Um den Palio, und damit die Stadt Siena, zu verstehen, gibt es lediglich zwei Möglichkeiten. Die eine ist den meisten Menschen nicht vergönnt, nämlich in der Stadt geboren und aufgewachsen zu sein. Die andere besteht darin, sich dem Palio und den Sieneserinnen und Sienesern in vollkommener Offenheit, Unvoreingenommenheit und vor allem auch im Bewusstsein der Unvollständigkeit langsam zu nähern, als wolle man ein scheues Eichhörnchen füttern. Denn immer, wenn man denkt, jetzt alles verstanden zu haben, alles gesehen zu haben und damit praktisch Teil der Stadt zu sein, verstellt man sich den Blick für die kleinen und großen Entdeckungen rund um den Palio, die in den verwinkelten Gassen der Stadt warten.
Dadurch ist auch eine Absage an Forderungen nach einer kurzen oder schnellen Erklärung des Phänomens erteilt. Selbstverständlich, die formalen und auch informellen Regeln des Rennens lassen sich zusammenfassen und durchaus auch schnell verstehen. Der Palio an sich ist jedoch nicht nur ein (enorm kurzes) Pferderennen. Im Palio kulminieren die Hoffnungen und Sehnsüchte, die Ängste und Sorgen der Sieneserinnen und Sieneser. Er ist damit weit über das reine Rennen hinaus Spiegel der Gesellschaft Sienas, wenn nicht sogar die Gesellschaft selbst, so definierenden Charakter besitzt er. Um diesen Charakter fassen zu können muss man sich einlassen auf das, was auf einen zukommt. Man muss Widersprüche akzeptieren, Unwissenheit dulden und das Unlogische für logisch, zumindest aber möglich, erachten können. Dann kann es gelingen, wirklich in die tiefreligiöse Stadt Siena einzutauchen und sie kennenzulernen, wie sie ist: unlogisch schön.
Zu Beginn, bevor man versuchen kann, in die Stadt einzutauchen, ist es sicherlich sinnvoll, den Palio einmal nüchtern zu betrachten, da dies, sobald man die Schwelle zur Gefühlswelt Sienas überschritten hat, schwerlich möglich ist. Als Palio wird ein zwei Mal im Jahr stattfindendes Pferderennen (zu besonderen Anlässen gibt es außerplanmäßige zusätzliche Rennen) auf dem zentralen Platz der Stadt, der Piazza del Campo, sowie der dazugehörige Preis für den Sieger bezeichnet, es handelt sich bei dem Wort „Palio“ demnach um eine Äquivokation, ein Wort mit unterschiedlichen Bedeutungen. Bei diesem Rennen treten die einzelnen Stadtteile, Contraden, gegeneinander an. Gewinner ist diejenige Contrade, deren Pferd als erstes die Piazza del Campo dreimal umrundet hat, was ungefähr 90 Sekunden in Anspruch nimmt. Jedes Rennpferd, barbero, wird von einem Jockey, fantino, geritten, allerdings ohne Sattel. Eine Besonderheit des Palio ist es, dass Pferde auch ohne fantino gewinnen können, sollten sie diesen unterwegs verloren haben.
An diese kurze Einleitung lassen sich nun viele kleine Teilstücke anfügen, um das Gesamtkunstwerk des Palios am Ende in seinem ganzen Glanz erstrahlen lassen zu können. So werden nun in unterschiedlichen Kapiteln kleinere und größere Erklärungen, Erläuterungen und Schilderungen eingefügt und eingeordnet, in der Hoffnung, dass am Ende ein Einblick entsteht, was der Palio ist.
Der Jahreswechsel stellt immer auch die Möglichkeit dar, zurückzublicken, was man so erlebt, was man so getrieben, was man so verbockt hat, Nostalgie eben. Und so will ich auch hier einen Blick zurückwerfen, nicht auf das Fußballjahr im Ganzen, das ist unmöglich, sondern auf die Spiele, die man selbst besucht hat (denn das sind ja eigentlich auch die, die zählen). Dabei sticht im Jahr 2022 natürlich vor allem ein waghalsiger Aufenthalt in London heraus. Aus diesem Grund will ich, während im Hintergrund „Dinner for One“ läuft, klar, diese Reise mit seinen Erlebnissen nochmal passieren lassen. Auf dass nächstes Jahr wieder etwas Derartiges passiere.
