Er ist es und er bleibt es. Kontinuität gilt gemeinhin als etwas Positives, aber der Begriff lässt sich leider auch auf negative Phänomene anwenden. Ein solches ist die FIFA, ist vor allem ihr Oberhaupt, Anführer, Chef, Präsident, Stammesführer, Herrscher, Diktator, wie man ihn auch nennen will, Gianni Infantino. Ein kontinuierliches Ärgernis. In Kigali, Ruanda, wurde der Schweizer am 16. März für eine weitere Amtszeit bestätigt, diese geht vier Jahre. Nachdem die erste Amtszeit von 2016 bis 2019, als er von Sepp Blatter, der über die Justiz gestolpert war, übernahm, handstreichartig als „keine echte Amtszeit“ eingestuft wurde, darf Infantino uns im Optimalfall noch bis 2031 behelligen, so wollen es die Statuten des Weltverbandes. Man ist geneigt, ihm eine ähnliche Stolperfalle wie seinem Vorgänger zu wünschen, allerdings scheint der Präsident den Mantel von Ignotus Peverell zu haben, so sehr perlt jeglicher Justiz-Ärger (noch) an ihm ab. Aber zurück zur Wahl.
Vor lauter Rührung über die überraschende Bestätigung seiner nächsten Amtszeit schaffte es Infantino nicht aus dem Stuhl, da er laut eigener Aussage sonst umfallen könnte. Letztlich brachte er es zum Glück für alle Beteiligten aber auch ohne Umfallen fertig und sprach vom Berg der Seligpreisungen herunter: „Alle, die mich lieben, ich weiß, das sind viele, und alle die mich hassen, ich weiß, es gibt da ein paar – ich liebe euch alle.“ Was für starke Worte. Ich fühle mich jetzt auf jeden Fall geliebt, welcher Part der Aussage dabei zutreffend ist, wird vorsichtshalber mal offen gelassen, nur so viel: Ich schäme mich nicht, in der Unterzahl zu sein. FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura gab zurück: „Wir lieben Sie, Mr. President.“ Eine solche Veranstaltung bekommt man sonst nur am Broadway zu sehen, für die diesjährigen Oscars kommt sie knapp zu spät. Wenn man sich dann die Tränen aus den Augen gewischt hat, kann man nochmal einen Blick auf die Wahl werfen. Da es keinen Gegenkandidierenden gab, durfte per Akklamation abgestimmt werden. Lautes Klatschen hieß demnach, man wolle Infantino weiter an der Spitze des Weltverbandes sehen. Was dann auch die meisten Vertreter der über 200 Nationalverbände taten. So schnell geht das, Xi.
Bei diesem ganzen Prozedere spielt aber auch der DFB, so viel deutsche Brille darf sein, eine Rolle. Der hatte nämlich ritterartig angekündigt, nicht für den Schweizer stimmen bzw. klatschen zu wollen. Da dies nur eine handvoll andere Verbände ebenfalls taten, muss sich das im Saal angefühlt haben wie kurz nach der Landung eines Flugzeugs, wenn alle dem Piloten gratulieren und man selbst sich denkt: Das ist doch sein Job, oder? Aber zurück zur FIFA-Wahl: Was hätte der Deutsche Fußball Bund besser bzw. anders machen können, um dem Klatschdesaster zu entgehen? Zum einen hätte er, durchaus öffentlichkeitswirksam, einfach einen eigenen Kandidierenden präsentieren können. Es bedarf da keiner Hürden oder Ähnlichem, der DFB hätte einfach sagen können, dass er Piotr Trochowski eben für die richtige Wahl hält. Natürlich wäre der der ehemalige Wunderschütze nicht zum Präsidenten gewählt worden, aber diese Benennung hätte etwas erreicht, was ohne Gegenkandidierendem nicht möglich ist. Er hätte dafür gesorgt, dass die Abstimmung geheim stattfinden muss. Und, viel wichtiger, hätte er weithin gezeigt, dass es eine Opposition zu Infantino gibt, dass sein Gebaren nicht einfach hingenommen wird. Chance eins verschenkt. Zum anderen hätte der DFB beim Kongress in Kigali durch seinen Vertreter sehr simpel die Hand heben können, um eine geheime Abstimmung zu beantragen. Auch hier gibt es kein weitverzweigtes Prozedere, sobald ein Verband geheime Abstimmung beantragt, ist es so. Durch die Anonymität geschützt hätten womöglich wesentlich mehr Verbände ihr Unverständnis für Infantino ausgedrückt. Chance zwei verschenkt. Diese zwei verschenkten Chancen zeigen aber vor allem eins, und dies hat wenig mit dem FIFA-Präsidenten zu tun: Der DFB, aber auch die Gesamtheit der europäischen Verbände, haben wesentlich an Einfluss verloren. Sie haben als wenige unter mehr als 200 Nationalverbänden nichts mehr zu sagen. Das kann natürlich, vor allem historisch gesehen, etwas Positives sein. Wenn am Ende dadurch aber ein FIFA-Präsident Infantino herauskommt, muss es etwas Schlechtes bedeuten. Der Fisch stinkt eben vom Kopf. Zu lange haben die vermeintlich Einflussreichen alle verprellt, bis ein infantiler FIFA-Imperator erkannt hat, dass er auf ihre Stimme nicht mehr angewiesen ist. So verbleibt der Fußball als Spielball der Weltpolitik, ohne seiner sinnstiftenden Wirkung nachgehen zu können. Auch weil sich ein DFB nicht aus der Ecke traut. Kontinuierlicher Mist, eben, was an der Spitze des Weltfußballs passiert. Raus mit Applaus.
