Wir befinden uns zwischen den Jahren, vor dem Fenster liegt zuverlässig einige Tage nach Weihnachten ein wenig Schnee und es wird – ebenfalls zuverlässig – viel zu verfrüht und von Minderjährigen munter geböllert. Da der Dezember grundsätzlich der stressigste und unangenehmste Monat des Jahres ist, zumindest in unserem Kulturkreis, setzt eine halbwegs adäquate Form der Besinnung bei mir erst einige Tage nach Christi Geburt ein (auch anstrengend, dieses eintagsfliegenartige Neugeborenwerden, nur um in vier Monaten wieder an einem Freitag an das…). Die verschiedenen Bratenformen sind halbwegs verdaut und man ist fast wieder munter, bis einem an Silvester ein Raclette den Rest geben wird. Wenige Sätze noch zu Weihnachten, mehr möchte ich von diesem Jahr nicht Revue passieren lassen: Ich wünsche mir nichts. Materiell habe ich alles und auch zu viel. Was ich nicht habe, brauche ich nicht. Immaterielles? Hier dann bitte die Kalendersprüche, und mir kommt doch noch ein Stück Tierfett von den Feiertagen hoch. Das Jahr hinterlässt einen demoralisiert und desillusioniert, sowohl die Politik als auch den Fußball betreffend. Keine Hoffnung und 60 steigt wieder nicht auf.
Ich besinne mich also lieber wieder einmal auf meinen Zynismus und blicke in Kürze auf das kommende Jahr, mit vorauseilender Empörung. Denn das nächste Jahr vereint zwei sehr große Feierlichkeiten, die, wie es der spottende Schöpfer so will, unangenehm zusammenfallen: Die Fußballweltmeisterschaft findet 2026 statt, und zwar rund um den Golf von Mexiko in den „Vereinigten“ Staaten von Amerika. Die Nation feiert zudem am 4. Juli das Vierteljahrtausend (The United States Semiquincentennial, wahlweise auch the Bisesquicentennial oder the Sestercentennial). Zumindest in der Ankündigung wird es sicher die größte Feier aller Zeiten werden, wobei man das dieses Mal durchaus glauben darf (Man arbeitet seit 2016 an der Feier mit eigens abgestellter Kommission). Man könnte/sollte/möchte dieses Zusammenfallen von großen Feiern eigentlich begrüßen und nach 20 Jahren ein erneutes „Zu Gast bei Freunden“ ausrufen, nur scheint das in letzter Zeit vor allem aus der nicht sportlichen Betrachtung schwierig geworden, in einer Welt voller „Unterwerfungspazifisten und Traumtänzern“.
Dabei hätte das wirklich der Anlass sein können für die großartigsten Ausflugspläne (liebevoll Aufwärtsfahrten genannt). Eine WM mit wieder einmal neuer Regelung, daher die Teilnahme von diesmal wirklich fast allen Nationen, was zu rund zigtausend Vorrundenspielen führt. Ein Traum! In einem Land, welches vor 250 Jahren mit der berühmt gewordenen Declaration of Independence ein ideengeschichtliches Vorbild für die liberal-demokratische Welt wurde. Eine Nation, die sich in ihrem Geburtsmoment auf einem Ideal stützt, welches buchstäblich revolutionär war und an welches die Dokumentarregisseur Ken Burns versucht auf monumentale Art zu erinnern. Was für eine fantastische und vielversprechende Kombination an Feiermaterial, wo ist mein Bourbon?!
Nur leider wird diese Stimmung getrübt von zwei Männern, die uns das Leben und die Feierei leidig machen. Der eine ist Opportunist Gianni Infantino, der andere Egozentriker Donald Trump; für beide bräuchte es stärkere Wörter, weil sie beide die ihnen angelastete Eigenheit ins Extrem gesteigert und in das Autokratische überführt haben. Die Kombination dieser beiden geschmacklosen Männer führt dazu, dass kommendes Jahr ein großes goldenes Kalb in den USA aufgestellt und eine Götzenanbetung betrieben wird, welche für niemanden eine Heilserfahrung bedeuten kann. Die ersten Anzeichen waren bei der Überreichung des neu eingeführten FIFA-Friedenspreises bereits zu sehen. Eine Selbstinszenierung und Selbstbereicherung (und äußerst fragwürdig für eine Organisation in solch unpolitischem Umfeld). Gerade Trump und seine Familie treiben das in den USA gerade auf die Spitze, da sie äußerst exklusive Klientelpolitik betreiben, vor allem für sich selbst. Wir alle müssen uns kommendes Jahr die Frage stellen: Wenn ein Opportunist wie Infantino einen Egozentriker wie Trump so großartig findet und wir immer noch mit der FIFA feiern wollen, was sagt das dann über uns aus?
Diese Frage möchte ich hier unbeantwortet stehen lassen, da ich davon ausgehe, dass wir sie in den kommenden Monaten zur Genüge diskutiert sehen werden. Vielleicht kommen wir ja dieses Jahr kollektiv zu einer Antwort, die mich dann wiederum in 12 Monaten einen optimistischeren Beitrag von der Seitenlinie schreiben lässt. Das war jetzt hier eine eher unbesinnliche Besinnung zwischen den Jahren, mit einem gewohnt pessimistischen Sinn auf das kommende Jahr und die bevorstehenden Feierlichkeiten. Um ausnahmsweise mal einen Bro-Podcaster zu zitieren – und versprochen, danach nie wieder – „the Declaration of Independence was a love letter to the future“ und sollte vielleicht gerade deshalb wieder gelesen werden; deren Inhalt auch als Antidot zu dem Zynismus in diesem Text hier.
Von meinen Freunden sind nicht alle Fußballfans, die meisten sind es sogar nicht. Am Fußball Interessierte gibt es mehr, auch wenn das viel bedeuten kann. Reisen unternimmt man dennoch zusammen. Der Fan, der Interessierte und der Desinteressierte zusammen. Wie kommt das? Und noch wichtiger: Was passiert da (zur Hölle)?
Wenn jemand einen Vorschlag macht, gibt es, ganz allgemein gesprochen, immer mehrere Varianten der Reaktion. Die klassischen Möglichkeiten bewegen sich zwischen Zustimmung und Ablehnung, zwischen Annahme und Verweigerung, zwischen Teilnahme und Absage. So ist es auch, wenn jemand einen ambitionierten wie möglicherweise waghalsigen Fußball-Wochenend-Plan einbringt, der natürlich eigentlich nur wunderschön ist. Man stellt den Vorschlag vor, wartet die Reaktionen ab, passt an, bespricht Details. Oder stellt ihn vor und sagt: „Das is‘ er, ja oder nein?“ Und so stehen am Ende dann eben Leute, die bereit sind, die Tortur mitzumachen. Man hätte, wie kurz erläutert, auch ablehnen, verweigern, absagen können.