Für mich beginnt die Reise bereits Wochen vor der Abreise. Ich bin ein Planer, zumindest was den Fußball, oder eigentlich eher den Sport, angeht. Stadionbesuche wollen sorgfältig zusammengestellt, Vorverkaufstermine gecheckt, Sitzplätze ausgesucht werden. So entsteht, unter gütlicher Mithilfe der Terminierungen der englischen Fußballligen, so viel Platz muss sein, ein Plan, den ich gelungen finde. Kurz die Schilderung der Fakten: Wir reisen Freitag, leider mit dem Flugzeug, an, Samstag dann Luton Town gegen Blackpool, Sonntag Brighton & Hove Albion gegen Southampton. Montag folgt Crystal Palace gegen Leeds, Dienstag Fulham gegen Nottingham, Enfield Town gegen Hornchurch findet am Mittwoch statt. Den Abschluss am Freitag und Samstag machen die Queens Park Rangers gegen Sheffield United und schließlich Watford gegen Burnley. Wer sich übermäßig viel gepflegten Fußball vorgestellt hat, muss schon beim Programm skeptisch werden. Aber genau so soll es sein, wie man so schön sagt, Englisch eben. Wir fahren ja nicht umsonst ins selbsternannte Mutterland des Fußballs.
Dann beginnt es also. Mit den einzelnen Spielverläufen und Ergebnissen werde ich mich nicht lange aufhalten, diese waren mal mehr, mal weniger spannend, nur so viel sei bemerkt: Einen Heimsieg haben wir nicht erlebt, typisch Glücksbringer. Was uns (oder sollte ich mich sagen?) viel mehr interessiert, ist ohnehin das Drumherum, das Gefühl auf dem Weg zum Stadion, die Stimmung, die Menschen, die strukturellen Bedingungen, kurz: die Soziologie des Spiels um das Spiel.
Diese Analyse muss deshalb natürlich vorne und bei dem Weg zum Stadion anfangen. Wir als Immobilienhaie wissen, auch hier zählt: Lage, Lage, Lage. Und gelegen sind viele Stadien mitten in Wohnvierteln und -blocks. Das macht zum einen den Fußweg von der nächstgelegenen Station sehr angenehm, weil man durch klassische (neu-)englische Architektur oder Parks schlendert, und zum anderen bekommt man dadurch das Gefühl, das Stadion wäre so etwas wie das Zuhause von jemandem. Aus dem Nichts streben die zum Teil uralten Stadien in die Höhe, als hätte jemand sein zu großes Grundstück in diesem Viertel mit einer ausgiebigen Behausung bebaut, nichts weiter. Man ist eingeladen, dort zu Gast zu sein, und kann das Stadion gleichzeitig als sein eigenes Zuhause wahrnehmen. Ganz anders ist das Gefühl bei Neubauten aller Art, meist außerhalb der Stadt gelegen, die nicht nur lästig zu erreichen sind, sondern auch eine distanzierte Kühle ausstrahlen. Mir ist klar, dass man, wenn man ein Stadion neu bauen muss oder will, kein geeignetes Grundstück im modernen Stadtzentrum findet. Umso wichtiger erscheint es, die vorhandenen Stadien, die sich durch diese Lage auszeichnen, zu erhalten, auch auf Kosten der einen oder anderen Annehmlichkeit, die aus Platznot eben nicht geschaffen werden kann. Denn das Gefühl, das einen auf dem Weg zum Stadion in England begleitet, ist in dieser Weise einzigartig.
Im Stadion angekommen fällt natürlich die unmittelbare Nähe der Tribünen zum Rasen sowie das fehlende Fangnetz hinter den Toren auf, was über englische Arenen hinlänglich bekannt ist. Dennoch ist es in live nochmal beeindruckender, wie nah das Spielfeld tatsächlich ist. Dadurch entsteht der Eindruck eines sehr engen, gedrungenen Zimmers, das durch die Tribünen als Wände umrandet wird. Auch der Kontakt zu den Spielern, die zum Beispiel eine Ecke treten, wird so enger, man kann sie in vorderster Reihe beinahe berühren (nicht, dass man das wollte). In dieser Enge liegt auch die Kraft der englischen Stadien begraben, über die man zu Recht sagt, dass sich die Stimmung von den Rängen auf den Rasen überträgt. Die Unmittelbarkeit und Nähe sorgen dafür, dass die Spieler Stimmungsumschwünge und Anfeuerungen sofort und lautstark mitbekommen und so auch logischerweise, implizit, darauf reagieren sowie damit interagieren. Das ist bei Stadien mit weiter nach hinten gerückten Tribünen schwieriger, bei Stadien mit Laufbahn fast unmöglich.
