch das Gefühl, das Stadion wäre so etwas wie das Zuhause von jemandem. Aus dem Nichts streben die zum Teil uralten Stadien in die Höhe, als hätte jemand sein zu großes Grundstück in diesem Viertel mit einer ausgiebigen Behausung bebaut, nichts weiter. Man ist eingeladen, dort zu Gast zu sein, und kann das Stadion gleichzeitig als sein eigenes Zuhause wahrnehmen. Ganz anders ist das Gefühl bei Neubauten aller Art, meist außerhalb der Stadt gelegen, die nicht nur lästig zu erreichen sind, sondern auch eine distanzierte Kühle ausstrahlen. Mir ist klar, dass man, wenn man ein Stadion neu bauen muss oder will, kein geeignetes Grundstück im modernen Stadtzentrum findet. Umso wichtiger erscheint es, die vorhandenen Stadien, die sich durch diese Lage auszeichnen, zu erhalten, auch auf Kosten der einen oder anderen Annehmlichkeit, die aus Platznot eben nicht geschaffen werden kann. Denn das Gefühl, das einen auf dem Weg zum Stadion in England begleitet, ist in dieser Weise einzigartig.
Im Stadion angekommen fällt natürlich die unmittelbare Nähe der Tribünen zum Rasen sowie das fehlende Fangnetz hinter den Toren auf, was über englische Arenen hinlänglich bekannt ist. Dennoch ist es in live nochmal beeindruckender, wie nah das Spielfeld tatsächlich ist. Dadurch entsteht der Eindruck eines sehr engen, gedrungenen Zimmers, das durch die Tribünen als Wände umrandet wird. Auch der Kontakt zu den Spielern, die zum Beispiel eine Ecke treten, wird so enger, man kann sie in vorderster Reihe beinahe berühren (nicht, dass man das wollte). In dieser Enge liegt auch die Kraft der englischen Stadien begraben, über die man zu Recht sagt, dass sich die Stimmung von den Rängen auf den Rasen überträgt. Die Unmittelbarkeit und Nähe sorgen dafür, dass die Spieler Stimmungsumschwünge und Anfeuerungen sofort und lautstark mitbekommen und so auch logischerweise, implizit, darauf reagieren sowie damit interagieren. Das ist bei Stadien mit weiter nach hinten gerückten Tribünen schwieriger, bei Stadien mit Laufbahn fast unmöglich.
Wie die aufmerksame Leserin bemerkt hat, bin ich großer Fan der Lage und Art der englischen Stadien und der damit einhergehenden Wirkungen. Damit sich dem Leser auch eine andere Seite darstellt, komme ich natürlich auch auf aus meiner Sicht negative Aspekte des englischen Stadionvergnügens zu sprechen. Da ist zuerst das Bierverbot auf den Rängen. Alkohol ist nur vor den Kiosken gestattet, mit in den Innenraum darf er nicht genommen werden. Frevel. Nun ja. Schwerwiegender ist da schon, dass es in England (aufgrund wichtiger und richtiger Gründe) keine Stehplätze gibt. Inzwischen gibt es zwar (aus wichtigen und richtigen Gründen) die Erlaubnis für einige Vereine, im Rahmen von Pilotprojekten wieder Stehplätze einzuführen, bis dies flächendeckend der Fall ist, wird es aber noch dauern. Dadurch geht ein zentrales Element der Fanszene verloren, das ich an deutschen Stadien so schätze: Die situationsunabhängige Unterstützung. Die Stimmung in englischen Stadien ist sehr davon abhängig, wie die Mannschaft auf dem Platz performt (in unserem Fall meistens schlecht). Eine organisierte Fanszene in den Stadien, die für dauerhafte Anfeuerung sorgen würde, gibt es nicht. Ein positiver Aspekt dabei ist jedoch, dass das Publikum durchmischter ist, es gibt nicht die Trennung in Fankurve und Gegengerade wie in Deutschland, jeder sitzt überall. Dennoch, Stehplätze sind ein großer Gewinn für die Stimmung und für den Fußball beziehungsweise das Fußballerlebnis als Fan.