Stadio Alberto Picco, Spezia vs. Bari
So kommt man also zu einer Planung, die hier in Anlehnung an die Realität auch kurz dargelegt werden möchte. Donnerstagabend mit dem Nachtzug los, morgens in Parma aus dem Zug hetzen (warum auch immer, man war dank Verspätung schon länger wach), dann weiter nach La Spezia. Dort am Abend die Partie gegen Bari, kein fußballerischer Leckerbissen, immerhin ist die Schlange am Bierstand aber überschaubar. Am Samstag in aller Frühe wieder los zum Bahnhof, in Reggio Emilia aussteigen und den Spaziergang zum Stadion antreten. Die anschließende Frechheit, die man, um im Jargon zu bleiben, wohl als Partie für Taktikliebhaber bezeichnen kann, über sich ergehen lassen. Wenigstens macht der Smalltalk auf der Tribüne Spaß, man hat Zeit, endlich diese unliebsamen Mails abzuarbeiten, die sich noch aufgestaut haben. Und schlussendlich am Sonntag noch das Topspiel Bologna gegen Neapel, das zwar einiges an Stars verspricht, es jedoch, natürlich, auch schafft sich bezüglich Spannung einzureihen in das bisher Gesehene. Und dann wieder mit dem Nachtzug in die Heimat.
Und damit sind wir wieder beim eigentlichen Zweck des Ganzen, denn Fußball, das ist nur die schönste Nebensache der Welt (welcher Idiot behauptet denn sowas?), also nicht der Hauptgrund für einen derartigen Ausflug. Es geht darum, gemeinsam Zeit zu verbringen. Das klingt banal, war es auch in einer Zeit, als man sich selbst noch als jung bezeichnen konnte. Doch wenn einen die zunehmenden Verpflichtungen des Erwachsenwerdens, welches es im Übrigen, das nur als Einwurf, möglichst lange aufzuhalten gilt, einholen, wird Zeit eben das vielzitierte hohe Gut, auf das es zu achten gilt. Langsam gesellt sich dazu noch die Gesundheit, doch bei dem zugegebenermaßen leicht ausufernden Alkoholkonsum gerade dieser Reisetage kann niemand ernsthaft beteuern, dass nicht die Zeit aktuell an erster Stelle steht.
MAPEI Stadium, Reggiana vs. Virtus Entella
Der Fußball dient dabei vielleicht allen, vielleicht nur einigen als Deckmantel für die gemeinsame Unternehmung, die gemeinsame Zeit. Was allerdings nicht abwertend für den Sport ist, sondern das Gegenteil, es ist eine weitere Facette dieses wunderbaren runden Dings. Denn das verbindende Element, dass der Fußball zweifelsohne innehat, sei es innerhalb einer Mannschaft, zwischen Fans, zwischen Freunden, zwischen Familienmitgliedern, das lässt sich auch erweitern auf Personen, die dem klassischen „schauen“, sei es auf dem Bildschirm oder im Stadion, rein privat oder alleine gar nicht zugeneigt wären. Denn es entwickelt sich aus dem Fußball heraus ein Zauber, der gemeinsame Zeit stiftet, die man ansonsten vielleicht nicht hätte. Das mag diverse Gründe haben, manche plausibler als andere, doch darum geht es hier nicht. Es geht alleine um die Wirkung, und die ist unbestreitbar eine vereinigende, eine sinnstiftende, eine verbindende. Dementsprechend braucht es, das könnte man auch gesamtgesellschaftlich und nicht biographisch verstehen, Momente des gemeinsamen Glücks mit dem Ball, weitere, mehr, viele davon.
Stadio Renato dall’Ara, Bologna vs. Neapel
Am Ende steigt man nämlich aus dem Zug, der als Transportmittel übrigens eine wichtige, eigene Rolle spielt in dieser Geschichte. Die Art des Reisens wird nämlich auf den Schienen vollendet, klar, es muss auch funktionieren, aber das ist nun wirklich ein anderes Thema. Die Dynamik, die sich in einem Zug entwickelt, ist eine eigene, er ermöglicht gemütliche Runden, Bewegung, Ruhe, Getränke- und Essensaufnahme, rundum alles, was es bei einem Zusammensein braucht. Andere Verkehrsmittel sind da deutlich exkludierender und damit beschränkter, ungeachtet der jeweils eigenen Vorteil, die es möglicherweise gibt. Der Zug ist der Nils Petersen unter den Einwechselspielern, gerade im Hinblick auf den beschriebenen Zweck der Reise. Eine Liebeserklärung an den Fußball, an die gemeinsame Zeit ist damit auch immer, sagen wir zumindest meistens, mit dem Schienenverkehr verknüpft. Ganz nach dem Sprichwort ist der Weg das Ziel, der Weg zum nächsten Stadion, zum nächsten Spiel, zum nächsten Bier. Gemeinsame Zeit eben.
Wenn man den Zug dann am Ende des Abenteuers verlässt, abgekämpft, glücklich, traurig, froh, dann weiß man, dass die gemeinsame Zeit eine gute war. Missetat begangen.
Er ist es und er bleibt es. Kontinuität gilt gemeinhin als etwas Positives, aber der Begriff lässt sich leider auch auf negative Phänomene anwenden. Ein solches ist die FIFA, ist vor allem ihr Oberhaupt, Anführer, Chef, Präsident, Stammesführer, Herrscher, Diktator, wie man ihn auch nennen will, Gianni Infantino. Ein kontinuierliches Ärgernis. In Kigali, Ruanda, wurde der Schweizer am 16. März für eine weitere Amtszeit bestätigt, diese geht vier Jahre. Nachdem die erste Amtszeit von 2016 bis 2019, als er von Sepp Blatter, der über die Justiz gestolpert war, übernahm, handstreichartig als „keine echte Amtszeit“ eingestuft wurde, darf Infantino uns im Optimalfall noch bis 2031 behelligen, so wollen es die Statuten des Weltverbandes. Man ist geneigt, ihm eine ähnliche Stolperfalle wie seinem Vorgänger zu wünschen, allerdings scheint der Präsident den Mantel von Ignotus Peverell zu haben, so sehr perlt jeglicher Justiz-Ärger (noch) an ihm ab. Aber zurück zur Wahl.
Vor lauter Rührung über die überraschende Bestätigung seiner nächsten Amtszeit schaffte es Infantino nicht aus dem Stuhl, da er laut eigener Aussage sonst umfallen könnte. Letztlich brachte er es zum Glück für alle Beteiligten aber auch ohne Umfallen fertig und sprach vom Berg der Seligpreisungen herunter: „Alle, die mich lieben, ich weiß, das sind viele, und alle die mich hassen, ich weiß, es gibt da ein paar – ich liebe euch alle.“ Was für starke Worte. Ich fühle mich jetzt auf jeden Fall geliebt, welcher Part der Aussage dabei zutreffend ist, wird vorsichtshalber mal offen gelassen, nur so viel: Ich schäme mich nicht, in der Unterzahl zu sein. FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura gab zurück: „Wir lieben Sie, Mr. President.“ Eine solche Veranstaltung bekommt man sonst nur am Broadway zu sehen, für die diesjährigen Oscars kommt sie knapp zu spät. Wenn man sich dann die Tränen aus den Augen gewischt hat, kann man nochmal einen Blick auf die Wahl werfen. Da es keinen Gegenkandidierenden gab, durfte per Akklamation abgestimmt werden. Lautes Klatschen hieß demnach, man wolle Infantino weiter an der Spitze des Weltverbandes sehen. Was dann auch die meisten Vertreter der über 200 Nationalverbände taten. So schnell geht das, Xi.
