Das Abschneiden der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM in Katar war katastrophal. Damit hat der DFB das dritte große Turnier in Folge mehr oder weniger in den Sand gesetzt. Bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich konnte man die Probleme einigermaßen kaschieren, 2018 bei der WM in Russland gab es wie dieses Jahr im Wüstenemirat das Vorrundenaus. Dazwischen steht noch das Achtelfinalausscheiden bei der EM 2021. Analog zum Weltmeistertitel 1990, nach dem Franz Beckenbauer noch von einer Ära der Unschlagbarkeit sprach, ist die deutsche Mannschaft also in ein Tief gerutscht, dieses Mal aber nicht nur kurz und hart, sondern schleichend und andauernd.
Um diesen Niedergang fassen zu können, muss man einen Blick auf die Pflichtspielbilanz der letzten Jahre werfen. 2022 gelangen überragende zwei Siege, Costa Rica bei der Weltmeisterschaft sowie Italien in der Nations League wurden vom Platz gefegt. Fünf für die Gegner äußerst glücklichen Unentschieden (gegen Spanien, Ungarn, Italien und zweimal England) stehen dann noch zwei Niederlagen gegen die Schwergewichte Japan und Ungarn bei. In Worten: Zwei – Fünf – Zwei. Die Bilanz im Jahr zuvor liest sich besser, allerdings sind auch die Gegner leicht modifiziert. Zehn wunderbare Siege gab es zu bejubeln, Island (2x), Rumänien (2x), Liechtenstein (2x), Armenien (2x), Nordmazedonien sowie Portugal hatten das Nachsehen. Ungarn ergaunerte sich das einzige Unentschieden des Jahres, England, Nordmazedonien und Frankreich gingen sogar ungläubig siegreich vom Platz. 2020 gewann man zwei Duelle in der Nations League gegen die Ukraine, zweimal gegen die Schweiz sowie einmal gegen Spanien setzte es Unentschieden, Spanien fügte dem deutschen Team die einzige Niederlage zu, ein 0:6. Um dieses statistische Geschwafel nicht ausufern zu lassen, kommen die vorherigen Jahre in den Zeitraffer. 2019: Gewonnen gegen Weißrussland (2x), Estland (2x), Nordirland (2x) und die Niederlande, gegen die man auch einmal unterlag. 2018: Sieg gegen Schweden, Unentschieden gegen Frankreich und die Niederlande, beiden unterlag man auch jeweils einmal, dazu auch noch Mexiko und Südkorea. 2017: Siege gegen Aserbaidschan (2x), San Marino, Tschechien, Norwegen und Nordirland. Dazu kommen in diesem Jahr noch die Spiele von Jugend forscht Confederations Cup, die hier ausgeklammert werden, da die Zusammenstellungen der Mannschaften anderen Prämissen geschuldet waren. 2016: Siege gegen Norwegen, Tschechien, San Marino, Nordirland (2x), Ukraine, Slowakei und Italien (im Elfmeterschießen). Dazu kommen ein Unentschieden gegen Polen und eine Niederlage gegen Frankreich. 2015, also im Jahr nach dem WM-Titel: Georgien (2x), Gibraltar, Polen und Schottland werden geschlagen, Irland unterliegt man. Kumuliert sind das 41 Siege, 12 Unentschieden und 13 Niederlagen.
Die Spielergebnisse sind dabei auf unterschiedliche Weise zustande gekommen. Das tut aber nichts zur Sache, geht es hier doch um den größeren Rahmen. Gerade im Fußball zählt ja nur das vielzitierte Ergebnis. Das sieht erstmal ganz gut aus, 13 Niederlagen klingen jedoch auch hier schon happig. Jedenfalls, wenn man Weltspitze sein will. Wirft man einen Blick auf die zum Spielzeitpunkt gültige Weltrangliste, zieht Nebel auf am Olymp. Zieht man die zum Spielzeitpunkt geltende FIFA-Weltrangliste (deren Zustandekommen kritikwürdig ist, die aber zumindest eine Ahnung davon vermittelt, gegen wen man da antritt) zurate, kann man Folgendes erkennen: Gegen die Top-20 dieser Rangliste konnte man nur sechsmal gewinnen, achtmal gab es ein Unentschieden, neunmal unterlag man. Logischerweise verliert man gegen gute Mannschaften also öfter. So weit so gut. Allerdings trifft man in den entscheidenden Momenten eben auch auf bessere Mannschaften. Es lässt sich also ein Problem erkennen, dass sich durch eine zweite Betrachtung noch verstärkt: Bei den Weltmeisterschafts- und Europameisterschaftsspielen dieses Zeitraums gab es sieben siegreiche Partien, allerdings gesellen sich dazu auch drei Unentschieden und sechs Niederlagen. Mehr als die Hälfte der Spiele bei großen Turnieren werden nicht gewonnen. Dieser Mix hat dazu geführt, dass Deutschland bei der WM 2018 in Russland und bei der WM 2022 in Katar in der Vorrunde ausgeschieden ist. Klar, diesen Ergebnissen liegen auch diverse andere Aspekte zugrunde, die in der Gesamtheit hier nicht erfasst werden können, welche der DFB aber in einer Gesamtschau sicherlich, klar, zu Hundertprozent, auf jeden Fall, unbedingt aufarbeiten wird. Man kann ja auch mal was selbst machen. Wir wollen mit dieser Bilanz im Rücken das Abschneiden in Katar jedoch in einen größeren Zusammenhang setzen.
