Robin Gosens ist Linksverteidiger, recht erfolgreich. Die meiste Zeit seiner Profikarriere verbrachte er in Italien, stand kürzlich allerdings für einige Zeit bei Union Berlin unter Vertrag. Das brachte ihm nicht nur Sympathiepunkte bei vielen deutschen Fans, sondern auch eine Aufmerksamkeit, die ihm eine Nominierung für die Nationalmannschaft bescherte. Dort war er nicht ganz so erfolgreich, wie es viele erhofften, was aber auch mit der Position an sich zusammenhängen kann; niemand will und kann Linksverteidiger im DFB-Dress, zumindest nicht so, wie es andere von einem wollen. Eine grundsätzlich interessante Geschichte im Profi-Fußball – und natürlich nicht nur da, dort aber vielleicht exemplarisch – die Sache mit der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Gosens scheint da hinsichtlich ein klasse Typ zu sein; schafft er es nämlich, unterschiedliche Perspektivierungen mitzudenken als Profi-Fußballer (!), das war bis vor kurzem noch schwer vorstellbar. Er ist einer, der sich empathisch für mehr Empathie ausspricht und das auf mehreren Ebenen. Er möchte auf das Verbindende, das Menschliche hinweisen, das bei Fußballern in dieser Klasse oftmals vergessen wird. Er versucht, „ein offenes Ohr zu bieten“ für seine Mitspieler und deren Probleme abseits des Platzes. Klasse Typ eben.
Interessant ist dabei auch, dass Gosens etwas anspricht, was offensichtlich ist, aber eben leicht vergessen wird. Bei all der Routine, dem Geld, dem Ruhm sind Profi-Fußballer eben keine Roboter! Und werden oft dazu in unglaublich jungem Alter in eine Welt hineingeworfen, die ihnen wahnsinnig viel auflastet. Man denke nur an den teuersten Einkauf der Premier League, Florian Wirtz, der mit zarten 22 Jahren nach Liverpool wechselt und dort den ihm aufgebürdeten Erwartungen erst einmal zusehends nicht gerecht wurde. Er bekommt viel Schmerzensgeld dafür, keine Frage, sehr viel sogar. Und dennoch ist er ein Mensch (wobei wir das noch einmal nach dem TikTok überprüfen sollten, wo er gekochte Kartoffeln als „leckerste“ Zubereitung in einer Liste auf Platz 1 gesetzt hatte…). Und wir tun Menschen Böses an, wenn wir sie nicht als solche wahrnehmen und auch deren Verletzlichkeit und deren Würde in unser Denken und unsere Kritik miteinbeziehen. Ein Beispiel jüngerer Vergangenheit ist hier Antonín Kinský, ein junger Tscheche, der bei einem Champions-League-Spiel für Tottenham Hotspur sein Debüt feierte und mehr als unfeierlich nach 16 Minuten ausgewechselt wurde. Ihm sind in der ersten Viertelstunde seines Debüts einige unglaubliche Fehler unterlaufen, die so eine Auswechselung – auch im Hinblick der nachgeschobenen Erklärung des Trainers, den Torwart habe schützen zu wollen – auf diesem Niveau mehr als rechtfertigen. Was folgte, war: Häme. Der Beweis, dass die Aufklärung nie stets abgeschlossen, sondern kontinuierlich selbstreflektiert-zirkulär erfolgen muss (Schnädelbach), wenn sich junge Männer – es sind immer (junge) Männer – zumeist ohne Klarnamen am Leid anderer ergötzen zur eigenen infantilen Selbsterhöhung. Es gibt einen schönen Video-Beitrag eines YouTubers, der sich die Mühe macht, die Situation(en) zu analysieren und fair einzuordnen (und dabei leider von Trading 121 gesponsert wird, aber das ist eine ganz andere Baustelle). Damit ist er leider in der Minderheit.