Bei diesem ganzen Prozedere spielt aber auch der DFB, so viel deutsche Brille darf sein, eine Rolle. Der hatte nämlich ritterartig angekündigt, nicht für den Schweizer stimmen bzw. klatschen zu wollen. Da dies nur eine handvoll andere Verbände ebenfalls taten, muss sich das im Saal angefühlt haben wie kurz nach der Landung eines Flugzeugs, wenn alle dem Piloten gratulieren und man selbst sich denkt: Das ist doch sein Job, oder? Aber zurück zur FIFA-Wahl: Was hätte der Deutsche Fußball Bund besser bzw. anders machen können, um dem Klatschdesaster zu entgehen? Zum einen hätte er, durchaus öffentlichkeitswirksam, einfach einen eigenen Kandidierenden präsentieren können. Es bedarf da keiner Hürden oder Ähnlichem, der DFB hätte einfach sagen können, dass er Piotr Trochowski eben für die richtige Wahl hält. Natürlich wäre der der ehemalige Wunderschütze nicht zum Präsidenten gewählt worden, aber diese Benennung hätte etwas erreicht, was ohne Gegenkandidierendem nicht möglich ist. Er hätte dafür gesorgt, dass die Abstimmung geheim stattfinden muss. Und, viel wichtiger, hätte er weithin gezeigt, dass es eine Opposition zu Infantino gibt, dass sein Gebaren nicht einfach hingenommen wird. Chance eins verschenkt. Zum anderen hätte der DFB beim Kongress in Kigali durch seinen Vertreter sehr simpel die Hand heben können, um eine geheime Abstimmung zu beantragen. Auch hier gibt es kein weitverzweigtes Prozedere, sobald ein Verband geheime Abstimmung beantragt, ist es so. Durch die Anonymität geschützt hätten womöglich wesentlich mehr Verbände ihr Unverständnis für Infantino ausgedrückt. Chance zwei verschenkt. Diese zwei verschenkten Chancen zeigen aber vor allem eins, und dies hat wenig mit dem FIFA-Präsidenten zu tun: Der DFB, aber auch die Gesamtheit der europäischen Verbände, haben wesentlich an Einfluss verloren. Sie haben als wenige unter mehr als 200 Nationalverbänden nichts mehr zu sagen. Das kann natürlich, vor allem historisch gesehen, etwas Positives sein. Wenn am Ende dadurch aber ein FIFA-Präsident Infantino herauskommt, muss es etwas Schlechtes bedeuten. Der Fisch stinkt eben vom Kopf. Zu lange haben die vermeintlich Einflussreichen alle verprellt, bis ein infantiler FIFA-Imperator erkannt hat, dass er auf ihre Stimme nicht mehr angewiesen ist. So verbleibt der Fußball als Spielball der Weltpolitik, ohne seiner sinnstiftenden Wirkung nachgehen zu können. Auch weil sich ein DFB nicht aus der Ecke traut. Kontinuierlicher Mist, eben, was an der Spitze des Weltfußballs passiert. Raus mit Applaus.
Liebe Freunde des gepflegten Rasensports, wir versorgen euch nach einem Monat Abstinenz wieder mit was Kleinem zum Lesen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten zu erklären, warum ein ganzer Monat ausgelassen wurde, gerade im Frühjahr, wo es doch traditionell heißt, man würde aus dem langen Winterschlaf erwachen, mit Elan und der Sonne im Nacken. Von der Seitenlinie aus ist uns aber natürlich allen klar, dass der Frühjahr die Monate der Entscheidungen sind. Entscheidungen in nationalen Pokalen (möchten an dieser Stelle explizit dem Rasenballsport zu gar nichts gratulieren), internationalen Pokalen (am Samstagabend wird Pep es endlich wieder nach langer Zeit geschafft haben) und natürlich in den nationalen Ligenwettbewerben. Da die Editoren der Seitenlinie in den Farben rot/weiß und gelb/schwarz denken und fühlen, wollen wir uns vor allem auf das Verbindende hellblau konzentrieren, das die Herzen der Fußballfans höher schlagen ließ in den vergangenen Wochen und Monaten: Der SSC aus Napoli ist endlich wieder Meister der Serie A! Und das ist Grund zur Freude. Schon im Vorfeld wurde viel über die Relevanz der Erfolge des Clubs aus dem Süden Italiens geschrieben. Und wir können uns nur der Analyse anschließen, dass es nicht nur ein nostalgischer Triumph ist für Fußballfans im Generellen, sondern eben auch ein Sieg für den gesamtem italienischen Süden.
Mit Blick auf die Sommerpause blicken wir auch schon (weit) voraus, nämlich auf die Sommerpause 2026, da wird die nächste Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und natürlich der USA stattfinden. Und vorausgesetzt die Vereinigten Staaten tragen bis dahin noch diesen Titel könnte es gut möglich sein, dass es dann einen Reisebericht der Seitenlinie vor Ort geben wird. Es ist zu hoffen, dass der um sich greifenden Wettsucht bis dahin Einhalt geboten werden konnte. In manchen Staaten (bspw. Virginia) hat sich die verwette Geldmenge zwischen 2021 und 2022 um 50% erhöht. Mit dem kommodifizierten Sport lässt sich auf viele Arten Geld machen, hoffentlich leidet die Sportwelt und schlussendlich die Fans nicht darunter. Diese haben schon zur Genüge schwer zu schaffen bei den verschiedenen organisatorischen Auflagen der Verbände, wie nachfolgendes Beispiel illustriert.