Denn, was ist, wenn sich die aufgezeigte schleichende Entwicklung fortsetzt? Qualifiziert sich Deutschland überhaupt noch für derartige Turniere, denn was wäre ja die logische Fortsetzung? Bei der zweiten Frage kann ich gleich beruhigen, ja, Deutschland qualifiziert sich weiterhin. Dafür trägt die FIFA schon Sorge, das Teilnehmerfeld wird so lange erweitert, bis man gar keine Qualifikation mehr spielen muss. Und dabei dann argumentiert, dies sei ja wohl die einzig wahre WM, mit allen Ländern aller Kontinente. Aber zurück zum eigentlichen Sachverhalt, denn, das muss man sich mal klar machen: Jemand, der 2014 geboren ist, um genau zu sein am 14. Juli, kann heute nicht ernsthaften Gewissens behaupten, er sei auf der Welt gewesen, als Deutschland bei einer Weltmeisterschaft die Vorrunde überstanden hat. Der oder die Arme ist inzwischen acht Jahre alt. Am deutschen Nachwuchs kann das derzeit eigentlich nicht liegen, genauer gesagt an der deutschen U21, das wird ja oft verwechselt. Auf die braucht der oder die 8-Jährige also gar nicht mit dem Finger zeigen. 2021 ist die U21 Europameister geworden, 2019 im Finale gescheitert, 2017 gewann man ebenfalls. Den einzigen Europameistertitel davor feierte der deutsche Nachwuchs 2009, fünf Jahre vor dem WM-Titel in Brasilien also. Neuer, Boateng, Hummels, Höwedes, Khedira und Özil waren damals, 2009, ebenso wie 2014, im Kader, alle mit Schlüsselrollen. Zieht man diese Rechnung auf, hätte 2022, also fünf Jahre nach 2017 und dem EM-Triumph der U21, also der Weltmeistertitel stehen müssen. Irgendwo dazwischen ist etwas verlorengegangen, was uns diesen Winter versaut hat (natürlich neben der FIFA). Schaut man sich die Mannschaft von 2017 an, hat es nur ein Spieler in den aktuellen WM-Kader geschafft, und das ist ausgerechnet noch Serge Gnabry. Aus der Finalmannschaft von 2019 war immerhin Lukas Klostermann berufen, der hatte sich die gesamte Bundesliga-Hinrunde auf das Turnier konzentrieren können. Stattdessen hat man sich stärker am Kader der 2021-Europameister bedient, Raum, Schlotterbeck, Adeyemi und Moukoko durften nach Katar jetten. Zudem hätten vielleicht noch Wirtz und Nmecha an den Anruf von Hansi Flick entgegengenommen, wären da nicht die leidvollen Verletzungen. Bleiben wir also bei der Fünfjahresrechnung ausgehend vom geballten 2021er Jahrgang, können wir dem oder der dann 13-jährigen Person Hoffnung machen, dass es in den USA, Kanada und Mexiko 2026 was wird mit dem Titel, mindestens aber mit der K.O.-Runde.
Das ist natürlich als Scherz gemeint, etwas Wahrheit, die vielleicht als Hoffnung getarnt ist, schwingt aber doch mit. Die Spieler, die 2021 U21-Europameister geworden sind, spielen in ihren Klubs bereits große Rollen, sind Stammspieler, können zum nächsten Turnier also aller Wahrscheinlichkeit nach jede Menge Praxis auf höchstem Niveau sammeln und zudem, das ist der eigentliche Punkt, am „Spielcharakter“ feilen. Analog zur Entwicklung von 2009 bis 2014. Denn, und nun zurück zur Wüstenausscheidung, das DFB-Team wirkte wie eine Ansammlung von mehr oder weniger guten Fußballspielern, die sicherlich in der Lage sind, taktische Anweisungen zu befolgen. Aber eben nicht wie ein sogenanntes Team, dass auf Unwägbarkeiten selbstständig reagieren und sich wehren kann. Andere Teams im Turnier haben vorgemacht, was es braucht, um Erfolg zu haben, im jeweils eigenen Maßstab, mit qualitativ schlechter einzuordnenden Spielern. Genannt seien Senegal, Ecuador, USA, Iran, Mexiko, Australien, Japan, Marokko, Südkorea, Uruguay. Da sind die Nationen, die den WM-Titel unter sich ausmachten, noch nicht mal dabei.
