Scouting im Mai

Liebe Freunde des gepflegten Rasensports, wir versorgen euch nach einem Monat Abstinenz wieder mit was Kleinem zum Lesen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten zu erklären, warum ein ganzer Monat ausgelassen wurde, gerade im Frühjahr, wo es doch traditionell heißt, man würde aus dem langen Winterschlaf erwachen, mit Elan und der Sonne im Nacken. Von der Seitenlinie aus ist uns aber natürlich allen klar, dass der Frühjahr die Monate der Entscheidungen sind. Entscheidungen in nationalen Pokalen (möchten an dieser Stelle explizit dem Rasenballsport zu gar nichts gratulieren), internationalen Pokalen (am Samstagabend wird Pep es endlich wieder nach langer Zeit geschafft haben) und natürlich in den nationalen Ligenwettbewerben. Da die Editoren der Seitenlinie in den Farben rot/weiß und gelb/schwarz denken und fühlen, wollen wir uns vor allem auf das Verbindende hellblau konzentrieren, das die Herzen der Fußballfans höher schlagen ließ in den vergangenen Wochen und Monaten: Der SSC aus Napoli ist endlich wieder Meister der Serie A! Und das ist Grund zur Freude. Schon im Vorfeld wurde viel über die Relevanz der Erfolge des Clubs aus dem Süden Italiens geschrieben. Und wir können uns nur der Analyse anschließen, dass es nicht nur ein nostalgischer Triumph ist für Fußballfans im Generellen, sondern eben auch ein Sieg für den gesamtem italienischen Süden.

Mit Blick auf die Sommerpause blicken wir auch schon (weit) voraus, nämlich auf die Sommerpause 2026, da wird die nächste Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und natürlich der USA stattfinden. Und vorausgesetzt die Vereinigten Staaten tragen bis dahin noch diesen Titel könnte es gut möglich sein, dass es dann einen Reisebericht der Seitenlinie vor Ort geben wird. Es ist zu hoffen, dass der um sich greifenden Wettsucht bis dahin Einhalt geboten werden konnte. In manchen Staaten (bspw. Virginia) hat sich die verwette Geldmenge zwischen 2021 und 2022 um 50% erhöht. Mit dem kommodifizierten Sport lässt sich auf viele Arten Geld machen, hoffentlich leidet die Sportwelt und schlussendlich die Fans nicht darunter. Diese haben schon zur Genüge schwer zu schaffen bei den verschiedenen organisatorischen Auflagen der Verbände, wie nachfolgendes Beispiel illustriert.

Als einziges deutsches Team hat sich Bayer Leverkusen im internationalen Wettbewerb ins Halbfinale gespielt und trifft dort auf die AS Rom. Ausgetragen wird dieses Halbfinale am 11. und 18. Mai, das Finale in Budapest ist dann am 31. Mai. Wer als Anhänger der Werkself auf das Endspiel hofft und sich nach einem eventuell gewonnenen Halbfinale um Tickets bemühen möchte, schaut jedoch in die Röhre. Diese wurden nämlich bereits vergeben. In einer Ticketlotterie haben sich alle interessierten Fans, die Finalkarten haben möchten, bis 28. April eintragen müssen, immerhin eine Woche dauerte die Verkaufsphase. Großzügigerweise hat die UEFA den Fans dabei die Option eingeräumt, die Tickets nur abnehmen zu müssen, wenn das eigene Team auch wirklich in Budapest antreten darf. Wunderbar. Wobei man als Leverkusener vielleicht sagen müsste: So ein internationales Finales lasse ich mir auch ohne eigene Beteiligung nicht entgehen. So ist zum Beispiel auch folgende Konstellation möglich: Im Finale trifft Sevilla auf die Roma, und man selbst sitzt mit seinem Bayer-Schal aber neben einem Juventus-Anhänger. Die UEFA lebt Völkerverständigung.
Aus diesem Grund ist es ihr auch wichtig, von 63.000 Karten in Budapest 16.200 selbst zu vergeben, während die Vereine jeweils 15.000 Tickets erhalten. In der Champions League, bei der das ganze Verfahren übrigens gleich abläuft, sind es sogar 24.800 Tickets von 72.000 Plätzen, immerhin werden die Vereine hier noch mit 20.000 Karten bedacht. Dennoch weiß man schon jetzt: Im Finale der Königsklasse in Istanbul wird ein Drittel der Zuschauer aus Sponsoren bestehen, die Tickets von ebenjener UEFA erhalten haben, als freundschaftliche Zuwendung und Dank für das tolle Engagement. Ob das wirklich gerecht ist?

Fragen wie diese werden nicht nur am Wochenende zwischen Bundesliga und Kreisklasse, in den Stadien und an Bolzplätzen diskutiert, sondern sind auch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Mit dem Titel Sports and Politics. Commodification, Capitalist Exploitation, and Political Agency hat der Professor für Golbal History an der Norwegischen Universität Nord, Frank Jacob, einen Sammelband herausgegeben, der sich aus unterschiedlichen Perspektiven den im Titel aufgeworfenen Zusammenhängen und Spannungsverhältnissen widmet. In drei übergeordneten Kapitellen werden kritisch die Einflüsse von Korruption, Rassismus, sexuellem Missbrauch und Homophobia untersucht und die einzelnen Autor:innen kommen zu dem Ergebnis, welches uns allen gewahr ist: Der Sport ist und war niemals unpolitisch, sondern vielmehr eingebettet in eine komplexe politisierte Welt. Ist diese schlecht, macht sie auch den Sport kaputt.


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