Als einziges deutsches Team hat sich Bayer Leverkusen im internationalen Wettbewerb ins Halbfinale gespielt und trifft dort auf die AS Rom. Ausgetragen wird dieses Halbfinale am 11. und 18. Mai, das Finale in Budapest ist dann am 31. Mai. Wer als Anhänger der Werkself auf das Endspiel hofft und sich nach einem eventuell gewonnenen Halbfinale um Tickets bemühen möchte, schaut jedoch in die Röhre. Diese wurden nämlich bereits vergeben. In einer Ticketlotterie haben sich alle interessierten Fans, die Finalkarten haben möchten, bis 28. April eintragen müssen, immerhin eine Woche dauerte die Verkaufsphase. Großzügigerweise hat die UEFA den Fans dabei die Option eingeräumt, die Tickets nur abnehmen zu müssen, wenn das eigene Team auch wirklich in Budapest antreten darf. Wunderbar. Wobei man als Leverkusener vielleicht sagen müsste: So ein internationales Finales lasse ich mir auch ohne eigene Beteiligung nicht entgehen. So ist zum Beispiel auch folgende Konstellation möglich: Im Finale trifft Sevilla auf die Roma, und man selbst sitzt mit seinem Bayer-Schal aber neben einem Juventus-Anhänger. Die UEFA lebt Völkerverständigung. Aus diesem Grund ist es ihr auch wichtig, von 63.000 Karten in Budapest 16.200 selbst zu vergeben, während die Vereine jeweils 15.000 Tickets erhalten. In der Champions League, bei der das ganze Verfahren übrigens gleich abläuft, sind es sogar 24.800 Tickets von 72.000 Plätzen, immerhin werden die Vereine hier noch mit 20.000 Karten bedacht. Dennoch weiß man schon jetzt: Im Finale der Königsklasse in Istanbul wird ein Drittel der Zuschauer aus Sponsoren bestehen, die Tickets von ebenjener UEFA erhalten haben, als freundschaftliche Zuwendung und Dank für das tolle Engagement. Ob das wirklich gerecht ist?
Fragen wie diese werden nicht nur am Wochenende zwischen Bundesliga und Kreisklasse, in den Stadien und an Bolzplätzen diskutiert, sondern sind auch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Mit dem Titel Sports and Politics. Commodification, Capitalist Exploitation, and Political Agency hat der Professor für Golbal History an der Norwegischen Universität Nord, Frank Jacob, einen Sammelband herausgegeben, der sich aus unterschiedlichen Perspektiven den im Titel aufgeworfenen Zusammenhängen und Spannungsverhältnissen widmet. In drei übergeordneten Kapitellen werden kritisch die Einflüsse von Korruption, Rassismus, sexuellem Missbrauch und Homophobia untersucht und die einzelnen Autor:innen kommen zu dem Ergebnis, welches uns allen gewahr ist: Der Sport ist und war niemals unpolitisch, sondern vielmehr eingebettet in eine komplexe politisierte Welt. Ist diese schlecht, macht sie auch den Sport kaputt.
Die Politik greift ein – Das Ende der Mär vom unpolitischen Sport?
Immer, und wirklich immer wieder, sprechen Funktionäre und Spieler vom unpolitischen Sport, insbesondere vom unpolitischen Fußball. Auch außerhalb der Sphäre des Sports wird diese Parole oft unreflektiert wiederholt, wodurch sie sich im Diskurs festgesetzt hat und mantraartig an diesem hängt wie Kaugummi unter Schuhsolen, übrigens ähnlich unangenehm. „The neoliberal mantra international sports governing bodies such as the Fédération Internationale de Football Association (FIFA) and the International Olympic Committee (IOC) follow is that sports and politics do not mix. The rationale of this mantra bases itself on pure capitalism: It is easier to sell sports around the world” (Reiche 2018: S. 284), erklärt Danyel Reiche ein zentrales Motiv dahinter. Gerade zivile Akteure stellen dieser Behauptung der handelnden Akteure zwar Forderungen nach einem politischen Sport entgegen, warum jedoch sollte der Fußball, abgekapselt von der Zivilgesellschaft in diverser Hinsicht, diese integrieren, ja überhaupt zur Kenntnis nehmen? Beispiele dafür gibt es genug, oder hört aktuell noch jemand etwas über Gastarbeiter in Katar? Timm Beichelt schreibt dazu: „Die Faszination des Spiels hat Sponsoren und wirtschaftliche Ressourcen zum Fußball geholt und dadurch ist das Phänomen immer größer geworden, sodass manche heute von einer Hegemonialsportart sprechen. Der Fußball bekommt also wahnsinnig viel Aufmerksamkeit. Dadurch erlangen die Personen, die im und rund um den Fußball tätig sind, eine große gesellschaftliche und ganz bestimmt auch politische Macht“ (Beichelt 2018). Diese Macht wird genutzt, um den Diskurs zu beeinflussen und das Mantra des unpolitischen Sports fortzuführen. Die handelnden Akteure sollten da lieber mal an Stephen Mumford denken: „Deciding what is or isn’t political is itself a political act“ (Mumford 2021: S. 106). Sind wir aber ehrlich: Wer denkt schon oft an Mumford, nicht böse gemeint? Der Fußball kann im Diskurs aus seiner Machtposition heraus also dafür sorgen, dass sein Narrativ das dominante ist und bleibt. Und so ist es natürlich auch immer schwieriger und schwieriger geworden, den Sport hier in Haftung zu nehmen.
Tatsächlich gibt es nun aber einen Hoffnungsschimmer auf dem Weg zu einem Sport, der, wenn schon, nach eigenen Worten, nicht politisch agiert, so immerhin politisiert wird. Politisch benutzt wird er dabei schon lange von Akteuren wie China, Russland und Katar, aber auch von Deutschland, den USA, machen wir uns nichts vor, eigentlich von jedem. Sportswashing ist inzwischen ein anerkannter Begriff, wenngleich er im Diskurs des Fußballs als Geschäft wenig bis keine Rolle spielt, zumindest bei den Entscheidungsträgern. Auch deshalb kann sich das Narrativ des unpolitischen Sports halten. Aber nun wird die politische Ebene zum ersten Mal effektiv und öffentlichkeitswirksam in den Sport hineingetragen. Was bleibt auch anderes übrig, wenn die FIFA ihre Verantwortung für eine WM in zumindest moralisch fragwürdigen Ländern getrost abschieben kann und damit auch noch unbeschadet davonkommt? Noch darf der Weltverband unbeirrt agieren, so groß ist der Wurf nun auch nicht, doch die englische Regierung legt nun immerhin Hand an die entfesselte Premier League. Eine neue Aufsichtsbehörde soll Investoren und Eigentümer der Klubs genauer unter die Lupe nehmen und zudem ein neues Lizenzierungsverfahren entwickeln. Wichtig dabei: Die Behörde soll weisungsbefugt und sanktionsfähig sein, also nicht nur eine erneute Nebelkerze im Pyrodschungel. Kernaufgaben laut dem Ministerium für Kultur, Medien und Sport (übrigens eine nette Zusammensetzung für ein Ministerium): eine Prüfung der Integrität der Eigentümer sowie deren Geschäftsplans. Etwaige Änderungen an der Grundidee des Vereins wie Wappen, Trikotfarbe oder Spielort bedürfen ebenso der Zustimmung des Gremiums wie die Teilnahme an neuen Wettbewerben. Es ist also wesentlich unwahrscheinlicher geworden, dass wir Newcastle United demnächst mit saudischer Flagge in der Super League an der englischen Südküste spielen sehen. Außer sie verzichten dafür eben auf die doch so lukrative Premier League, ein Ausschluss wäre dann nämlich möglich. Das Ganze soll natürlich nicht rückwirkend passieren, denn das gäbe ein riesiges Schlamassel, Ryan Reynolds und Rob McElhenney müssen sich also keine Sorgen machen. Die aktuellen Bestimmer in den Premier-League-Klubs reagierten verschnupft auf diese Ankündigung, also ein gutes Zeichen, dass tatsächlich etwas Gutes passiert. Wie genau sich das Gremium letztlich Geltung verschafft, ist natürlich abzuwarten. Dennoch zeigt der Schritt, dass ein Eingriff und wichtiger eine Regulierung des Fußballgeschäfts möglich ist. Die deutsche Politik und die DFL könnten sich daran ein Beispiel nehmen, die neue englische Aufsichtsbehörde regelt übrigens auch die zukünftige Verteilung der Fernsehgelder. Gibt es da nicht auch hierzulande immer wieder Verteilungsdiskussionen zwischen Groß und Klein? Das Mantra des Sports wird natürlich dennoch bestehen bleiben, es ist ein mühsamer und langsamer Prozess, dieses aus dem Diskurs zu verdrängen. Ausgerechnet, so muss man fast sagen, das Mutterland des Fußballs geht nun diesen ersten Schritt. Angestoßen wurden das Ganze übrigens noch vom damaligen Premierminister Boris Johnson. Sachen gibt’s, die gibt’s garnicht.
