Wetten dass, das nicht gut ausgeht?

Dieser Text soll sich mit Sportwetten befassen. Allgegenwärtig sind sie als Werbung aus keinem Highlight-Video, keiner Vorberichtserstattung und keiner Halbzeitpause wegzudenken. Beginnen möchte ich allerdings gerade nicht bei dem Allgegenwärtigen, dem Offensichtlichen und Bekannten, sondern im Iran. Zum einen, zum anderen aber verbunden mit der Weite des Internets, dem großen Tummelplatz vereinzelt guter Ideen, vielen Blödsinns und des weit offen klaffenden Abgrunds der Menschheit. Ende Februar 2026 startete die Trump Administration, zusammen mit Israel, einen militärischen Angriff auf den Iran, zuvorderst seine militärische Infrastruktur, aufgrund massiv schlechter Vorbereitung und Planlosigkeit schlugen bald im ganzen Land Bomben dieser Koalition ein, unter anderem in einer Grundschule. Einen Tag vorher wurden etliche Wetten auf ebenjenen Angriff auf der Plattform Polymarket platziert.

Polymarket, one of the world’s largest prediction markets, allows its users to wager anonymously on just about any future event, including elections and sports. It has also allowed betting on war, and since the end of last year more than $529 million has been traded on predictions of when the United States would attack Iran next, after it struck Iranian nuclear facilities last June.

A New York Times analysis of Polymarket data over that period found that it was relatively uncommon for someone to bet a significant sum of money that a U.S. strike would happen by the next day.

But over the course of Friday, more than 150 accounts placed hundreds of bets of at least $1,000, correctly predicting an American strike on Iran by Saturday.

https://www.nytimes.com/2026/03/03/upshot/prediction-markets-iran-strikes.html

Einige der Accounts, die an dieser Wettwelle teilnahmen verdienten ordentlich Geld mit dieser richtigen Vorhersage, vermutlich mit Insider-Wissen. Dieses Event erscheint ungewöhnlich, ist es aber nicht. Gerade Plattformen wie Polymarket kommerzialisieren die weite Welt und sezieren aus ihr unübersichtlich viele Online-Wett-Märkte. Während des Iran-Kriegs flossen Hunderte Millionen Dollar in ebenjene Märkte. Beobachter warnen dabei vor ethischen Problemen, weil reale militärische Eskalationen (und das Leben von Menschen!) plötzlich als Anlageklasse erscheinen. Diese Entwicklung zeigt besonders deutlich das Problem, was Wetten und gerade diese, die Online getätigt werden für uns als Gesellschaft in der Zeitdiagnose bedeuten. Alles wird zur Quote! Alles kann jeden Moment zur Quote werden! Die konstante Verfügbarkeit zu Wettportalen macht es möglich und birgt große gesellschaftliche Risiken, zeigt sie sich doch als Phänomen von individuellem und kollektivem Verlust.

Individuell zeigt sich der Verlust dort, wo Menschen verloren gehen. Wo wir sie an eine Sucht und Abhängigkeit verlieren und dabei zusehen können, wie sich die Menschen psychisch, aber auch materiell (vor allem finanziell) zugrunde richten. In der April Ausgabe des The Atlantic mit dem Titel „SUCKER – My year as a degenerate gambler“ schildert der Journalist McKay Coppins einen Selbstversuch, bei dem er eine NFL-Saison lang mit einem von seiner Redaktion bereitgestellten Budget auf Sportereignisse wettet. Er möchte dabei etwas über den Boom der Sportwetten in den USA herausfinden, welcher sich abzeichnet nach der Legalisierung von Sportwetten im Jahr 2018. Seine persönlichen Erfahrung mit den Mechanismen dieser Branche sind sehr eindrücklich, auch weil sie einen Sog beschreiben, welcher sich für ihn (Familienvater, vier Kinder, politischer Journalist, praktizierender Mormon, vorher kaum Berührung mit Glücksspiel) so nicht zeigen sollte. Im Verlauf seines Experiments stellt Coppins fest, wie sich sein eigenes Verhalten verändert. Er verbringt immer mehr Zeit mit Quoten und Statistiken, sowie sämtlichen Möglichkeiten zu wetten, während seine Familie bemerkt, dass er gedanklich zunehmend von genau diesen eingenommen wird und sich von anderen Menschen entfernt. In seinem Artikel argumentiert er deshalb, dass die Sportwettenindustrie nicht in erster Linie Gewinne verkauft, sondern Aufmerksamkeit. Die Apps funktionieren nach ähnlichen Prinzipien wie soziale Netzwerke: Sie sollen Nutzer möglichst lange beschäftigen und immer wieder zu neuen Entscheidungen verleiten. Sport wird dadurch weniger als gemeinsames Erlebnis wahrgenommen, sondern zunehmend als Rohstoff für permanente Spekulation. Ein Rohstoff, der nicht sich, sondern das Leben der Konsumierenden verbraucht.

Interessant für uns und diesen Artikel ist somit auch wie Coppins beschreibt, wie bereits kleine Einsätze dazu führen, dass er Spiele plötzlich mit deutlich größerer Aufmerksamkeit verfolgt. Wir lernen durch ihn, dass moderne Sportwetten nicht mehr viel mit dem klassischen Wettschein zu früheren Zeiten zu tun haben. Über Apps stehen Wettmöglichkeiten rund um die Uhr zur Verfügung, ergänzt durch Live-Wetten und zusätzlichen Gimmicks, sowie natürlich jederzeit Push-Benachrichtigungen. Das Spiel selbst wird dabei in nahezu unzählige Einzelereignisse zerlegt, auf die jederzeit gesetzt werden kann. Es sind daher nicht nur die individuellen Folgen, die für bspw. Coppins (bzw. seine Familie) einen Gefahr auf Verlust darstellen können. Durch die Art und Weise wie die Sportwettenlogik das Spiel seziert um gezielt und vor allem jederzeit (!) Wettangebote machen zu können, ergibt sich ein kollektiver Verlust, da wir insgesamt den Sport aus den falschen Gründen verfolgen.

Um auf das Eingangsbeispiel, den Angriff auf den Iran und konsequentiellen Kriegsbeginn, zurückzukommen, sehen wir, dass das Wetten selbst zum Sport und Ereignis wird. Es wird demnach egal, worauf und wozu da eigentlich gewettet wird. Ethisches, Kulturelles und damit auch Menschliches spielen gar keine Rolle mehr. Ein kollektiver Verlust, der uns die Fans und das Spiel raubt. Es bedarf mehr „schalt ein“ und „geh da hin“ und nie wieder dieses unsägliche „Wett ihn rein“!


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