Jetzt ist der Begriff „Mentalität“ im Fußball etwas abgenutzt und fasst im Wortsinn auch nicht das ein, was hier beschrieben wird und werden soll. Er müsste erweitert werden. Deshalb wird hier das Konzept des schon aufgebrachten „Spielcharakters“ entworfen. Darin enthalten ist Cleverness, Mentalität, Resilienz, Entscheidungsfindung, Glaube, Teamgeist, Selbstständigkeit, Moral und Selbstbewusstsein, aber auch Fairness und Disziplin. Alles Eigenschaften, mit denen erfolgreiche deutsche Nationalmannschaften in Verbindung gebracht wurden (mit Ausnahme der Fairness vielleicht), übrigens auch, wenn nicht sogar insbesondere, die der U21. Der Spielcharakter ist dann entscheidend, wenn ein Spiel eng wird und schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen, bei denen der kühle Kopf (bei der Klimatisierung in Katar sollte das kein Problem gewesen sein) bewahrt wird. Wir schauen uns zur Veranschaulichung kurz das Japan-Spiel bei dieser WM an. Dabei kann man natürlich argumentieren: Der Trainer hätte und sollte, dann wäre es anders gekommen. Allerdings ist Fußball ein schnelles Spiel mit nur einer richtigen Unterbrechung, außerhalb davon und der besprochenen Pläne und Eventualitäten ist es dem Coach nur bedingt möglich, einzugreifen. Es ist also eine Partie, die Deutschland über weite Strecken der ersten Halbzeit im Griff hat. Das verändert sich dann langsam ab der 60. Minute, nachdem Hajime Moriyasu doppelt gewechselt und die Statik des Spiels damit verändert hat. Zunächst behält das DFB-Team noch die Oberhand, generiert auch gute Chancen (Die Chancenverwertung per se gehört nicht zum Spielcharakter, da es sich hierbei um eine fußballerische Fähigkeit handelt. Sicherlich lassen sich damit aber Punkte wie Cleverness oder Selbstbewusstsein in Verbindung bringen), jedoch schafft es Japan, nach und nach weiter in die deutsche Hälfte zu schieben. Weitere Wechsel auf beiden Seiten verfestigen diese geänderte Statik (hier könnte man aufgrund der fehlgeschlagenen Wechsel auf deutscher Seite tatsächlich dem Trainer etwas vorwerfen, allerdings hatte er damit sicherlich andere Pläne). Die Wechsel auf Japans Seite sind: Mitoma für Nagatomo, Asano für Maeda, Doan für Tanaka und Minamino für Sakai. Es haben also den Platz verlassen: Der Linksverteidiger, der Rechtsverteidiger, ein defensives Mittelfeld und der Stürmer. Gekommen sind ein Stürmer, zwei offensive Außenbahnspieler sowie ein 10er. Geht man davon aus, dass mit einer WM-Partie entsprechendes ausgiebiges Scouting und Besprechungen einhergehen, wissen die Spieler, wer da den Rasen betritt. Es liegt dabei an ihnen, auf diese Änderung des taktischen Plans, den Japan vornimmt, spontan zu reagieren. Das geschieht aber nicht. Die deutschen Außenverteidiger werden sträflich alleine gelassen von ihren Vordermännern, dadurch entsteht ein Ungleichgewicht in der Viererkette, die unnötig nach außen verschieben muss. Sinnbildlich dafür stehen die große Chance vor dem 1:1 sowie dieses selbst, als Japan Überzahlsituationen kreieren kann, dadurch in den Strafraum kommt und bei Abprallern im niemand da ist, der noch eingreift, da die deutschen Spieler die neue Situation noch nicht auf dem Schirm haben bzw. schon in dieser gebunden sind. Das zeugt von fehlender Cleverness, spontan auf äußere Umstände reagieren zu können, indem man auch selbst den Plan ändert. Und es bleibt nach dem Ausgleich so, Resilienz in Form eines Aufbäumens, Moral und Selbstbewusstsein, also der Glaube, dass man ja einfach die bessere Mannschaft ist, Mentalität, bis zur letzten Sekunde an den Punktgewinn zu glauben, dieses Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren im Spielcharakter, fehlt. Das stellt natürlich nur einen kurzen Ausschnitt dessen dar, was mit Spielcharakter gemeint ist. Dieser findet sich in den vielen kleinen und kleinsten Situationen eines Spiels wieder, die zusammen die Taktik, das Mannschaftsgefüge, das Auftreten, und somit auch das Ergebnis bedeuten. Spielcharakter umfasst demnach also auch die Einstellungsfrage zum Fußballspiel, die natürlich auch eine ganz generelle sein kann.
