Der moderne Fußball ist eine einzige Zumutung! Niemand versteht, warum ihn eigentlich irgendwer anderes noch schaut, man selbst ist doppelt verdutzt, sitzt man ja bei Freunden auf der Couch oder in einer Kneipe, während man sich wieder einmal über den Sport beschwert, der einen gerade wieder vor die Kiste gezerrt hat. Es reicht! Zu hohe Gehälter, Spieler die gerade frisch beim Friseur waren, alles läuft über diesen neuen vier Buchstaben Anbieter, der alte hatte wenigstens nur drei Buchstaben und zeigt jetzt aber nicht mehr alles und ist gleichzeitig aber alles in allem eigentlich auch der Falsche. Früher gab es wenigstens noch Premiere. Und DSF, Deutsches Sport Fernsehen, welches Sonntag Vormittags über die alte Röhre lief, das war noch gemütlich. Klar, internationale Ligen hat man eigentlich nicht sehen können, weil die ja nur national übertragen wurden. Und Premiere war eigentlich nicht viel anders, als die heutigen Anbieter, ähnlich glänzender Service. Aber es war halt in früheren Zeiten und demnach aus Prinzip besser. Selbst Richard David Precht hat sich zum Thema modernen Fußball schon geäußert, klar hat er das, und bemerkt in der Bundesliga sei zuletzt alles schief gelaufen, was schief laufen kann.
Moment! Es scheint wir schwurbelten mit den einleitenden Gedanken in die komplett falsche Richtung. Ist doch die Opposition zu Deutschlands lautestem und schönsten Talkshowgast letztlich der Indikator für einen moralisch und analytisch fruchtbaren Gedanken.
Versuchen wir es also noch einmal.
Ja, selbstverständlich hat sich der Fußball in den letzten Jahrzehnten verändert, an und für sich eine Selbstverständlichkeit und noch keinen Kommentar wert. Ja, der moderne Fußball hat auf höchstem Niveau ein Problem mit Geld, sei es horrende Transfersummen, absurd hohe Gehälter für Spieler und Trainer, Sponsoren-Zahlungen die von irgendwoher kommen und natürlich die Frage nach den Vereins-Übernahmen von reichen Menschen aus Fern und Nah. Doch seien wir mal ehrlich: Das liegt nicht am Fußball, weder an der Sportart, noch am „System Fußball“, also der Art und Weise wie Ligen, Verbände und alles Anhängende organisiert und strukturiert sind. Dass wenige Menschen immer mehr Geld für Blech und Beton ausgeben können, während es anderen an Vielem mangelt, lässt sich relativ leicht und schnell mit Kritik an der Art und Weise wie unsere Wirtschaftsstruktur aufgebaut ist erklären, in die ja der Fußball auch eingebettet sein muss. Der Punkt müsste also politisch diskutiert werden — auch wenn der Fußball natürlich gänzlich unpolitisch ist *zwinker* — dafür ist hier und jetzt aber kein Platz. In diese Debatte würden dann auch das “Vereins-Shopping“ der 2000er Jahre fallen, bei denen Investoren aus Russland und arabischen Ländern ihren eigenen Rasenzirkus erwerben wollten. Warum manche mehr Probleme mit „Mafia-Geld“ (Russland), oder „Scheich-Geld“ (Saudi-Arabien, Katar, etc.) haben, als mit bspw. dem Geld von dem nicht von Kontroverse befreiten Dietmar Hopp, erscheint reflexhaft und eher ein unhinterfragt internalisiertes Überbleibsel von Papa Emil.
Das berühmte Drumherum des anders gewachsenen Fußballs ist gar nicht Thema dieses Beitrags — auch wenn es an Querverweisen auf die politische und sozio-kulturelle Dimension nicht mangeln soll — es geht wirklich mehr um den eigentlichen Sport, das Gefühl von der Seitenlinie wenn sich im eigenen Block alle in Ekstase jubeln und natürlich den Kern, das “gegen-das-Leder-getrete“, Denn auch das ist ja „nicht mehr so wie früher“, womit im Zweifelsfalls auch immer die negative Bewerbung der Spielart gemeint ist. Die Art und Weise wie gepasst wird missfällt („wie beim Handball um den Kreis“), das Spiel ist bis ins kleinste durch-taktiert — was komischerweise auch oft negativ gemeint ist — und überhaupt, diese Spieler von heute. Was dem Fußball fehlt sind so „richtige Typen“ wie früher. Die Figur des „richtigen Typen“ ist hier als leerer Signifikant zu verstehen, der beliebig ausgefüllt werden darf, je nachdem, in welcher Generation und natürlich in welchem Haushalt der jeweilige Fußballkritiker aufgewachsen ist.
