Alles Gute (und Schlechte)

Am 4. Juli 2026 feiern die Vereinigten Staaten von Amerika ihr 250. Jubiläum. Die älteste bestehende Demokratie – wenn man geflissentlich die Demokratiedefizite der Nation in ihren Anfängen übersehen möchte – ist spätestens seit dem 4. Juli 1776 ein Phänomen welches polarisiert, im Guten wie im Schlechten. Ein „Theater des Absurden“ war die USA auch stets, nur konnte man dem Absurden oft auch Herrliches und Aberwitziges abgewinne, der momentane Präsident verwischt zunehmend die Grenzen zwischen dem rein Absurden und dem lachhaft-Traurigen. Ganz neu und doch nach altbewährtem Schema versucht er die – schon lange im Vorhinein geplante – 250 Jahr Feier zu kapern und für sich und sein Ego zu vereinnahmen. Anstatt der deutlich überparteilicheren (bi-partisan) Bicentennial-Feier 1976, die allgemein als recht inklusiv und verbindend wahrgenommen wurde, kritisieren Historiker jetzt vielfach (und zurecht), dass mit der anstehenden Feier die amerikanische Geschichte zunehmend in einer stark vereinfachten und christlich-nationalistischen Erzählung dargestellt werde, während vieles aus der US-Geschichte einfach weggelassen wird. Und nach den (ohnehin schon problematischen) Founding Fathers thront jetzt der Kult König am Rand der Feier.

Es gibt einige Museen und kulturelle Einrichtungen, die versuchen dem Ganzen entgegenzuwirken, genau so wie auch einige Staaten versuchen sich von einer nationalen Feier abzugrenzen. Die Geschichte der USA mit all ihren Widersprüchen – etwa Sklaverei, Bürgerrechte und auch Migration – kann und sollte differenziert dargestellt werden. Ich möchte hier auch auf ein sehr schönes Projekt von Heather Cox Richardson verweisen, eine amerikanische Historikern, die mehrmals wöchentlich den Substack „Letters of an American“ schreibt. Mit Blick auf das anstehende Jubiläum hat sie eine YouTube Playlist kuratiert, bei der sie teils sehr berühmte Leute in kurzen Videos bedeutsame Ereignisse und Personen in der US Geschichte vorstellt. Bspw. die Gründung von Washington D.C., die Errichtung des Erie Kanals, oder Harriet Beecher Stowe. Sie beschreibt das sehr schön mit den Worten:

From the time of our country’s founding 250 years ago, the story of America has been one of the constant efforts of Americans—from all races, ethnicities, genders, and abilities—to make real the belief that we are all created equal and have a right to have a say in our democracy. We will be telling their stories over the next several weeks because now, as ever, “We Are America.” #WeAreAmerica250

Sie deutet an, wie unterschiedlich die Herkünfte, Einflüsse und Ideen der einzelnen Personen waren und sind, die diese Geschichten geschrieben und erzählt haben, und noch erzählen werden, sofern man sie hören möchte. An diesem Punkt ein Schwenk auf das andere große Ereignis, welches zwar historisch gesehen nicht ganz so bedeutend sein wird (hofft der gesamte DFB), allerdings auch einen großen Raum auf internationaler Bühne einnimmt, die Fußball-Weltmeisterschaft. Sie findet zwar auch in den Nachbarstaaten Kanada und Mexiko statt, ich möchte mich aber auf die USA konzentrieren wegen nachfolgender Beobachtung. Eine WM in der USA auszutragen ergibt absolut Sinn!

Es ist die größte WM, die jemals ausgetragen wurde, logistisch gesehen machbar ist so etwas in einem der größten und reichsten Länder der Welt, bei denen die beeindruckenden Stadien beeindruckende Milliarden-Beträge gekostet haben und man bei jeder Übertragung eines Spiels in zwei Bildschirme gleichzeitig schaut, da die Leinwände innerhalb der Stadien gigantisch groß sind. Die USA ist ein Land der Superlative, alles muss also gigantisch groß ausfallen. Die USA ist Hauptgastgeber, die meisten Spiele finden also dort statt, und mit dem Start und dem Finale des Turniers hat man sich das idyllische New Jersey ausgesucht. Der Blick vom MetLife Stadium – für die WM umbenannt in das New-York-New-Jersey-Stadion – auf die im neuen Namen enthaltende Nachbarstadt ist wieder eines dieser Dinge, die man mit gigantisch beschreiben muss. Es ist der Blick auf die Stadt, die sich als „the greatest city in the world“ beschreibt, eine Stadt die nie schläft, weil die Luft flimmert, weil immer etwas passiert. Diese romantisierte Selbstbeschreibung hält sich auch deswegen so hervorragend, weil es dieser Stadt gelingt, eine Projektion aller Hoffnungen in eine Idee, was Amerika sein könnte, zu verwirklichen. Es ist eine amerikanische Großstadt mit multikultureller Vielfalt, die sich in von Migration unterschiedlich geprägten Vierteln zeigt, die dann Namen tragen wie Chinatown, oder Little Italy. Während diese beiden Beispiele die vermutlich berühmtesten sind, zeigt sich während der Gruppenphase des DFB, wie wundervoll sich die Migrationsgeschichte der Amerikaner in den Fußballstadien entfalten kann. Als Deutschland gegen Ecuador spielte, feierten einige New Yorker ihre Wurzeln bei diesem tollen Spiel in dieser gigantischen Atmosphäre. In Queens – einem der fünf großen Bezirke New Yorks – wo viele Menschen mit ecuadorianischen Wurzeln leben, wurde durch die WM eine Verbindung sichtbar zwischen Herkunft und Gegenwart: Gelbe Trikots und Fahnen verwandelten New York und Umgebung (bspw. den Times Square) in ein kleines Ecuador mitten in den USA. Es ist genau diese Art von Migrationserfahrung, die den amerikanischen Gastgeber so besonders macht. Denn die WM bringt nicht nur die Welt als Gäste nach Amerika, sie zeigt eine Welt, die dort längst in all ihrer Vielfalt verwurzelt ist. Das macht die USA – das Land ohne allzu große Fußballkultur – zu einem idealen Gastgeber des größten Fußballturniers überhaupt: Nicht die eigene Fußballgeschichte ist so überzeugend und auch nicht notwendig, sondern die Geschichten von Millionen Menschen, die ihre eigenen Geschichten schon geschrieben haben. Diese Realisierung wäre ein großartiges Geschenk für den eigenen 250. Geburtstag. Alles Gute!

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