Wir befinden uns zwischen den Jahren, vor dem Fenster liegt zuverlässig einige Tage nach Weihnachten ein wenig Schnee und es wird – ebenfalls zuverlässig – viel zu verfrüht und von Minderjährigen munter geböllert. Da der Dezember grundsätzlich der stressigste und unangenehmste Monat des Jahres ist, zumindest in unserem Kulturkreis, setzt eine halbwegs adäquate Form der Besinnung bei mir erst einige Tage nach Christi Geburt ein (auch anstrengend, dieses eintagsfliegenartige Neugeborenwerden, nur um in vier Monaten wieder an einem Freitag an das…). Die verschiedenen Bratenformen sind halbwegs verdaut und man ist fast wieder munter, bis einem an Silvester ein Raclette den Rest geben wird. Wenige Sätze noch zu Weihnachten, mehr möchte ich von diesem Jahr nicht Revue passieren lassen: Ich wünsche mir nichts. Materiell habe ich alles und auch zu viel. Was ich nicht habe, brauche ich nicht. Immaterielles? Hier dann bitte die Kalendersprüche, und mir kommt doch noch ein Stück Tierfett von den Feiertagen hoch. Das Jahr hinterlässt einen demoralisiert und desillusioniert, sowohl die Politik als auch den Fußball betreffend. Keine Hoffnung und 60 steigt wieder nicht auf.
Ich besinne mich also lieber wieder einmal auf meinen Zynismus und blicke in Kürze auf das kommende Jahr, mit vorauseilender Empörung. Denn das nächste Jahr vereint zwei sehr große Feierlichkeiten, die, wie es der spottende Schöpfer so will, unangenehm zusammenfallen: Die Fußballweltmeisterschaft findet 2026 statt, und zwar rund um den Golf von Mexiko in den „Vereinigten“ Staaten von Amerika. Die Nation feiert zudem am 4. Juli das Vierteljahrtausend (The United States Semiquincentennial, wahlweise auch the Bisesquicentennial oder the Sestercentennial). Zumindest in der Ankündigung wird es sicher die größte Feier aller Zeiten werden, wobei man das dieses Mal durchaus glauben darf (Man arbeitet seit 2016 an der Feier mit eigens abgestellter Kommission). Man könnte/sollte/möchte dieses Zusammenfallen von großen Feiern eigentlich begrüßen und nach 20 Jahren ein erneutes „Zu Gast bei Freunden“ ausrufen, nur scheint das in letzter Zeit vor allem aus der nicht sportlichen Betrachtung schwierig geworden, in einer Welt voller „Unterwerfungspazifisten und Traumtänzern“.
Dabei hätte das wirklich der Anlass sein können für die großartigsten Ausflugspläne (liebevoll Aufwärtsfahrten genannt). Eine WM mit wieder einmal neuer Regelung, daher die Teilnahme von diesmal wirklich fast allen Nationen, was zu rund zigtausend Vorrundenspielen führt. Ein Traum! In einem Land, welches vor 250 Jahren mit der berühmt gewordenen Declaration of Independence ein ideengeschichtliches Vorbild für die liberal-demokratische Welt wurde. Eine Nation, die sich in ihrem Geburtsmoment auf einem Ideal stützt, welches buchstäblich revolutionär war und an welches die Dokumentarregisseur Ken Burns versucht auf monumentale Art zu erinnern. Was für eine fantastische und vielversprechende Kombination an Feiermaterial, wo ist mein Bourbon?!
Nur leider wird diese Stimmung getrübt von zwei Männern, die uns das Leben und die Feierei leidig machen. Der eine ist Opportunist Gianni Infantino, der andere Egozentriker Donald Trump; für beide bräuchte es stärkere Wörter, weil sie beide die ihnen angelastete Eigenheit ins Extrem gesteigert und in das Autokratische überführt haben. Die Kombination dieser beiden geschmacklosen Männer führt dazu, dass kommendes Jahr ein großes goldenes Kalb in den USA aufgestellt und eine Götzenanbetung betrieben wird, welche für niemanden eine Heilserfahrung bedeuten kann. Die ersten Anzeichen waren bei der Überreichung des neu eingeführten FIFA-Friedenspreises bereits zu sehen. Eine Selbstinszenierung und Selbstbereicherung (und äußerst fragwürdig für eine Organisation in solch unpolitischem Umfeld). Gerade Trump und seine Familie treiben das in den USA gerade auf die Spitze, da sie äußerst exklusive Klientelpolitik betreiben, vor allem für sich selbst. Wir alle müssen uns kommendes Jahr die Frage stellen: Wenn ein Opportunist wie Infantino einen Egozentriker wie Trump so großartig findet und wir immer noch mit der FIFA feiern wollen, was sagt das dann über uns aus?

Diese Frage möchte ich hier unbeantwortet stehen lassen, da ich davon ausgehe, dass wir sie in den kommenden Monaten zur Genüge diskutiert sehen werden. Vielleicht kommen wir ja dieses Jahr kollektiv zu einer Antwort, die mich dann wiederum in 12 Monaten einen optimistischeren Beitrag von der Seitenlinie schreiben lässt. Das war jetzt hier eine eher unbesinnliche Besinnung zwischen den Jahren, mit einem gewohnt pessimistischen Sinn auf das kommende Jahr und die bevorstehenden Feierlichkeiten. Um ausnahmsweise mal einen Bro-Podcaster zu zitieren – und versprochen, danach nie wieder – „the Declaration of Independence was a love letter to the future“ und sollte vielleicht gerade deshalb wieder gelesen werden; deren Inhalt auch als Antidot zu dem Zynismus in diesem Text hier.