– Mumford, Stephen (2021): A philosopher looks at sport. Cambridge: Cambridge University Press.
– Reiche, Danyel (2018): Issues around the FIFA World Cup 2018 in Russia: A showcase of how sports and politics mix. In: Sport und Gesellschaft 15 (2), S. 283 – 296.
Um den Palio, und damit die Stadt Siena, zu verstehen, gibt es lediglich zwei Möglichkeiten. Die eine ist den meisten Menschen nicht vergönnt, nämlich in der Stadt geboren und aufgewachsen zu sein. Die andere besteht darin, sich dem Palio und den Sieneserinnen und Sienesern in vollkommener Offenheit, Unvoreingenommenheit und vor allem auch im Bewusstsein der Unvollständigkeit langsam zu nähern, als wolle man ein scheues Eichhörnchen füttern. Denn immer, wenn man denkt, jetzt alles verstanden zu haben, alles gesehen zu haben und damit praktisch Teil der Stadt zu sein, verstellt man sich den Blick für die kleinen und großen Entdeckungen rund um den Palio, die in den verwinkelten Gassen der Stadt warten.
Dadurch ist auch eine Absage an Forderungen nach einer kurzen oder schnellen Erklärung des Phänomens erteilt. Selbstverständlich, die formalen und auch informellen Regeln des Rennens lassen sich zusammenfassen und durchaus auch schnell verstehen. Der Palio an sich ist jedoch nicht nur ein (enorm kurzes) Pferderennen. Im Palio kulminieren die Hoffnungen und Sehnsüchte, die Ängste und Sorgen der Sieneserinnen und Sieneser. Er ist damit weit über das reine Rennen hinaus Spiegel der Gesellschaft Sienas, wenn nicht sogar die Gesellschaft selbst, so definierenden Charakter besitzt er. Um diesen Charakter fassen zu können muss man sich einlassen auf das, was auf einen zukommt. Man muss Widersprüche akzeptieren, Unwissenheit dulden und das Unlogische für logisch, zumindest aber möglich, erachten können. Dann kann es gelingen, wirklich in die tiefreligiöse Stadt Siena einzutauchen und sie kennenzulernen, wie sie ist: unlogisch schön.
Zu Beginn, bevor man versuchen kann, in die Stadt einzutauchen, ist es sicherlich sinnvoll, den Palio einmal nüchtern zu betrachten, da dies, sobald man die Schwelle zur Gefühlswelt Sienas überschritten hat, schwerlich möglich ist. Als Palio wird ein zwei Mal im Jahr stattfindendes Pferderennen (zu besonderen Anlässen gibt es außerplanmäßige zusätzliche Rennen) auf dem zentralen Platz der Stadt, der Piazza del Campo, sowie der dazugehörige Preis für den Sieger bezeichnet, es handelt sich bei dem Wort „Palio“ demnach um eine Äquivokation, ein Wort mit unterschiedlichen Bedeutungen. Bei diesem Rennen treten die einzelnen Stadtteile, Contraden, gegeneinander an. Gewinner ist diejenige Contrade, deren Pferd als erstes die Piazza del Campo dreimal umrundet hat, was ungefähr 90 Sekunden in Anspruch nimmt. Jedes Rennpferd, barbero, wird von einem Jockey, fantino, geritten, allerdings ohne Sattel. Eine Besonderheit des Palio ist es, dass Pferde auch ohne fantino gewinnen können, sollten sie diesen unterwegs verloren haben.
An diese kurze Einleitung lassen sich nun viele kleine Teilstücke anfügen, um das Gesamtkunstwerk des Palios am Ende in seinem ganzen Glanz erstrahlen lassen zu können. So werden nun in unterschiedlichen Kapiteln kleinere und größere Erklärungen, Erläuterungen und Schilderungen eingefügt und eingeordnet, in der Hoffnung, dass am Ende ein Einblick entsteht, was der Palio ist.
Der Jahreswechsel stellt immer auch die Möglichkeit dar, zurückzublicken, was man so erlebt, was man so getrieben, was man so verbockt hat, Nostalgie eben. Und so will ich auch hier einen Blick zurückwerfen, nicht auf das Fußballjahr im Ganzen, das ist unmöglich, sondern auf die Spiele, die man selbst besucht hat (denn das sind ja eigentlich auch die, die zählen). Dabei sticht im Jahr 2022 natürlich vor allem ein waghalsiger Aufenthalt in London heraus. Aus diesem Grund will ich, während im Hintergrund „Dinner for One“ läuft, klar, diese Reise mit seinen Erlebnissen nochmal passieren lassen. Auf dass nächstes Jahr wieder etwas Derartiges passiere.
Für mich beginnt die Reise bereits Wochen vor der Abreise. Ich bin ein Planer, zumindest was den Fußball, oder eigentlich eher den Sport, angeht. Stadionbesuche wollen sorgfältig zusammengestellt, Vorverkaufstermine gecheckt, Sitzplätze ausgesucht werden. So entsteht, unter gütlicher Mithilfe der Terminierungen der englischen Fußballligen, so viel Platz muss sein, ein Plan, den ich gelungen finde. Kurz die Schilderung der Fakten: Wir reisen Freitag, leider mit dem Flugzeug, an, Samstag dann Luton Town gegen Blackpool, Sonntag Brighton & Hove Albion gegen Southampton. Montag folgt Crystal Palace gegen Leeds, Dienstag Fulham gegen Nottingham, Enfield Town gegen Hornchurch findet am Mittwoch statt. Den Abschluss am Freitag und Samstag machen die Queens Park Rangers gegen Sheffield United und schließlich Watford gegen Burnley. Wer sich übermäßig viel gepflegten Fußball vorgestellt hat, muss schon beim Programm skeptisch werden. Aber genau so soll es sein, wie man so schön sagt, Englisch eben. Wir fahren ja nicht umsonst ins selbsternannte Mutterland des Fußballs.
