Es gibt Spieler, die machen bereits in jungen Jahren einen guten Eindruck, sogenannte Talente, auf die man früh große Stücke hält und eine tolle Zukunft voraussagt. Wie so oft im Leben ist diese Voraussage so viel Wert wie eine Pfandflasche in Italien, denn wirklich etwas darauf geben kann man nicht. Dementsprechend lässt sich auch nur retrospektiv betrachten, ob aus der Weissagung etwas geworden, die Sterne richtig gedeutet wurden. Diese Einordnung wiederum funktioniert eigentlich nur kategorisch, denn entweder das Talent hat alles herausgeholt (meint Geld und Titel) und ist sowas wie ein Weltstar oder der Ikarusgleiche kickt kaum besser als man selbst in der Kreisliga, was dann als „Verschwendung“ ebenjener Gottesgabe gewertet wird. Nur wenige Akteure schaffen es, sich in einem Zwischenraum zu behaupten, als guter Fußballer in Erinnerung zu bleiben, der man ohne Zweifel natürlich dennoch ist, und trotzdem nicht den Makel des Unvollendeten an sich kleben zu haben wie die SPD schlechte Wahlergebnisse. Genau diese seltene Spezies soll in dieser Reihe genauer beleuchtet, denn Ihnen gebührt mehr Ruhm, als sie öffentlich erhalten. Dem Druck des Talentseins standzuhalten wird zum einen nicht stark genug gewürdigt, zum anderen wird es gemeinhin unterschätzt, wie hart es ist, sich auch als Profi bei einem Mittelklasseklub zu behaupten. Oder sogar mehr. Dementsprechend soll diese Verbeugung in diesem bescheidenen Format erfolgen, immer die Tatsache im Hinterkopf behaltend, dass das vermutlich nicht dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit für diese Spieler zu erhöhen, aber eine schöne Geschichte ist eben eine schöne Geschichte und will erzählt werden.
Der erste in dieser Reihe ist Lorenzo Insigne, wenngleich man nicht unbedingt sagen kann, dass er ein Unbekannter auf internationaler Bühne ist. Aber eben auch nicht der Star, der er hätte sein können. Somit also genau in die Kategorie passt, die hier beschrieben werden soll. Was hat der nur 1,63m große Italiener vorzuweisen? Er war lange Jahre eines der Gesichter der SSC Neapel, bildete ein kongeniales Trio mit Dries Mertens und Marek Hamsik (alternativ waren da auch noch Edinson Cavani oder Gonzalo Higuain zeitweise in der Mannschaft). Er kam aus der Jugend der Partenopei, ein waschechtes Eigengewächs, und prägte nach mehreren Leihen ab 2011 das Team Napolis für etwas mehr als zehn Jahre. Dementsprechend beliebt war der Flügelspieler bei den Süditalienern, in diese Zeit vielen zwei Pokalsiege in Italien sowie diverse Champions-League-Teilnahmen, allerdings auch diverse unglücklich verpasste Titel, wie das in Neapel eben so ist. Der ganz große Hit für Insigne kam dann jedoch 2021, als er mit Italien in England Europameister wurde. Stammspieler, zwei Tore, eins davon im Viertelfinale beim 2:1 gegen Belgien. Der ganz große Triumph für die Squadra Azzurra im von Weltmeisterschaftsenttäuschungen geprägten Jahrzehnt. Und eben auch für den Dribbler, den man aus dieser Elf zu diesem Zeitpunkt nicht wegdenken kann. Auch ein reiner Blick auf die Statistiken zeigt Wunderdinge auf: 54 Länderspiele, 10 Tore; 337 Serie-A-Spiele, 96 Tore, 74 Vorlagen; 23 Coppa-Italia-Spiele, 8 Tore, 7 Vorlagen.
Wieso also hört man vom heute erst 34-Jährigen aktuell kaum etwas, wäre er doch noch in einem guten Alter für den Fußball? Weil er 2022, gerade 31 Jahre alt geworden, ablösefrei nach Toronto, Kanada, geht. Obwohl sein Marktwert zu diesem Zeitpunkt noch auf 25 Millionen Euro taxiert wird und er 2017 bei der Vertragsverlängerung in Neapel sagte: „Ich hoffe, dass ich dieses Trikot nie wieder wechseln muss.“ Laut eigener Aussage brauchte er zum damaligen Zeitpunkt eine neue Herausforderung. Il Magnifico verlässt also seine Heimat, seinen Traum, seinen Herzensverein, bei dem er inzwischen mehr Tore geschossen hat als Idol Diego Maradona. Ob es andere Gründe gab, muss Spekulation bleiben, was allerdings gesichert ist: In der MLS fasst er in drei Saisons nicht richtig Fuß, kann nicht an seine alten Zahlen anknüpfen, Neapel dagegen holt zweimal den Scudetto, die Erben Maradonas sind andere. Man könnte dies als typisch neapolitanischen Zufall bezeichnen, wo oft Pech auf Pech trifft. Gefallen hat es Insigne sicherlich trotzdem, denn offenbar mag er diese herzergreifenden, vor Pathos tropfenden Geschichten, die einem Fan des alten Schlags die Tropfen in den Augenwinkel treiben, voller Irrungen und Wendungen. Nur so lässt sich jedenfalls die wohl letzte Drehung seiner Karriere erklären: Nach einem halben Jahr Vereinslosigkeit bezieht er zum Ende des Wintertransferfenster 2026 in Pescara nochmal eine neue, alte Kabine. Dort also, wo ihm bei seiner Leihe 2011/2012 der Durchbruch gelang, wo diese Karriere ihren Anfang nahm.
Als der Flügelflitzer also bei den Delfinen ankommt, sind diese gerade Letzter der Serie B, nur 14 Punkte bedeuten sechs Rückstand auf den ersten Nichtabstiegsplatz, der Mannschaft wird nicht mehr viel zugetraut. Doch der Zauberer hat seine Magie nicht verloren. Zunächst hat er noch leichte Rückstände, kann bei seinen Kurzauftritten nicht wirklich etwas verändern. Doch dann kommt der erste Startelfeinsatz, gleich als Kapitän, gleich mit einem Tor, gleich mit einem 2:1-Sieg gegen Palermo, immerhin Aufstiegsaspirant. Dem Erfolgserlebnis folgen ein 4:0 gegen Bari, ein 0:0 gegen Südtirol sowie ein 3:0 gegen Virtus Entella, Insigne steuert zwei Tore und zwei Vorlagen bei. Auch wenn es gegen Empoli zuletzt mit 2:4 die erste Niederlage mit dem Dribbler in der Startelf setzt, hat sich Pescara wieder rangeschoben, zwar bedeuten 29 Punkte immer noch die rote Laterne, aber nur zwei Zähler fehlen auf das rettende Ufer. Am heutigen Ostermontag muss Pescara zu einem Schlüsselspiel bei Reggiana ran, danach lässt sich mit größerer Verlässlichkeit sagen, ob der Klassenerhalt klappen könnte.
Der Nichtabstieg wäre dann auch die Art Märchen, die sich ein Fußballromantiker ausmalt. Und das sind wir hier ja schließlich auch ein Bisschen, ein kleines Bisschen. Zudem wäre es dann auch ein tolles Ende für die Karriere von Insigne, sollte er sie denn beenden wollen, das weiß man ja nie so ganz. Erreicht hat er jedenfalls genug, um einen ordentlichen Strich ziehen zu können, eine schöne Geschichte ist bei rausgekommen.