Dieser Spielcharakter, das ist meine Meinung, ging und geht dem deutschen Nationalteam ab und daher rührt dann auch die in der Statistik erkannte Ergebniskrise, insbesondere bei großen Turnieren, wenn die Fokussierung auf diesen nochmal mehr zu Tage tritt. Nun stellt sich natürlich noch die Frage, wie man Spielcharakter erlernt. Alle Kritik hilft ja nichts, wenn man dann kein ordentliches Fazit rausbekommt. Und da zeigt sich der wahre Charakter des Schreiberlings: Er weiß es nicht. Er vermutet aber, was sowieso schöner ist. Bei der Ausbildung des Spielcharakters hilft in erster Linie nur Spielpraxis selbst. Wenn man Situationen schon erlebt hat oder sich zumindest vorstellen kann, lässt es sich instinktiv viel leichter darauf reagieren, als wenn man aktiv darüber nachdenken muss. Dazu gehören dann auch Rückschläge, aus denen man bekanntlich gestärkt hervorgeht, sowie Momente, in den man Führungsstärke beweisen muss, weil es sonst niemand macht. Hier sind die Vereine gefordert, den deutschen Jugendspielern die entsprechenden Möglichkeiten, auch zu Fehlern, zu bieten. Dazu, und hier ist dann der DFB in der Pflicht, gehört aber auch ein Teamgefüge und ein Zusammengehörigkeitsgefühl, welches geschaffen werden muss. Die berühmt berüchtigte Mannschaft muss, und dazu gehören auch die Spieler in die Pflicht genommen werden, geformt werden. Aus welchem Grund sollte ich mich in den Dienst der Mannschaft stellen, wenn ich für diese im Gesamten oder für einzelne Mitspieler im persönlichen nicht viel übrighabe? Und dieser Teil des Spielcharakters, das bitte nicht Missverstehen, zielt nicht auf irgendein falsches Nationalbewusstsein ab. Es ist mir egal, ob jemand die Hymne singt, wo er geboren ist, oder andere Fragen, es geht also nicht um etwas Metaphysisches alla „Ich kämpfe für meine Nation“, das leider ja auch oft in das Thema Nationalmannschaft hineininterpretiert wird. Es geht um den Zweck des Fußballspielens, wenn man vom Beruf oder der Berufung, wie man es sehen will, einmal absieht. Man spielt Fußball, um Spaß zu haben. Und Spaß hat man im Fußball nur zusammen. Dieses Gefühl, dass es nur zusammen geht, hat der deutschen Nationalmannschaft, das mein laienhafter Blick von außen, oft gefehlt. Es kann aber wieder erreicht werden. Die U21-Europameister von 2021 wissen zumindest, wie es geht.
Und nun im großen Bogen mit viel TamTam zurück zur Statistik und ebendiesen U21-Europameistern sowie den Katar-Reisenden. Die nachlassenden Ergebnisse der deutschen Nationalelf lassen sich, meiner Meinung nach, darauf zurückführen, dass dieser Spielcharakter schleichend abgenommen hat (bei Einzelnen, aber auch im Kollektiv). Nicht falsch verstehen, die Spieler werden hier als Spieler bewertet, nicht als Menschen (was eigentlich selbstverständlich sein sollte). Dadurch fehlt, vor allem in engen, entscheidenden Momenten, das sogenannte Spielglück, das mehr oder weniger kein Glück ist (außer in wirklich außergewöhnlichen Situationen, weshalb man es ja auch „erzwingen“ kann), sondern der geringere Spielcharakter in allen seinen Facetten. So spielt man dann eben nur Unentschieden oder verliert. Die Hoffnung, und das ist durchaus auch meine Hoffnung, ist, dass die 2021er Europameister diesen Spielcharakter wieder entwickeln können. Dabei nimmt die Spielpraxis auf höchstem Niveau natürlich eine große Rolle ein. Die Rahmenbedingungen für eine positive Entwicklung Richtung 2026 sind damit für mich, und das erscheint angesichts des Chaos, das den DFB dieser Tage umgibt, etwas unwahrscheinlich, gegeben. Man muss nur noch richtig damit umgehen. Damit der oder die dann 13-jährige Person auch mal weiß, wie es ist, nach einem Algerien-Spiel in die Eistonne zu müssen.