(Rassis)muss das sein?

Fußballtor, England, Luton

Zunächst einmal: Sport ist nicht politisch. Jetzt, wo diese Grundfrage endlich ein für alle Mal geklärt werden konnte, dürfen wir unseren, eigentlich immer geliebten, Gianni auch wieder öffentlich und lautstark liebhaben. Ohne diese erste Feststellung wäre das nicht möglich. Auch neben der infamen Zuneigung zu Infantino wäre der Fußball so viel einfacher, wenn die Aussage wahr wäre. Wobei wir das spezifizieren müssen, denn einfacher wäre er natürlich nicht, danke Kölner Keller.

Aber er wäre als schönste Nebensache der Welt genießbarer, weil ohne Gewissensbisse. Ist er aber nicht, weil das Eingangsstatement natürlich Schwachsinn ist. Im Gegenteil, er ist hochpolitisiert, wobei dies nicht von außen oktroyiert wird, sondern inzwischen schon als intrinsische Funktion begriffen werden kann. Die Politik kommt nicht von woanders auf den Fußball, die handelnden Personen betreiben aus ihm heraus Politik. Ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste, Argument dabei ist die Aufmerksamkeit, die dem Sport zuteilwird. Fußballern (in dem Fall gilt das tatsächlich für die maskuline Form) und Funktionären (in dem Fall auch) wird eine Öffentlichkeit entgegengebracht, mit der diese offenbar in großer Vielfalt nicht umgehen können oder wollen. Oder es können, aber eben nicht so, wie der Autor sich das vorstellt. Dementsprechend wird die Diskursmacht, die man erhält, weil man gut gegen einen Ball treten oder gut andere Menschen ausbeuten kann, missbraucht.

Bei letztgenannter Kategorie landen wir natürlich bei den angesprochenen Funktionären, für die man sich in regelmäßigen Abständen schämen muss, mal öfter, mal weniger oft, je nachdem, welchem Klub man seine Seele anvertraut hat. Und in wirklich erstaunlicher Regelmäßigkeit sind hier die Anhänger von Manchester United gepeinigt, obwohl man meinen sollte, dass die Elf auf dem Rasen das schon alleine hinbekommt. Mitbesitzer ist Jim Ratcliffe, 73 Jahre alt, hauptberuflich Milliardär. Was er genau gesagt hat, soll hier aufgrund der Wortwahl nicht wiedergegeben werden, seine Aussagen bezogen sich zusammengefasst darauf, dass Großbritannien zu viele Menschen aufnehmen und diesen die Gesundheitsversorgung bezahle. Dabei brachte er nicht nur Zahlen durcheinander oder, was wahrscheinlicher ist, erfand einfach welche, sondern verwechselte auch noch Menschlichkeit mit Rassismus. Passiert jedem Mal. Eine witzige, wenn auch bittere, Note bekommt das Ganze, wenn man in Betracht zieht, dass Eingewanderte laut Ratcliffe dem Staat auf der Tasche liegen, er sein Geld privat jedoch lieber in Monaco für sich arbeiten lässt und mit seinen diversen Unternehmen fast eine Milliarde Euro an Fördergeldern aus der EU und UK eingesammelt hat. Wer hat, dem wird gegeben.

Das Absurdeste an der Geschichte, und danach versuchen wir den schwierigen Bogen zurück zum Fußball zu bekommen, ist jedoch seine folgende Entschuldigung, die er natürlich aus ethischen Motiven abgegeben hat, nicht, weil ihm seine Marketingexperten dazu geraten haben. Es tue ihm leid, dass seine Wortwahl einige Menschen im Vereinigten Königreich und in Europa vor den Kopf gestoßen und Besorgnis ausgelöst hätten. Das Thema der „gut gesteuerten Einwanderung“ sei ihm dennoch wichtig. Aha. Das Statement lässt sich natürlich mannigfaltig interpretieren. Seine Wortwahl war nicht falsch, die doofen Anderen hätten es nur nicht verstanden. Dadurch sei Besorgnis ausgelöst worden. Besorgnis um was? Um die Menschenrechte? Da ist Besorgnis natürlich fehl am Platz. Was soll Besorgnis in diesem Zusammenhang eigentlich sein? Besorgt bin ich, wenn bei Borussia Dortmund jemand auf die Idee kommt, Emre Can als Sechser aufzustellen. Das ist Besorgnis. Wenn man Millionen Menschen beleidigt, dann hat die angeekelte Reaktion darauf nichts mit Besorgnis zu tun. Sondern sie ist normal. Leider gibt es aber natürlich keine Konsequenzen für Ratcliffe, mit der Entschuldigung ist alles Menschenmögliche getan worden, nun kann er weiter seine Wege gehen bis zur nächsten Entgleisung. Bei Manchester United stehen übrigens diverse Spieler mit Migrationshintergrund im Kader. Wollen wir mal hoffen, dass sie nach der Entschuldigung ihres Chefs nun nicht mehr besorgt sind.

Und so bleibt es eine schöne Regelmäßigkeit, dass Personen, die, gelinde gesagt, ohne den Fußball wirklich kein Normalbürger kennen würde, politische Äußerungen fragwürdiger Natur tätigen und es danach einfach weitergeht. Weder Klub noch Fans können etwas gegen ihren Gutsherren unternehmen, das wissen gerade die leidgeprüften Anhänger in England nur zu gut. Wieder ein neuer Fleck auf der weißen Weste des schönsten Sports, wobei die Weste wohl inzwischen eher als fleckig denn als weiß bezeichnet werden kann. Wir dürfen gespannt sein, aus welcher Ecke als nächstes Besorgnis erregt wird.


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