Die Saison 2025/26 ist seit einigen Wochen bereits vorbei, mit wenigen Ausnahmen. Das gilt natürlich nur für die Ligen, die einen Saisonbetrieb nach ‚europäischem“klassischem“ Vorbild spielen, d.h. von Spätsommer/Herbst bis Frühjahr, mit einer unterschiedlich langen Winterpause. In Schweden bspw. wird die Saison von Frühjahr bis Herbst gespielt, um so gut es geht den Skandinavischen Winter zu umgehen. Die USA hätte für solche Rahmenbedingungen schon längst beheizte Stadien „erfunden“, um von solch Kleinigkeiten unbeeindruckt mit dem Kopf durch die Wand zu laufen. Wir haben es auch kollektiv überstanden, dass in ebenjener USA die Weltmeisterschaft 2026 zu Ende gegangen ist. Und das ganz ohne größere und gröbere Zwischenfälle, ein tolles Fest, das uns allen freudig in Erinnerung bleiben wird und wir deswegen nie wieder davon schreiben wollen. Das schreit alles ein wenig nach Pause, mir geht es zumindest so.
Und in genau diesen Momenten, schalte ich dann auch ein wenig ab. Ich kümmere mich nicht um den Transfermarkt (zu Beginn der Saison merke ich ja, wer fix wohin gewechselt ist), wechsle auch nicht Sportarten, sondern warte geduldig, bis es irgendwann wieder weitergeht. Ich schaue auch nicht nach dem Startdatum der kommenden Saison, das kommt alles von alleine. Und zack, ist der erste Spieltag der Regionalliga auch schon passiert, lediglich durch Zufall mitbekommen. Der zwangsabgestiegene, ewigkeitskrisengebeutelte TSV 1860 München hat seinen Auftakt in die erste Amateurliga ohne mein Wissen mit erwartbar magerem Ergebnis (Unentschieden gegen den regulären Absteiger Schweinfurt) hinter sich gebracht.
Und da fällt wieder einmal etwas auf: Es gibt diese Verrückten (liebevoll gemeint). Diejenigen, die die Pause nicht brauchen, zum Teil gar nicht leiden können. Vermutlich auch weil Sie sich selbst in dieser Pause nicht recht leiden können. Die genau wussten, dass es wieder losgeht in der Regionalliga Bayern, und sich in Blau-Weiß auf den Weg nach Schweinfurt gemacht haben, um ihr Team zu begleiten und zu unterstützen, Fans. Rund 3000 von Ihnen sind zum Auswärtsspiel der Löwen gereist, trotz der Umstände (oder aber vielleicht genau wegen ebendieser) die den Zwangsabstieg des Vereins bedingten. Die Zahl ist deshalb auch so beeindruckend, da in der vergangenen Saison das Team mit den durchschnittlich meisten Auswärtsfans die Mannschaft des FC Bayern II war (welch Ironie), mit im Schnitt 244 mitgereisten Anhängern.
Ob es sich hält, dass der blau-weiße Pulk mindestens jede zweite Woche quer das Bundesland reist, wird sich erst zeigen, es ist auf jeden Fall eine Ansage zum Auftakt. In einer Zeit des infantinosierten Fußballs ist es vernünftig beständig das Augenmerk auf eine der wichtigsten Komponenten des Sports, und in unserem Fall des Fußballs zu werfen, den Fan und die Fans. Was sind sie, was können sie und was wünsche ich mir von ihnen?
Fans sind soziologisch gesehen nicht Teil eines „normalen“ Publikums. Das wissen Soziologisch*innen, aber das wissen auch die Fans und das restliche Publikum selbst, ohne Definitionsversuche. Die in den Sozialwissenschaften dennoch relevant sind, und bei deren Versuchen schöne Ergebnisse rauskommen, wie der Sammelband Fans: Soziologische Perspektiven von den Herausgebern Jochen Roose, Mike S. Schäfer und Thomas Schmidt-Lux. Zu Beginn werden hier zwei Definitionen vorgeschlagen, eine Nominaldefinition (Was ist mit dem Begriff gemeint?) und einer Realdefiniton (Was macht das Beschriebene aus?). Die Autoren verstehen „Fans als Menschen, die längerfristig eine leidenschaftliche Beziehung zu einem für sie externen, öffentlichen, entweder personalen, kollektiven, gegenständlichen oder abstrakten Fanobjekt haben und in die emotionale Beziehung zu diesem Objekt Zeit und/oder Geld investieren“(Roose et al, 4). Hier wird der oben angedeutete Unterschied zwischen den Löwenfans und mir deutlich, der TSV fungiert hier jetzt als Veranschaulichung und kann durch andere Vereine (und sogar Sportarten) ausgetauscht werden. Man natürlich auch außerhalb von Sport ein Fan von jemandem oder etwas sein. In Deutschland verstehen sich über die Hälfte der Menschen allerdings tatsächlich als Fan in Verbindung mit dem Sport (ebd., 10).
Die Online-Befragung von Fans in Deutschland zeichnet ein Bild von Fans als Menschen, die sich mit einigem Aufwand ihrem Fanobjekt zuwenden. Die Begeisterung der Fans ist dabei der Kern ihrer Fanbeziehung, aber meist nicht mit völliger Hingabe im Sinne kritikloser Imitation verbunden. Fan-Sein bedeutet, in einem nennenswerten Teil seiner Freizeit die Geschicke des Fanobjektes zu verfolgen, Informationen zu sammeln, sich mit anderen über das Fanobjekt auszutauschen und oftmals auch, das Fanobjekt zu unterstützen oder Zugehörigkeit zu demonstrieren. Zudem wird deutlich, dass die Palette möglicher Fanobjekte sehr breit ist – Fan kann man scheinbar von fast allem werden (ebd., 11).
Man kann evtl. von fast allem Fan sein, sobald man dann aber ein Fan eines bestimmten Fußballvereins geworden ist, löst sich diese scheinbare Beliebigkeit sehr schnell auf. Dann wird wie in der ersten Definition festgehalten, viel Geld und Zeit investiert für genau dieses Fanobjekt. Durch beides, das investierte Geld und die investierte Zeit, schaffen es Fans sich Macht anzueignen. Wie das? Sie werden gewissermaßen zu Prosumenten (eine Figur, die 1980 von Alvin Toffler erfunden wurde und sich als Begriff aus der Vorsilbe von Producer und dem Stammwort von Consumer zusammensetzt), und sind durch ihr Wissen und ihren finanziellen Beitrag mit dafür verantwortlich ihr zu verkonsumierendes Fanobjekt selbst herzustellen. Kommen keine Fans, ist das Stadion leer. Legt sich keiner ein Streaming-Dienst-Abo zu, schaltet keiner ein. Wenn man sich aber umgekehrt zusammentut, um sich grassrootsartig um den Erhalt seiner Leidenschaft zu kümmern, kommen schöne Dinge bei rum. Wie beispielsweise bei der Fanaktion Mitte Juli“Giesing hält zam„, wo einige Bars und Kneipen im Münchner Stadtteil Giesing eine Aktion hatten, bei der 60% des Erlöses an die Löwen gespendet wurde. Ab 22 Uhr waren einige der Läden ausverkauft. Um den Verein vom Investor endgültig zurückzuholen, wurde auch eine Crowdfunding-Kampagne durchgeführt, dessen Resultat jetzt ein wunderbarer Schriftzug auf dem neuen Löwentrikot ist: „FOOTBALL FOR THE PEOPLE“.




