Die Soziologie des Fußballs

Oft und ausreichend genug haben wir gehört, dass der Fußball nicht politisch sei. Oft und ausreichend genug haben wir überzeugend dargelegt, warum er es doch ist. Es braucht eigentlich keinen weiteren Artikel dazu. Aber als Sozialwissenschaftler reizt es doch zu sehr, eine Perspektive dieser Art einzunehmen. Dass Fußball mehr als nur ein Spiel ist, können wir aber auch aus der sozialwissenschaftlichen Perspektive der Soziologie wahrnehmen und wird zum Glück auch auf gewinnbringende Art gemacht. Auf Soziopolis, einem sozialwissenschaftlichen Nachrichtenportal und Projekt, angesiedelt am Hamburger Institut für Sozialforschung in Kooperation mit H-Soz-Kult, sind in den vergangenen Monaten und Jahren drei Essays veröffentlicht worden, die sich auf ihre jeweils unterschiedliche Art der Finanzialisierung des Fußballs, dem Fußballstadion als sozialem Raum und der Tradition im Fußball als sozialer Erzählung widmen. Passend zu diesem letzten Februarwochenende mit fußball-sommer-märchenhaft-anmutendem Wetter sollen hier in Kürze die Kernelemente der drei Essays vorgestellt werden, ein soziologisches Schmankerl für Fußballfans.

In seinem Essay „Spiel und Kapital: Versuch über die Finanzialisierung des Fußballs“ zeigt Florian Schmidt die Verknüpfung von Geld und sportlichen Erfolgen, mit der Frage, wie es dazu kam und wie sich diese Entwicklung beschreiben und begreifen lässt. Einleitend ist seine Beobachtung, dass „der Sieg im höchsten europäischen Wettbewerb ausnahmslos den zehn einkommensstärksten Vereinen zuteilwurde“, keine Überraschung für einigermaßen informierte Fußballfans, wird jedoch interessant, sobald Schmidt den Hinweis auf die Eigentumsstruktur ebendieser Vereine gibt. Denn gehören diese Vereine Mehrheitseignern. Einen Wandel dieser Eigentumsstruktur beschreibt er anhand der beiden Spitzenclubs aus Manchester, United und seinem in jüngerer Vergangenheit deutlich übertreffenden Stadtrivalen City. Er zeigt, wie der moderne Fußball Zeiten abgelöst hat, in denen „großzügige Mäzene die Fußballvereine ihres Herzens finanzierten“, und wie bspw. Abramowitsch bei Chelsea aus vielerlei Gründen mit Verlust aus dem Geschäft ging. Der Fußball ist ein ökonomisches System geworden, in dem Kapitalströme, Investoren und Profitorientierung sportliche Performance, aber vor allem die Vereinspolitik prägen. Die Vereine sind heute Kapitalgesellschaften, deren wirtschaftliche „Spielzüge“ den Erfolg auf dem Rasen oft mitbestimmen. Gleichzeitig werden Vereine und schlussendlich der Sport selbst nicht mehr nur anhand der inhärenten Eigenlogik als Gewinn bewertet, bspw. durch einen guten Tabellenplatz, Siege oder Pokalgewinne. Sie sind Teil einer vom Finanzmarkt durchdrungenen Logik, die den Fußball auch über eine Risiko- und Verlustbilanzierung begreift. Aus Fan-Sicht lässt diese Entwicklung auch die zunehmende Entfremdung zwischen Fans, Spielern und Vereinen klar werden und so vielleicht auch einen soziologisch fundierten Ansatzpunkt für systemische Kritik zu.

Und dennoch lässt uns dieser Sport nicht los, und es gibt wenig Schöneres, als durch die Ticketkontrolle zu gehen und (vor allem zum ersten Mal) ins Stadioninnere zu kommen und die ganze Atmosphäre einzusaugen. Max Weigelin nimmt uns da mit zum „Raunen, Singen, Jubeln: Sinnessoziologische Sondierungen im Fußballstadion“. Er gibt uns einen Anhaltspunkt, warum trotz der oben angesprochenen Entfremdung durch die systemische Veränderung des Sports das Stadion und die Fankurve für die Individuen (also Fans) weiterhin erfüllend sein können. So ein Fußballspiel in einem modernen Stadion ist kein rein rationales Ereignis (das ist uns allen bewusst), sondern vor allem ein körperlich-sozialer Raum, den Fans selbst schaffen. Durch das titelgebende kollektive Raunen, Singen und Jubeln sind die Menschen nicht einfach nur Zuschauende, sondern formieren sich als eine Gemeinschaft. In der Konsumforschung wird schon länger darauf hingewiesen, wie sich die Rolle der Zuschauenden in der Spätmoderne gewandelt hat, vom passiven Konsumenten hin zum aktiven Produzenten (Produzent und Konsument zugleich), der durch aktives Mitmachen das eigene Erleben erst erschafft. Im Fußballstadion hat die akustische Atmosphäre — mehr als das, was auf dem Rasen eigentlich passiert — die Funktion einer situativen Vergemeinschaftung: Die Fan-Chöre und Reaktionen auf das Spielgeschehen als „ekstatische Kommunikation“ vergemeinschaften sinnesoziologisch sogar über etwaige Antagonismen hinweg.

Der Trend der soziologischen Analyse über das Spielgeschehen hinaus ist einerseits der Disziplin an sich geschuldet, hat aber bei allen hier vorgestellten Beiträgen auch klar seine Berechtigung durch die Entwicklungen im Kontext der Spätmoderne. Die Analyse der Eigentümerstrukturen sowie die sinnessoziologischen Überlegungen zu Vergemeinschaftsfunktionen in modernen Fußballstadien wären so bis vor ein paar Jahrzehnten nicht möglich oder nicht so fruchtbar gewesen. Sie zeigen auch ein funktionell ausdifferenziertes „System Fußball“, welches sich nur durch das Zusammenwirken vieler einzelner Komponenten erhält, die drastisch über das „bloße Spiel“ hinausgehen. Ansgar Mohnskern richtet unser Augenmerk auf einen weiteren dieser Punkte, der sich auf eine gewisse Art mit beiden vorherigen Punkten (Kommerzialisierung, Prosumismus der Stadionkultur) verbinden lässt. In „Der Kult der Tradition: Fußball und die Geschichte der Gegenwart“ wird eine zurecht bemerkte neuartige Fankultur aus der Perspektive historischer Identität(en) untersucht. Mohnskern zeigt, Fußballfans artikulieren nicht einfach Nostalgie, sondern schaffen durch Choreografien und selbstbeschriebenen Erinnerungskulturen eine “mythische Vergangenheit”, die ihnen hilft, die Unsicherheiten und Ungleichheiten der Gegenwart zu bewältigen. Am Beispiel des “Traditionsvereins” 1. FC Kaiserslautern zeigt er, dass gerade da, wo ein Verein sportlich schwächer dasteht, die Geschichte wichtiger wird als die sportliche Realität.

Der Fußball ist mehr als seine Einzelteile, und um das “System Fußball” in seiner Gänze verstehen zu wollen, bedarf es einer Erweiterung des perspektivischen Horizonts. Die hier vorgestellten soziologischen Essays schaffen es mit ihren jeweiligen eigenen Ansätzen, etwas (Neues) über den Fußball zu erzählen und den Fußballfans etwas an die Hand zu geben, um den geliebten Sport und sich selbst besser zu verstehen.


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