Es hat über fünf Wochen gedauert, jetzt aber ist die Weltmeisterschaft in den USA (waren Kanada und Mexiko überhaupt dabei?) endlich vorbei. Endlich, weil sich eine Müdigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem Turnier eingestellt hat, die man als Kenner des Sommermärchens und anderer magischer Nächte nicht für möglich gehalten hat. Und das nicht nur, weil die deutsche Nationalmannschaft wieder einmal enorm schlecht abgeschnitten hat.
Der Fußball-Weltverband hat es geschafft, sein wichtigstes Produkt zu einem Marketingsubjekt zu degradieren, dessen Ausmaß an Unverfrorenheit und Dilettantismus die Trikots der österreichischen Bundesligisten als werbefreie Vintage-Produkte dastehen lässt. Darüber hinaus hat Welteneroberer Gianni Infantino endlich das Unschuldsmäntelchen fallen lassen, das über der Politik im Sport oder dem Sport in der Politik hing, denn nach diesem Turnier kann keiner mehr leugnen, dass Fußball ein Ballgeschiebe der Funktionäre, nicht der Spieler ist. Bereits in unserem Zwischenfazit zur WM hatten wir das Ausmaß der Verschmutzung thematisiert, ohne dabei voraussehen zu können, welche Spitzen das Ganze noch erreicht. Etwas kritische Reflexion beim Autor ist deshalb angebracht, wenngleich, wie später noch zu zeigen ist, die Glaskugel auch ihre Wahrheiten hat durchblicken lassen.
Doch der Reihe nach, wir versuchen, die mannigfaltigen Erfahrungen dieser WM nochmal Revue passieren zu lassen. Diverse Teams hatten Probleme bei der Einreise in die USA, von Zurückweisungen bis hin zu schikanierenden Kontrollen war alles dabei. Von den Fans ganz zu schweigen. Den Iran hat es darunter noch am schwersten getroffen, die Mannschaft durfte sogar nur zu den Spielen kurzfristig rein und raus, inklusive verbaler Bedrohung des leiblichen Wohls von Giannis Panzerknackerkollegen.
Danach sind die durchaus fragwürdigen Entscheidungen der Unparteiischen zu nennen, insbesondere derer vor dem Bildschirm, die bei prominenten Spielern und Mannschaften bei ähnlichen Situationen auf unverständliche Weise zu anderen Ergebnissen gekommen sind als bei weniger benötigten Akteuren der Marketingmaschinerie. Nicht zuletzt Finalteilnehmer Argentinien hat sich so ins Zentrum der Verschwörungstheorien gespielt, Messi bekam gegen Algerien keine Rote Karte, Ägypten wurde ein korrektes Tor aberkannt, das Banner nach dem Halbfinalsieg gegen England fand keine Konsequenzen in Form von Sperren (was aber weniger am Schiedsrichter, sondern an der FIFA lag), und auch das vermeintliche Führungstor Spaniens in der Verlängerung wurde zumindest fragwürdigerweise zurückgenommen. Bei all dieser Unterstützung muss man fast froh sein, dass die Argentinier mit ihrem Anti-Fußball nicht noch Weltmeister geworden sind, gerade wenn man sieht, wie sie sich in der Niederlage mit Prügeleien und Respektlosigkeiten verhalten haben, worauf aber schon das Verhalten nach dem Sieg gegen England hingedeutet hat. Da ist es dem über allen Zweifel erhabenen Luis de la Fuente mehr zu gönnen, ist er doch einer der Wenigen, der einzuordnen weiß, worum es beim Fußball geht und wie man Mensch ist. Und wenn wir schon bei den wenigen Positivbeispielen sind, muss auch Borja Iglesias hervorgehoben werden, der übrigens exakt eine Minute, nämlich gegen Portugal, auf dem Platz stand. Ohnehin sind seine Leistungen abseits des Spielfeldes aber höher einzuschätzen, hatte er doch bereits vor dem Finale kundgetan, aus Angst vor der Inhaftierung Trump im Falle eines Sieges zwar die Hand schütteln zu müssen, dabei aber jedoch auf jegliche Höflichkeit verzichten zu wollen. Und so kam es dann auch, der Gruß fiel maximal kaltherzig aus, der Stürmer ignoriert dabei sogar die Ansprache des Rotblonden und vermeidet Augenkontakt. Immerhin irgendjemand zeigt Haltung.