Wir markieren das Feld von hinten auf, also von heute bis in die 50er Jahre. Vor Kurzem spielten noch „echte Charaktere“ wie Carsten Jancker, Stefan Effenberg, Männer, die sich selbst auch als Männer verstanden und denen es egal war, dass weder sie noch ihr Spielstil besonders schön waren, es ging lediglich ums Kämpfen und Siegen — und natürlich um schnelle Autos, „Weiber“, „Kohle“, kennste. Aber das war natürlich auch die Zeit von Zizou, Ronald(inh)o, Raúl, Figo, wahre Künstler am Ball, die man bestaunen durfte — obwohl sie wie eingangs erwähnt fast nirgends übertragen wurden. Davor spielte sich die spätere Koksnase Maradona in den Argentinischen Himmel, dessen unerreichbares Talent vor knapp einer Woche dann überraschend doch erreicht wurde, in Katar, bei einer WM im Dezember, vor den Augen von Musk und Trump jr., egal das drumherum sollte ja hier nicht diskutiert werden. Wir schlängeln uns auch an Maradona vorbei und schauen ins Nachbarland Brasilien, wo noch heute nostalgisch geschwärmt wird von Pelé. Ein Teufelskerl, wurde uns allen oft versichert. Ein Spieler wie kein Zweiter. Zu einer Zeit, wo kaum jemand Fußball gespielt hat, wurde er mehrmals Weltmeister, zum Glück für das gesamte Land, das zwei Weltmeisterschaften vor Erscheinen dieses Wunderknaben ein WM-Finale gegen Uruguay auf heimischen Boden verlor, was zu mehreren Suiziden von brasilianischen Fans führte, sogar noch direkt nach Abpfiff im neu errichteten Stadion Maracanã selbst. Das war 1950, Pelé gewann mit Brasilien das erste Mal 1958, dazwischen war „das Wunder von Bern“, eine WM die Leben einhauchte in eine kriegsgebeutelte Nation — die obendrein an Amnesie ob des Kriegsgrundes litt — und deren Protagonisten zu Legenden wurden. Helmut Rahn, Fritz Walter, und dann noch dieser Trainer und auch die anderen, herrlich. Das ganze Land schwelgte im Glück und stellte dann auch konsequenterweise das Projekt „Entnazifizierung“ frühzeitig ein, nachdem schon damals der Fußball eine durch und durch unpolitische Funktion mit sich trug.
Wir merken, das Drumherum hat sich oben erstaunlich oft und lästig in diesen Beitrag eingeschlichen, ein wenig wie eine Lanz-Talkshow in den eh schon reizüberfluteten Alltag. Aber das soll auch die Kernaussage dieses Textes sein. Wir blicken auf den Fußball eingebettet in seinem zeithistorischen soziokulturellen Kontext. Unsere Aussagen über die Schönheit des Spiels und den nostalgischen Blick auf bestimmte Zeitabschnitte lassen sich nur ungetrübt äußern, wenn wir die Kontextualisierungen, die dieses Bild beinträchtigen würden außer Acht lassen. Der Fußball ist ein sich anbietender Ausdruck von dieser zeithistorisch selektiven Bevorurteilung.
Denn in all diesen epochalen Phasen des vielleicht schönsten Sports auf Erden gibt es Vertreter, die felsenfest davon überzeugt sind — gestärkt durch einen sehr selektiven Blick auf die Geschehnisse — das es eine Zeit gegeben hat, in der der Sport an sich besser war. Eine Zeit in der die Spieler auf dem Platz besser waren, noch „so richtig Fußball gespielt haben“. Und immer wieder wird der Vergleich gezogen mit dem jetzt und dem was noch kommen wird, so als könnte man einfach ein großes Teilstück aus der Fußballgeschichte nehmen, und losgelöst von allen Kontexten, in anachronistischer Selbstsicherheit mit anderen Teilstücken vergleichen. Der 2020 verstorbene Medienwissenschaftler Jib Fowles nannte die Überzeugung, dass das eigene Erlebte der Inbegriff von Zeitlichkeit, ein Fluchtpunkt historischer Erzählung sein müsse Chronozentrismus, in seinen Worten:
Chronocentrism – to give a name to the misconception – is the belief that one’s times are paramount, that other periods pale in comparison. It is a faith in the historical importance of the present. (…) An unfortunate effect of chronocentrism is a diminished appreciation of the future. (…) The antidote for chronocentrism is no different from the antidote for ethnocentrism: understanding and respect for different ways of life.
ON CHRONOCENTRISM
Jib Fowles