Dann beginnt es also. Mit den einzelnen Spielverläufen und Ergebnissen werde ich mich nicht lange aufhalten, diese waren mal mehr, mal weniger spannend, nur so viel sei bemerkt: Einen Heimsieg haben wir nicht erlebt, typisch Glücksbringer. Was uns (oder sollte ich mich sagen?) viel mehr interessiert, ist ohnehin das Drumherum, das Gefühl auf dem Weg zum Stadion, die Stimmung, die Menschen, die strukturellen Bedingungen, kurz: die Soziologie des Spiels um das Spiel.
Diese Analyse muss deshalb natürlich vorne und bei dem Weg zum Stadion anfangen. Wir als Immobilienhaie wissen, auch hier zählt: Lage, Lage, Lage. Und gelegen sind viele Stadien mitten in Wohnvierteln und -blocks. Das macht zum einen den Fußweg von der nächstgelegenen Station sehr angenehm, weil man durch klassische (neu-)englische Architektur oder Parks schlendert, und zum anderen bekommt man dadurch das Gefühl, das Stadion wäre so etwas wie das Zuhause von jemandem. Aus dem Nichts streben die zum Teil uralten Stadien in die Höhe, als hätte jemand sein zu großes Grundstück in diesem Viertel mit einer ausgiebigen Behausung bebaut, nichts weiter. Man ist eingeladen, dort zu Gast zu sein, und kann das Stadion gleichzeitig als sein eigenes Zuhause wahrnehmen. Ganz anders ist das Gefühl bei Neubauten aller Art, meist außerhalb der Stadt gelegen, die nicht nur lästig zu erreichen sind, sondern auch eine distanzierte Kühle ausstrahlen. Mir ist klar, dass man, wenn man ein Stadion neu bauen muss oder will, kein geeignetes Grundstück im modernen Stadtzentrum findet. Umso wichtiger erscheint es, die vorhandenen Stadien, die sich durch diese Lage auszeichnen, zu erhalten, auch auf Kosten der einen oder anderen Annehmlichkeit, die aus Platznot eben nicht geschaffen werden kann. Denn das Gefühl, das einen auf dem Weg zum Stadion in England begleitet, ist in dieser Weise einzigartig.
Im Stadion angekommen fällt natürlich die unmittelbare Nähe der Tribünen zum Rasen sowie das fehlende Fangnetz hinter den Toren auf, was über englische Arenen hinlänglich bekannt ist. Dennoch ist es in live nochmal beeindruckender, wie nah das Spielfeld tatsächlich ist. Dadurch entsteht der Eindruck eines sehr engen, gedrungenen Zimmers, das durch die Tribünen als Wände umrandet wird. Auch der Kontakt zu den Spielern, die zum Beispiel eine Ecke treten, wird so enger, man kann sie in vorderster Reihe beinahe berühren (nicht, dass man das wollte). In dieser Enge liegt auch die Kraft der englischen Stadien begraben, über die man zu Recht sagt, dass sich die Stimmung von den Rängen auf den Rasen überträgt. Die Unmittelbarkeit und Nähe sorgen dafür, dass die Spieler Stimmungsumschwünge und Anfeuerungen sofort und lautstark mitbekommen und so auch logischerweise, implizit, darauf reagieren sowie damit interagieren. Das ist bei Stadien mit weiter nach hinten gerückten Tribünen schwieriger, bei Stadien mit Laufbahn fast unmöglich.
Wie die aufmerksame Leserin bemerkt hat, bin ich großer Fan der Lage und Art der englischen Stadien und der damit einhergehenden Wirkungen. Damit sich dem Leser auch eine andere Seite darstellt, komme ich natürlich auch auf aus meiner Sicht negative Aspekte des englischen Stadionvergnügens zu sprechen. Da ist zuerst das Bierverbot auf den Rängen. Alkohol ist nur vor den Kiosken gestattet, mit in den Innenraum darf er nicht genommen werden. Frevel. Nun ja. Schwerwiegender ist da schon, dass es in England (aufgrund wichtiger und richtiger Gründe) keine Stehplätze gibt. Inzwischen gibt es zwar (aus wichtigen und richtigen Gründen) die Erlaubnis für einige Vereine, im Rahmen von Pilotprojekten wieder Stehplätze einzuführen, bis dies flächendeckend der Fall ist, wird es aber noch dauern. Dadurch geht ein zentrales Element der Fanszene verloren, das ich an deutschen Stadien so schätze: Die situationsunabhängige Unterstützung. Die Stimmung in englischen Stadien ist sehr davon abhängig, wie die Mannschaft auf dem Platz performt (in unserem Fall meistens schlecht). Eine organisierte Fanszene in den Stadien, die für dauerhafte Anfeuerung sorgen würde, gibt es nicht. Ein positiver Aspekt dabei ist jedoch, dass das Publikum durchmischter ist, es gibt nicht die Trennung in Fankurve und Gegengerade wie in Deutschland, jeder sitzt überall. Dennoch, Stehplätze sind ein großer Gewinn für die Stimmung und für den Fußball beziehungsweise das Fußballerlebnis als Fan.
Zuletzt darf dann noch die Kommerzialisierung in der Auflistung nicht fehlen (die selbstverständlich auch in Deutschland voranschreitet). Mit Konsumkritik sollte man immer vorsichtig sein, wenn man selbst öfter als einem lieb ist als Konsument in Erscheinung tritt (oder sollte man sich gerade dann daran versuchen?). Weshalb Konsumkritik in diesem Fall durchaus auch (oder immer?) als Selbstkritik verstanden werden darf, als Autokonsumkritik sozusagen. Jedenfalls ist der Konsum in englischen Fußballstadien von vorne bis hinten durchchoreographiert und damit natürlich im Endeffekt auch die Kommerzialisierung des Sports. Das beginnt bei Vereinen, die in ihren Fanshops für wirklich jeden Mist Geld nehmen (und den ich gerne kaufe). Es geht weiter bei Fanzonen vor dem Stadion, in die man mit sagenhaften Angeboten hineingelockt wird, um dort dann größtenteils männlichen Zuschauern dabei zuzusehen, wie diese die vereinseigenen Cheerleaderinnen beobachten (die Problematik dahinter soll an einer anderen Baustelle aufgegriffen werden). Und es endet (nicht) bei Ticketpreisen, die jenseits aller Vorstellungskraft liegen. Man unternimmt bei einer Reise nach England also nicht nur einen Ausflug zu tollen Stadien, netten Menschen und womöglich gutem Fußball, sondern erhascht eben auch einen Blick darauf, wie die fortschreitende Kommerzialisierung des Sports aussehen kann. Und zu der man selbst mit dem Konsum dessen natürlich beiträgt. Dabei machen sich Vereine ein abstraktes Bedürfnis des Fans zunutze: „Damit lassen sich zwei für alle Fanbereiche anwendbare Strategien einer Steigerung des physischen Wohlbefindens durch Fantum erkennen: 1. Fantum als Strategie zur Steigerung emotionalen Erlebens und 2. Fantum als Strategie der Erlebnissicherung auf einem prekären Erlebnismarkt“ (Roose et al. [2017]: Fans in theoretischer Perspektive, in: Roose et al. [Hrsg.]: Fans. Wiesbaden: Springer, S. 23.). Fans wollen demnach ihr Wohlbefinden steigern, indem sie eben Fan sind, emotional also an einen Verein gebunden sind, unterbewusst. Das können die Kommerzialisierer ausnutzen, indem sie diesen Markt bedienen, überfrachten und ausschlachten. Dabei ist auch klar: Das muss nicht zwangsweise etwas Schlechtes sein, wenn man es so mag. Dennoch finde ich es ermutigend, dass es auch anders geht.
