Regeln, was sind schon Regeln? Und für wen gelten diese überhaupt? In der Welt des Fußballs kursieren diese Fragen mindestens so lange wie das Bayern-Dusel alt ist. Früher konnte man das Ganze auf einer eher sportlichen Ebene betrachten, etwa ob Schiedsrichter aus Angst vor der geballten Macht der Schickeria die Regeln bei dem Monster aus dem Süden der Republik etwas anders auslegen (Stichpunkt Elfmeterpfiff). Diese Diskussionen waren, trotz europäischer Wettbewerbe, immer eher lokaler Natur und sind auch in anderen Ligen mehr als präsent (man frage mal die Italiener oder Argentinier). Daraus entwickelte sich ein eher monetär angehauchter Diskurs über Regeln, der sich dann schon eine Ebene höher, auf UEFA-Ebene, manifestierte. Neben der Gerechtigkeit der Regeln für das Verteilen von Geldern auf nationalem Level kommt es zu Diskussionen, wie der internationale (und damit natürlich der europäische) Wettbewerb fair bleiben kann. Wie die Anwendung des daraus entstehenden Financial-Fair-Play gezeigt hat, gelten hier auch die Regeln mal mehr, mal weniger, in guter alter Phrasenschweinzeit würde man sagen: Auslegungssache.
Diese beiden Regel-Diskurse schwelen natürlich weiter, eine Lösung wird das Ganze vermutlich nicht finden. Dazu gesellt sich inzwischen, und das auch noch in einem unpolitischen Sport, das Weltgeschehen. Wobei, inzwischen ist da vermutlich nicht das richtige Wort, denn schon immer hat die politische Ebene im Fußball, im Sport, eine Rolle gespielt. Zumindest aber dem Autor, der inzwischen dem Kindesalter entwachsen ist, kommt es so vor, als potenziere sich das Ganze in Angesicht einer Weltbühne, die sich kollektiv an tragigkomischer Science-Fiction-Literatur versucht. Dementsprechend kommt dann auch das Gefühl zustande, die Politisierung des Fußballs sei erst kürzlich passiert, wie das mit der Verklärung der Vergangenheit eben so ist.
Aber zurück zum eigentlichen Thema, den Regeln und deren Auslegung. Der Sport hat sich da nämlich selbst eine Grube gegraben, aus der er kaum noch rauskommt, nämlich eine subjektive Bewertungsgrube. Vorgeschickt sei noch, dass wir uns hier in ein schwieriges Feld bewegen, die nachfolgenden Aussagen sind deshalb nicht als Meinung zu werten, sondern als nüchtern Betrachtung des Zustandes. Die Nationalmannschaft Russlands sowie deren Vereinsmannschaften sind von der UEFA sowie der FIFA nach dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine aus sämtlichen Wettbewerben ausgeschlossen worden. Die Nationalmannschaft sowie die Vereinsmannschaften Israels dürfen angesichts des Palästina-Konflikts weiter mitmachen. Die Nationalmannschaft sowie die Vereinsmannschaften der Vereinigten Staaten von Amerika dürfen angesichts der Entwendung des venezolanischen Staatsoberhauptes weiter mitmachen. Die Nationalmannschaft sowie die Vereinsmannschaften der demokratischen Republik Kongo dürfen angesichts des Ruanda-Konflikts weiter mitmachen.
Es ist völlig unmöglich die hier genannten Fälle miteinander zu vergleichen, und, wie schon erwähnt, es sei nochmal darauf hingewiesen, dass hier auch keine Wertung stattfindet. Eben diese Tatsachen im Hinterkopf behaltend stellt sich jedoch die Frage, wie die UEFA und die FIFA, oder auch andere Kontinentalverbände, diese Bewertungen vornehmen? Denn sie müssen das, irgendjemand muss entscheiden, wer an einem Wettbewerb teilnehmen darf und wer nicht. Die zu diskutierenden Fälle ließen sich fortführen, allerdings führt das zu nichts. Dementsprechend hat der Komplex, für wenn wann welche Regeln gelten, im Fußball eine globale Ebene erreicht, die kein Ende mehr findet. Denn in der aktuell fiktionalen Realität, die uns derzeit lieb hat, sieht es nicht danach aus, als würden die Konflikte dieser Art abnehmen. Wie viele Nationen dürften bei strenger Auslegung der politischen Teilnahmeregeln überhaupt noch an einem Turnier teilnehmen?
Die Regel-Frage hat sich also schon längst vom Spiel mit dem Ball entfernt, welch ein Wunder. Doch die Anwendung wird auch wegen des Männchens im Weißen Haus schwieriger, konnte bisher doch eine Pro-westliche Auslegung herangezogen werden, wenn es eng wird. Beschwert sich schon keiner der wirtschaftlich relevanten Akteure. Doch dieses Auslegungsmuster wird auf eine harte Probe gestellt. Wenn die USA neben Venezuela auch noch Grönland retten will, ist das Turnier im Sommer 2026 dann noch so durchführbar? Das Pendant im Kreml hatte höflicherweise mit der großen Rettungsaktion bis nach der Weltmeisterschaft gewartet, vielleicht wiederholt sich das ja. Als NATO hätte ich erst ab September 2026 so richtig Angst. Wobei der Junge mit dem Schalter so ungeduldig und disziplinlos ist, dass wahrscheinlich die Minute des Abpfiffs des WM-Finals schon Grund zur Sorge bietet.
Dazu kommt dann noch die Dimension der Fans, die muss UEFA und FIFA naturgemäß aber nicht interessieren. Was ist eigentlich, wenn im Sommer das halbe Teilnehmerfeld keine Zuschauerinnen schicken darf, weil sie nicht einreisen dürfen? Noch so eine Regelfrage: Welche Regel ist stärker, die der FIFA, das alle dürfen, oder die der USA, dass sie an der Grenze einkassiert werden? Aber wir sind wieder etwas abgeschweift. Deshalb zurück zur Ausgangsfrage: Regeln, was sind schon Regeln? Diese kann mit dem beschriebenen subjektiven Auslegungsloch wie folgt beantwortet werden: Regeln, was sind schon Regeln! Denn wie schon Frau Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf wusste, kann man sich die Welt machen, wie sie einem gefällt. Und das ist schließlich das Motto dieses fußball(politischen) Jahres 2026.
