Wenn Freunde eine Reise tun

Tisch, Bier, Snacks, Freunde

Von meinen Freunden sind nicht alle Fußballfans, die meisten sind es sogar nicht. Am Fußball Interessierte gibt es mehr, auch wenn das viel bedeuten kann. Reisen unternimmt man dennoch zusammen. Der Fan, der Interessierte und der Desinteressierte zusammen. Wie kommt das? Und noch wichtiger: Was passiert da (zur Hölle)?

Wenn jemand einen Vorschlag macht, gibt es, ganz allgemein gesprochen, immer mehrere Varianten der Reaktion. Die klassischen Möglichkeiten bewegen sich zwischen Zustimmung und Ablehnung, zwischen Annahme und Verweigerung, zwischen Teilnahme und Absage. So ist es auch, wenn jemand einen ambitionierten wie möglicherweise waghalsigen Fußball-Wochenend-Plan einbringt, der natürlich eigentlich nur wunderschön ist. Man stellt den Vorschlag vor, wartet die Reaktionen ab, passt an, bespricht Details. Oder stellt ihn vor und sagt: „Das is‘ er, ja oder nein?“ Und so stehen am Ende dann eben Leute, die bereit sind, die Tortur mitzumachen. Man hätte, wie kurz erläutert, auch ablehnen, verweigern, absagen können.

Stadio Alberto Picco, Spezia vs. Bari
Stadio Alberto Picco, Spezia vs. Bari

So kommt man also zu einer Planung, die hier in Anlehnung an die Realität auch kurz dargelegt werden möchte. Donnerstagabend mit dem Nachtzug los, morgens in Parma aus dem Zug hetzen (warum auch immer, man war dank Verspätung schon länger wach), dann weiter nach La Spezia. Dort am Abend die Partie gegen Bari, kein fußballerischer Leckerbissen, immerhin ist die Schlange am Bierstand aber überschaubar. Am Samstag in aller Frühe wieder los zum Bahnhof, in Reggio Emilia aussteigen und den Spaziergang zum Stadion antreten. Die anschließende Frechheit, die man, um im Jargon zu bleiben, wohl als Partie für Taktikliebhaber bezeichnen kann, über sich ergehen lassen. Wenigstens macht der Smalltalk auf der Tribüne Spaß, man hat Zeit, endlich diese unliebsamen Mails abzuarbeiten, die sich noch aufgestaut haben. Und schlussendlich am Sonntag noch das Topspiel Bologna gegen Neapel, das zwar einiges an Stars verspricht, es jedoch, natürlich, auch schafft sich bezüglich Spannung einzureihen in das bisher Gesehene. Und dann wieder mit dem Nachtzug in die Heimat.

Und damit sind wir wieder beim eigentlichen Zweck des Ganzen, denn Fußball, das ist nur die schönste Nebensache der Welt (welcher Idiot behauptet denn sowas?), also nicht der Hauptgrund für einen derartigen Ausflug. Es geht darum, gemeinsam Zeit zu verbringen. Das klingt banal, war es auch in einer Zeit, als man sich selbst noch als jung bezeichnen konnte. Doch wenn einen die zunehmenden Verpflichtungen des Erwachsenwerdens, welches es im Übrigen, das nur als Einwurf, möglichst lange aufzuhalten gilt, einholen, wird Zeit eben das vielzitierte hohe Gut, auf das es zu achten gilt. Langsam gesellt sich dazu noch die Gesundheit, doch bei dem zugegebenermaßen leicht ausufernden Alkoholkonsum gerade dieser Reisetage kann niemand ernsthaft beteuern, dass nicht die Zeit aktuell an erster Stelle steht.

MAPEI Stadium, Reggiana vs. Virtus Entella
MAPEI Stadium, Reggiana vs. Virtus Entella

Der Fußball dient dabei vielleicht allen, vielleicht nur einigen als Deckmantel für die gemeinsame Unternehmung, die gemeinsame Zeit. Was allerdings nicht abwertend für den Sport ist, sondern das Gegenteil, es ist eine weitere Facette dieses wunderbaren runden Dings. Denn das verbindende Element, dass der Fußball zweifelsohne innehat, sei es innerhalb einer Mannschaft, zwischen Fans, zwischen Freunden, zwischen Familienmitgliedern, das lässt sich auch erweitern auf Personen, die dem klassischen „schauen“, sei es auf dem Bildschirm oder im Stadion, rein privat oder alleine gar nicht zugeneigt wären. Denn es entwickelt sich aus dem Fußball heraus ein Zauber, der gemeinsame Zeit stiftet, die man ansonsten vielleicht nicht hätte. Das mag diverse Gründe haben, manche plausibler als andere, doch darum geht es hier nicht. Es geht alleine um die Wirkung, und die ist unbestreitbar eine vereinigende, eine sinnstiftende, eine verbindende. Dementsprechend braucht es, das könnte man auch gesamtgesellschaftlich und nicht biographisch verstehen, Momente des gemeinsamen Glücks mit dem Ball, weitere, mehr, viele davon.

Stadio Renato dall'Ara, Bologna vs. Neapel
Stadio Renato dall’Ara, Bologna vs. Neapel

Am Ende steigt man nämlich aus dem Zug, der als Transportmittel übrigens eine wichtige, eigene Rolle spielt in dieser Geschichte. Die Art des Reisens wird nämlich auf den Schienen vollendet, klar, es muss auch funktionieren, aber das ist nun wirklich ein anderes Thema. Die Dynamik, die sich in einem Zug entwickelt, ist eine eigene, er ermöglicht gemütliche Runden, Bewegung, Ruhe, Getränke- und Essensaufnahme, rundum alles, was es bei einem Zusammensein braucht. Andere Verkehrsmittel sind da deutlich exkludierender und damit beschränkter, ungeachtet der jeweils eigenen Vorteil, die es möglicherweise gibt. Der Zug ist der Nils Petersen unter den Einwechselspielern, gerade im Hinblick auf den beschriebenen Zweck der Reise. Eine Liebeserklärung an den Fußball, an die gemeinsame Zeit ist damit auch immer, sagen wir zumindest meistens, mit dem Schienenverkehr verknüpft. Ganz nach dem Sprichwort ist der Weg das Ziel, der Weg zum nächsten Stadion, zum nächsten Spiel, zum nächsten Bier. Gemeinsame Zeit eben.

Wenn man den Zug dann am Ende des Abenteuers verlässt, abgekämpft, glücklich, traurig, froh, dann weiß man, dass die gemeinsame Zeit eine gute war. Missetat begangen.


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