Denn eine Ausnahme, zugegebenermaßen erhoffte Ausnahme, stellt das Spiel bei Enfield Town dar. Enfield Town? Welcher Wahnsinn trieb sie da hinein? Die, sehr subjektive, Suche nach dem, was aus meiner Sicht Fußball sein kann, sein sollte, vielleicht war und vielleicht wieder sein wird. Denn letztlich stellt sich die Frage, warum man diesem Spiel überhaupt beiwohnt? Warum strömen hunderte bis tausende Menschen am Wochenende ins Stadion, nehmen unfassbare Reisen auf sich, um den Klub ihres Herzens spielen zu sehen? Das wunderbare, schön anzuschauende Spiel kann es nicht sein, das hat diese London-Reise einmal mehr aufgezeigt. Und das zeigt im Übrigen auch Enfield Town gegen Hornchurch, das sicherlich Vieles ist, aber kein Leckerbissen. Demnach muss es etwas anderes geben, etwas, das die Menschen anzieht und sie bindet, unabhängig davon, welche elf Spieler den Verein gerade zugrunde richten.
Klar, auch bei Enfield Town gibt es Bier (für das man unfassbar lange anstehen muss), und auch hier gibt es Fastfood (der von drei bezaubernden älteren Damen zubereitet wird), ja, es gibt sogar einen Fanshop sowie Bandenwerbung. So weit, so gut zur fortschreitenden Kommerzialisierung des Sports. Doch Enfield Town präsentiert einen Kern, der außerhalb dieser Geldwerdung des Fußballs liegt. Sicherlich, für Vereine in unteren Spielklassen ist es wesentlich einfacher, diesen Kern zu bewahren, als wenn man im Konzert der Großen mitspielt. Dennoch treten hier Dinge abseits der Kommerzialisierung auf, die zumindest mich an den Fußball glauben lassen. Und die tatsächlich auch nur schwer zu beschreiben sind. Hier sucht der Fan natürlich ebenfalls unterbewusst das physische Wohlbefinden, um bei der Definition von Roose et al. zu bleiben. Aber er erreicht es anders, auf eine, so möchte ich sagen, organischere Weise. Das bessere Befinden ist nicht an einen Geldbeutel geknüpft, der im kommerzialisierten Umfeld zwangsweise geöffnet werden muss, um auf dem „prekären Erlebnismarkt“ erfolgreich zu sein. Der Fußball als solcher bzw. das dazugehörige Fantum reicht aus, um die von Roose et al. beschriebenen Effekte zu entfalten. Es braucht nicht zwangsweise das mittlerweile dazugehörige kommerzialisierte Umfeld, sondern es gibt eine Befriedigung aus dem Fußball selbst heraus. Zugangsbeschränkungen im Sinne einer Eventisierung sind dabei nur hinderlich, da er als Sport universell und allgemein zugänglich sein könnte. Das Spiel bei Enfield Town, das Gespräch mit dem niedergeschlagenen aber mehr als freundlichen Mannschaftskapitän sowie ein Bahn- und Barerlebnis mit einem Fremden zeigen mir, was der Fußball kann. Und das ist, ganz nostalgisch, doch nochmal eine Erinnerung wert.
So ist dieser Bericht am Ende doch noch zu einem Plädoyer geworden, was ich eigentlich vermeiden wollte. Nun gut, es ist wie es ist und an Silvester wollen wir da mal nicht so sein. Nächstes Jahr geht es weiter, mit einer Leistungssteigerung meinerseits ist nicht zu rechnen. Wie auch?
„Früher war alles besser“ – Chronozentrismus und der Sport
Der moderne Fußball ist eine einzige Zumutung! Niemand versteht, warum ihn eigentlich irgendwer anderes noch schaut, man selbst ist doppelt verdutzt, sitzt man ja bei Freunden auf der Couch oder in einer Kneipe, während man sich wieder einmal über den Sport beschwert, der einen gerade wieder vor die Kiste gezerrt hat. Es reicht! Zu hohe Gehälter, Spieler die gerade frisch beim Friseur waren, alles läuft über diesen neuen vier Buchstaben Anbieter, der alte hatte wenigstens nur drei Buchstaben und zeigt jetzt aber nicht mehr alles und ist gleichzeitig aber alles in allem eigentlich auch der Falsche. Früher gab es wenigstens noch Premiere. Und DSF, Deutsches Sport Fernsehen, welches Sonntag Vormittags über die alte Röhre lief, das war noch gemütlich. Klar, internationale Ligen hat man eigentlich nicht sehen können, weil die ja nur national übertragen wurden. Und Premiere war eigentlich nicht viel anders, als die heutigen Anbieter, ähnlich glänzender Service. Aber es war halt in früheren Zeiten und demnach aus Prinzip besser. Selbst Richard David Precht hat sich zum Thema modernen Fußball schon geäußert, klar hat er das, und bemerkt in der Bundesliga sei zuletzt alles schief gelaufen, was schief laufen kann.
Moment! Es scheint wir schwurbelten mit den einleitenden Gedanken in die komplett falsche Richtung. Ist doch die Opposition zu Deutschlands lautestem und schönsten Talkshowgast letztlich der Indikator für einen moralisch und analytisch fruchtbaren Gedanken.
Versuchen wir es also noch einmal.