Zuletzt darf dann noch die Kommerzialisierung in der Auflistung nicht fehlen (die selbstverständlich auch in Deutschland voranschreitet). Mit Konsumkritik sollte man immer vorsichtig sein, wenn man selbst öfter als einem lieb ist als Konsument in Erscheinung tritt (oder sollte man sich gerade dann daran versuchen?). Weshalb Konsumkritik in diesem Fall durchaus auch (oder immer?) als Selbstkritik verstanden werden darf, als Autokonsumkritik sozusagen. Jedenfalls ist der Konsum in englischen Fußballstadien von vorne bis hinten durchchoreographiert und damit natürlich im Endeffekt auch die Kommerzialisierung des Sports. Das beginnt bei Vereinen, die in ihren Fanshops für wirklich jeden Mist Geld nehmen (und den ich gerne kaufe). Es geht weiter bei Fanzonen vor dem Stadion, in die man mit sagenhaften Angeboten hineingelockt wird, um dort dann größtenteils männlichen Zuschauern dabei zuzusehen, wie diese die vereinseigenen Cheerleaderinnen beobachten (die Problematik dahinter soll an einer anderen Baustelle aufgegriffen werden). Und es endet (nicht) bei Ticketpreisen, die jenseits aller Vorstellungskraft liegen. Man unternimmt bei einer Reise nach England also nicht nur einen Ausflug zu tollen Stadien, netten Menschen und womöglich gutem Fußball, sondern erhascht eben auch einen Blick darauf, wie die fortschreitende Kommerzialisierung des Sports aussehen kann. Und zu der man selbst mit dem Konsum dessen natürlich beiträgt. Dabei machen sich Vereine ein abstraktes Bedürfnis des Fans zunutze: „Damit lassen sich zwei für alle Fanbereiche anwendbare Strategien einer Steigerung des physischen Wohlbefindens durch Fantum erkennen: 1. Fantum als Strategie zur Steigerung emotionalen Erlebens und 2. Fantum als Strategie der Erlebnissicherung auf einem prekären Erlebnismarkt“ (Roose et al. [2017]: Fans in theoretischer Perspektive, in: Roose et al. [Hrsg.]: Fans. Wiesbaden: Springer, S. 23.). Fans wollen demnach ihr Wohlbefinden steigern, indem sie eben Fan sind, emotional also an einen Verein gebunden sind, unterbewusst. Das können die Kommerzialisierer ausnutzen, indem sie diesen Markt bedienen, überfrachten und ausschlachten. Dabei ist auch klar: Das muss nicht zwangsweise etwas Schlechtes sein, wenn man es so mag. Dennoch finde ich es ermutigend, dass es auch anders geht.
Denn eine Ausnahme, zugegebenermaßen erhoffte Ausnahme, stellt das Spiel bei Enfield Town dar. Enfield Town? Welcher Wahnsinn trieb sie da hinein? Die, sehr subjektive, Suche nach dem, was aus meiner Sicht Fußball sein kann, sein sollte, vielleicht war und vielleicht wieder sein wird. Denn letztlich stellt sich die Frage, warum man diesem Spiel überhaupt beiwohnt? Warum strömen hunderte bis tausende Menschen am Wochenende ins Stadion, nehmen unfassbare Reisen auf sich, um den Klub ihres Herzens spielen zu sehen? Das wunderbare, schön anzuschauende Spiel kann es nicht sein, das hat diese London-Reise einmal mehr aufgezeigt. Und das zeigt im Übrigen auch Enfield Town gegen Hornchurch, das sicherlich Vieles ist, aber kein Leckerbissen. Demnach muss es etwas anderes geben, etwas, das die Menschen anzieht und sie bindet, unabhängig davon, welche elf Spieler den Verein gerade zugrunde richten.
Klar, auch bei Enfield Town gibt es Bier (für das man unfassbar lange anstehen muss), und auch hier gibt es Fastfood (der von drei bezaubernden älteren Damen zubereitet wird), ja, es gibt sogar einen Fanshop sowie Bandenwerbung. So weit, so gut zur fortschreitenden Kommerzialisierung des Sports. Doch Enfield Town präsentiert einen Kern, der außerhalb dieser Geldwerdung des Fußballs liegt. Sicherlich, für Vereine in unteren Spielklassen ist es wesentlich einfacher, diesen Kern zu bewahren, als wenn man im Konzert der Großen mitspielt. Dennoch treten hier Dinge abseits der Kommerzialisierung auf, die zumindest mich an den Fußball glauben lassen. Und die tatsächlich auch nur schwer zu beschreiben sind. Hier sucht der Fan natürlich ebenfalls unterbewusst das physische Wohlbefinden, um bei der Definition von Roose et al. zu bleiben. Aber er erreicht es anders, auf eine, so möchte ich sagen, organischere Weise. Das bessere Befinden ist nicht an einen Geldbeutel geknüpft, der im kommerzialisierten Umfeld zwangsweise geöffnet werden muss, um auf dem „prekären Erlebnismarkt“ erfolgreich zu sein. Der Fußball als solcher bzw. das dazugehörige Fantum reicht aus, um die von Roose et al. beschriebenen Effekte zu entfalten. Es braucht nicht zwangsweise das mittlerweile dazugehörige kommerzialisierte Umfeld, sondern es gibt eine Befriedigung aus dem Fußball selbst heraus. Zugangsbeschränkungen im Sinne einer Eventisierung sind dabei nur hinderlich, da er als Sport universell und allgemein zugänglich sein könnte. Das Spiel bei Enfield Town, das Gespräch mit dem niedergeschlagenen aber mehr als freundlichen Mannschaftskapitän sowie ein Bahn- und Barerlebnis mit einem Fremden zeigen mir, was der Fußball kann. Und das ist, ganz nostalgisch, doch nochmal eine Erinnerung wert.
So ist dieser Bericht am Ende doch noch zu einem Plädoyer geworden, was ich eigentlich vermeiden wollte. Nun gut, es ist wie es ist und an Silvester wollen wir da mal nicht so sein. Nächstes Jahr geht es weiter, mit einer Leistungssteigerung meinerseits ist nicht zu rechnen. Wie auch?