Wie die aufmerksame Leserin bemerkt hat, bin ich großer Fan der Lage und Art der englischen Stadien und der damit einhergehenden Wirkungen. Damit sich dem Leser auch eine andere Seite darstellt, komme ich natürlich auch auf aus meiner Sicht negative Aspekte des englischen Stadionvergnügens zu sprechen. Da ist zuerst das Bierverbot auf den Rängen. Alkohol ist nur vor den Kiosken gestattet, mit in den Innenraum darf er nicht genommen werden. Frevel. Nun ja. Schwerwiegender ist da schon, dass es in England (aufgrund wichtiger und richtiger Gründe) keine Stehplätze gibt. Inzwischen gibt es zwar (aus wichtigen und richtigen Gründen) die Erlaubnis für einige Vereine, im Rahmen von Pilotprojekten wieder Stehplätze einzuführen, bis dies flächendeckend der Fall ist, wird es aber noch dauern. Dadurch geht ein zentrales Element der Fanszene verloren, das ich an deutschen Stadien so schätze: Die situationsunabhängige Unterstützung. Die Stimmung in englischen Stadien ist sehr davon abhängig, wie die Mannschaft auf dem Platz performt (in unserem Fall meistens schlecht). Eine organisierte Fanszene in den Stadien, die für dauerhafte Anfeuerung sorgen würde, gibt es nicht. Ein positiver Aspekt dabei ist jedoch, dass das Publikum durchmischter ist, es gibt nicht die Trennung in Fankurve und Gegengerade wie in Deutschland, jeder sitzt überall. Dennoch, Stehplätze sind ein großer Gewinn für die Stimmung und für den Fußball beziehungsweise das Fußballerlebnis als Fan.
Zuletzt darf dann noch die Kommerzialisierung in der Auflistung nicht fehlen (die selbstverständlich auch in Deutschland voranschreitet). Mit Konsumkritik sollte man immer vorsichtig sein, wenn man selbst öfter als einem lieb ist als Konsument in Erscheinung tritt (oder sollte man sich gerade dann daran versuchen?). Weshalb Konsumkritik in diesem Fall durchaus auch (oder immer?) als Selbstkritik verstanden werden darf, als Autokonsumkritik sozusagen. Jedenfalls ist der Konsum in englischen Fußballstadien von vorne bis hinten durchchoreographiert und damit natürlich im Endeffekt auch die Kommerzialisierung des Sports. Das beginnt bei Vereinen, die in ihren Fanshops für wirklich jeden Mist Geld nehmen (und den ich gerne kaufe). Es geht weiter bei Fanzonen vor dem Stadion, in die man mit sagenhaften Angeboten hineingelockt wird, um dort dann größtenteils männlichen Zuschauern dabei zuzusehen, wie diese die vereinseigenen Cheerleaderinnen beobachten (die Problematik dahinter soll an einer anderen Baustelle aufgegriffen werden). Und es endet (nicht) bei Ticketpreisen, die jenseits aller Vorstellungskraft liegen. Man unternimmt bei einer Reise nach England also nicht nur einen Ausflug zu tollen Stadien, netten Menschen und womöglich gutem Fußball, sondern erhascht eben auch einen Blick darauf, wie die fortschreitende Kommerzialisierung des Sports aussehen kann. Und zu der man selbst mit dem Konsum dessen natürlich beiträgt. Dabei machen sich Vereine ein abstraktes Bedürfnis des Fans zunutze: „Damit lassen sich zwei für alle Fanbereiche anwendbare Strategien einer Steigerung des physischen Wohlbefindens durch Fantum erkennen: 1. Fantum als Strategie zur Steigerung emotionalen Erlebens und 2. Fantum als Strategie der Erlebnissicherung auf einem prekären Erlebnismarkt“ (Roose et al. [2017]: Fans in theoretischer Perspektive, in: Roose et al. [Hrsg.]: Fans. Wiesbaden: Springer, S. 23.). Fans wollen demnach ihr Wohlbefinden steigern, indem sie eben Fan sind, emotional also an einen Verein gebunden sind, unterbewusst. Das können die Kommerzialisierer ausnutzen, indem sie diesen Markt bedienen, überfrachten und ausschlachten. Dabei ist auch klar: Das muss nicht zwangsweise etwas Schlechtes sein, wenn man es so mag. Dennoch finde ich es ermutigend, dass es auch anders geht.