Ja, selbstverständlich hat sich der Fußball in den letzten Jahrzehnten verändert, an und für sich eine Selbstverständlichkeit und noch keinen Kommentar wert. Ja, der moderne Fußball hat auf höchstem Niveau ein Problem mit Geld, sei es horrende Transfersummen, absurd hohe Gehälter für Spieler und Trainer, Sponsoren-Zahlungen die von irgendwoher kommen und natürlich die Frage nach den Vereins-Übernahmen von reichen Menschen aus Fern und Nah. Doch seien wir mal ehrlich: Das liegt nicht am Fußball, weder an der Sportart, noch am „System Fußball“, also der Art und Weise wie Ligen, Verbände und alles Anhängende organisiert und strukturiert sind. Dass wenige Menschen immer mehr Geld für Blech und Beton ausgeben können, während es anderen an Vielem mangelt, lässt sich relativ leicht und schnell mit Kritik an der Art und Weise wie unsere Wirtschaftsstruktur aufgebaut ist erklären, in die ja der Fußball auch eingebettet sein muss. Der Punkt müsste also politisch diskutiert werden — auch wenn der Fußball natürlich gänzlich unpolitisch ist *zwinker* — dafür ist hier und jetzt aber kein Platz. In diese Debatte würden dann auch das “Vereins-Shopping“ der 2000er Jahre fallen, bei denen Investoren aus Russland und arabischen Ländern ihren eigenen Rasenzirkus erwerben wollten. Warum manche mehr Probleme mit „Mafia-Geld“ (Russland), oder „Scheich-Geld“ (Saudi-Arabien, Katar, etc.) haben, als mit bspw. dem Geld von dem nicht von Kontroverse befreiten Dietmar Hopp, erscheint reflexhaft und eher ein unhinterfragt internalisiertes Überbleibsel von Papa Emil.
Das berühmte Drumherum des anders gewachsenen Fußballs ist gar nicht Thema dieses Beitrags — auch wenn es an Querverweisen auf die politische und sozio-kulturelle Dimension nicht mangeln soll — es geht wirklich mehr um den eigentlichen Sport, das Gefühl von der Seitenlinie wenn sich im eigenen Block alle in Ekstase jubeln und natürlich den Kern, das “gegen-das-Leder-getrete“, Denn auch das ist ja „nicht mehr so wie früher“, womit im Zweifelsfalls auch immer die negative Bewerbung der Spielart gemeint ist. Die Art und Weise wie gepasst wird missfällt („wie beim Handball um den Kreis“), das Spiel ist bis ins kleinste durch-taktiert — was komischerweise auch oft negativ gemeint ist — und überhaupt, diese Spieler von heute. Was dem Fußball fehlt sind so „richtige Typen“ wie früher. Die Figur des „richtigen Typen“ ist hier als leerer Signifikant zu verstehen, der beliebig ausgefüllt werden darf, je nachdem, in welcher Generation und natürlich in welchem Haushalt der jeweilige Fußballkritiker aufgewachsen ist.
Wir markieren das Feld von hinten auf, also von heute bis in die 50er Jahre. Vor Kurzem spielten noch „echte Charaktere“ wie Carsten Jancker, Stefan Effenberg, Männer, die sich selbst auch als Männer verstanden und denen es egal war, dass weder sie noch ihr Spielstil besonders schön waren, es ging lediglich ums Kämpfen und Siegen — und natürlich um schnelle Autos, „Weiber“, „Kohle“, kennste. Aber das war natürlich auch die Zeit von Zizou, Ronald(inh)o, Raúl, Figo, wahre Künstler am Ball, die man bestaunen durfte — obwohl sie wie eingangs erwähnt fast nirgends übertragen wurden. Davor spielte sich die spätere Koksnase Maradona in den Argentinischen Himmel, dessen unerreichbares Talent vor knapp einer Woche dann überraschend doch erreicht wurde, in Katar, bei einer WM im Dezember, vor den Augen von Musk und Trump jr., egal das drumherum sollte ja hier nicht diskutiert werden. Wir schlängeln uns auch an Maradona vorbei und schauen ins Nachbarland Brasilien, wo noch heute nostalgisch geschwärmt wird von Pelé. Ein Teufelskerl, wurde uns allen oft versichert. Ein Spieler wie kein Zweiter. Zu einer Zeit, wo kaum jemand Fußball gespielt hat, wurde er mehrmals Weltmeister, zum Glück für das gesamte Land, das zwei Weltmeisterschaften vor Erscheinen dieses Wunderknaben ein WM-Finale gegen Uruguay auf heimischen Boden verlor, was zu mehreren Suiziden von brasilianischen Fans führte, sogar noch direkt nach Abpfiff im neu errichteten Stadion Maracanã selbst. Das war 1950, Pelé gewann mit Brasilien das erste Mal 1958, dazwischen war „das Wunder von Bern“, eine WM die Leben einhauchte in eine kriegsgebeutelte Nation — die obendrein an Amnesie ob des Kriegsgrundes litt — und deren Protagonisten zu Legenden wurden. Helmut Rahn, Fritz Walter, und dann noch dieser Trainer und auch die anderen, herrlich. Das ganze Land schwelgte im Glück und stellte dann auch konsequenterweise das Projekt „Entnazifizierung“ frühzeitig ein, nachdem schon damals der Fußball eine durch und durch unpolitische Funktion mit sich trug.
Wir merken, das Drumherum hat sich oben erstaunlich oft und lästig in diesen Beitrag eingeschlichen, ein wenig wie eine Lanz-Talkshow in den eh schon reizüberfluteten Alltag. Aber das soll auch die Kernaussage dieses Textes sein. Wir blicken auf den Fußball eingebettet in seinem zeithistorischen soziokulturellen Kontext. Unsere Aussagen über die Schönheit des Spiels und den nostalgischen Blick auf bestimmte Zeitabschnitte lassen sich nur ungetrübt äußern, wenn wir die Kontextualisierungen, die dieses Bild beinträchtigen würden außer Acht lassen. Der Fußball ist ein sich anbietender Ausdruck von dieser zeithistorisch selektiven Bevorurteilung.
Denn in all diesen epochalen Phasen des vielleicht schönsten Sports auf Erden gibt es Vertreter, die felsenfest davon überzeugt sind — gestärkt durch einen sehr selektiven Blick auf die Geschehnisse — das es eine Zeit gegeben hat, in der der Sport an sich besser war. Eine Zeit in der die Spieler auf dem Platz besser waren, noch „so richtig Fußball gespielt haben“. Und immer wieder wird der Vergleich gezogen mit dem jetzt und dem was noch kommen wird, so als könnte man einfach ein großes Teilstück aus der Fußballgeschichte nehmen, und losgelöst von allen Kontexten, in anachronistischer Selbstsicherheit mit anderen Teilstücken vergleichen. Der 2020 verstorbene Medienwissenschaftler Jib Fowles nannte die Überzeugung, dass das eigene Erlebte der Inbegriff von Zeitlichkeit, ein Fluchtpunkt historischer Erzählung sein müsse Chronozentrismus, in seinen Worten:
Chronocentrism – to give a name to the misconception – is the belief that one’s times are paramount, that other periods pale in comparison. It is a faith in the historical importance of the present. (…) An unfortunate effect of chronocentrism is a diminished appreciation of the future. (…) The antidote for chronocentrism is no different from the antidote for ethnocentrism: understanding and respect for different ways of life.