Es sieht so aus, als wäre die FIFA auf einer Mission. Seit längerem knackt sie ihre eigenen Highscores, doch der geübte Zocker strebt nach immer neuen Bestwerten. Der Fußball-Weltverband ist dabei auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Wie viel Schmutz verträgt eine Weltmeisterschaft?
In diversen Punkten hat die FIFA in den vergangenen Jahrzehnten bereits Highlights gesetzt. Skrupellosigkeit, Korruption, Vetternwirtschaft, Sklaverei, Diktatur, Unterdrückung, Verblendung, all diese Begriffe sind dem Weltverband, und in jüngerer Vergangenheit vor allem seinem Gott Gianni Infantino, keine Fremdworte. Dennoch hat es die WM in den USA, Kanada und Mexiko geschafft, der Palette noch einen weiteren Farbtupfer zu bescheren, das natürlich, wie so oft, sehenden Auges. Denn im Gegensatz zu den vorherigen Turnieren, die trotz aller Kritik zumindest eines waren, nämlich sportlich fair, ist die diesjährige Weltmeisterschaft eine Ausgeburt an Wettbewerbsverzerrung.
Die Beispiele dafür sind so vielfältig, es ist schwer, einen Anfang und ein Ende zu finden. Da ist zum einen das System mit den besten Gruppendritten, das es braucht, um dem anabolikaesken aufgepumpten Teilnehmerfeld Herr zu werden. Zusammen mit der unvermeidlichen Logik der möglichst TV-freundlichen Aufsplittung der Spieltage ergibt sich dadurch eine Matrix, in der die alphabetisch hinten stehenden Gruppen Vorteile haben. Denn hier wissen die Mannschaften schlicht, welches Ergebnis sie brauchen, um zu den glücklichen Drittplatzierten zu gehören, die sich im Sechzehntelfinale versuchen dürfen. Darüber hinaus ergeben sich aufgrund des engen Zeitrahmens eines Weltturniers kurze Zeitspannen für die Spielvorbereitung. Manche Mannschaften wissen keine zwei Tage vorher, gegen wen sie spielen. Dazu dann noch die Reisestrapazen, die sich aus dem kleinen geographischen Rahmen ergeben, den der Weltverband für sein diesjähriges Spektakel ausgewählt hat. So gehört das fiktive Beispiel „Montag Spiel, Dienstag mehrstündiger Flug mit Spielvorbereitung, Mittwoch Spiel“ zur Realität der WM. Die Lösung des Ganzen wird in Zukunft eine weitere Aufstockung des Teilnehmerfelds sein, damit es wieder aufgeht. Ein Glück.
Zum anderen ist die komplizierte Einreisesituation ein signifikantes Hindernis eines fairen Wettbewerbs. Der Fall der iranischen Nationalmannschaft ist hinlänglich bekannt, sie darf ihre Basis in Mexiko für die Spiele in den USA nur für die Spieltage selbst verlassen und muss umgehend dorthin zurückkehren, wenn der Abpfiff ertönt ist. Das führt nicht nur zu erhöhten Strapazen, sondern auch zu einer gestörten Spielvorbereitung und Erholung. Garniert wird das Ganze durch unverhältnismäßige Kontrollen an den Grenzen, die sich offenbar auch in menschenrechtsfragwürdigen Regionen bewegen, mehrere Teams berichten davon. Mehreren Spielern unterschiedlicher Nationalität wurde zudem die Einreise zunächst komplett verweigert, darunter Breel Embolo aus der Schweiz. Mancher Funktionär oder Betreuer darf erst gar nicht kommen. All das gehört zu den Maßnahmen des Dreiviertel-Diktators im größten der drei Gastgeberländer, alles schön und gut, aber muss man dann ein Turnier ausrichten, bei dem es darum geht, dass Leute aus jedem Winkel der Erde anreisen? Man kann es ja auch lassen und freundlicheren Orten die Austragung überlassen. Katar zum Beispiel oder Saudi-Arabien. Klingt nach einem Scherz, aber bei aller Kritik an den politischen Verhältnissen vor vier Jahren (in den USA scheint in dieser Hinsicht übrigens alles in Ordnung zu sein), beschwert über irgendwelche Repressalien haben sich die Mannschaften nicht.