Denn eine Ausnahme, zugegebenermaßen erhoffte Ausnahme, stellt das Spiel bei Enfield Town dar. Enfield Town? Welcher Wahnsinn trieb sie da hinein? Die, sehr subjektive, Suche nach dem, was aus meiner Sicht Fußball sein kann, sein sollte, vielleicht war und vielleicht wieder sein wird. Denn letztlich stellt sich die Frage, warum man diesem Spiel überhaupt beiwohnt? Warum strömen hunderte bis tausende Menschen am Wochenende ins Stadion, nehmen unfassbare Reisen auf sich, um den Klub ihres Herzens spielen zu sehen? Das wunderbare, schön anzuschauende Spiel kann es nicht sein, das hat diese London-Reise einmal mehr aufgezeigt. Und das zeigt im Übrigen auch Enfield Town gegen Hornchurch, das sicherlich Vieles ist, aber kein Leckerbissen. Demnach muss es etwas anderes geben, etwas, das die Menschen anzieht und sie bindet, unabhängig davon, welche elf Spieler den Verein gerade zugrunde richten.
Klar, auch bei Enfield Town gibt es Bier (für das man unfassbar lange anstehen muss), und auch hier gibt es Fastfood (der von drei bezaubernden älteren Damen zubereitet wird), ja, es gibt sogar einen Fanshop sowie Bandenwerbung. So weit, so gut zur fortschreitenden Kommerzialisierung des Sports. Doch Enfield Town präsentiert einen Kern, der außerhalb dieser Geldwerdung des Fußballs liegt. Sicherlich, für Vereine in unteren Spielklassen ist es wesentlich einfacher, diesen Kern zu bewahren, als wenn man im Konzert der Großen mitspielt. Dennoch treten hier Dinge abseits der Kommerzialisierung auf, die zumindest mich an den Fußball glauben lassen. Und die tatsächlich auch nur schwer zu beschreiben sind. Hier sucht der Fan natürlich ebenfalls unterbewusst das physische Wohlbefinden, um bei der Definition von Roose et al. zu bleiben. Aber er erreicht es anders, auf eine, so möchte ich sagen, organischere Weise. Das bessere Befinden ist nicht an einen Geldbeutel geknüpft, der im kommerzialisierten Umfeld zwangsweise geöffnet werden muss, um auf dem „prekären Erlebnismarkt“ erfolgreich zu sein. Der Fußball als solcher bzw. das dazugehörige Fantum reicht aus, um die von Roose et al. beschriebenen Effekte zu entfalten. Es braucht nicht zwangsweise das mittlerweile dazugehörige kommerzialisierte Umfeld, sondern es gibt eine Befriedigung aus dem Fußball selbst heraus. Zugangsbeschränkungen im Sinne einer Eventisierung sind dabei nur hinderlich, da er als Sport universell und allgemein zugänglich sein könnte. Das Spiel bei Enfield Town, das Gespräch mit dem niedergeschlagenen aber mehr als freundlichen Mannschaftskapitän sowie ein Bahn- und Barerlebnis mit einem Fremden zeigen mir, was der Fußball kann. Und das ist, ganz nostalgisch, doch nochmal eine Erinnerung wert.
So ist dieser Bericht am Ende doch noch zu einem Plädoyer geworden, was ich eigentlich vermeiden wollte. Nun gut, es ist wie es ist und an Silvester wollen wir da mal nicht so sein. Nächstes Jahr geht es weiter, mit einer Leistungssteigerung meinerseits ist nicht zu rechnen. Wie auch?
