Immer, und wirklich immer wieder, sprechen Funktionäre und Spieler vom unpolitischen Sport, insbesondere vom unpolitischen Fußball. Auch außerhalb der Sphäre des Sports wird diese Parole oft unreflektiert wiederholt, wodurch sie sich im Diskurs festgesetzt hat und mantraartig an diesem hängt wie Kaugummi unter Schuhsolen, übrigens ähnlich unangenehm. „The neoliberal mantra international sports governing bodies such as the Fédération Internationale de Football Association (FIFA) and the International Olympic Committee (IOC) follow is that sports and politics do not mix. The rationale of this mantra bases itself on pure capitalism: It is easier to sell sports around the world” (Reiche 2018: S. 284), erklärt Danyel Reiche ein zentrales Motiv dahinter. Gerade zivile Akteure stellen dieser Behauptung der handelnden Akteure zwar Forderungen nach einem politischen Sport entgegen, warum jedoch sollte der Fußball, abgekapselt von der Zivilgesellschaft in diverser Hinsicht, diese integrieren, ja überhaupt zur Kenntnis nehmen? Beispiele dafür gibt es genug, oder hört aktuell noch jemand etwas über Gastarbeiter in Katar? Timm Beichelt schreibt dazu: „Die Faszination des Spiels hat Sponsoren und wirtschaftliche Ressourcen zum Fußball geholt und dadurch ist das Phänomen immer größer geworden, sodass manche heute von einer Hegemonialsportart sprechen. Der Fußball bekommt also wahnsinnig viel Aufmerksamkeit. Dadurch erlangen die Personen, die im und rund um den Fußball tätig sind, eine große gesellschaftliche und ganz bestimmt auch politische Macht“ (Beichelt 2018). Diese Macht wird genutzt, um den Diskurs zu beeinflussen und das Mantra des unpolitischen Sports fortzuführen. Die handelnden Akteure sollten da lieber mal an Stephen Mumford denken: „Deciding what is or isn’t political is itself a political act“ (Mumford 2021: S. 106). Sind wir aber ehrlich: Wer denkt schon oft an Mumford, nicht böse gemeint? Der Fußball kann im Diskurs aus seiner Machtposition heraus also dafür sorgen, dass sein Narrativ das dominante ist und bleibt. Und so ist es natürlich auch immer schwieriger und schwieriger geworden, den Sport hier in Haftung zu nehmen.

Tatsächlich gibt es nun aber einen Hoffnungsschimmer auf dem Weg zu einem Sport, der, wenn schon, nach eigenen Worten, nicht politisch agiert, so immerhin politisiert wird. Politisch benutzt wird er dabei schon lange von Akteuren wie China, Russland und Katar, aber auch von Deutschland, den USA, machen wir uns nichts vor, eigentlich von jedem. Sportswashing ist inzwischen ein anerkannter Begriff, wenngleich er im Diskurs des Fußballs als Geschäft wenig bis keine Rolle spielt, zumindest bei den Entscheidungsträgern. Auch deshalb kann sich das Narrativ des unpolitischen Sports halten. Aber nun wird die politische Ebene zum ersten Mal effektiv und öffentlichkeitswirksam in den Sport hineingetragen. Was bleibt auch anderes übrig, wenn die FIFA ihre Verantwortung für eine WM in zumindest moralisch fragwürdigen Ländern getrost abschieben kann und damit auch noch unbeschadet davonkommt? Noch darf der Weltverband unbeirrt agieren, so groß ist der Wurf nun auch nicht, doch die englische Regierung legt nun immerhin Hand an die entfesselte Premier League. Eine neue Aufsichtsbehörde soll Investoren und Eigentümer der Klubs genauer unter die Lupe nehmen und zudem ein neues Lizenzierungsverfahren entwickeln. Wichtig dabei: Die Behörde soll weisungsbefugt und sanktionsfähig sein, also nicht nur eine erneute Nebelkerze im Pyrodschungel. Kernaufgaben laut dem Ministerium für Kultur, Medien und Sport (übrigens eine nette Zusammensetzung für ein Ministerium): eine Prüfung der Integrität der Eigentümer sowie deren Geschäftsplans. Etwaige Änderungen an der Grundidee des Vereins wie Wappen, Trikotfarbe oder Spielort bedürfen ebenso der Zustimmung des Gremiums wie die Teilnahme an neuen Wettbewerben. Es ist also wesentlich unwahrscheinlicher geworden, dass wir Newcastle United demnächst mit saudischer Flagge in der Super League an der englischen Südküste spielen sehen. Außer sie verzichten dafür eben auf die doch so lukrative Premier League, ein Ausschluss wäre dann nämlich möglich. Das Ganze soll natürlich nicht rückwirkend passieren, denn das gäbe ein riesiges Schlamassel, Ryan Reynolds und Rob McElhenney müssen sich also keine Sorgen machen. Die aktuellen Bestimmer in den Premier-League-Klubs reagierten verschnupft auf diese Ankündigung, also ein gutes Zeichen, dass tatsächlich etwas Gutes passiert. Wie genau sich das Gremium letztlich Geltung verschafft, ist natürlich abzuwarten. Dennoch zeigt der Schritt, dass ein Eingriff und wichtiger eine Regulierung des Fußballgeschäfts möglich ist. Die deutsche Politik und die DFL könnten sich daran ein Beispiel nehmen, die neue englische Aufsichtsbehörde regelt übrigens auch die zukünftige Verteilung der Fernsehgelder. Gibt es da nicht auch hierzulande immer wieder Verteilungsdiskussionen zwischen Groß und Klein? Das Mantra des Sports wird natürlich dennoch bestehen bleiben, es ist ein mühsamer und langsamer Prozess, dieses aus dem Diskurs zu verdrängen. Ausgerechnet, so muss man fast sagen, das Mutterland des Fußballs geht nun diesen ersten Schritt. Angestoßen wurden das Ganze übrigens noch vom damaligen Premierminister Boris Johnson. Sachen gibt’s, die gibt’s garnicht.
– Mumford, Stephen (2021): A philosopher looks at sport. Cambridge: Cambridge University Press.
– Beichelt, Timm (14.06.2018): Da ist Macht im Spiel. In: fluter. Online unter: https://www.fluter.de/verhaeltnis-zwischen-fu%C3%9Fball-und-macht, zuletzt abgerufen am 25.02.2023.
– Reiche, Danyel (2018): Issues around the FIFA World Cup 2018 in Russia: A showcase of how sports and politics mix. In: Sport und Gesellschaft 15 (2), S. 283 – 296.