Wir leben in einer Welt, in der es zunehmend als Zeichen von Schwäche interpretiert wird, wenn man (offen) Empathie und Mitgefühl zeigt. In der das reichste und mächtigste Verteidigungsministerium in ein Kriegsministerium umbenannt wird, um Stärke und Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Eine Dokumentation auf Netflix von Louis Theroux zur Manosphere, also einer losen, aber in der Denkweise verbundenen Gemeinschaft von Männern, die ein frauenfeindliches, Stärke vorgaukelndes Bild von Männlichkeit verkaufen möchte, zeigt recht eindrücklich den tristen Zeitgeist, mit dem wir es zu tun haben. Dieser steht zweifelsfrei in Verbindung mit der Häme, die online über bestimmte Menschen geschüttet wird, in jeder neuen Woche über einen neuen Menschen. Kollektive Erniedrigung Einzelner ist durchaus potent für diejenigen, die das Mobbing begehen und sich stärken an dem Schmerz derer, die das Mobbing erfahren.
Und das bringt mich zu einem letzten Punkt, einem umstrittenen Spieler und einem immer mehr bewunderten Ex-Spieler-jetzt-Trainer. Und zwar Vinicius Jr., Vincent Kompany und den einfach nicht vergehen wollenden Rassismus. Das ist nun wirklich kein Einzelmerkmal des Fußballs und es gibt davon ganz andere Ausprägungen, mit ganz anderen, sehr realen und sehr schmerzvollen Auswirkungen. Die Causa „Vini Jr.“ und vor allem ein brisanter Vorfall vor Kurzem (interessanterweise am gleichen Spieltag, an dem sich auch die Kinský-Geschichte abspielte), zu der dann der Trainer des FC Bayern prominent Stellung bezog, zeigen die Verirrungen kollektiven Fehlverhaltens recht eindrücklich. Ein kurzer, persönlicher Einschub vorweg: Vinicius Jr. ist ein grund-unsympathischer Mensch, der in jedem einzelnen öffentlichen Moment das in Relation schlechtestmögliche Bild gibt, das man von einem Profifußballer erhalten mag. Er reiht sich damit konsequent ein in eine lange Reihe von Angestellten der arroganten „Königlichen“, von Real Madrid. Gleichzeitig ist er einer der begnadetsten Menschen, die jemals gegen so ein rundes Leder getreten haben, und zurecht möchte man anfügen, dass der Brasilianer „Vini“ vermutlich noch nie getreten hat, dafür ist er viel zu filigran in seiner Technik. Man dürfte und müsste die Ambiguitätstoleranz besitzen, um die Gleichzeitigkeit der Unsympathie und des Talents einfach auszuhalten. Das ist aber anscheinend zu viel verlangt. Nicht nur wird Vinicius Jr. öfters kollektiv in Stadien von gegnerischen Anhängern rassistisch beleidigt (Imitation von Affengeräuschen), es hat im Februar auch einen Vorfall gegeben, bei dem ein Spieler des Gegners Benfica Lissabon, Gianluca Prestianni, ihn mit dem Wort „Affe“ beschimpft haben soll, nachdem Vinicius Jr. seinen Treffer recht provokant bejubelte. Ein Jubel, dessen Ausgestaltung niemals irgendeine Form von Rassismus rechtfertigen kann! Vor allem die Reaktion zweier Trainer stand anschließend im Mittelpunkt, an unterschiedlichen Enden der Sympathie-Skala. Während der Benfica-Trainer, José Mourinho, eben genau diese Art des Jubels mit in die Bewertung einbezog und damit Vinicius Jr. für den an ihm ausgelassenen Rassismus mit verantwortlich machte, hielt Vincent Kompany, Trainer einer unbeteiligten Mannschaft, eine der gehaltvollsten, reflektiertesten und umsichtigsten Reden, die in diesem Bereich zu diesem Thema gehalten wurden.
Dieser Rede soll im Sinne eines (umgedrehten) Ausspruchs von Voltaire angefügt werden: Rassisten verdienen kein Recht, frei einen Unsympathen wie Vinicius Jr. als solchen zu bezeichnen. Rassisten sind es, die konsequent aus den Stadien, der Öffentlichkeit und der Gesellschaft ausgegrenzt gehören. Und es braucht mehr Menschen wie Robin Gosens, auch an der Seitenlinie, die mitdenken, sich einfühlen und Empathie zeigen. Grätschen ja, aber um den Ball zu gewinnen, nicht um den Gegner zu verletzen.