„Früher war alles besser“ – Chronozentrismus und der Sport
Der moderne Fußball ist eine einzige Zumutung! Niemand versteht, warum ihn eigentlich irgendwer anderes noch schaut, man selbst ist doppelt verdutzt, sitzt man ja bei Freunden auf der Couch oder in einer Kneipe, während man sich wieder einmal über den Sport beschwert, der einen gerade wieder vor die Kiste gezerrt hat. Es reicht! Zu hohe Gehälter, Spieler die gerade frisch beim Friseur waren, alles läuft über diesen neuen vier Buchstaben Anbieter, der alte hatte wenigstens nur drei Buchstaben und zeigt jetzt aber nicht mehr alles und ist gleichzeitig aber alles in allem eigentlich auch der Falsche. Früher gab es wenigstens noch Premiere. Und DSF, Deutsches Sport Fernsehen, welches Sonntag Vormittags über die alte Röhre lief, das war noch gemütlich. Klar, internationale Ligen hat man eigentlich nicht sehen können, weil die ja nur national übertragen wurden. Und Premiere war eigentlich nicht viel anders, als die heutigen Anbieter, ähnlich glänzender Service. Aber es war halt in früheren Zeiten und demnach aus Prinzip besser. Selbst Richard David Precht hat sich zum Thema modernen Fußball schon geäußert, klar hat er das, und bemerkt in der Bundesliga sei zuletzt alles schief gelaufen, was schief laufen kann.
Moment! Es scheint wir schwurbelten mit den einleitenden Gedanken in die komplett falsche Richtung. Ist doch die Opposition zu Deutschlands lautestem und schönsten Talkshowgast letztlich der Indikator für einen moralisch und analytisch fruchtbaren Gedanken.
Versuchen wir es also noch einmal.
Ja, selbstverständlich hat sich der Fußball in den letzten Jahrzehnten verändert, an und für sich eine Selbstverständlichkeit und noch keinen Kommentar wert. Ja, der moderne Fußball hat auf höchstem Niveau ein Problem mit Geld, sei es horrende Transfersummen, absurd hohe Gehälter für Spieler und Trainer, Sponsoren-Zahlungen die von irgendwoher kommen und natürlich die Frage nach den Vereins-Übernahmen von reichen Menschen aus Fern und Nah. Doch seien wir mal ehrlich: Das liegt nicht am Fußball, weder an der Sportart, noch am „System Fußball“, also der Art und Weise wie Ligen, Verbände und alles Anhängende organisiert und strukturiert sind. Dass wenige Menschen immer mehr Geld für Blech und Beton ausgeben können, während es anderen an Vielem mangelt, lässt sich relativ leicht und schnell mit Kritik an der Art und Weise wie unsere Wirtschaftsstruktur aufgebaut ist erklären, in die ja der Fußball auch eingebettet sein muss. Der Punkt müsste also politisch diskutiert werden — auch wenn der Fußball natürlich gänzlich unpolitisch ist *zwinker* — dafür ist hier und jetzt aber kein Platz. In diese Debatte würden dann auch das “Vereins-Shopping“ der 2000er Jahre fallen, bei denen Investoren aus Russland und arabischen Ländern ihren eigenen Rasenzirkus erwerben wollten. Warum manche mehr Probleme mit „Mafia-Geld“ (Russland), oder „Scheich-Geld“ (Saudi-Arabien, Katar, etc.) haben, als mit bspw. dem Geld von dem nicht von Kontroverse befreiten Dietmar Hopp, erscheint reflexhaft und eher ein unhinterfragt internalisiertes Überbleibsel von Papa Emil.
Das berühmte Drumherum des anders gewachsenen Fußballs ist gar nicht Thema dieses Beitrags — auch wenn es an Querverweisen auf die politische und sozio-kulturelle Dimension nicht mangeln soll — es geht wirklich mehr um den eigentlichen Sport, das Gefühl von der Seitenlinie wenn sich im eigenen Block alle in Ekstase jubeln und natürlich den Kern, das “gegen-das-Leder-getrete“, Denn auch das ist ja „nicht mehr so wie früher“, womit im Zweifelsfalls auch immer die negative Bewerbung der Spielart gemeint ist. Die Art und Weise wie gepasst wird missfällt („wie beim Handball um den Kreis“), das Spiel ist bis ins kleinste durch-taktiert — was komischerweise auch oft negativ gemeint ist — und überhaupt, diese Spieler von heute. Was dem Fußball fehlt sind so „richtige Typen“ wie früher. Die Figur des „richtigen Typen“ ist hier als leerer Signifikant zu verstehen, der beliebig ausgefüllt werden darf, je nachdem, in welcher Generation und natürlich in welchem Haushalt der jeweilige Fußballkritiker aufgewachsen ist.