Der zweite Komplex bekommt noch eine weitere Dimension, die zu absurden Situationen führt. Ghanas Thomas Partey ist wegen Vergewaltigung angeklagt, aus diesem Grund durfte er zum ersten Gruppenspiel seiner Mannschaft nicht nach Kanada einreisen. Die USA hingegen sieht darin kein Problem, was bei dem Führungsstab wenig überraschend sein dürfte, weshalb der Mittelfeldakteur dennoch nominiert wurde und ab Spieltag zwei als zentraler Spieler Ghanas fungieren kann. Die Mannschaft sollte also bitte so spielen, dass man nicht mehr im Land des Ahornblattes ran muss. Elye Wahi von der Elfenbeinküste stand vor einer ähnlichen Problematik vor dem Spiel gegen Deutschland, offenbar konnte er den Behörden seine laufende Anklage wegen Spielmanipulation aber ausreichend entkräften und durfte so nachreisen. Störend daran ist vor allem der riesige Flickenteppich an Einzelsituationen und Unsicherheiten, die sich rein aus dem Gusto der gastgebenden Länder ergibt. Vergewaltiger nicht einreisen und mitspielen zu lassen ist natürlich begrüßenswert, dann aber doch bitte konsequent und nicht nur in einem Gruppenspiel. Und wäre es nicht schön, wenn generell keine Straftäter mitspielen würden? Dann wären aber vermutlich auch nur halb so viele Mannschaften dabei. Und logischerweise hätte dann auch die FIFA mit ihren Funktionären Probleme bei der Einreise. Oder der amerikanische Präsident, aber das ist eine andere Geschichte.
Als letzten Baustein der Verschmutzung hat sich die FIFA ein absurde Regelauslegung zu eigen gemacht. Manche Spieler werden in vergleichbaren Situationen für das Zuhalten des Mundes per VAR mit Rot vom Platz geschickt (Almiron, Paraguay). Manche Spieler nicht (Bellingham, England). Gleiches gilt für die Intervention bei Roten Karten. Messi ist seinem Gegenspieler natürlich komplett unabsichtlich von hinten auf das Wadenbein gestiegen und hat das bis zum Anschlag durchgedrückt. Andere Akteure wie der Mexikaner Montes werden für vermeintliche Notbremsen direkt runterbeordert. Vor dem Turnier wurde die Sperre von Cristiano Ronaldo für einen Platzverweis in einem Testspiel aufgehoben, sonst hätte er die ersten beiden Partien gefehlt. So ähnlich erging es Chelsea-Akteur Caicedo bei Ecuador. Katari Madibo dagegen wird für sein Foul gegen Kanadas Kone für harte fünf Partien gesperrt. Das Einsteigen war rüde, allerdings sehen die Regeln eigentlich, insbesondere für einen reuigen Sünder wie in diesem Fall, zwei, maximal drei auszusetzende Spiele vor. Und so lässt sich fragen: Sind große und werbewirksame Namen geschützt, während vermeintlich kleine Spieler und Nationen für die harte Hand herhalten müssen? Es käme nicht überraschend.
So richtig zu interessieren scheint das Ganze aber niemanden, von ein paar Medienberichten abgesehen. Man darf sich an die Rufe der Öffentlichkeit erinnern, als es um die WM in Katar ging. Damals ist Deutschland aber auch nach der Vorrunde ausgeschieden, was natürlich nur an den äußeren Umständen lag. Dementsprechend sind politische Botschaften tunlichst zu vermeiden, damit man endlich wieder Stolz sein kann auf sein Land, ach, was haben ordentliche Nationalstaaten doch für einen Charme.
Was bereits jetzt von dieser WM bleiben wird ist das Chaos und die Ungerechtigkeit, in der Nachschau wird sie, im Zusammenhang mit den politischen und sozialen Verhältnissen (was ist den an Fußball bitte politisch?) eine traumhafte Analysebasis für Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen bieten. Und so ist am Ende nur zu hoffen, dass das Turnier halbwegs sportlich endet. Und Donald Trump bei der Pokalübergabe Mist baut. Einen Hoffnungsschimmer hat man immer.