Nun aber leider zurück zu weiteren moralischen Verwerfungen, denn davon gab es wesentlich mehr als. Wo schon die fehlende Sperre für Lisandro Martinez und Giovani Lo Celso nach dem England Spiel wegen des Banners zu den Falkland-Inseln thematisiert wurde, darf natürlich die fehlende Sperre für Folarin Balogun nicht unerwähnt bleiben, wobei der Spieler wirklich am allerwenigsten dafürkann. Eigentlich war der Angreifer durch eine vollkommen berechtigte Rote Karte für das Achtelfinale gegen Belgien gesperrt, doch ein Anruf von Donald bei Gianni sorgte dafür, dass der Weltverband die Sperre zur Bewährung aussetzte. Ein einmaliger Vorgang in jeglicher Dimension. Allein, dass so etwas möglich ist. Aber Gianni hat den Donald eben lieb und braucht ihn darüber hinaus auch noch. Für Freunde setzt man doch Berge in Bewegung.
Zuletzt will der Autor gegen jede Faser seines Körpers noch auf die Monetarisierung des Events eingehen, obwohl es ihm allein bei der Erwähnung dieses Terminus die Fingernägel nach oben schraubt. Von den Ticketpreisen angefangen hat sich die WM zu einem Event der Reichen und Schönen entwickelt, das seinen Höhepunkt in einer abstrusen Playback-Show in der Halbzeit des Finals gefunden hat, für die die FIFA ihre eigenen Regeln brechen musste. Da wäre ein Hydration-Break mal ausnahmsweise angebracht gewesen. Und so ist auch die Müdigkeit und Gleichgültigkeit zu erklären, denn diesen totalen Overkill, mit dem Infantino noch die kleinste Münze rauskitzelt aus dem Spiel mit dem runden Leder, kann ein normaler Fan, eine normale Anhängerin nicht unbeschadet überstehen. Das kann darüber hinaus auch nicht ewig gutgehen, denn irgendwann ist die Spitze erreicht, wenngleich es schon noch so aussieht, als würde die FIFA noch ein paar Ideen im Schrank haben. Bis dahin wird man sich leider darauf gefasst machen müssen, dass mindestens der internationale Fußball auf der Streckbank noch ein paar Umdrehungen machen muss, bis alles sein wohlverdientes Ende findet.
Das gilt auch für diesen Artikel, der, auf sein Ende wartend, noch etwas überstrapaziert wird. Aber, die Sache mit der Glaskugel muss noch aufgeklärt werden. Im erwähnten Zwischenfazit der WM fällt am Ende nämlich diese Vorausschau: „Und so ist am Ende nur zu hoffen, dass das Turnier halbwegs sportlich endet. Und Donald Trump bei der Pokalübergabe Mist baut. Einen Hoffnungsschimmer hat man immer.“ Und da muss man sagen, es war viel Wahres dran. Das Turnier ist halbwegs sportlich zu Ende gegangen (Boxen ist ja auch ein Sport). Und Donald hat Mist gebaut bei der Pokalübergabe. Denn nachdem er Kapitän Rodri das Ding übergeben hatte, musste er erst vom wütenden spanischen Kapitän an den Rand zitiert werden, wo er sich aber nach wie vor auf das Siegerfoto schleichen wollte. Was dazu führte, dass sein bester Freund Gianni in bester Woody-Woodpecker-Manier einmal über die Bühne hoppeln musste, um ihn sanft aus der Kamerareichweite zu führen. Hoffentlich hat das zu keinem Streit im Paradies geführt. Und wenn in ein paar Jahren, Jahrzehnten oder Jahrtausenden einmal jemand fragt, wie der Weg zum Untergang des Fußballs ausgesehen hat, dann kann man einfach diesen Clip vom Hoppelgang Infantinos vorspielen und alles ist erklärt.