Wir markieren das Feld von hinten auf, also von heute bis in die 50er Jahre. Vor Kurzem spielten noch „echte Charaktere“ wie Carsten Jancker, Stefan Effenberg, Männer, die sich selbst auch als Männer verstanden und denen es egal war, dass weder sie noch ihr Spielstil besonders schön waren, es ging lediglich ums Kämpfen und Siegen — und natürlich um schnelle Autos, „Weiber“, „Kohle“, kennste. Aber das war natürlich auch die Zeit von Zizou, Ronald(inh)o, Raúl, Figo, wahre Künstler am Ball, die man bestaunen durfte — obwohl sie wie eingangs erwähnt fast nirgends übertragen wurden. Davor spielte sich die spätere Koksnase Maradona in den Argentinischen Himmel, dessen unerreichbares Talent vor knapp einer Woche dann überraschend doch erreicht wurde, in Katar, bei einer WM im Dezember, vor den Augen von Musk und Trump jr., egal das drumherum sollte ja hier nicht diskutiert werden. Wir schlängeln uns auch an Maradona vorbei und schauen ins Nachbarland Brasilien, wo noch heute nostalgisch geschwärmt wird von Pelé. Ein Teufelskerl, wurde uns allen oft versichert. Ein Spieler wie kein Zweiter. Zu einer Zeit, wo kaum jemand Fußball gespielt hat, wurde er mehrmals Weltmeister, zum Glück für das gesamte Land, das zwei Weltmeisterschaften vor Erscheinen dieses Wunderknaben ein WM-Finale gegen Uruguay auf heimischen Boden verlor, was zu mehreren Suiziden von brasilianischen Fans führte, sogar noch direkt nach Abpfiff im neu errichteten Stadion Maracanã selbst. Das war 1950, Pelé gewann mit Brasilien das erste Mal 1958, dazwischen war „das Wunder von Bern“, eine WM die Leben einhauchte in eine kriegsgebeutelte Nation — die obendrein an Amnesie ob des Kriegsgrundes litt — und deren Protagonisten zu Legenden wurden. Helmut Rahn, Fritz Walter, und dann noch dieser Trainer und auch die anderen, herrlich. Das ganze Land schwelgte im Glück und stellte dann auch konsequenterweise das Projekt „Entnazifizierung“ frühzeitig ein, nachdem schon damals der Fußball eine durch und durch unpolitische Funktion mit sich trug.
Wir merken, das Drumherum hat sich oben erstaunlich oft und lästig in diesen Beitrag eingeschlichen, ein wenig wie eine Lanz-Talkshow in den eh schon reizüberfluteten Alltag. Aber das soll auch die Kernaussage dieses Textes sein. Wir blicken auf den Fußball eingebettet in seinem zeithistorischen soziokulturellen Kontext. Unsere Aussagen über die Schönheit des Spiels und den nostalgischen Blick auf bestimmte Zeitabschnitte lassen sich nur ungetrübt äußern, wenn wir die Kontextualisierungen, die dieses Bild beinträchtigen würden außer Acht lassen. Der Fußball ist ein sich anbietender Ausdruck von dieser zeithistorisch selektiven Bevorurteilung.
Denn in all diesen epochalen Phasen des vielleicht schönsten Sports auf Erden gibt es Vertreter, die felsenfest davon überzeugt sind — gestärkt durch einen sehr selektiven Blick auf die Geschehnisse — das es eine Zeit gegeben hat, in der der Sport an sich besser war. Eine Zeit in der die Spieler auf dem Platz besser waren, noch „so richtig Fußball gespielt haben“. Und immer wieder wird der Vergleich gezogen mit dem jetzt und dem was noch kommen wird, so als könnte man einfach ein großes Teilstück aus der Fußballgeschichte nehmen, und losgelöst von allen Kontexten, in anachronistischer Selbstsicherheit mit anderen Teilstücken vergleichen. Der 2020 verstorbene Medienwissenschaftler Jib Fowles nannte die Überzeugung, dass das eigene Erlebte der Inbegriff von Zeitlichkeit, ein Fluchtpunkt historischer Erzählung sein müsse Chronozentrismus, in seinen Worten:
Chronocentrism – to give a name to the misconception – is the belief that one’s times are paramount, that other periods pale in comparison. It is a faith in the historical importance of the present. (…) An unfortunate effect of chronocentrism is a diminished appreciation of the future. (…) The antidote for chronocentrism is no different from the antidote for ethnocentrism: understanding and respect for different ways of life.